Der Prediger (1)

Online seit dem 09.11.2006, Bibelstellen: Prediger 1,1

Der Prediger 

Das Buch Prediger gehört zu den schwierigen Büchern der Bibel. Diesen Eindruck werden sicher viele Leser auch schon gewonnen haben. Wir werden sehen, dass wir einen Schlüssel benötigen, um das Buch des Predigers richtig zu „öffnen“. Den Schlüssel werden wir finden. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, diesen Schlüssel konsequent auf die einzelnen Verse anzuwenden. Denn obwohl für den größten Teil der Verse die Bedeutung auf der Hand liegt, ist nicht immer klar zu erkennen, worin die Zielrichtung der Gedankengänge besteht.

Um das Buch Prediger nun etwas detaillierter zu betrachten, wollen wir uns ihm mit folgenden Fragen nähern:

1.      Wer ist der Prediger (Autor des Buches)?

2.      Wie schreibt der Prediger (Charakter des Buches)?

3.      Warum schreibt der Prediger? Oder: Warum ist dieses Buch Bestandteil der Bibel („Berechtigung“ des Buches)?

4.      Was schreibt der Prediger (Inhalt des Buches)?

Beim Erörtern dieser Fragen sind wir gespannt, ob wir auch etwas von Christus in diesem Buch finden. Und schon jetzt dürfen wir gewiss sein, dass wir Ihn finden werden[1] – wenn auch nur in versteckten Hinweisen. Der Herr Jesus freut sich darüber, wenn Er unter den Seinen solche findet, die nicht nur für sich selbst etwas suchen, sondern die in den Schriften nach Ihm forschen.

Wer ist der Prediger?

Schon die Überschrift dieses Buches macht uns neugierig. Wer sich „der Prediger“ nennt, muss eine besondere Botschaft haben. Nun, das Wort „Prediger“ ist die Übersetzung des schwer zu übersetzenden hebräischen Wortes „qohelet“. Es bedeutet so viel wie „Weisheits-Lehrer“ oder „Prediger in einer Versammlung“. Damit wird klar, dass der Prediger etwas über die Weisheit zu berichten hat. Und wir werden sehen, dass das tatsächlich auch der Inhalt des Buches ist. Stellen wir uns also einen Mann vor, der Leute zusammenruft, um sie etwas über die Weisheit zu lehren.

So wichtig wie die Botschaft eines Predigers auch ist – der Zuhörer interessiert sich natürlich auch dafür, um welche Person es sich dabei konkret handelt. Obwohl der Name in dem Buch nirgendwo genannt wird, gibt es uns Hinweise, die einen eindeutigen Schluss zulassen:

1.      Der Prediger war ein Sohn Davids (vgl. Kap. 1,1).

2.      Er war König über Israel (vgl. Kap. 1,1.12).

3.      Er war König in Jerusalem (vgl. Kap. 1,1.12).

4.      Er war weiser als seine Vorfahren (vgl. Kap. 1,16 mit 1. Kön. 3,12).

5.      Er hatte viele Frauen (vgl. Kap. 2,8 mit 1. Kön. 11,1–3).

6.      Er war mächtiger als seine Vorfahren (vgl. Kap. 2,9 mit 1. Kön. 3,13).

7.      Er verfasste viele Sprüche (vgl. Kap. 12,9 mit Spr. 1,1 und 1. Kön. 4,32).

Alle angeführten Merkmale und Verse deuten darauf hin, dass Salomo der Prediger ist. Kein anderer konnte die Rolle des Weisheits-Lehrers besser besetzen als Salomo.

Wie schreibt der Prediger?

Damit kommen wir zu den Schlüsselwörtern dieses Buches. Beim Lesen fällt uns auf, dass der Prediger gewisse Wörter wiederholt benutzt. Wenn wir diese gut verstehen, wird sich das Buch für uns „öffnen“. Eins dieser Wörter haben wir gerade im Zusammenhang mit der Person des Predigers erwähnt: Weisheit. Doch was versteht der Prediger unter diesem Begriff? Er meint nicht die theoretische Weisheit der Gelehrten. Er studiert nicht eine Wissenschaft, sondern ist auf der Suche nach der praktischen Lebens-Weisheit, um den Sinn des Lebens zu erfassen.

Nehmen wir als Beispiel einmal Kapitel 1,18: „Denn wo viel Weisheit ist, ist viel Verdruss; und wer Erkenntnis mehrt, mehrt Kummer.“ In diesem Vers möchte der Prediger nicht vor dem Studieren einer Wissenschaft (z.B. Physik) warnen. Nein, er spricht aus Erfahrung: Das intensive Studium der Lebens-Weisheit, die den wahren Sinn des Lebens erklären soll, führt – ohne die Offenbarung Gottes – zu Verdruss.

„Haschen nach Wind“ und „Eitelkeit“ sind weitere Ausdrücke, denen wir im Buch Prediger häufig begegnen. Dadurch könnte der Eindruck entstehen, dass der Prediger überhaupt keinen Sinn in dem Leben des Menschen sieht. Aber das ist in Wirklichkeit nicht seine Überzeugung. Seine stetige Schlussfolgerung: „Alles ist Eitelkeit“ darf nicht absolut verstanden werden. Sie meint vielmehr, dass es aus seiner Sicht nichts gibt, dass einen bleibenden Wert hat. Es gibt durchaus Dinge, die der Prediger schätzt und an denen er Freude hat. Aber er merkt, dass diese Freude nicht bleibend ist.

Dazu wieder ein Beispiel: „Und was irgend meine Augen begehrten, entzog ich ihnen nicht; ich versagte meinem Herzen keine Freude, denn mein Herz hatte Freude von all meiner Mühe, und das war mein Teil von all meiner Mühe“ (Kap. 2,10). Dieser Vers macht deutlich, dass es tatsächlich Freude im Leben des Predigers gab. Doch sie war nur von kurzer Dauer und brachte ihn nicht weiter auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.

Wir hören die Frage: „Was für einen Gewinn hat ...“ dieses und jenes Bemühen? Damit deutet der Prediger auf etwas hin, das „übrig bleiben“ sollte. Doch er findet nichts dergleichen.

Das Haupt-Schlüsselwort, das dem ganzen Buch seinen besonderen Charakter verleiht, lautet: „unter der Sonne“. Damit wird klar, dass die Suche nach dem bleibenden Wert des Lebens unter dem Blickwinkel des irdischen und menschlichen Horizonts geschieht. Der Prediger lässt die Offenbarung Gottes (das, was Gott uns in seinem Wort mitgeteilt hat) völlig außer Acht.

Damit sind wir an dem Kernpunkt angekommen, der uns hilft, die Aussagen des Autors richtig zu beurteilen: Salomo – obwohl er das Gesetz Moses kannte und eine persönliche Glaubens-Beziehung zu Gott hatte – versetzt sich in die Stellung eines Menschen, der untersucht, wie sein Leben aussehen würde ohne das Licht der Offenbarung Gottes, d.h. ohne die Gedanken und den Willen Gottes zu berücksichtigen.

Das soll nicht falsch verstanden werden: Der Prediger lässt nicht Gott außer Acht. Nein, er kennt und fürchtet ihn. Das bestätigen viele Verse in diesem Buch. Wenn er bei seinen Untersuchungen feststellt, dass die Erde voll von Ungerechtigkeit ist, dann beschuldigt er nicht Gott. Im Gegenteil: Obwohl er vieles nicht erklären kann, z.B. dass der Gottlose oft lange lebt und der Gerechte früh stirbt, ist er sich bewusst, „dass es denen, die Gott fürchten, wohl ergehen wird, weil sie sich vor ihm fürchten; aber dem Gottlosen wird es nicht wohl ergehen“ (Kap. 8,12.13).

Der Prediger kennt also Gott. Doch die eigentliche Weisheit Gottes lässt er bei seinen Überlegungen außer Acht. Fast alle seine Aussprüche haben ihren Ursprung in der menschlichen Weisheit. Das sollte man unbedingt beachten, besonders beim Vergleich mit dem Buch der Sprüche. In dem Buch der Sprüche finden wir die göttliche Weisheit, in unserem Buch (überwiegend) die menschliche Weisheit. Deshalb ist bei der Anwendung der einzelnen Verse eine gewisse Vorsicht geboten. Wenn der Prediger z.B. sagt: Diese Sache ist besser als jene (vgl. Kap. 4,2–6; 6,3; 7,1–9; 9,4), oder: Das Beste, was man tun kann, ist dieses: … (vgl. 2,24; 5,18; 9,9), dann mag das von seinem Blickwinkel aus betrachtet zwar stimmen. Es ist aber nicht unbedingt die absolute, göttliche Wahrheit. Im Licht der vollen Offenbarung Gottes betrachtet sind manche Empfehlungen und Schlussfolgerungen des Predigers gut und richtig, andere dagegen sogar falsch.

„Gedenke deines Schöpfers in den Tagen deiner Jugendzeit, ehe die Tage des Übels kommen, und die Jahre herannahen, von denen du sagen wirst: Ich habe kein Gefallen an ihnen“ (Kap. 12,1). Das ist eine ernstzunehmende Aufforderung, die den Segen Gottes zur Folge hat. Sie gilt sowohl für Ungläubige als auch für Gläubige – für Ungläubige in dem Sinn, dass man sich nicht früh genug zu Gott bekehren kann, um Ihm zu dienen (vgl. 1. Thes. 1,9); für Gläubige, damit man in jungen Jahren, wo man die größte Aufnahmefähigkeit besitzt, die Zeit nutzt, um Gott und sein Wort besser kennen zu lernen.

Zwei Verse, die zeigen, dass der Prediger Aussagen macht, die im absoluten Sinn nicht wahr sind, stehen in Kapitel 2,24 und 3,19. Zuerst zu Kapitel 2,24: „Es gibt nicht Besseres für den Menschen, als dass man esse und trinke und seine Seele Gutes sehen lasse bei seiner Mühe.“ Kinder Gottes würden dazu sagen: Der Prediger hat den Sinn des Lebens noch nicht erfasst. Essen – Trinken – Genießen: Ist das das Beste für uns Menschen? Niemals (vgl. 1. Kor. 15,32)!

Kapitel 3,19: „Denn was das Geschick der Menschenkinder und das Geschick der Tiere betrifft, so haben sie einerlei Geschick: Wie diese sterben, so sterben jene, und einen Odem haben sie alle; und da ist kein Vorzug des Menschen vor dem Tier, denn alles ist Eitelkeit.“ Auch diese Aussage steht im Widerspruch zu der offenbarten Wahrheit des Wortes Gottes. Mensch und Tier müssen zwar beide sterben, aber sie haben nicht einen Odem. Von dem Tier wird nur gesagt, dass es eine lebendige Seele besitzt. Allein der Mensch wurde im Bild Gottes geschaffen, und nur ihm hauchte Gott den Odem des Lebens in seine Nase (vgl. 1. Mo. 2,7). – Ein außerordentlicher Vorzug vor dem Tier! – Deshalb besteht auch ein großer Unterschied beim Tod: Die Existenz des Tiers hört auf; der Geist des Menschen dagegen kehrt zu Gott zurück (vgl. Kap 12,7).

Zu solchen verkehrten Aussagen kommt der Mensch, wenn er die Welt-Geschichte nur mit dem menschlichen Auge „unter der Sonne“ betrachtet. Sowohl der Sinn des Diesseits als auch das Jenseits bleiben ihm letztlich verborgen.

Warum ist dieses Buch Bestandteil der Bibel?

Das Buch Prediger gehört zu den fünf Büchern des Alten Testaments, in denen menschliche Empfindungen im Vordergrund stehen. Diese Reihe fängt mit Hiob an, in dem die Empfindungen des Leids ausführlich beschrieben werden, und endet mit dem Hohenlied, in dem die Empfindungen der Liebe in Verlobung und Ehe beschrieben werden. In allen Büchern ist die Stimme des Menschen nicht zu überhören. Doch keins dieser Bücher ist (aus bereits genannten Gründen) so außergewöhnlich wie das Buch Prediger.

Das Buch Prediger könnte man „Pre-Evangelium“ nennen. Das heißt, es steht dem Evangelium voran, denn es macht den Menschen nachdenklich und bringt ihn dazu, den Wert des Evangeliums zu erkennen. Bedenken wir einmal, wie viele Menschen oberflächlich in den Tag hinein leben. Manche vermitteln sogar den Eindruck, als gehe es ihnen sehr gut. Und tatsächlich fragen nur wenige nach dem Sinn des Lebens und nach der Ewigkeit. Gerade dieses Buch weckt in solchen Menschen das Bedürfnis, Fragen wie die des Predigers zu stellen. Auf diese Weise werden sie zubereitet, ihren Mangel zu erkennen. Denn jeder Mensch hat ein Bedürfnis der Seele, das „unter der Sonne“ nicht gestillt werden kann. Damit fällt diesem Buch ein wichtiger Platz in Gottes Wort zu.

Mit diesem Buch verbindet der Heilige Geist ferner eine Warnung. Der Prediger hatte enttäuschende Erfahrungen gemacht bei der Suche nach dem Sinn des Lebens, weil er ihn dort gesucht hatte, wo er nicht zu finden ist. Mit einem Wort: Suche dein bleibendes Glück nicht unter der Sonne!

Doch der schönste und wichtigste Aspekt dieses Buches ist dieser, dass der Prediger indirekt auf die Person des Herrn Jesus hinweist. Er zeichnet ein dunkles Bild von dem, was unter der Sonne geschieht. Im Gegensatz dazu wird deutlich, wie wunderbar es ist, die Offenbarung Gottes in der Person des Herrn Jesus zu kennen. So scheint es die Absicht des Heiligen Geistes zu sein, dass der Leser den Aussagen des Predigers die Sicht Gottes gegenüberstellt. Dadurch wird der begrenzte irdische Blick für die unendliche Weite des Himmels geöffnet.

Unter dem zuletzt genannten Aspekt dürfen wir als Gläubige der Gnadenzeit einen besonderen Nutzen aus diesem Buch ziehen. Denn auch unsere Sicht beschränkt sich allzu oft auf die Dinge unter der Sonne. Vielleicht suchen wir unsere tägliche Erfüllung hier auf dieser Erde. Haben wir bemerkt, dass dann ein ungestillter Durst bleibt? Gott sei Dank, dass wir die Person kennen, die allein unsere Bedürfnisse stillen kann!

„Wenn du die Gabe Gottes kenntest, und wer es ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken, so würdest du ihn gebeten haben, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. … Wer irgend aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt“ (Joh. 4,10.14). Diese Verse bilden den großen Gegensatz zu dem Buch Prediger. Der Herr Jesus gibt uns Leben, ewiges Leben und den Genuss dieses Lebens durch den Heiligen Geist. Freude und Erfüllung sind damit für immer „garantiert“.

Was schreibt der Prediger?

Der Inhalt des Buches Prediger besteht in einer Vielzahl von Themen, die sich teilweise in ähnlicher bzw. variierter Form wiederholen, um sie zu vertiefen. Deshalb fällt es nicht leicht, eine Einteilung vorzunehmen. Wie einleitend erwähnt, wird in diesem Buch die Frage erörtert: „Welchen bleibenden Sinn hat das Leben auf dieser Erde?“ Auf der Suche nach einer Antwort stellt der Prediger viele menschliche Überlegungen an, deren Zielrichtung nicht immer sofort erkennbar ist. Vieles sieht nach einer Untersuchung aus, anderes wie eine Schlussfolgerung. Manches gibt er auch in Form einer Empfehlung oder Warnung an seine Zuhörerschaft weiter. Die folgende Einteilung soll die Hauptlinie dieses Buches wiedergeben:

 Kapitel           Thema

1                      Einleitung

2,1–11             1. Untersuchung: Welchen bleibenden Wert hat es, wenn man sich alle Freuden und jeglichen Genuss auf der Erde leistet?

2,12–26           2. Untersuchung: Welchen bleibenden Wert hat es, wenn man sich abmüht und anschließend alles einem anderen überlassen muss?

3,1–15             3. Untersuchung: Welchen bleibenden Wert hat die Mühe, wenn der Mensch die Zeit(en) nicht in seiner Hand hat?

3,16–4,6          4. Untersuchung: Welchen bleibenden Wert hat die Mühe, wenn sie durch Unrecht beeinträchtigt wird?

4,7–12             5. Untersuchung: Welchen bleibenden Wert hat die Mühe, wenn man keinen Gefährten hat, mit dem man die Früchte seiner Arbeit teilen kann?

4,13–16           6. Untersuchung: Welchen bleibenden Wert haben die höchsten Ehrungen der Welt, wenn sie nur von kurzer Dauer sind?

4,17–5,6         7. Untersuchung: Viele Worte zu machen ist wertlos, da sie Unüberlegtes beinhalten, worüber Gott zürnen mag.

5,7–6,12          8. Untersuchung: Welchen bleibenden Wert hat der Reichtum?

7,1–22             9. Untersuchung: Welche Charakterzüge trägt die Weisheit?

7,23–8,9          Zwischenbilanz: Weisheit ist nicht zu finden – überall ist die Verdorbenheit des Menschen anzutreffen.

8,10–17           10. Untersuchung: Welchen bleibenden Wert hat die Gerechtigkeit, wenn sie kein langes Leben garantiert?

9,1–10              11. Untersuchung: Welchen bleibenden Wert hat die Mühe, wenn alle dasselbe Schicksal trifft?

9,11–12           12. Untersuchung: Welchen bleibenden Wert hat die Mühe, wenn der Mensch seinen Erfolg nicht in seiner eigenen Hand hat?

9,13–10,3        13. Untersuchung: Welchen bleibenden Wert hat die Mühe, wenn das, was man in Weisheit aufbaut, immer von Torheit verdorben wird?

10,4–20           14. Untersuchung: Welchen bleibenden Wert hat die Mühe, wenn die Torheit mächtig und sehr verbreitet ist?

11–12              Schlussfolgerungen des Predigers

Anhand dieser Einteilung soll im Folgenden der Inhalt des Buches Prediger kommentiert werden, um das Wesentliche zu beleuchten.

[Aus der Zeitschrift „Folge mir nach“. Studienteil.]

Hartmut Mohncke