Jean Marteilhe – ein Galeerensträfling

Online seit dem 23.08.2012, Bibelstellen: Hebräer 12,1

Galeeren waren geruderte Kriegsschiffe, die im Mittelalter und in der frühen Neuzeit eingesetzt wurden. Sie waren zudem schwimmende Gefängnisse, da Kriminelle auf ihnen ihre Strafe abbüßten. Aber auch Christen mussten um ihres Glaubens willen auf den Galeeren rudern. Einer von ihnen war der Franzose Jean Marteilhe. Er kam schon im Alter von sechzehn Jahren auf eine Galeere.

Jean Marteilhe wurde 1684 im südwestfranzösischen Bergerac geboren. Er hatte gläubige Eltern, die Hugenotten (französische Protestanten) waren. Ein Jahr nach Jeans Geburt erließ der streng katholische König Ludwig XIV. (der „Sonnenkönig“) das Edikt von Fontainebleau. Dadurch wurde dem Protestantismus in Frankreich die Grundlage entzogen. Die Kirchen der Hugenotten wurden zerstört und ihre Schulen geschlossen. Abertausende Hugenotten flohen ins Ausland. Das war sehr riskant, denn wer auf der Flucht erwischt wurde, musste mit drakonischen Strafen rechnen: Gefängnis für Frauen, Umerziehungsheime für Kinder und lebenslanger Galeerendienst für Männer.

Flucht und Gefangennahme

Im Oktober 1700 rückten in Bergerac Soldaten des „Sonnenkönigs“ ein. Mit brutaler Gewalt wollten sie die Hugenotten in den Schoß der katholischen Kirche zurücktreiben. Jeans Vater warfen sie ins Gefängnis, seine Mutter wurde misshandelt und seine Geschwister ins Kloster gesteckt. Der 16-jährige Jean Marteilhe konnte jedoch zusammen mit seinem Freund Daniel Le Gras in letzter Sekunde ins Nachbardorf fliehen. „Hier beschlossen wir“, so schreibt Jean, „unsere Reise trotz aller Gefahren bis nach Holland fortzusetzen. Für alle Gefahren, die wir uns im Geist ausmalten, überließen wir uns dem Willen Gottes und fassten, den göttlichen Beistand auf uns herabflehend, den festen Entschluss, nicht wie Lots Frau rückwärts zu sehen.“

Sie wanderten wochenlang viele und kamen schließlich nach Couvin. Und damit waren sie gerettet! Denn in dieser Stadt, die nicht unter französischer Verwaltung stand, befanden sich holländische Soldaten, die Flüchtlingen sicheres Geleit gaben. Aber die beiden jungen Männer wussten nichts davon und gingen weiter, nachdem sie in einer Gasstätte etwas gegessen hatten. Ihnen folgte unauffällig ein Wildheger, der in der Gaststätte Verdacht geschöpft hatte, dass sie fliehen wollten. Als sie kurze Zeit später in der (damals) französischen Stadt Mariembourg ankamen, verriet sie der Wildheger, weil er den Denunzianten-Lohn bekommen wollte: die Hälfte des Vermögens derer, die auf der Flucht gefasst wurden. Die beiden Freunde kamen vor Gericht und wurden zu lebenslanger Galeerenstrafe verurteilt, weil viele Indizien für eine Flucht sprachen. Der Richter war sich bewusst, dass das Urteil hart war und riet den Verurteilten beim Parlament von Tournai, der letzten Instanz, zu protestieren. Jean und Daniel war aber klar, dass das sinnlos war, und sie sagten: „Wir werden ihren ungerechten Urteilsspruch nur vor den Richterstuhl Gottes bringen. Da alle Menschen uns verlassen haben, so wollen wir Gott allein anrufen, auf den wir unser Vertrauen setzen und der ein gerechter Richter ist.“ In den Gefängnissen, in die sie kamen, ging es schlimm zu. Nur durch eine Führung Gottes wurden sie vor dem Hungertod bewahrt. Dann kam der Tag, als die Gefangenen, aneinander gekettet, einen strapaziösen Fußmarsch nach Dünkirchen unternehmen mussten.   

Die Galeeren

Als sie in Dünkirchen ankamen, wurden Jean und sein Freund Daniel nach kurzer Zeit auf unterschiedliche Galeeren gebracht.

Von den vierzig Galeeren Ludwigs des XIV. waren sechs in Dünkirchen (an der Nordsee) und vierunddreißig im südfranzösischen Marseille (am Mittelmeer) stationiert. Galeeren waren große Ruderschiffe, die einen schlanken, flachen Rumpf hatten. Sie waren sehr wendig und gut geeignet, um Schiffe zu entern und zu rammen. Galeeren besaßen auch größere und kleinere Segel. Auf dem vorderen Teil der Galeeren befanden sich eine Handvoll Kanonen. Die Galeeren waren nur bedingt hochseetauglich, was sich als großer Nachteil erwies. Sie hielten sich hauptsächlich in Küstennähe auf und steuerten schnell dem Hafen zu, wenn der Seegang schwerer wurde. In den Wintermonaten kamen sie überhaupt nicht zum Einsatz. Jean Marteilhe stufte die militärische Bedeutung der Galeeren als gering ein. Das primäre Kriegsschiff in jenen Tagen waren stark bewaffnete Segelschiffe.

Auf einer Galeere befanden sich insgesamt ungefähr 500 Personen. Die königliche Galeere La Grande Réale, auf der Jean Marteilhe seinen Dienst verrichtete, war etwas größer. In der Regel befanden sich auf diesem Schiff: 120 Soldaten, 70 Matrosen, 360 Galeerensträflinge, 60 türkische Sklaven sowie Kapitän, Offiziere und andere; insgesamt 670 Personen.

Das Leben der Galeerensträflinge

Die Galeerensträfliche hatten ein hartes und trauriges Los. Sie wurden dauerhaft an einer der Ruderbänke gekettet und mussten meist zehn bis zwölf Stunden am Tag rudern. Die Ruder, die sie im Gleichtakt zu bewegen hatten, waren zwölf Meter lang. Aufpasser schritten durch die Gänge und „motivierten“ die Sträflinge mit Peitschenhieben.

„Ich bin selbst dabei gewesen“, schreibt Jean Marteilhe, „als wir vierundzwanzig Stunden hindurch mit allen Kräften rudern mussten, ohne einen Augenblick auszuruhen. Bei solchen Gelegenheiten steckten uns die Aufseher und andere Schiffsleute ein Stück in Wein getauchten Schiffszwieback in den Mund (ohne dass wir die Hände vom Ruder zu erheben brauchten), um zu verhindern, dass wir ohnmächtig werden. Dann hört man nur Geheul von diesen Unglücklichen, denen unter den mörderischen Peitschenhieben, die man ihnen versetzt, das Blut vom Rücken herabrieselt … Und wenn einer jener unglücklichen Rudersklaven am Ruder elend stirbt, wie es oft vorkommt … so wirft man ihn in das Meer wie ein Stück Vieh, ohne das geringste Mitleid zu haben.“

Unter den Galeerensträflingen war die Prügelstrafe gefürchtet. Sie wurde unter anderem dann verabreicht, wenn die Sträflinge während des katholischen Gottesdienstes, der auf dem Schiff abgehalten wurde, nicht niederknieten und ehrfürchtig zuhörten. Jean schreibt dazu: „Man entkleidet den Unglücklichen, der dazu verurteilt ist, vom Gürtel an bis oben, ganz nackt. Danach legt man ihn mit dem Bauch quer über den Koker der Galeere (Mittelgang auf Deck), so dass seine Beine nach seiner Bank und seine Arme nach der entgegengesetzten Bank herabhängen. Man lässt ihm die Beine durch zwei Sträflinge und die beiden Arme durch zwei andere halten. Hinter ihm steht ein Aufseher, der mit einem Tau auf einen kräftigen Türken loshaut, damit dieser aus allen Kräften mit einem starken Tau auf den Rücken des armen Delinquenten schlägt.“ Nach dieser Prügelstrafe wurde der zerschundene Rücken mit Salz und Essig eingerieben – schon allein deshalb, um den Geschlagenen aus der Bewusstlosigkeit zu holen.

Zum Essen bekamen die Gefangenen Wasser, hartes Brot und schwarze Bohnen gereicht. „Was mich betrifft“, schreibt Marteilhe, „so habe ich, obwohl ich hundert Mal davon [von den gekochten Bohnen] zu essen versuchte, doch nie etwas herunterbekommen können.“ Zweimal im Jahr bekamen die Gefangenen ein neues Hemd gestellt, das aus grobem Leinenstoff gewebt war. Die hygienischen Bedingungen waren schlecht und die braun gebrannten Körper wurden von Ungeziefer zerstochen.

Da Galeeren nur bei ruhiger See unterwegs waren, dauerten die Einsätze auf dem Atlantik nur etwa zwei bis drei Monate pro Jahr. Die meiste Zeit wurden die Galeerensträflinge in der Hafengegend von Handwerkern beschäftigt oder sie mussten, an ihre Bänke gekettet, bei Wind und Wetter in der Galeere Strümpfe stricken.

Für die, die um ihres Glaubens willen gefangen waren, kam noch eine besondere Qual hinzu: die nagende Versuchung, freiwerden zu können. Sie hätten „nur“ ihre Glaubensüberzeugung verleugnen müssen, dann wäre alles vorbei gewesen. Was für eine Versuchung!

Jean Martheile wurde schon am Anfang seiner Gefangenschaft von einem reichen Bankier besucht, der gute Beziehungen zu dem Staatsminister der Marine hatte. Der Mann redete freundlich mit ihm und sagte, dass er in vierzehn Tagen ein freier Mann sein könnte. Er müsste nur schriftlich bestätigen, dass er künftig als guter Katholik leben wollte. Doch Jean Marteilhe wies das Angebot entschieden zurück. Er wollte nicht gegen sein Gewissen handeln. Viele erwiesen sich als ebenso treu. Der Preis, den sie dafür bezahlten, war sehr hoch: Von insgesamt etwa 1550 protestantischen Galeerensklaven starb fast die Hälfte während ihrer Gefangenschaft, die meisten bereits in den ersten drei Jahren. Viele kamen bei den blutigen Seeschlachten ums Leben.

Marteilhe wird verwundet

Bei einem Seegefecht in der Themsemündung am 5. September 1708 wurde Jean Marteilhe schwer verwundet. Er sah noch, wie jemand auf einem feindlichen Schiff mit der brennenden Lunte in der Hand die Kanone zündete, die auf seine Galeere gerichtet war. Doch was sollte er tun? Er war angekettet und konnte keine Deckung suchen oder über Bord springen. Er betete kurz und ernst zu Gott. Dann zerriss ein Donnern die Luft. Die Galeere war getroffen! Von der Wucht der Detonation wurde Jean in den Mittelgang geworfen – so weit seine Kette reichte. „Ich verlor eine Unmenge Blut, ohne von irgendjemand Hilfe zu erhalten, da alles tot war, sowohl in meiner Bank als auch auf der vor und hinter mir, so dass von den achtzehn Personen, die wir auf den drei Bänken waren, nur ich mit meinen drei Wunden, und zwar von jeder Ladung jener einzige Kanone, davongekommen war.“ Er kam ins Hospital nach Dünkirchen.  Und so kam Jean – jetzt mit einer verkrüppelten Hand – wieder auf die Galeere. Es wurde jedoch bald klar, dass er den Ruderdienst nicht mehr versehen konnte. Er durfte darum auf dem Schiff Verwaltungstätigkeiten wahrnehmen. Später arbeitete er als Schreiber in Dünkirchen.

Der Gang ins Exil

Als die Engländer nach Dünkirchen gekommen waren, wurde Marteilhe mit anderen Galeerensträflingen Ende 1712 nach Marseille getrieben. Viele Gefangene erreichten das Ziel nicht. In Marseille kam Jean Marteilhe wieder auf eine Galeere. Dort schon nach relativ kurzer Zeit konnte die englische Regierung, die viel für den Protestantismus übrighatte, ihre Forderung durchsetzen: Alle hugenottischen Galeerensträflinge mussten von den Franzosen freigelassen werden.

Am 17. Juni 1713 wurde Jean Marteilhe nach dreizehn Jahren Gefangenschaft auf freien Fuß gesetzt. Er musste allerdings, unter Androhung der Galeerenstrafe, Frankreich für immer zu verlassen. Ein Treppenwitz der Geschichte! Jean Marteilhe war zur Galeerenstrafe verurteilt worden, weil er aus Frankreich fliehen wollte, und später wurde ihm dieselbe Strafe angedroht, wenn er nicht fliehen würde!

Marteilhe ging zunächst in die Schweiz, später in die Niederlande. Dort erschienen 1757 seine Memoiren in französischer Sprache. Es sind die einzigen, die von einem Galeerensträfling überliefert sind. Am 6. November 1777 wurde er im Alter von 93 Jahren zu Christus in das Paradies berufen, wo es weit besser ist.

Das Leben dieses Glaubenszeugen sollte uns anspornen, den vor uns liegenden Wettlauf mit Ausharren zu laufen (vgl. Heb 12,1). Dieser Wettlauf eines Christen ist kein 100-Meter-Sprint, sondern ein Weg, auf dem unser Ausharren erprobt wird. Wenn Jean Marteilhe auf einer Galeere ausgeharrt hat, sollte dann unser Werk des Ausharens nicht erst recht ein vollkommenes Werk haben (Jak 1,4)?

Literaturhinweis: Als Grundlage für diesen Aufsatz diente ganz im Wesentlichen die deutsche Übersetzung der Memoiren von Jean Marteilhe. Sie ist unter dem Titel „Galeerensträfling unter dem Sonnenkönig“ beim Verlag C.H. Beck in München erschienen. Die Aufzeichnungen von Jean Marteilhe werden gemeinhin als sehr glaubhaft eingestuft. 

Gerrid Setzer