Warnung und Tadel

Online seit dem 07.04.2009, Bibelstellen: Lukas 22,31-34; Lukas 10,38-42

Es ist höchst interessant, in den Evangelien zu verfolgen, wie der Herr in Seiner vollkommenen Liebe und Weisheit mit dem einen oder anderen Seiner Jünger umging. Wir haben schon oft über die bemerkenswerten Worte nachgedacht, die der Herr zu Maria sprach, als Er sich ihr am Auferstehungstag offenbarte. Sie war in dem richtigen Zustand, solche erhabenen Mitteilungen aus Seinem Mund zu empfangen. Aber ich fürchte, dass wir nicht immer in einem Zustand sind, der zu solchen Mitteilungen passt, und wenn ihr ähnliche Erfahrungen gemacht habt wie ich, werdet ihr auch sagen, dass wir allzu oft Mitteilungen von anderer Art benötigen; vielleicht mehr solche wie die Worte des Herrn an Petrus und Martha, die wir gerade gelesen haben.

Wenn der Herr den Namen einer Person wiederholte, beabsichtigte Er damit, Seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Es gab also in dem, was Er diesen zwei Jüngern, Petrus und Martha, sagte, etwas sehr Dringliches und Wichtiges. Unsere Herzen sind nicht immer auf den Himmel ausgerichtet, oder? Meins jedenfalls nicht, das muss ich traurig bekennen. Es wird leider oft abgelenkt. Statt richtig ausgerichtet zu bleiben, wie die Nadel im Kompass, ist mein Herz oft wie der mutwillig geschüttelte Kompass, dessen Nadel in alle Richtungen vibriert. Andere attraktive Dinge tauchen auf, und statt dass das Herz beständig aufwärts gerichtet ist, beginnt es, sich weltwärts auszurichten. Dann benötigen wir ein Wort der Warnung. Wie gut, dass unser Herr uns genau dann dieses Wort der Warnung gibt, wenn wir es benötigen. Simon Petrus war ein großer Apostel, doch auch er brauchte dieses – ein Wort der Warnung vor dem Selbstvertrauen. Das Problem bei ihm war, dass er sich seines Selbstvertrauens nicht bewusst war. Er dachte, er wäre wirklich sehr hingegeben und sehr mutig. Er vergaß aber, dass, wenn er auch sehr impulsiv und obendrein kühn und hingegeben war, es doch einen geistlichen Feind gab, der weit kühner und gerissener war als er; und wenn er diesem Feind in die Hände geriet, hätte er keine Chance. Daher warnte ihn der Herr: „Simon, Simon, siehe der Satan hat euer begehrt, euch zu sichten wie den Weizen.“

Ich bin sicher, dass es gut ist, zu erkennen, dass die geistlichen Mächte, die gegen uns aufgestellt sind, sehr stark sind. Dann werden wir auch niemals leichtfertig oder beleidigend von dem Teufel sprechen. Der Erzengel Michael wagte das auch nicht, und er ist eindeutig der Größte des himmlischen Heeres. Ich nehme an, dass er das nicht tat, weil der Teufel, der zwar ein gefallener Machthaber ist, in seinem ursprünglichen Zustand eine Stufe über Michael stand. Es wird allgemein angenommen, dass wir im Bild des Königs von Tyrus in Hesekiel 28,11–17 eine Anspielung auf den Teufel in seinem ursprünglichen Zustand finden. Er war „ein schirmender, gesalbter Cherub“, er war in der unmittelbaren Nähe Gottes. Er wollte sein wie Gott, und dann fiel er. Was war Simon Petrus gegen eine solche Macht?

Der Herr wusste das alles, und auch, dass nichts als Seine noch mächtigere Fürsprache ihn retten konnten. Daher fügte er hinzu: „Ich aber habe für dich gebetet, damit dein Glaube nicht aufhöre.“ Der Glaube ist das Bindeglied zwischen der Seele und Gott, und wenn dieses aufrechterhalten wird, ist die Situation gerettet. Dem Glauben galt der Angriff des Teufels im Garten Eden. Sein Ziel war es, das Vertrauen des Geschöpfes in seinen Schöpfer zu erschüttern, und es gelang ihm. Daher haben wir das Evangelium äußerst nötig, damit wir durch den Glauben in die rechte Beziehung zu Gott gebracht werden. Wenn Gott den Glauben des Geschöpfes an seinen Schöpfer wiederherstellt, ist Segen die Folge; und wenn der Glaube aufrechterhalten bleibt, bleibt auch der Segen.Wir wissen, was mit Petrus geschah. Satan kam und führte ihn durch eine geschickte Kombination von Umständen in eine Situation, für die er weder Gnade noch Mut noch irgendetwas anders besaß. Wir kennen seinen Fall: Er verleugnete seinen Herrn, wurde ärgerlich, machte Ausflüchte, verwünschte sich und schwor. Wenn sein Herr nicht treu gewesen wäre und für ihn gebetet hätte, was wäre wohl mit Simon geschehen? Es waren die Fürsprache und Tätigkeit des Herrn, die ihn vor einem Ende wie bei Judas Iskariot bewahrten. So wollen wir diese Warnung auch für uns annehmen. Wir wollen bedenken, dass die Macht Satans sehr groß ist und wollen uns ernstlich vor Selbstvertrauen hüten, was, wie ich befürchte, bei neun von zehn Fällen, wo wir versagt haben, beteiligt war. Sagt jemand vielleicht: „Ich glaube nicht, dass ich Selbstvertrauen habe?“ Moment! Behaupte das nicht vorschnell! Wenn du ein junger Gläubiger bist, gibt es wahrscheinlich keine größere Gefahr. Die Tatsache, dass du nach einer klaren Bekehrung ernsthaft und begeistert bist, mag dich glauben lassen, du habest eine helle Zukunft mit glänzenden Erfolgen. Doch dann nimmt der Herr in Seiner heiligen Regierung und in Seiner Freundlichkeit, die uns Lektionen lehrt, Seine Hand einen Moment lang von uns, und schon geht es mit uns nach unten! Auf Selbstvertrauen folgt Unheil.

Wenn wir älter geworden sind, lasst uns nicht glauben, wir wären mit dieser schrecklichen Neigung unserer Herzen fertig. Wir benötigen diese Warnung immer noch dringend. Es ist gibt nichts Leichteres, als es den Juden gleichzutun, die der Apostel in Römer 2 anspricht. Sie betrachteten es als selbstverständlich, dass sie „ein Leiter der Blinden …, ein Licht derer, die in Finsternis sind, ein Erzieher der Törichten, ein Lehrer der Unmündigen“ waren. Für uns sind die „Unmündigen“ vielleicht andere Christen, die die Wahrheit nicht so gut kennen, wie wir sie durch Gottes Gnade kennen dürfen. Wie leicht vertrauen wir auf unsere Fähigkeiten und unsere Kenntnis und Stellung, die wir haben. Wenn wir nicht demütig sind und der Glaube nicht aktiv ist, kann der Teufel uns zu Narren machen. Und wir wissen nur zu gut, wie er das in vergangenen Zeiten innerhalb der Christenheit getan hat. So wünsche ich, dass euch und auch mir diese Wahrheit in den Ohren klingelt, gepaart mit der Gewissheit der Fürsprache und Macht unseres Herrn.Der Fall von Martha war ganz anders, denn sie tat das Rechte. Es war ihr Haus und der Herr war ihr Gast, und wenn sie nicht fleißig die Hausarbeit getan hätte, wäre sie ihrer eindeutigen Pflicht nicht nachgekommen. Das Problem war, dass sie durch „vieles Dienen“ belastet und abgezogen war. Und was lag dem zugrunde? Offensichtlich ein ichbezogener Geist. Sie fing an, sich über ihre Schwester Maria zu ärgern, die ihr bei diesem Übermaß an Vorbereitungen nicht half, sondern zu den Füßen Jesu saß und von Seinen Worten hingerissen war. Als sie sich bei dem Herrn gegen ihre Schwester einsetzte, kam die Antwort: „Martha, Martha, du bist besorgt und beunruhigt um viele Dinge; eins aber ist Not. Maria aber hat das gute Teil erwählt, das nicht von ihr genommen werden wird.“ Das war ein klares Wort des Tadels aufgrund von Ichbezogenheit. Wegen ihrer Ichbezogenheit verkannte Martha ihre Schwester. Das war schlimm, aber noch schlimmer war es, dass sie den Herrn verkannte. Was sagte sie? „Herr, kümmert es dich nicht?“ Das war offensichtlich eine verdeckte Beschwerde, wie bei den Jüngern im Schiff, die sagten: „Lehrer, liegt dir nichts daran, dass wir umkommen?“ Das war wirklich eine Beleidigung, zu unterstellen, es kümmere Ihn nicht. Das waren Zweifel an Seiner Liebe, Seiner Zuneigung, Seiner Gnade. Kein Wunder, dass der Herr ihren Namen zweimal nennt und damit Seiner Entgegnung höchsten Nachdruck verleiht. Wir tun gut daran, diese Schriftstelle sehr zu Herzen zu nehmen. Wenn Menschen ichbezogen werden, machen sie ihren Dienst, weil es ihr Dienst ist, zum Mittelpunkt ihrer Gedanken. Viele Schwierigkeiten unter Gläubigen werden dadurch verursacht. Wir sagen: „Es ist mein Dienst, mein Werk. Ich möchte, dass mein Werk gedeiht.“ Ich fange an, zu glauben, der liebe Bruder beachtet mich und meinen Dienst nicht ausreichend. Das Ich in einer sehr subtilen Form ist der Grund von allem, und dann werde ich nörglerisch und streitsüchtig und bin immer geneigt, mich über andere zu beschweren. Dann werde ich, wie Martha, über viele Dinge besorgt und beunruhigt. Mängel und Schwierigkeiten scheinen in jede Richtung hervorzuquellen. Was ist das Heilmittel für einen solchen Zustand? Nun, wir sollten den Gegensatz zwischen den „vielen Dingen” und dem „Einen” nicht übersehen. In dieser Welt werden wir zwangsläufig mit vielen beschwerenden Dingen konfrontiert. Die wahre Schwierigkeit liegt nicht in diesen Dingen selbst, sondern in dem inneren Zustand, der uns dazu führt, uns von diesen beschwerenden Dingen beschweren zu lassen. Wir fürchten und sorgen uns wegen so vieler Dinge, weil wir so ichbezogen sind. Wonach sollten wir trachten? Christuszentriert zu sein. Wenn Christus unsere Herzen einnimmt, wenn Er der Mittelpunkt unserer Gedanken und Aufgaben und Unternehmungen und Erwartungen ist, werden die Dinge einfacher und verlieren ihre Kraft, uns zu beunruhigen. Wir sollten natürlich andächtig und fleißig sein, aber wenn Sein Wille unsere Zielsetzung und Sein Wort unsere Leitung ist, werden wir nur das Eine vor uns haben. Maria erkannte, dass Er ihr durch Sein Wort viel mehr zu geben hatte, als sie Ihm durch ihren Dienst geben könnte, und so wählte sie das gute Teil und setzte sich zu Seinen Füßen nieder. Es heißt nicht, wie oft falsch zitiert wird: „das bessere Teil.“ Hier wird kein Vergleich aufgestellt; es geht um „das gute Teil …, das nicht von ihr genommen werden wird.“ Durch das Hören Seines Wortes lernen wir Ihn kennen, und diese Vertrautheit mit Ihm und Seinen Gedanken wird bis in Ewigkeit bleiben. Es ist ein Teil, das schon auf der Erde gekannt wird, das aber im Himmel noch größer und tiefer und reifer werden wird. Das ist das Eine, was Not ist, und ein christuszentrierter Geist wird uns vor dem Fehler Marthas bewahren. Es gibt noch eine Stelle in Lukas, wo der Herr einen Namen wiederholt. Er sagte: „Jerusalem, Jerusalem … wie oft habe ich … und ihr habt nicht gewollt“ (Lk 13,34). Dazu will ich zum Schluss nur noch sagen, dass wir hier den Geist unseres Herrn sehen, der am Ende jener Haushaltung den Untergang solcher vorhersagen musste, die Ihn verworfen hatten. Mit diesem Geist müssen wir getränkt werden. Unser Los ist in die letzten Tage einer anderen Haushaltung gefallen. Das Weltsystem liegt im Sterben. Wir müssen uns sehr von der unter Gericht stehenden Welt rein erhalten. Wir werden ihren Untergang nicht dadurch aufhalten, dass wir uns in ihr Streben und ihre Politik einmischen. Unser Auftrag lautet, aus der Welt hinauszugehen, und das erreichen wir nicht, wenn wir nicht anfangen uns von ihr und ihrem Geist rein zu erhalten, und dann fortfahren, uns diesen schönen Geist des Mitgefühls zu eigen zu machen, der sich so vollkommen in unserem Herrn zeigte.Lasst uns diese Dinge beachten. Ich möchte dieses Warnsignal ertönen lassen, damit wir vor Selbstvertrauen bewahrt bleiben und frei sind von der Beschäftigung mit uns selbst, die dazu führt, ein ichbezogenes Leben zu führen, und damit wir mehr von dem Geist und Sinn unseres Meisters, des Herrn Jesus Christus, geprägt sind.

[Übersetzt von: Marco Leßmann]

F.B. Hole