Ihr seid die Reben

Online seit dem 12.11.2011, Bibelstellen: Johannes 15

Der Herr Jesus ist der Weinstock, wir sind die Reben, der Vater ist der Weingärtner. So sagt es unser Herr in Johannes 15. Die Jünger hatten damals wahrscheinlich kein Problem damit, den Vergleich zu verstehen. Erstens kannten sie das Bild schon aus dem Alten Testament und zweitens hatten viele Juden ihre eigenen Weinstöcke. Für uns heute sind ein paar Informationen und Erklärungen zum besseren Verständnis sicher hilfreich.

Für Sein Handeln mit Israel benutzt Gott das Bild eines Weingärtners und seines Weinbergs. Gott hatte sich Israel als Weinstock aus Ägypten gezogen. Einige Details dazu berichten Psalm 80,9–18 und Jesaja 5,1–7: Er grub den Weinberg um und befreite ihn von Steinen. Dann pflanzte Er seinen Weinstock und beschnitt und pflegte ihn. Es gab nichts, was Er nicht für seinen Weinstock getan hätte. Er machte ihm Raum und stärkte ihn, sodass er sich (unter David und Salomo) vom Meer (Mittelmeer) bis zum Strom (Euphrat) ausbreiten konnte. Dann wartete Er darauf, dass der Weinstock Trauben brächte, aber er brachte nur schlechte Beeren. Seine angebliche Frucht war für Gott ungenießbar. Gott sah sich daher nach viel Geduld, Warnungen und Zuwendungsarbeit enötigt, die Mauer, die Er zum Schutz des Weinbergs errichtet hatte, niederzureißen und den Weinstock berupfen und zertreten zu lassen. Israel wurde von den Nationen zertreten.

Gott hat sich daraufhin einen „Menschensohn“ – Jesus Christus – als neuen Weinstock gestärkt, wie schon Psalm 80,18 angekündigt hatte. Der Herr Jesus ist der „wahre Weinstock“ (Joh 15,1) und bringt Gott die Frucht, die Er bei Israel vergeblich gesucht hatte.

Die Frucht eines Weinstocks hängt bekanntlich nicht direkt am Weinstock oder Stamm, sondern an den Reben. Das ist auch in dem Bild des „wahren Weinstocks“ so. Die Frucht wird an den Reben gesucht. Und diese sind ein Bild von uns. Denn Johannes 15 sagt, dass wir die Reben sind. Alle Menschen, die in Verbindung mit Christus stehen (auch wenn es nur eine äußerliche Beziehung ist, dem Namen und Bekenntnis nach, weil sie sich Christen nennen), sind Reben am Weinstock. Der Weingärtner (Gott, der Vater) möchte Frucht an den Reben sehen, denn dafür hat Er den Weinstock ja gepflanzt. Er bemüht sich daher um die Reben, damit sie viel Frucht bringen. Wir können davon ausgehen, dass Er dabei die gleiche Sorgfalt an den Tag legt wie damals bei Israel.

Zum besseren Verständnis für die Arbeit des göttlichen Weingärtners sollen kurze Einblicke in den Weinbau helfen.

Die Arbeit im Weinberg

Der Weinbau ist eine der Kulturen in der Landwirtschaft, die sehr viel Mühe machen. Weinstöcke benötigen das ganze Jahr über intensive Pflege. Bevor ein Weinstock seinen vollen Ertrag bringt, muss er etwa 3 bis 4 Jahre lang gepflegt und beschnitten werden. Man nennt die Pflege der Reben auch „Reb-Erziehung“.

Auch der göttliche Weingärtner ist unermüdlich mit unserer Erziehung beschäftigt, damit wir – wie Johannes 15 es ausdrückt – Frucht, mehr Frucht, viel Frucht und bleibende Frucht bringen (vgl. V. 2.8.16).

Der Rebschnitt

Die Arbeit im Weinberg beginnt im Winter mit dem Rebschnitt. Der Weinstock besteht aus dem Stamm, einer an Drähten angebundenen Bog-Rebe und den daraus im letzten Jahr senkrecht nach oben gewachsenen Trieben. Diese Triebe hatten im vorigen Jahr aus einigen Knospen Trauben hervorgebracht. Die Knospen, die nicht geöffnet wurden, nennt der Winzer „schlafende Augen“. Aus ihnen bilden sich jetzt die neuen Triebe, die später die Trauben tragen. Der Winzer schneidet die alte Bog-Rebe bis zu der Stelle ab, wo der stammnächste Trieb aus dem Vorjahr herausgewachsen ist. Diesen Trieb schneidet er auf etwa zwölf jener „schlafenden Augen“ zurück und bindet ihn als neue Bog-Rebe an. Das Binden und Biegen sorgt für eine gleichmäßige Versorgung der Triebe mit den nötigen Nährstoffen.

Beim Rebschnitt muss der Winzer zwischen fruchtbaren und unfruchtbaren („wilden“) Reben unterscheiden. Im Winter sind sie äußerlich gleich, aber sie unterscheiden sich darin, in welcher Beziehung sie zum Stamm stehen. Steht die Rebe auf der nun zweijährigen Bog-Rebe, ist sie fruchtbringend. Steht sie aber auf altem Holz, ist sie unfruchtbar. Sie kann viele Triebe haben,bringt aber nie Frucht, weil die Triebe keine Fruchtansätze haben. Eine solche Rebe muss an ihrer Entstehungsstelle abgeschnitten werden. Sie ist nutzlos. Der Rebschnitt verkleinert die Pflanze zwar, aber dadurch werden die verbleibenden Reben optimal mit Nährstoffen und Feuchtigkeit versorgt.

Mit hundertprozentiger Treffsicherheit unterscheidet auch der göttliche Weingärtner zwischen
fruchtbaren und unfruchtbaren Reben. Es gibt Menschen, die sich äußerlich zu Christus bekennen und für das menschliche Auge nicht sofort von echten Christen unterschieden werden können. Aber ihnen fehlt die richtige Beziehung zu Christus, dem „wahren Weinstock“, und deshalb bringen sie keine Frucht. Sie mögen noch so schön „gewachsen“ sein, dem göttlichen Weingärtner können sie nichts vormachen. Er wird sie abschneiden (vgl. Joh 15,2) und ihr Ende ist das Feuer (vgl. V. 6). (Dass Gott sich intensiv um eine Seele bemüht, um sie zur Bekehrung zu bringen, bevor Er sie endgültig „abschneidet“, ist klar. Aber dieser Gedanke steht hier nicht im Vordergrund.)

Die fruchtbare Rebe dagegen hat  eine echte Lebensverbindung zu dem Weinstock und profitiert damit von dem Lebenssaft, der aus den Wurzeln durch den Stamm in die Rebe fließt. Sie muss gebogen und gebunden werden. So will der Vater auch bei dem Gläubigen, der Leben aus Gott hat, eine Haltung der Demut bewirken, die ihn auf eine optimale Aufnahme der „Nährstoffe“ des Wortes Gottes vorbereitet.

Rebpflege im Sommer

Auch eine gute Rebe bedarf der ständigen Pflege. Der Weinstock hat eine starke Triebkraft. Lässt man ihn wachsen, fängt er an zu wuchern und treibt viel Holz, Ranken und Blätter, aber nur kleine Beeren. Deshalb stehen im Sommer die Laubarbeiten an.
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Beim „Ausgeizen“ werden unerwünschte Triebe aus der Rebe ausgebrochen und beim „Gipfeln“ werden die Rebspitzen entfernt, damit den Früchten mehr Kraft zugute kommt. Die Ranken, mit denen die Pflanze normalerweise klettert und sich Halt verschafft, werden beim „Heften“ entfernt, der Winzer sorgt durch Bänder und Pfähle dafür, dass die schnell treibende Rebe (7 cm pro Tag) nicht abknickt.

Beim Laubschnitt wird die Blätterwand, die sich inzwischen gebildet hat, in Form gebracht. Den Trauben wird damit mehr Freiheit verschafft, und die bessere Lichteinwirkung und Durchlüftung sorgen für eine bessere Qualität. Blätter sind zwar einerseits wichtig, da das Blattgrün (Chlorophyll) in Verbindung mit der Sonneneinstrahlung für die Bildung des Zuckers in der Traube verantwortlich ist. Zu viele Blätter mindern jedoch die Qualität der Trauben.

Die Rebpflege wird in Johannes 15,2 „reinigen“ genannt. Aus unserer alten Natur kommen immer wieder Triebe hervor, an denen Gott überhaupt keine Freude hat. In Kolosser 3,5–9 werden z.B. einige dieser wilden Triebe genannt. Sie müssen getötet werden. Und wenn wir es nicht im Selbstgericht tun, muss Gott vielleicht sogar mal die „Rebschere“ ansetzen. Auch finden sich in unserem Leben zu viele Ranken der Selbsthilfe und des Selbstvertrauens, mit denen wir versuchen, uns selbst Halt zu verschaffen. Diese Stützen (Ranken) muss Gott entfernen, damit wir merken, dass nur Er wirklichen Halt geben kann und auch gerne gibt. Es gibt in unserem Leben zudem oft Dinge, die Gott uns anvertraut hat, damit wir für Ihn viel Frucht bringen. Wenn sie sich aber zwischen Gott und uns schieben, hindern sie uns daran, dass uns die Sonne der Liebe und Gemeinschaft Gottes direkt bescheint – wie die Blätter bei der Weinrebe. Ich denke zum Beispiel an Fähigkeiten, die der Schöpfer uns gegeben hat. Wenn wir sie zum Fruchtbringen einsetzen, erfüllen sie ihren Zweck. Wenn wir sie  anderweitig verwenden, können sie schnell zum Hindernis werden. Diese Reinigung „scheint“ – wie Hebräer 12,11 sagt – „nicht ein Gegenstand der Freude, sondern der Traurigkeit zu sein; danach aber gibt sie die friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die durch sie geübt sind.“

Traubenschutz

Wenn die Rebe die ersten Trauben zeigt, besteht die besondere Gefahr, dass Wildtiere und Vögel in den Weinberg eindringen und die Früchte abfressen. Der Weingärtner hat verschiedene Hilfsmittel wie Zäune, Scheuchen und Bänder, um die Reben zu schützen.

Gott hat uns auserwählt und dazu bestimmt, dass wir Frucht bringen, aber auch, dass unsere Frucht bleibe (vgl. Joh 15,16). In unserem Leben können sich Dinge einschleichen, die verhindern, dass die Frucht, die wir Gott bringen wollten, bis zur Ernte bleibt. In Lied der Lieder 2,15 werden wir besonders vor den kleinen Füchsen gewarnt, die den Weinberg verderben wollen. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die unsere Frucht für Gott verderben. Ein bitteres Wort „verdirbt“ so leicht unsere Sanftmut, eine Unfreundlichkeit unsere Bruderliebe oder eine kleine Verlockung unsere Selbstbeherrschung.

Von Gottes Seite stehen viele Hilfsmittel zu unserem Schutz zur Verfügung. Anders als die Rebe sind wir jedoch selbst dafür verantwortlich, sie auch zu benutzen.

Die Ernte

Im Herbst beginnt dann die Ernte. Was für eine Freude für den Winzer, wenn er feststellen darf, dass sich die ganze Mühe zur Pflege des Weinbergs gelohnt hat und er eine reiche Ernte einfahren kann.

So freut sich auch Gott, wenn wir viel Frucht bringen. Was ist für Ihn Frucht? Woran hat Er seine besondere Freude? An Christus. Deshalb wünscht Er, dass in unserem Leben etwas von den schönen Eigenschaften des Herrn Jesus zu sehen ist. Wie die Weintraube aus vielen
Beeren besteht, so kann auch die Frucht für Gott aus vielen kleinen Dingen zusammengesetzt sein. „Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit“ (Gal 5,22). Hinter jede „Beere“ dieser Frucht könnte man Begebenheiten aus dem Leben des Herrn Jesus schreiben, bei denen sich diese Frucht vollkommen zeigte.

Wann wird sie in unserem Leben sichtbar? Wenn wir in Ihm bleiben und Er in uns. Wenn wir uns mit Ihm beschäftigen und seine Herrlichkeit anschauen, werden wir nach und nach in sein Bild verwandelt, d.h. Ihm ähnlicher (vgl. 2. Kor 3,18). Dadurch wird der Vater verherrlicht und wir werden von unserer Umgebung als Jünger des Herrn Jesus erkannt (Joh 15,8). Wenn wir dem Herrn Jesus ähnlich sind, ist das (auch ohne Worte) ein gewaltiges Zeugnis für Ihn. Ist das dann unser Verdienst? Nein, denn wie die Rebe nicht aus sich selbst heraus Frucht bringen kann, können auch wir ohne Ihn nichts tun.

Marco Leßmann