Das Reich Gottes

Online seit dem 09.12.2006, Bibelstellen: Matthäus 8,11; Lukas 13,28; Apostelgeschichte 1,10; Matthäus 11,12.13; Lukas 16,16

„Er wird dir den Kopf zermalmen, und du wirst ihm die Ferse zermalmen“ (1. Mose 3,15). So lautete die Ankündigung Gottes an die Schlange in der Stunde ihres offensichtlichen Triumphs. Darin kam zum Ausdruck, dass er ihr den ungestörten Besitz der Macht über den Menschen und die Erde nicht überlassen würde. Allerdings zeigte sich von dem Zeitpunkt der Einwilligung des Menschen unter die Leitung Satans an, Gewalttat, Eigenwille und Unterdrückung in der Welt. Trotzdem musste Gottes Ratschluss erfüllt werden. So geschah es von Zeit zu Zeit, dass Gott während der 40 Jahrhunderte, die zwischen dieser prophetischen Ankündigung und der Erscheinung des Ankündigten ins Land gingen, etwas von den zukünftigen Dingen über das Königreich enthüllte, was in Macht und Beständigkeit an dem Platz aufgerichtet werden sollte, wo seine Autorität so verworfen und seine Rechte dermaßen missachtet worden waren.

Abraham war verheißen, dass sich in seinem Samen alle Nationen der Erde segnen würden (1. Mose 22,18) und diese Verheißung wurde Isaak und Jakob bestätigt (1. Mose 26,4; 28,14). In dieser Hoffnung starben viele Heilige. Jakob verhieß den Anschluss der Nationen an Schilo, der noch zukünftig war (vgl. Fußnote zu 1. Mose 49,10). Mose schloss die Segnung der Stämme mit der Aussicht auf das Wohlergehen des Volkes ab, was zur Zeit der persönlichen Regierung des Herrn über die Erde Wirklichkeit werden sollte (5. Mose 33,28). Schließlich beschreibt David in seinen letzten Worten den Einen, der alles, was sich ihm widersetzen sollte, beseitigen würde (2. Samuel 23). In den Tagen Israels, die durch Siege gekennzeichnet waren, erwachte die Hoffnung auf das Königreich. So sangen sie am Roten Meer darüber und sahen es voraus, als die Bundeslade unter David Jerusalem erreichte (2. Mose 15; 1. Chr. 16,23–33). Einzelne zeichneten sich durch eine persönliche Erwartung diesbezüglich aus: z. B. Hanna, die, indem sie ihrer Freude freien Lauf lässt und ihr Herz ausschüttet, nicht umhin kommt, am Schluss ihrer Danksagung für die erhaltene Gunst den König zu erwähnen, den Gesalbten des HERRN. Und auch David schaute während er auf seinem Thron in der Stadt Zion saß und bereits vorher zur Zeit seiner Reisen über das Land, das er einmal regieren würde, auf das voraus, was auch wir erwarten (Ps. 18; 63). Die persönliche Majestät des Königs besingt er in Psalm 45 und den segnensvollen Charakter seiner Regierung in Psalm 72. Nach David greifen die Propheten diesen Faden auf. Jesaja, Micha und andere prophezeiten die Segnungen, die unter seiner Herrschaft genossen werden, wobei es Daniel ist, der den Zeitpunkt seines ersten Kommens auf die Erde festlegt. Nebukadnezar offenbart Gott dagegen in Träumen sowohl die zerstörende Kraft des Steins, der sich ohne Hände losriss, als auch ein Königreich, das in Ewigkeit nicht zerstört werden wird (Dan. 2).

Für jüdische Ohren klang es nicht fremd, als Johannes der Täufer verkündete, dass das Reich des Himmels (oder der Himmel) nahe gekommen sei. Nach ihm äußerte der Herr Jesus dieselben Worte, als er seinen Dienst in Galiläa begann. Aber beide stellten ihren Äußerungen den zwingend erforderlichen Aufruf zur Buße voran (Mt. 3,2; 4,17). Für die Kinder Israel, den Kindern des Reiches (Mt. 8,12), ist die Aufrichtung des Reiches in Macht unmittelbar mit nationalen Segnungen verbunden. Die zukünftige Herrlichkeit hängt davon ab, was Daniel so ausdrückte: „Und das Reich und die Herrschaft und die Größe der Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der Heiligen der höchsten Örter gegeben werden“ (Dan. 7,27). Bei der Verkündigung der nahen Ankunft des Reiches war es für sie also nötig zu wissen, unter welchen Bedingungen sie hineinkommen konnten und was Gott von denen erwartete, die es empfangen sollten. In Galiläa predigte der Herr deshalb Buße; bei Nikodemus betonte er die Notwendigkeit der neuen Geburt (Joh. 3,3.5); während er seine Jünger mit dem kindlichen Geist vertraut machte, der zum Eintritt erforderlich war (Mt. 18,3) und warnte alle vor einem rein äußerlichen Bekenntnis ohne praktische Verwirklichung, die alle von dem ausschließen würde, was Israel aufgrund vieler Belehrungen erwartete (Mt. 5,20; Lk. 13,25–29). Für Johannes den Täufer war das Reich Zukunft, weil er, dispensational gesehen, außerhalb von ihm stand (Mt. 11,11). Aber der Herr konnte von dem Reich als auf der Erde bestehend sprechen, offenbart durch die Macht über Satan, die er ausübte (Mt. 12,28).

So sprach Johannes von der Erwartung, wobei der Herr das Reich Gottes predigte und die zwölf, bzw. die 70 damit beauftragte, es in gleicher Weise zu verkünden (Lk. 4,43; 9,1; 10,9). Die Dämonen merkten den großen Wechsel, der durch seine Gegenwart in der Mitte Israels stattgefunden hatte, weil sie seine Macht spürten. Sie bezeugten seine Autorität und erkannten an, was sie allein von seinen Händen zu erwarten hatten (Markus 1,34; Mt. 8,28–31). Er, der gekommen war, um die Werke des Teufels zu zerstören, war eingetroffen. Das Volk, das ihn hörte und seine Werke bezeugen konnte, hätte den großen Wechsel erkennen und in Jubel ausbrechen sollen. Denn wenn er ihnen „das Evangelium“ bzw. „das Evangelium vom Reich Gottes“ (wie es Matthäus und Lukas ausdrücken) oder „das Evangelium [des Reiches] Gottes“ (wie es Markus zu Recht nennt) verkündete (Mt. 4,23; 9,35; Lk. 8,1; Mk. 1,14), so bestand das Reich, weil der König anwesend war. Es offenbarte sich in ihm (der fortfuhr Gutes zu tun und alle Leidenden zu heilen) eine Macht, die den Menschen von dem befreien konnte, dem sie sich ausgeliefert hatten. Das Volk sah es und „verwunderte sich“. Die Leiter des Volkes sahen seine Werke und kritisierten sie, wobei sie sich der Sünde der Lästerung schuldig machten (Mk. 1,27; 3,22–30). Menschen, die von der Tyrannei und dämonischen Besessenheit befreit worden waren, stellten Beweise dar, die niemand leugnen konnte. Der König war tatsächlich auf der Erde und zog Menschen durch die Worte des Königreichs zu sich. Diese Worte bildeten den Samen, den der Sämann ausstreute. Alle, die sein Wort hörten und aufnahmen, wurden tatsächlich das, was Israel nur national war: wahre Kinder, oder besser gesagt, Söhne des Reiches (Mt. 13,19–38). Sie waren der Weizen, bzw. der gute Same, der auf den Acker gesät wurde.

Wenn wir nach Daniel 7,18.27 zurückgehen, so werden dort zwei Klassen von Heiligen unterschieden: „die Heiligen der höchsten Örter“, die „das Reich empfangen“ und „in Ewigkeit, ja bis in die Ewigkeit der Ewigkeiten“ besitzen werden. Weiter wird von „dem Volk der Heiligen der höchsten Örter“ in Vers 27 gesprochen, dem das Reich „unter dem ganzen Himmel“ gegeben werden wird. Die Ersteren sind die himmlischen Heiligen, die vom Himmel aus über die Erde regieren werden, die Letzteren sind das Volk Israel auf der Erde im Tausendjährigen Reich. Denn das Reich nimmt, so wie es im Alten vorhergesagt und an vielen Stellen des Neuen Testaments dargestellt wird, Bezug auf eine Regierung, die über die Erde ausgeübt werden soll. Der Gedanke, der mit dem Begriff des Reiches der Himmel, der im Alten Testament übrigens nicht zu finden ist, in Verbindung stand, war an sich für einen Juden nicht neu und als der Herr predigte, dass das Reich der Himmel nahe gekommen sei (und wir lesen nirgendwo etwas von einer anderen Formulierung), war das eine Botschaft, die die Herzen der Treuen froh machte und für alle anderen, die mit den Hoffnungen Israels vertraut waren, bzw. die alttestamentlichen Schriften studiert hatten, keine unverständliche Sprache war. Und sooft wir dem Begriff „Reich der Himmel“ im Matthäusevangelium, wo er ausschließlich vorkommt, begegnen, lesen wir nichts von einer Frage an Johannes oder den Herrn, was denn damit gemeint wäre, oder mit welcher Absicht dieser Ausdruck benutzt würde. Der Begriff mag also neu sein, aber der damit verbundene Gedanke hatte die Herzen der Heiligen bereits damals erfreut. Ein Beispiel davon sehen wir in Zacharias, weil sich bei ihm, als er seinen Mund öffnete, die Sprache derjenigen zeigte, die schon vor dem ersten Kommen des Herrn auf die Erfüllung des Wortes Gottes gewartet hatten (Lk. 1,71–76).

Johannes der Täufer sprach über das Reich der Himmel, der Herr darüber hinaus über das Reich Gottes. Kann man daraus schließen, dass es zwei Königreiche gibt, oder gibt es doch nur eins? Es gibt nur eins. Es ist das Reich Gottes, weil es zu ihm gehört. Es kann das Reich der Himmel genannt werden, weil der Sitz der königlichen Autorität und Macht in den Himmeln ist und sein wird. Wenn wir den gesamten Bereich des Reiches betrachten, sehen wir, dass es sowohl den Himmel als auch die Erde umfasst. Deshalb lesen wir von den Gerechten, dass sie wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters leuchten werden (das ist der himmlische Teil des Reiches). Außerdem wird von dem Reich des Sohnes des Menschen (dem irdischen Teil) gesprochen, das die Erde als seinen Bereich umfasst, obwohl der Sitz der Macht immer in den Himmeln sein wird (Mt. 13,43.41). Indem der Herr die anspricht, die einen Teil der himmlischen Heiligen bilden werden, sagt er: „Ich werde von jetzt an nicht von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, wenn ich es neu mit euch trinke in dem Reich meines Vaters“ (Mt. 26,29). Dem gegenüber wird er an einem noch zukünftigen Tag die Schafe (das sind diejenigen unter den Heiden, die während seiner Regierung einen Anteil auf der Erde erhalten werden) mit den folgenden Worten anreden: „Kommt her, Gesegnete meines (nicht eures) Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an“ (Mt. 25,34).

Es ist jedoch im Allgemeinen so, dass sich der Gegenstand der Belehrung in den Evangelien auf die Dinge auf der Erde und nicht auf die Dinge im Himmel bezog. Weiter sehen wir, dass die Begriffe „Reich der Himmel“ und „Reich Gottes“ austauschbar benutzt werden. So kündigte der Herr beide als nahe gekommen an (Mt. 4,17; Mk. 1,15). Er konnte auch einmal von den Geheimnissen des Reiches der Himmel (Mt. 13,11) und von den Geheimnissen des Reiches Gottes sprechen (Mk. 4,11; Lk. 8,10), denn er redete über die Dinge, die das bestehende Königreich betrafen und nicht über die zukünftige Seite. Es ging um Dinge, die die Treuen in der Zeit seiner Abwesenheit kennen lernen würden, bevor das Reich in Herrlichkeit vor der Welt offenbar werden sollte. Die Parabeln (Anmerkung des Übersetzers: der für uns etwas ungewohnte Begriff „Parabel“ wird von C. E. Stuart später näher erklärt) von dem Sauerteig und von dem Senfkorn sind Gleichnisse, die sich sowohl auf das Reich der Himmel, wie auch auf das Reich Gottes beziehen (Mt. 13; Mk. 4; Lk. 13). Sie beschreiben die äußerliche Erscheinungsform und den Charakter des Reiches auf der Erde nachdem der König in den Himmel gegangen sein würde. Und indem er auf den Tag vorausschaut, an dem das Reich in Macht gesehen und die himmlischen Heiligen in ihr Erbteil eingegangen sein würden, konnte der Herr von denen sprechen, die mit Abraham, Isaak und Jakob im Reich der Himmel, ebenso wie im Reich Gottes, sitzen werden (Mt. 8,11; Lk. 13,28). Beide Begriffe konnten hier verwendet werden, weil es sich um eine Epoche handelte, die auf seine Himmelfahrt folgen sollte. Ab dem Tag, an dem ihn die Wolken aufnahmen und den Blicken der Jünger entzogen, die „zum Himmel schauten“ (Apg. 1,10), kann das Reich, wie es jetzt auf der Erde besteht mit Fug und Recht sowohl als Reich der Himmel als auch als Reich Gottes bezeichnet werden.

Doch das war nicht immer so. Als der Herr auf der Erde war, war das Reich Gottes auf der Erde, weil der König da war. Es wurde jedoch solange nicht als Reich der Himmel bezeichnet, bis er seinen Platz in den Himmeln eingenommen hatte. Deshalb benutzt Matthäus an den Stellen, wo er etwas hinzufügt, was für die gegenwärtige Zeitepoche charakteristisch ist, den Begriff „Reich der Himmel“, wogegen in der Parallelstelle im Lukasevangelium, wo etwas beschrieben wird, was charakteristisch für die Zeitepoche der Anwesenheit des Herrn auf der Erde war, nur der Begriff „Reich Gottes“ infrage kommt. Vergleichen wir Matthäus 11,12.13 mit Lukas 16,16. In der ersten Stelle stellt der Herr ein neues Kennzeichen heraus, was mit dem Reich in Verbindung stand. Es geht dort um die Art und Weise des Eingangs ins Reich, die für den ganzen Zeitraum bis zu seiner Wiederkunft in Macht, charakteristisch sein würde. Der Jude dachte dagegen zuerst an seine Anrechte in Bezug auf dieses Reich, die sich aus seiner Abstammung her ergaben. Als Sohn Abrahams war er schließlich ein Sohn des Königreiches. Seine Geburt nach dem Fleisch entschied diese Frage vollständig. Aber das war ein schwerer Fehler, wie die Umstände bewiesen. Der Geist Gottes wirkte jetzt an den Seelen, sodass das Reich zwar mit einer Geburt verbunden war, die sich aber nicht mehr auf die Abstammung von Abraham, sondern auf die Neugeburt bezog. Als die Menschen dies begriffen, rissen sie das Reich, indem sie durch den Geist dazu angeleitet wurden, mit Gewalt an sich, indem sie sich über den Ernst der eingetretenen Situation im Klaren waren. Der Geist Gottes begann in dieser Weise ein Werk in Seelen, die nicht ruhten, bis sie hineingegangen waren. So war, und so ist der Charakter der Dinge im Hinblick auf das Reich. In Lukas spricht der Herr jedoch über das, was sich in seiner Zeit abspielte: „Das Reich Gottes wird verkündigt“. Er ändert also die Worte ab. Er predigte, d. h. verkündigte, das Reich Gottes und lehrte über das Reich der Himmel.

Auch beim Vergleich von Matthäus 5,3 mit Lukas 6,20 können wir uns den Unterschied erklären. Indem er den Charakter derer beschreibt, denen das Reich gehört, spricht der Herr vom Reich der Himmel. Wenn er den Zuhörern dagegen die Segnungen vorstellt, die bereits die Ihren waren, nennt er es das Reich Gottes, weil es dem Charakter nach schon bestand.

Wir müssen die Sprache der Schrift also sehr genau beachten und es ist gut, wenn wir uns dessen immer bewusst sind. Das stellt uns Matthäus vor. Denn während er so oft den Begriff „Reich der Himmel“ gebraucht, zeigt er uns auch Stellen, an denen der Herr Jesus Christus diese Worte nicht benutzen konnte. Jünger sollten „zuerst nach dem Reich Gottes“ trachten (Mt. 6,33), das zu Israel gekommen war (Mt. 12,28). In das Zöllner und Huren vor den Hohenpriestern und Ältesten eingehen würden und von denen es, weil sie Christus verwarfen, genommen werden sollte, um es einer Nation zu geben, „die dessen Früchte bringen“ würde (Mt. 21,31.43). Diese vier Stellen sind die einzigen, an denen Matthäus, außer in Kapitel 19,24, den Begriff „Reich Gottes“ verwendet. In Kapitel 19 wird im 23. Vers noch vom „Reich der Himmel“, dem für Matthäus üblichen Begriff, gesprochen. Während der traditionelle Text und die Mehrheit der griechischen Handschriften in Vers 24 „Reich Gottes“ lesen, folgen die Textforscher Lachmann, Tischendorf, Tregelles und Alford der griechischen Handschrift Z und vielen alten Kirchenvätern, die an dieser Stelle ebenfalls „Reich der Himmel“ lesen. Welche Lesart auch vorgezogen werden mag – vom Standpunkt der Bibelauslegung hindert nichts daran, die Lesart der in Dublin aufbewahrten Handschrift Z als den treuen Überlieferer der ursprünglichen Form des Ausdrucks zu betrachten. (Anmerkung M. A.: Diese Ansicht wird von modernen Textforschern aber kaum noch vertreten. Viel wahrscheinlicher ist doch, dass ein nachlässiger Abschreiber in Vers 24 den Ausdruck „Reich der Himmel“ versehentlich aus Vers 23 übernommen hat.)Die Hoffnung Israels war das Reich in Macht und Herrlichkeit, wenn der Messias regieren würde. Der Engel, der der Jungfrau Maria die Botschaft überbrachte, nahm davon Kenntnis (vgl. Lk. 1,32), die Weisen aus dem Osten erwarteten es (Mt. 2,2); der betagte Simeon starb in dieser Hoffnung (Lk. 2,32) und als Johannes im Gefängnis saß bewies er seine Hoffnung auf das Reich durch seine Frage, die er durch seine Jünger an den Herrn stellte (Mt. 11,3). Daraus können wir entnehmen, dass alle Klassen des Volkes mit diesem Gedanken vertraut waren. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten konnten sich zu den Schriften wenden, die voll davon waren. Andreas, ein einfacher Fischer, die Frau von Samaria und der bußfertige „Übeltäter“ (Lk. 23,39) bestätigen diesen Gedanken durch die Sprache, die sie benutzten. Und so war es schließlich auch bei dem Messias selbst, der durch seine Anwesenheit zeigte, dass das Reich Gottes nahe war. Um diese falsche Vorstellung zu korrigieren, spricht der Herr dann die Parabel von den „Pfunden“ in Lukas 19. Wie tief sich dieser Gedanken in die Herzen der Juden eingegraben hatte geht auch aus einer Frage hervor, die die Jünger kurz vor seiner Himmelfahrt an ihn richteten (Apg. 1,6–9). Josef von Arimathia, der den Herrn begrub, erwartete das Reich Gottes, wie wir aus Matthäus 23,51 lernen können. Bei den zwei Emmausjüngern war es nicht anders, denn sie vertrauten dem Fremden, wie sie meinten, an, dass die Hoffnung, die sie in ihren Herzen hatten, durch seinen Tod zerstört worden war (Lk. 24,21). Doch in seiner Antwort bestätigt ihnen der Herr die Richtigkeit ihrer Hoffnungen und belebt die Vorfreude auf die zukünftigen Segnungen Israels. „Musste nicht der Christus dies leiden und ich seine Herrlichkeit eingehen?“ (Lk. 24,26). Sein Tod stand daher, wie überraschend und verblüffend er für seine Jünger auch sein mochte, der Erfüllung der in den Schriften enthaltenen Prophezeiungen nicht entgegen. Denn die „zuverlässigen Gnaden Davids“, wie Paulus sie in seiner Rede an die Volksmenge in der Synagoge nennt (Apg. 13,34), würden durch einen in Auferstehung regierenden König gesichert werden.

Doch das ist noch alles zukünftig, obwohl das Königreich bereits auf der Erde existiert. Was würde die Epoche, in der solche anormalen Verhältnisse herrschen würden, charakterisieren? Diese Epoche, die durch ein Königreich ohne die Anerkennung der Macht des Königs gekennzeichnet sein sollte. Die Propheten konnten uns darüber keine Auskunft geben, weshalb der Herr diese Gleichnisse gab, um diese Frage zu erklären; und sie bilden das Glied in der Kette, das wir woanders vergeblich suchen. Die Erklärungen über das Reich in seiner derzeitigen, geheimnisvollen Gestalt, die wir in Matthäus 13; 18; 20; 22; 25; Mk. 4 und Lukas 13 finden, werden in den Evangelien erst nach seiner endgültigen Verwerfung durch die Nation gegeben (vgl. Mt. 12; Mk. 3,22–30; Lk. 11; 13). In Matthäus 13,52 lesen wir die folgenden Worte des Herrn: „Darum ist jeder Schriftgelehrte, der im Reich der Himmel unterrichtet ist, gleich einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorbringt“. „Altes“, weil er von dem reden kann, was die Propheten vorausgesagten; „Neues“, weil er über das sprechen kann, was der Herr offenbarte.

Nicht von allen Parabeln, die wir in den Evangelien vorfinden, kann gesagt werden, dass sie Gleichnisse des Reiches sind. Es handelt sich nur bei solchen um echte Gleichnisse, die einen besonderen Bezug auf die charakteristischen Merkmale der Zeitepoche zwischen der Himmelfahrt und Wiederkunft des Herrn nehmen. Deshalb kann bei der Parabel des Sämanns auch nicht von einem Gleichnis des Reiches gesprochen werden, weil es dort um das Werk des Herrn während seiner Anwesenheit auf der Erde als Sämann geht, der den Samen ausstreut. Die Parabel über das Unkraut im Acker ist dagegen eine Parabel des Reiches, weil sie das Böse beschreibt, das der Feind ins Feld säte, während die Menschen schliefen. Bei dieser Parabel von dem Samen, der auf das Land geworfen wird, die nur im Markusevangelium erwähnt wird, handelt es sich um ein Gleichnis des Reiches Gottes, weil es von dem Samen spricht, der während der Abwesenheit des Sämanns aufgeht. Wenn wir die Parabel des Hausherrn in Matthäus 21 betrachten, sehen wir, dass es kein Gleichnis des Reiches sein kann, weil es uns zeitlich nur bis zum Tod des Herrn (dem Erben) und der Ankündigung des Gerichts, das über die untreuen Verwalter kommen sollte, führt. Die Parabel über das Hochzeitsmahl, das unmittelbar folgt, ist dagegen wieder ein Gleichnis des Königreiches, weil es von Ereignissen im Reich handelt, die auf die Himmelfahrt des Herrn folgen sollten. Diese beiden Parabeln, die so dicht nebeneinander stehen, und von anerkannten geschichtlichen Tatsachen handelt, nämlich einmal dem Tod des Herrn und dem zeitlich darauf folgenden Tod seiner Knechte, helfen dem aufmerksamen Betrachter des Wortes, zu erkennen, wann das, was Reich der Himmel genannt wird, auch wirklich begann. Bei anderen Parabeln, wie z. B. die von den Talenten und die von den Pfunden, die von dem allgemeinen Handeln Gottes mit dem Menschen sprechen, sehen wir, dass sie überhaupt keine Gleichnisse des Reiches darstellen (wenn wir einmal von der unglücklichen Fehlinterpolation der Authorized Version in Matthäus 25,14). Denn obwohl sie sich auf alle erstrecken, die sich im Reich befinden, sind sie nicht allein auf das beschränkt, was nur für die Zeit der Abwesenheit des Herrn von der Erde charakteristisch ist.

Viele dieser Parabeln deuten an, dass er, nachdem er das Reich empfangen hat, auf die Erde zurückkommen wird, da sie von Gerichten, die ausgeübt und von einem Lohn, der verliehen werden wird, sprechen. Aber das Ereignis der machtvollen Einführung des Reiches selbst, liegt außerhalb ihres Gesichtskreises. Es wird an einer anderen Stelle in diesem Buch behandelt. Die Parabeln setzen es allerdings voraus, weil die Verantwortung der Knechte solange nicht aufhört, bis der Herr wiederkommt; aber man sucht eine Beschreibung dieses Ereignisses bei ihnen vergeblich, was nicht stattfinden wird, bevor das Evangelium des Reiches „auf dem ganzen Erdkreis“ allen Nationen zum Zeugnis gepredigt worden sein wird; „und dann wird das Ende kommen.“ (Mt. 24,14). Diese Aussage, die an sich zwar sehr deutlich ist, aber trotzdem oft missverstanden wird, weist auf einen Unterschied hin, der zwischen dem Charakter des Zeugnisses in der Zeit nach der Himmelfahrt des Herrn und dem zur Zeit der Anwesenheit des Herrn auf der Erde, bzw. in der Zeit vor seinem Wiederkommen, um die Herrschaft anzutreten, besteht – „das Evangelium des Reiches“. Diese gute Botschaft wurde zuerst von ihm verkündet und wird später noch einmal gehört werden. Er verkündigte sie damals im Land Israel; später wird sie „dem ganzen Erdkreis,…, allen Nationen zum Zeugnis“ gepredigt werden. Aus Offenbarung 14,6 können wir lernen, wie das vor sich gehen wird und welche Bedingungen mit der Botschaft verbunden sein werden. Es ist insoweit das ewige Evangelium, bzw. die gute Botschaft, wie es von dem Reich Gottes spricht, was in Macht auf der Erde aufgerichtet werden wird und dem sich alle unterwerfen werden müssen. Es unterscheidet sich so sehr stark von dem Evangelium der Gnade Gottes. Beim ewigen Evangelium handelt es sich um eine gute Botschaft, weil es das Ende der Herrschaft des Bösen und der Einmischung Satans in die Dinge dieser Erde, proklamieren wird. Und es ist auch deshalb eine gute Botschaft, weil sie darauf hinweist, dass die machtvolle Regierung von nun an in den Händen eines Menschen sein wird, der für vollkommen würdig erachtet wurde, sie zu empfangen. Das Evangelium der Gnade kann man dagegen als gute Botschaft bezeichnen, weil es von dem Plan Gottes zur Rettung aller Verlorenen spricht, die an seinen Sohn Jesus Christus glauben. Seit der Zeit, in der der Herr und seine Jünger das Evangelium des Reiches verkündeten, ist dieser frohe Klang nicht mehr gehört worden. Das wird erst wieder der Fall sein, wenn eine Botschaft von Gott aus dem Himmel zu einer seufzenden Schöpfung und zu einem unterdrückten Volk kommen wird, um von denen angenommen zu werden, die auf sie hören. In Offenbarung 11,15–17 sehen wir, wie die himmlischen Heiligen den Beginn der Epoche erleben werden, in der der Herr der Welt erscheinen und öffentlichen regieren wird. Diese Epoche wird ohne eine abweichende Äußerung mit großer Freude begrüßt werden. Wie die Schöpfung und das Volk Gottes auf der Erde darauf reagieren wird, lesen wir in den Psalm 95 – 100: „Zion hörte es und freute sich, und die Töchter Judas frohlockten wegen deiner Gerichte, HERR“ (Ps. 97,8) ist die einfache Bemerkung des Psalmisten darüber und der Geist äußert sich durch Jesaja mit den folgenden Worten: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße dessen, der frohe Botschaft bringt, der Frieden verkündigt, der Botschaft des Guten bringt, der Rettung verkündigt, der zu Zion spricht: Dein Gott herrscht als König!“ (Jes. 52,7). Bis zum Anbruch dieser Tage sollte das Reich, obwohl das Evangelium des Reiches noch nicht verkündet wird, einen angemessenen Raum in der Belehrung und Predigt der Knechte Gottes einnehmen. Es besaß einen festen Platz bei der Belehrung, die die ersten Lehrer der Christenheit ihren Jüngern gaben, und sollte auch jetzt seinen angemessenen Platz erhalten.

Während der 40 Tage, die zwischen der Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn vergingen, nahm das Reich Gottes in seinen Belehrungen einen führenden Platz ein (Apg. 1,3). Als Philippus auf dem Weg nach Samaria war, sprach er ebenfalls darüber (Apg. 8,12). Auch der Apostel Paulus sprach in Ephesus, Rom und anderen Orten über das Reich und lehrte die Dinge, die damit in Verbindung standen (Apg. 14,22; 19,8; 20,25; 28,23–31). An diesen Stellen wird aber immer von dem Reich Gottes, bzw. Christi gesprochen – Begriffe, die den Gedanken der Verantwortlichkeit vor die Herzen stellen. Es ist das Reich Gottes und deshalb sollten sich die Einzelnen nach seinem Willen orientieren und danach trachten, seine Gedanken zu verstehen. Als es Meinungsverschiedenheiten und Streit über Tage und Speisen unter den Gläubigen in Rom gab, musste sie der Apostel daran erinnern, dass „das Reich Gottes … nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ war (Rö. 14,17). Als die Korinther  mit ihren Gaben und der Redegabe ihrer Lehrer beschäftigt waren, musste der Apostel sie daran erinnern, dass „das Reich Gottes … nicht im Wort, sondern in Kraft“ besteht (1. Kor. 4,20). Und als er die verschiedenen Ausprägungen der Ungerechtigkeiten bloßstellen musste, warnte er sie mit den Worten: „Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden?“ (1. Kor. 6,9). Außerdem gab es solche, die versuchten, die Korinther davon zu überzeugen, dass es keine Auferstehung aus den Toten gäbe. Der Apostel musste ihnen deshalb klarmachen, dass die Göttlichen verwandelt werden müssen, denn „Fleisch und Blut“ können das Reich Gottes nicht ererben (1. Kor. 15,50). Über dasselbe Thema musste er auch den Galatern und Ephesern in seinen Briefen schreiben, denn es war nötig, dass er sowohl denen, die in der Gefahr standen von den Grundwahrheiten abzuweichen, schrieb, wie auch denjenigen, denen er die wahre Stellung eines Gläubigen in Christus. Die Wahrheit über das Reich hat nämlich mit der praktischen Lebensführung des Gläubigen auf der Erde zu tun und musste deshalb in beiden Briefen behandelt werden (Gal. 5,21; Eph. 5,5). Die Heiligen von Kolossä wurden an die Gnade erinnert, die sie aus der Gewalt der Finsternis errettet und in das Reich des Sohnes seiner Liebe versetzt hatte (Kol. 1,13), obwohl die Machtentfaltung des Reiches damals noch zukünftig war (was auch auf die gegenwärtige Zeit noch zutrifft). Die Heiligen aus Thessalonich hatten auch davon gehört und wurden durch die Aussicht auf dieses Reich getröstet, als sie „um dessentwillen“ leiden mussten (1. Thess. 2,12; 2. Thess. 1,5). Timotheus wurde es ebenfalls in Erinnerung gerufen und die Hebräer empfingen Ermahnungen, die sich auf die Hoffnung auf das Reich gründeten (2. Tim. 4,1–18; Heb. 12,28). Jakobus erwähnt es in seinem Brief in Kapitel 2 Vers 5 und Petrus versucht seine Briefempfänger aufzurütteln, indem er von dem Eingang in das ewige Reich spricht, der ihnen „reichlich dargereicht werden“ würde (2. Pet. 1,11). In Offenbarung 1,9 erklärt Johannes schließlich, dass er und die Heiligen zu seiner Zeit an dem Königtum teilgehabt hätten, so wie die Heiligen zu allen Zeiten. Wir sehen also, dass sie uns über das Reich einmal als bestehend belehren und ein anderes Mal über die machtvolle Entfaltung des Reiches in der Zukunft sprechen. Als Knechte und unterrichtete Schriftgelehrte wussten sie, wie sie über das Reich sprechen und lehren mussten.

Es sind deswegen ganz verschiedene Dinge ins Reich einzugehen und in ihm bei der Wiederkunft des Herrn gefunden zu werden. Niemand kann in es eintreten ohne aus Wasser und Geist geboren zu sein. Weiter ist es nicht einmal möglich, das Reich zu sehen, ohne wiedergeboren zu sein, wogegen alle, die diese Geburt während der Zeit der Abwesenheit des Herrn erlebt haben, Erben des Reiches sein werden. Es ist das Erbe des Sohnes Gottes und Gottes Kinder werden es mit ihm erben – „Erben Gottes und Miterben Christi“ (Rö. 8,17). Aber in dem Bereich, der jetzt besteht, befinden sich alle Arten des Bösen, die bei seinem Kommen zusammengelesen werden werden (Mt. 13,41). Danach wird es nie mehr etwas Böses geben, was sich ungerichtet erheben wird, obwohl sich die Ungläubigen an den irdischen Segnungen unter seiner Regierung erfreuen werden, wenn sie sich seiner Herrschaft gehorsam unterwerfen (Ps. 101; 18,45, vergleiche die Fußnote).

Die Frage könnte aufkommen, ob das Reich mit der Kirche gleichzusetzen sei. Aber das ist ganz und gar nicht der Fall. Alle, die der Kirche angehören, werden das Reich ererben, wobei die himmlischen Heiligen ebenfalls daran teilhaben werden (Off. 20,6). Mit jeder ist eine Hoffnung verbunden. Die Hoffnung der Kirche ist die Rückkehr Christi in der Luft. Die Hoffnung, die mit dem Reich verbunden ist, besteht in der Erscheinung des Herrn mit seinen Heiligen. Im Reich gibt es (Dienst)Grade, in der Kirche Gaben. Der Dienst jedes Einzelnen im Reich ist für seine Stellung und seinen Lohn ausschlaggebend. Man kann in diesem Zusammenhang an die Helden Davids (2. Sam. 23) und an die Parabel von den Pfunden denken, die diese Verbindung klarmachen. Die Gaben wurden der Kirche nach dem souveränen Willen Gottes verliehen, wobei die Verantwortung aus dem Besitz dieser Gaben entspringt. Die Stellung im Reich wird von dem richtigen Gebrauch der verliehenen Möglichkeiten bestimmt und hängt davon ab, inwieweit der Verantwortung entsprochen wurde. Bei der Wiederkunft des Herrn wird alles Böse aus dem Reich entfernt werden. Die Versammlung soll dagegen heute schon auf der Erde den Bösen von sich selbst hinaustun und das geschieht durch die Glieder der Versammlung während der Herr abwesend im Himmel ist.

Bevor ich schließe, möchte ich noch ein paar Bemerkungen machen. Die Schrift benutzt verschiedene Begriffe, wenn sie über das Reich spricht. Wir haben gesehen, dass es „das Reich Gottes“, ebenso wie das „der Himmel“ ist. Es wird aber auch „das Reich des Sohnes seiner (Gottes) Liebe“ genannt, weil die Herrschaft in die Hände des Sohnes gelegt wurde. Es ist ein ewiges Reich, weil es niemals enden wird. „Das Reich des Vaters“ und „das himmlische Reich“ zeigen uns den himmlischen Teil, wogegen „das Reich des Sohnes des Menschen“ für den irdischen steht. Wir lernen aus dem Wort den Beginn der Existenz des Reiches auf der Erde kennen. Außerdem erfahren wir, wann die gegenwärtige Form ihr Ende finden wird. In den prophetischen Abschnitten des Buches lesen wir, wie es einmal in Macht entfaltet werden wird. In 1. Kor. 15 lesen wir dann weiter, dass ein Zeitpunkt kommt, an dem Christus das Reich dem „Gott und Vater“ übergeben wird. Das Reich wird nie zu einem Ende kommen. Er übergibt es, aber es endet damit nicht. Daniel sagt im 7. Kapitel seines Buches, dass es „bis in Ewigkeit, ja, bis in die Ewigkeit der Ewigkeiten“ bleiben wird und Johannes bestätigt das, wenn er schreibt, dass sie (seine Knechte) „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ herrschen werden.

[Übersetzt von Stephan Keune aus der Bible Treasury Band 8, S. 107ff. Deutsche Erstveröffentlichung]

Clarence E. Stuart