Joseph von Arimathia

Online seit dem 29.12.2009, Bibelstellen: Markus 15,42-46

Gerade erst war das rasende Geschrei des aufgewiegelten Mobs in Jerusalem verklungen. Gerade erst war das höhnische Gelächter der Soldaten und jüdischen Würdenträger verebbt. Endlich war dieser unliebsame Nazarener hingerichtet. Kopfschüttelnd und lästernd wenden sich die Passanten ab. Da sieht man einen vornehmen Herrn eiligen Schrittes in den Gebäuden des römischen Präfekts Pilatus verschwinden. Er hat nur noch wenige Stunden Zeit, das zu tun, was er sich vorgenommen hat. Er will verhindern, dass der Leib Jesu lieblos auf dem „Friedhof“ der Kriminellen verscharrt wird. Er will ihn auf eine würdige Weise beerdigen.

Wer ist es, der es wagt, sich im Angesicht der blinden Wut seiner Landsleute und der kalten Herzlosigkeit der Römer zu diesem verachteten Jesus zu bekennen? Ist es einer seiner zwölf Jünger? Nein, sie waren alle geflohen. Ist es ein Bekannter Jesu? Nein, sie hatte sich abseits des Geschehens gehalten, waren neutral geblieben.

Es ist kein anderer als der Ratsherr Joseph von Arimathia, ein ehrbares Mitglied des jüdischen Synedriums. Nie hat er es bisher gewagt, sich zu Jesus zu bekennen. Zwar hat er in die Tötung Jesu nicht eingewilligt, aber dass sein Herz für diesen Verachteten schlägt, hat er nicht zu bekennen gewagt. Er hat Angst vor den Juden gehabt. Woher kommt ihm plötzlich dieser Mut? Wie kann er so kühn sein, sich öffentlich gegen die allgemeine Meinung aufzulehnen und seinen Platz im Synedrium damit aufs Spiel setzen?

Es kann nur der Blick auf das willige Lamm Gottes gewesen sein, der etwas in ihm bewirkt hat. Die Gnade und Demut seines Herrn und sein Sterben am Kreuz müssen sein Herz angerührt und seine Zuneigungen geweckt haben. Als kein Jünger mehr da war und die Bekannten von ferne standen, als die Zuschauer des Kreuzigungsschauspiels sich mit einer lapidaren Geste der Erschütterung abwandten, da tritt Joseph hervor, gräbt den Kreuzesstamm aus und löst die langen Nägel aus den Händen und Füßen des Gekreuzigten. Dann wickelt er den Leib Jesu unter Mithilfe von Nikodemus zusammen mit Gewürzsalben in das feine Leinentuch, das er hierfür gekauft hatte, und legt ihn in seine neue Gruft. Damit wird er zum Werkzeug, um Gottes Absichten, die Er schon Jahrhunderte vorher durch Jesaja offenbart hatte, zu erfüllen (vgl. Jes 53,9).

Wir können nicht an dieser Szene vorüber gehen, ohne dass sie uns persönlich anrührt und uns etwas zu sagen hat. Ich möchte sieben Punkte nennen: 

  1. Wie oft gleichen wir diesem Joseph von Arimathia und haben nicht den Mut, uns auf die Seite des verachteten Jesus von Nazareth zu stellen.
  2. Der Blick auf den Gekreuzigten, der sich aus Liebe zu uns hingegeben hat, kann in unseren Herzen etwas in Bewegung bringen, und uns anspornen, Ihn zu ehren, auch wenn das für uns Nachteile bedeutet und alle anderen mit ihm nichts zu tun haben wollen.
  3. Gott kann aus furchtsamen Jüngern kühne Jünger machen. Wir dürfen Ihn darum bitten.
  4. Gott kann Menschen in seinen Dienst berufen, von denen wir es nie gedacht hätten.
  5. Auch vornehme Leute sollten sich nicht zu schade sein, einen mit Mühe, Anstrengung und auch Verachtung verbundenen Dienst zu tun.
  6. Was Gott sich vornimmt, das führt Er aus, auch wenn Menschen das Gegenteil planen und die, die eigentlich zur Erfüllung seines Plans mitwirken sollten, nicht bereit sind.
  7. Gott vergisst kein Werk, das aus Liebe zu Ihm getan wird. Die Tat Josephs war für Ihn so wertvoll, dass Er alle vier Evangelisten angewiesen hat, davon zu schreiben.

Marco Leßmann