Die zwei Naturen

Online seit dem 28.02.2009, Bibelstellen: Johannes 3,3; Römer 5,12-21; Galater 5,17; Römer 8,3; Römer 6,2; Römer 6,2.11.18;

„Die zwei Naturen des Gläubigen“ – das hört sich theoretisch und trocken an. Doch dieses Thema ist äußerst relevant für unser praktisches Christenleben! Wir profitieren stark davon, wenn wir hier klare Vorstellungen entwickeln. Natürlich kommen wir nicht umhin, uns mit einigen Lehraussagen der Bibel zu beschäftigen. Doch es lohnt sich, über das nachzudenken, was Gott uns über dieses wichtige Thema mitgeteilt hat.

Wenn ein Mensch zum Glauben an den Herrn Jesus kommt, geschieht eine gewaltige Veränderung: Das alte, sündige Leben verschwindet wie ein Schatten und ganz neue Gedanken, Interessen und Empfindungen erobern das Herz. Freude! Sonnenschein! Doch dann passiert es: Ich stolpere wieder in die Sünde hinein. Einmal, zweimal, hundertmal.  Erstaunt stelle ich fest, dass immer noch böse Neigungen aktiv sind, die viel zu oft zu konkreten Taten werden. Einerseits liebe ich die Glaubensgeschwister, lese interessiert in der Bibel und lobe Gott – andererseits nagt jedoch das Verlangen nach Sünde mächtig an meiner Seele. Wie kommt es, dass zwei ganz unterschiedliche Quellen in mir sprudeln, dass Gut und Böse im täglichen Leben so unglaublich dicht beieinander liegen?

Die Antwort lautet: Der von neuem Geborene besitzt zwei Naturen, eine alte und eine neue. Auch wenn die Ausdrücke „alte Natur“ und „neue Natur“ in der Schrift nicht vorkommen, so sind sie doch sehr treffend. Denn jeder Glaubende hat zwei Geburten erlebt: die natürliche Geburt und die Neugeburt (Joh 3,3). Er ist einerseits durch die natürliche Geburt ein Kind Adams und andererseits durch die neue Geburt ein Kind Gottes (Joh 1,12.13). In ihm bestehen nebeneinander das Fleisch bzw. die Sünde sowie das ewige Leben. Somit hat er zwei unterschiedliche Naturen, die von ihrer Herkunft her gegensätzlich sind und ihre jeweils typischen Wesensmerkmale behalten.

Die alte Natur

Um mehr über die alte Natur zu erfahren, beginnen wir am besten ganz am Anfang der Bibel: bei Adam. Als Adam im Garten Eden gesündigt hatte, veränderte das seinen Zustand vollständig. Aus einem unschuldigen Geschöpf wurde ein Sünder. Er hatte nun eine Natur, die Gott nicht gefallen konnte. Und nicht nur Adam, sondern auch alle seine Nachkommen. Aus einem Unreinen können eben nur Unreine hervorkommen (Hiob 14,14; vgl. Ps 51,7).Wir sind ausnahmslos sterbliche Sünder (Rö 5,12–21), die eine Natur besitzen, die zum Sündigen führt. So wie an einem Dornstrauch nur Dornen und keine schmackhaften Früchte wachsen, so kommen aus der sündigen Natur böse Gedanken und Taten, aber keine Frucht für Gott hervor (vgl. Mt 7,16; 1. Mo 6,5).

Die neue Natur

Wer an Jesus Christus glaubt, wird von neuem geboren. Der Glaubende empfängt neues, ewiges Leben. Der Heilige Geist ruft dieses Leben durch das Wort Gottes hervor (Joh 3,3.5; 1. Pet 1,23). Wer auf diese Weise durch das Wort der Wahrheit gezeugt wurde (Jak 1,18), hat eine neue Natur. Eine großartige Veränderung ist eingetreten, die nicht verborgen bleiben wird.   Doch hier ist ein wichtiger Punkt zu beachten: Wenn auch der, der zum Glauben gekommen ist, sich verändert hat, das Fleisch in ihm blieb unverändert. Der Herr Jesus hat zu Nikodemus gesagt, als Er mit ihm über die Neugeburt sprach: „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist“ (Joh 3,6). Bei der Neugeburt wird das Fleisch nicht entfernt, bereinigt oder veredelt, sondern etwas Neues in der Seele bewirkt.  Die Bibel zeigt klar, dass in solchen, die von neuem geboren sind, die Sünde weiterhin wohnt bzw. das Fleisch vorhanden ist. In 1. Johannes 1, 8 steht: „Wenn wir [als Christen] sagen, dass wir keine Sünde [= alte Natur] haben, so betrügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Und in Galater 5,17 wird der Kampf zwischen dem Fleisch und dem Heiligen Geist beschrieben, der in einem Gläubigen stattfindet. Der Gläubige hat das Fleisch in sich, solange er auf der Erde lebt. Erst wenn wir in der Herrlichkeit sind, werden wir die alte Natur nicht mehr haben.

Die beiden Naturen

Der Christ hat also zwei Naturen. Wenn er gemäß der alten Natur handelt, kann er nur  sündigen: Denn das Fleisch ist dem Gesetz Gottes nicht untertan und vermag es auch nicht (Rö 8,7). Handelt er entsprechend der neuen Natur, kann er nicht sündigen: „Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde, denn sein [d.h. Gottes] Same bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist“ (1. Joh 3,9).  In Römer 7,25 spricht Paulus in einem Vers von den beiden Naturen: „Also nun diene ich selbst mit dem Sinn [d.h. mit dem durch den Geist erneuerten Sinn, das ist die neue Natur] dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde.“ Dieser Vers will nicht sagen, dass es normal ist, wenn der Gläubige einerseits nach den Gedanken Gottes lebt und andererseits immer wieder sündigt. Der Vers stellt vielmehr eine Gesetzmäßigkeit vor: Wenn wir nach der neuen Natur leben, erfüllen wir den Willen Gottes, und wenn wir dem Fleisch Raum geben, kann nur Sünde die Folge sein.  Es drängen sich jetzt einige Fragen auf: Wenn das Fleisch noch in mir ist, was bedeutet das für mein Verhältnis zu dem heiligen Gott? Und was muss ich tun, damit nicht die alte Natur, sondern die neue in meinem Leben sichtbar wird?   Drei Punkte möchte ich dazu vorstellen:

1. Gottes Standpunkt einnehmen

Gehen wir kurz zurück und fassen zusammen, was den Sünder ausmacht. Er hat zwei große Probleme: Erstens seine sündigen Werke und zweitens seine sündige Natur. Die Sünden können vergeben werden, weil das Blut des Herrn Jesus zur Sühnung geflossen ist (Rö 3,23–26). Aber eine Natur kann nicht vergeben werden. Wir kennen das auch aus dem zwischenmenschlichen Bereich: Wenn uns ein Raufbold eine Ohrfeige verpasst hat, können wir ihm diese Tat vergeben, aber wir können ihm nicht die Eigenschaft verzeihen, ein  Raufbold zu sein.

Wie hat Gott auf das Problem der Sünde – der alten Natur – reagiert? Römer 8,3 sagt: „Das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem er seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sendend, die Sünde im Fleisch verurteilte.“ Gott hat die Sünde verurteilt – und zwar bei seinem eigenen Sohn am Kreuz auf Golgatha, der keine sündige Natur hatte, aber an dem unsere sündige Natur verurteilt worden ist. Christus wurde von Gott zur Sünde gemacht, und Er ist der Sünde gestorben (2. Kor 5,21; Rö 6,10). Wer an das Werk des Herrn Jesus glaubt, darf wissen: Christus hat am Kreuz meinen Platz eingenommen. Mein Stellvertreter starb für das, was ich getan habe, und auch für das, was ich bin. Gott betrachtet mich jetzt als mit Christus gestorben. „Unser alter Mensch“ wurde mitgekreuzigt – mein ganzer verdorbener Zustand als Sünder hat in den Augen Gottes sein Ende am Kreuz Jesu gefunden. Ich bin freigesprochen (gerechtfertigt) von der Sünde (Rö 6,6.7).Die Verbindung zu dem in Sünde gefallenen Adam wurde getrennt, ich gehöre jetzt dem Auferstandenen an. Ich nehme eine ganz neue Position vor Gott ein! Wenn Er auf mich blickt, sieht Er Christus und nicht Adam. Ich habe nicht nur einen neuen Platz, eine neue Stellung, sondern jetzt auch „Leben in Christus Jesus“ – „äußerlich“ eine neue Position und „innerlich“ neues Leben. Das Fleisch ist zwar noch in uns Christen, aber es definiert nicht mehr unsere Stellung, unseren Zustand vor Gott. Wir sind nicht mehr „im Fleisch“ (Rö 8,8.9). Unser „wahres Leben“ ist das Leben, das wir in dem Herrn Jesus empfangen haben (Kol 3,3.4).

Eine alte Illustration mag an dieser Stelle hilfreich sein: Stellen wir uns einen wilden Apfelbaum vor, der nur wertlose Früchte hervorbringt. Alles Umgraben und Düngen ändert nichts daran. Die Baumkrone wird deshalb abgesägt und ein Edelreis einpflanzt. Die Geschichte des alten Wildlings ist damit eigentlich zu Ende. Der Obstbauer nennt den Baum nun nach der neuen, edlen Sorte. Das bedeutet nicht, dass das Alte völlig verschwunden ist, denn es können immer noch Triebe aus diesem hervorkommen, aber das Alte ist sozusagen verurteilt und etwas Neues ist geworden. Das Bild anzuwenden, fällt nicht schwer: Der Wildling stellt den Menschen „im Fleisch“ vor, den Gott nicht gebrauchen kann. Doch eines Tages bekommt der Glaubende ewiges Leben geschenkt und nach diesem Leben wird er „genannt“ – es ist sein „eigentliches Leben“. Und so wie der Obstbauer das eingepflanzte Edelreis umhegt und die Triebe des alten Baumes abschneidet, so pflegt der Gläubige das neue Leben und beschneidet die Auswüchse der alten Natur (vgl. Kol 3,5).   Damit sind wir schon beim nächsten bzw. übernächsten Punkt angelangt: der praktischen Seite. Doch halten wir zunächst fest: Gott hat die Sünde am Kreuz verurteilt, aber Er hat sie nicht aus dem Gläubigen entfernt. Da Gott mit der Sünde richterlich gehandelt hat, brauchen wir die Verdammnis nicht zu fürchten (Rö 8,1). Die bloße Anwesenheit der alten Natur muss uns kein schlechtes Gewissen machen und uns beunruhigen. Wenn sie sich zu Wort meldet, müssen wir auch nicht anfangen, unsere Bekehrung in Frage zu stellen.

2. Der Sünde für tot halten  

Wir wissen also, dass das Fleisch im Gläubigen noch vorhanden ist. Aber wie können wir nun verhindern, dass wir die „Lust des Fleisches vollbringen“ (Gal 5,16)? Dazu müssen wir im schlichten Glauben verwirklichen, dass wir mit Christus gestorben sind und uns deshalb der Sünde für tot halten können (Rö 6,2.11).  Eine Illustration mag helfen, diesen Punkt besser zu erfassen:  Zu Beginn des Deutsch-Französischen Krieges (1870–71) wurden auch die deutschen Männer, die in England lebten, zum Wehrdienst einberufen. Eines Tages sah ein Engländer seinen deutschen Freund spazieren gehen und fragte ihn, warum er nicht in den Kampf gezogen sei. „O“, antwortete dieser, „weil ich gestorben bin“. „Du bist gestorben? Das musst du erklären.“ „Gut. Ich wollte nicht in den Krieg gehen und habe einen jungen Mann gefunden, der sich bereit erklärt hat, für mich die Waffen zu nehmen. Er ging an meiner Stelle, er nahm meinen Platz ein – und er ist gefallen. Und das wird von der Behörde so betrachtet, als sei ich getötet worden; ich werde als ein Gestorbener angesehen und kann daher nicht mehr einberufen werden.“

Dieser Mann ging froh seinen Weg, weil er einen Stellvertreter hatte, der für ihn gestorben war. Die höchst unangenehmen Ansprüche der Regierung berührten ihn nicht mehr, da der Tod seines Stellvertreters gewissermaßen sein Tod war. Weil Christus starb, bist Du als Christ der Sünde gestorben. Wenn sich die Sünde bemerkbar macht, darfst Du sie ignorieren. Sie hat keine Anrechte mehr an Dich, ihre tyrannische Herrschaft ist beendet. Ein Alkoholiker kann nicht mehr mit Spirituosen versucht werden, sobald er gestorben ist, und so darfst Du dich gegenüber der Sünde positionieren. Du bist tot! Also gut, dann wollen wir mal einen Tag hinlegen, bei dem die Sünde keinen Fuß in die Tür kriegt! Mit frischem Elan und guten Vorsätzen schwingen wir uns morgens aus dem Bett und möchten gerade heute alles richtig machen. Doch je fester wir es uns vornehmen, desto enttäuschter sinken wir abends in die Federn und seufzen: „Ich habe es wieder nicht geschafft, den Begierden des Fleisches abzuschwören. Morgen aber ganz bestimmt …“ Das ist der falsche Ansatz! Wir sollen nicht selbst kämpfen und die Sache in unsere Hand nehmen. Das würde letztlich bedeuten, das Fleisch mit dem Fleisch besiegen zu wollen, und das ist unmöglich. Mit eigenen Anstrengungen – das ist das Prinzip des Gesetzes – der Sünde auf die Pelle rücken zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Wer es versucht, der wird die niederschmetternde Erfahrung machen, dass er kraftlos ist, so wie das in Römer 7,7–24 eindrücklich beschrieben wird. Wir sollen nicht kämpfen, sondern uns der Sünde für tot halten (Rö 6,11)!

3. Gott leben

Sich der Sünde für tot halten, ist aber noch nicht alles. In Römer 6,11 heißt es weiter, dass wir Gott leben sollen in Christus Jesus. Wir sind von der Sünde freigemacht, um als Sklaven der Gerechtigkeit und als Sklaven Gottes zu leben (Römer 6,18.22). Wer für sich selbst lebt und seine eigenen Ziele verfolgt, wird von der Versuchung überrollt werden und keine Kraft haben, der Sünde zu widerstehen. Wir müssen Gott leben. Doch was bedeutet das? Soll ich mir die Schrecklichkeit der Sünde vor Augen malen, um vor ihr bewahrt zu bleiben? Soll ich minutiös in mein Tagebuch schreiben, was ich alles für geistliche Fortschritte erzielt habe, um besser an mir arbeiten zu können? Oder soll ich etwa ein Gelübde ablegen, um mich Gott ganz auszuliefern? Das alles ist besser, als gleichgültig in den Tag hineinzuleben; aber auf diese Weise komme ich trotzdem nicht weiter, ich handle mir sogar neue Probleme ein.  Damit sich das neue Leben und nicht das Fleisch offenbart, ist etwas anderes nötig: Wir müssen uns an den Herrn Jesus klammern – und an Ihn ganz allein. Ohne Ihn können wir nichts tun (Joh 15,5). Er ist die Quelle und die Nahrung des neuen Lebens. Wenn wir uns ständig mit Ihm beschäftigen, an Ihn denken, dann wird sich wirklich etwas ändern! Wer auf Ihn sieht, hat nicht nur einen vollkommenen Maßstab vor Augen, sondern wird auch in sein Bild verwandelt (2. Kor 3,18). Wir versuchen nicht mehr fieberhaft, uns zu verändern, wir werden verändert. Der Geist Gottes gewinnt Raum und trägt den Sieg über das Fleisch davon (Gal 5,17).

Wir brauchen die richtige Nahrung! Ist es Christus und sein Wort, wird die neue Natur gekräftigt; sind es die Dinge dieser Welt (1. Joh 2,16), dann wird sich das Fleisch breitmachen. Auch hier möchte ich ein Bild gebrauchen: Stell dir einen majestätischen Adler und einen verwilderten dreckigen Hund vor. Der eine ist bestimmt für den Himmel, der andere stöbert im Abfall herum. Diese zwei unterschiedlichen Tiere sind nun aneinandergekettet und müssen miteinander leben. Im täglichen Kampf reiben sie sich gegenseitig auf. Was ist zu tun, damit der Adler die Oberhand bekommt und nicht im Dreck liegen muss? Soll ich ihn permanent auffordern, zu fliegen? Oder soll ich dem Hund befehlen, dass er nicht den Schmutz aufsuchen soll? Beides wäre sinnlos. Der Adler will fliegen und der Straßenköter will zum Dreck. Das entspricht ihrer Natur – und die kann nicht verändert werden. Was ich tun muss, ist dieses: Ich muss den Adler füttern und dem Hund die Nahrung entziehen. Dann wird der Adler stärker und der Hund schwächer. Ganz von allein! Darum: Füttere den „Adler in Dir“ und lass Deinen „Hund“ verhungern. Befasse Dich nicht mit Dingen, die Dein Fleisch anstacheln, sondern nähre die neue Natur. Jeden Tag. So wirst Du ein siegreiches Christenleben führen.

Gerrid Setzer