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Sonntag, 19.05.2013  

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Evangelisieren oder belehren?

Bibelstellen: 1. Timotheus 2,4; Apostelgeschichte 20,17-32

Nach meinem Empfinden ist, was die Gaben betrifft, Evangelisation das größte Vorrecht; ich selbst aber bin kein Evangelist, wenn ich auch, soweit ich Gelegenheit habe, das Werk eines Evangelisten tue, so gut ich es vermag.

Sie sagen, das Evangelisieren habe die Belehrung der Heiligen in den Hintergrund gedrängt. Die Gaben des Evangelisten und des Lehrers sind absolut ver­schieden, aber ich sehe nicht, daß die eine die ande­ren verdrängen sollte. Paulus hat ganz gewiß das Evangelium verkündigt und dabei ebenso gewiß be­lehrt; man denke nur an die Thessalonicher. Wenn er vielleicht auch nicht sofortige Frucht erwartete, so fand er sie doch ganz bestimmt. Er spricht von sich selbst als einem Diener des Evangeliums, nennt sich aber auch einen Diener der Kirche (Versammlung). Für jedes dieser beiden Aufgabenfelder müssen wir mit Gott in Gemeinschaft sein, so wie wir von Ihm dazu berufen sind. Ist das der Fall, dann sehe ich nicht, weshalb nicht Kraft und Vollmacht für beides vorhan­den sein sollte.

Es gibt aber eine gewisse Art des Evangelisierens, die den Schwerpunkt auf die Errettung von Sündern legt und auf weitere Belehrung der Christen verzichtet. Gott mag das segnen, aber die Folgen bleiben nicht aus. Nur wenige sind von dem Gedanken beseelt, den Paulus in 2. Timotheus 2, 10 zum Ausdruck bringt: "Deswegen erdulde ich alles um der Auserwählten wil­len . . . " Man denkt ganz allgemein nur, Gott sei Liebe und wolle, daß alle Menschen errettet werden, und das ist ja auch eine wunderbare Wahrheit. Das Ziel, das diesen Predigern vor Augen schwebt, ist aber einfach nur die Errettung des Menschen und seine Sicherheit.

Gottes Vorsatz und die Verherrlichung Christi dage­gen bleiben hier leider ganz außer Betracht. Bekennt einer, errettet zu sein, so glaubt der Prediger, seine Aufgabe erfüllt zu haben. Daß Gott an den Seinen ein Interesse hat und sie weiterführen will, so daß sie auf­erbaut werden, vergißt man ebenso wie die Verherr­lichung Christi in Seiner Versammlung. Wir sollten für die Heiligen beten und ihnen Gottes Wahrheit bezeugen.

Das Verkehrte dabei ist natürlich nicht der Ernst und die Hingabe beim Evangelisieren (das ist ein Segen Gottes für die Versammlung), sondern daß man darin so aufgeht, daß der Mensch mit seinen Bedürfnissen ganz im Vordergrund steht und Christus in Seinen Rechten zukurzkommt. Wird die Arbeit nur auf betont erweckliche Weise betrieben, so besteht die Gefahr, daß die Ergebnisse trügerisch sind. Da fehlt dann das solide Fundament, auf dem man aufbauen kann.

Nichts liegt mir ferner, als etwas gegen Evangelisa­tion zu sagen. Ich bin überzeugt, daß Gott das Evangelisieren segnet, besonders um in diesen letzten Tagen noch Menschen aus der Weit herauszuretten. Für eine Versammlung ist es heilsam, daß die Herzen sich darauf konzentrieren. Die Liebe, die dabei tätig wird, bindet außerdem die Heiligen zusammen. Gott ist aber auch in der großen, bekennenden Christenheit tätig, um sie aufzuwecken, und das ist auch wichtig. Der Ruf, der die zehn Jungfrauen wachrüttelte (Mt 25), war nicht das, was man gewöhnlich Evangelium nennt.

Schließlich darf die Hand nicht zum Fuß sagen: "Ich bedarf deiner nicht." Ich habe Verständnis dafür, wenn man voller Freude die Bekehrten zählt, aber wir dürfen uns nicht auf Zahlen oder Erfolge stützen. "Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte ‑, wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren" (Lk 17, 10). Es ist sehr wichtig, daß im Dienst die Verbindung zu Christus aufrechter­halten bleibt. Dann schreiben wir die Ergebnisse nicht unserer Arbeit zu, sondern unsere Arbeit und unsere Herzen stehen mit Ihm Selbst in Verbindung.

Wenn wir Christus nahe wären, würden wir beides gut tun ‑ evangelisieren und belehren ‑ vorausgesetzt natürlich, daß Christus uns dazu berufen hat. Seien wir nicht damit zufrieden, das eine anstelle des ande­ren zu tun. Möchten wir in Gemeinschaft mit Christus und mit Seiner Hilfe die Heiligen belehren und in Ge­meinschaft mit Christus und mit Seiner Hilfe das Evan­gelium verkündigen!

Mir war es nie geschenkt, viel Frucht zu sehen, und mein Dienst war mehr gesegnet, wenn ich suchte, Seelen Frieden zu bringen, als wenn ich suchte, See­len zu erwecken. Gott sei Dank ist da Einer, der über allem steht und alles tut. Laßt uns auf Ihn blicken.

[Auszüge aus einem Brief aus dem Jahr 1874]

John Nelson Darby

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