Der Herr Jesus war auf dem Weg zum Synagogenvorsteher Jairus, dessen Tochter im Sterben lag. Eine Volksmenge umdrängte Ihn. Doch nur eine Person profitierte von seiner Macht: Eine blutflüssige Frau berührte Ihn heimlich und wurde augenblicklich geheilt. Doch der Herr sorgte nicht nur dafür, dass ihr Leib geheilt wurde, sondern kümmerte sich auch um ihre Seele. Durch Ihn lernte sie, die Mauer der Menschenfurcht zu durchbrechen und inneren Frieden zu finden.
Die Heilung dieser kranken Frau zeigt eindrucksvoll, wie ein Mensch von der qualvollen „Sündenkrankheit“ gerettet werden kann. Wir lernen auch, wie der Herr einen Gläubigen zu Zeugen seiner Gnade macht und das Werk Gottes in seinem Herzen befestigt.
Die lange Zeit der Krankheit
Die Frau litt zwölf Jahre unter Blutfluss.[1] Nach dem Gesetz Moses war sie unrein und beständig vom Gottesdienst ausgeschlossen (3. Mo 15,31). Ihre sozialen Kontakte waren rar, da sie durch den Blutfluss alles in ihrer Umgebung verunreinigte (3. Mo 15,25–27). Womöglich war es der Frau schon peinlich, allein über ihre Krankheit zu sprechen.
Wegen ihres Blutflusses war sie von einem Arzt zum anderen gegangen. Markus 5,26 beschreibt die Erfahrungen, die sie dabei gemacht hatte:
- Die Behandlungen an sich waren eine Tortur.
- Die Kosten für die Arztbesuche verschlangen ihren ganzen Besitz. Es blieb ihr nicht einmal etwas für den Lebensunterhalt übrig (Lk 8,43).
- Die Behandlungen brachten keinen Nutzen.
- Es war noch schlimmer mit ihr geworden.
Niemand konnte ihr helfen. Sie hatte die Station „Hoffnungslosigkeit“ erreicht. Ein weiterer Arztbesuch war aus monetären Gründen nicht mehr möglich. Doch dann hört sie von Jesus und macht sich auf, Ihn zu sehen (Mk 5,27).
Vielen Menschen bereitet die „Krankheit der Sünde“ viel Not und sie möchten gern davon frei werden. Sie sind verunreinigt nach Geist und Fleisch. Die Schuld drückt aufs Gewissen, und der Wunsch keimt auf, ein heiliges Leben zu führen. Doch sie merken, dass die Sünde stärker ist und sie ihre Probleme nicht in den Griff bekommen. Die Schlechtigkeit des Herzens fließt über. Ihr verdorbenes Leben zehrt an den Kräften. Manche schämen sich dafür und kapseln sich von ihren Mitmenschen ab. Sünde zerstört Beziehungen und ruiniert die Fähigkeit, Bindungen einzugehen.
Fieberhaft suchen diese „Kranken“ nach einer Lösung, und ein Glücksversprecher nach dem anderen wird konsultiert. Das kostet Kraft, Zeit, Geld – und bringt doch nichts ein. Und jetzt? Wird die Qual der Sünde nie ein Ende nehmen? Ist alles verloren? Nein. Da wird die Botschaft von dem Heiland – durch dich und mich! – verkündet, und hilflose Sünder machen sich auf, Ihm zu begegnen.
Die Berührung des Glaubens
Die Frau zweifelte nicht daran, dass Christus ihr helfen konnte. Sie vertraute völlig seiner göttlichen Macht. Denn sie sagte (mehrfach) zu sich selbst: „Wenn ich nur seine Kleider anrühre, so werde ich geheilt werden“ (Mk 5,28).[2] Doch sie scheute sich, Jesus öffentlich um Heilung zu bitten, sie wollte Ihn nicht bestürmen, wie andere es getan hatten (siehe Mk 6,56; Mk 3,10). Denn sie fürchtete die Meinung der Leute, die sie wegen der Unreinheit meiden wollten. Sie machte sich auch nicht bewusst, dass Jesus ein liebendes Interesse an ihr hat.[3] Die kranke Frau sah in Ihm zuerst den Heiler, der seine Kraft ausströmen lässt, aber nicht den, der sich in Gnade um jeden Einzelnen kümmert.
Scheu näherte sie sich dem Herrn Jesus von hinten und berührte eine der vier Quasten, die an seinem Gewand baumelten (Mt 9,20; Lk 8,44; 5. Mo 22,12). Sofort merkte sie, dass der Blutfluss zum Stillstand kam und sie von der Plage geheilt war. Ihr Glaube an seine Macht hatte sie augenblicklich gesund gemacht. Zahlen musste sie für diese erfolgreiche „Behandlung“ nichts.
Der Sünder, der sein Vertrauen auf Jesus Christus setzt, wird sogleich vom Schmutz seiner Übertretungen gereinigt und von der Knechtschaft der Sünde befreit. Das, was kein Mensch kann, bewirkt der Herr Jesus – auch heute noch.
Die erforschende Frage
Gewöhnlich merkt man im Gedränge nicht, wenn man gezielt berührt wird. Aber dem Sohn Gottes war das nicht verborgen. Er erkannte sogleich in sich selbst die Kraft, die von Ihm (und nicht von seinem Gewand) nach seinem Willen ausgegangen war. Obwohl der Herr auf dem Weg zu Jairus – der es sicher eilig hatte – war, blieb Er stehen. Er wollte erreichen, dass sich die Frau offenbarte und sich nicht einfach mit dem „gestohlenen Segen“ davonschlich. Deshalb wandte Er sich um und fragte: „Wer hat meine Kleider angerührt?“ (Mk 5,30).
Als alle leugneten, fragten Petrus und die Jünger: „Meister, die Volksmengen umdrängen und drücken dich, und du sagst: Wer ist es, der mich angerührt hat?“ (Lk 8,45). Mit dieser Frage bewiesen sie, dass sie den Unterschied zwischen dem Anrühren des Glaubens und dem Drücken der Ungeduld nicht erfasst hatten. Der Herr Jesus erklärte daraufhin seinen Jüngern, dass es Ihm um jemand ging, der Ihn im Glauben berührt hatte und geheilt worden war (Lk 8,46).
Warum wollte der Heiland, dass sich die Frau zu erkennen gab? Genügte es nicht, dass sie geheilt war? Gewiss war die Heilung eine großartige Sache. Aber der göttliche Heiler sollte durch ihr Bekenntnis geehrt werden (vgl. Lk 17,18) und andere sollten zum Glaubensvertrauen ermutigt werden. Und ferner sollte die Frau wichtige Lektionen lernen. Sie sollte erkennen, dass Er ein echtes Interesse an ihr hatte und ihr die Gewissheit geben wollte, dass sie wirklich von der Plage geheilt war.
Wenn jemand zum Glauben an den Herrn Jesus kommt, sollte er zwei Punkte gut verinnerlichen:
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Es ist wichtig, sich öffentlich zu dem Retter zu bekennen. Das, was Er im Verborgenen gewirkt hat, soll nach außen hin sichtbar werden (vgl. 2. Kor 4,6). Der Herr führt uns dazu manchmal in Situationen hinein, in denen wir einfach Farbe bekennen müssen. Das mag gerade für Jungbekehrte viel Überwindung kosten. Aber ist Er es nicht wert, dass wir uns auf seine Seite stellen und Ihn dadurch ehren?
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Es ist wichtig, dass wir nicht nur „geheilt“ werden, sondern dass wir uns der Rettung auch gewiss sind. Der Apostel Johannes zeigt, dass man durch den Glauben an den Sohn Gottes Leben hat (Joh 20,31).
Die Frau offenbart sich
Die Frau, die sich auf die Frage des Herrn nicht zu erkennen gegeben hatte, merkte, wahrscheinlich von seinem Blick getroffen, dass sie nicht verborgen bleiben konnte (Mt 9,22; Lk 8,47). Voll Furcht und Zittern kam sie zu ihrem Retter, fiel vor Ihm auf die Knie und sagte Ihm unaufgefordert die ganze Wahrheit (Mk 5,33). Sie sprach vor dem ganzen Volk – das durch die Frage des Herrn sicher sehr aufmerksam geworden war – von ihrer Krankheit und von der wunderbaren Heilung (Lk 8,47). Ängstlich lag sie vor seinen Füßen, nicht wissend, wie groß seine Liebe und Gnade ist.
Die gnädige Antwort des Herrn
Wie gnädig war seine Antwort! Die Anrede „Tochter“, die Jesus nur für sie gebrauchte, war allein schon Balsam für ihr zitterndes Herz, denn dadurch zeigte Er sein Mitgefühl und stellte sie hinein in die Familie des Glaubens. Was Er zu ihr sagte, ist sehr bedeutsam:
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„Sei guten Mutes“ (Mt 9,22). Zuversicht und Mut hatten die kranke Frau in den vergangenen Jahren wohl kaum begleitet. Und auch jetzt lag sie noch furchtsam zu seinen Füßen. Aber sie durfte Mut fassen. Die folgenden Worte des Herrn zeigen klar, warum.
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„Dein Glaube hat dich geheilt (oder: gerettet)“. Diese Aussage steht im Mittelpunkt, denn sie wird von Matthäus, Markus und Lukas berichtet. Mit diesen Worten machte der Herr deutlich, dass nicht die Berührung an sich geheilt hatte, sondern ihr Glaube. Die Heilung war seine Antwort der Gnade auf ihren Glauben. Was sie gespürt hatte, war Realität.
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„Geh hin in Frieden“ (Mk 5,34; Lk 8,48). Sie, die voll Furcht und Zittern gewesen war, durfte in Frieden gehen. Sie brauchte sich nicht vor der Volksmenge zu fürchten und schon gar nicht vor ihrem Retter, der es gut mit ihr meinte. Sie musste sich auch keine Vorwürfe machen, dass sie sich den Segen „erschlichen“ hatte. Nein, es war alles gut.
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„Sei gesund von deiner Plage“ (Mk 5,34). Die Frau hatte gemerkt, dass die Quelle ihres Blutes versiegt war (Mk 5,29). Doch woher sollte sie wissen, dass das dauerhaft war? Aber durch sein Wort wurde ihr versichert, dass sie dauerhaft gesund geworden war.
Gewissheit des Heils
Wer zum Glauben kommt, spürt eine Veränderung zum Guten. Was für ein herrliches Aufatmen gibt es, wenn die Sündenlast abfällt und die Fesseln der Sünde gelöst werden! Das Glück ist greifbar. Und das ist nicht verkehrt.
Nur: Man kann nicht auf glückliche Gefühle bauen, wenn es um die Gewissheit des Heils geht. Denn Gefühle wechseln schneller als das Wetter. Gerät man in ein „Tief“ hinein, kommen rasch zweifelnde Fragen auf: Habe ich etwa nur eine besondere religiöse Phase in meinem Leben gehabt oder habe ich mir das mit dem Glauben nur eingebildet? Der Friede ist dahin.
Wer dann in sich hineinhorcht, kommt nicht zur Ruhe. Wir brauchen eine Stütze, die außerhalb von uns ist. Da sind nicht Empfindungen gefragt, sondern das Wort des Herrn. So war es bei der blutflüssigen Frau. Und so ist es auch bei uns. Das Wort Gottes erklärt, dass jeder, der an Ihn glaubt, ewiges Leben hat (1. Joh 5,13). Darauf können wir wirklich bauen.
Die blutflüssige Frau wurde sich ihrer Heilung gewiss, nachdem sie öffentlich ein Bekenntnis abgelegt hatte. Es hat vielen geholfen, sich des ewigen Heils sicher zu werden, indem sie sich frei zum Heiland bekannt haben. Dadurch wird nicht nur anderen etwas klar gemacht, sondern auch die eigene Überzeugung wird fester. Wenn wir eine Wahrheit bezeugen, wird sie sich tiefer in unser eigenes Herz graben.
Es ist bemerkenswert, dass Matthäus erst von der Heilung der Frau spricht, nachdem er die Worte Jesu „Dein Glaube hat dich geheilt“ berichtet hat (Mt 9,22). Das zeigt: Seine Worte machten die Sache der Heilung fest und bildeten die Grundlage ihres Friedens.
Zusammenfassung
Menschen, die mit ihrem Latein am Ende sind, dürfen Rettung bei Jesus Christus finden. Wer gerettet ist, soll den Retter bekennen. Das wird dem Segen Bahn brechen. Der Glaubende darf lernen, nicht auf seine Gefühle zu bauen, sondern auf Gottes Wort. So wird er sich seines Heils gewiss.
Wer sich zu Ihm bekennt und Ihm vertraut, kann seinen Weg mit Zuversicht und in Frieden gehen. Hoffentlich kennen wir alle diese Erfahrung!
[Der Artikel erschien in der Monatszeitschrift Im Glauben leben. Er wurde für die Veröffentlichung stark überarbeitet.]
Fußnoten:
- Es gibt insgesamt drei Personen, die von Jesus geheilt wurden, bei denen die Dauer ihrer Krankheit in der Schrift genannt wird. Das ist neben der blutflüssigen Frau die gekrümmte Frau (18 Jahre) und der gelähmte Mann (38 Jahre). Bei dem gelähmten Mann wird davon gesprochen, dass er eine lange Zeit gelitten hatte (siehe Lukas 13 und Johannes 5).
- Dass sie mit sich selbst spricht, passt in das Bild.
- Darin ähnelt sie dem Aussätzigen in Markus 1,40–45.
