Johannes der Täufer

Online seit dem 01.12.2011, Bibelstellen: Lukas 1; Johannes 1,8; Johannes 3,29-30; Lukas 7,28; Johannes 1,19-23;

Die Person und der Dienst Johannes des Täufers können uns immer wieder beeindrucken. Vor allem, wenn wir die Zeit beachten, in der Johannes der Täufer lebte, stellen wir einige Parallelen zu unserer Zeit fest. Daher kann sein Verhalten auch für uns in vieler Hinsicht Ansporn und Vorbild sein.

Zu der Zeit, als Johannes geboren wurde, hatte Gott mehr als 400 Jahre nicht mehr durch Propheten zu den Menschen geredet. Und gerade der letzte Prophet des Alten Testaments, Maleachi, gibt eine deutliche Beschreibung des Zustands des Volkes an, das zur Zeit Johannes‘ lebte. Sie verachteten den Namen Gottes, verunehrten Ihn und fragten dann „Womit haben wir deinen Namen verachtet?“ und „Womit haben wir dich verunreinigt?“ (Mal 1,6.7). Sie gaben sich den Schein einer gewissen Religiosität, waren aber blind in Bezug auf die Heiligkeit Gottes und in Bezug auf ihren eigenen, sündigen Zustand. Besonders die Pharisäer, Schriftgelehrten und Obersten des Volkes werden von dem Herrn Jesus als „blinde Leiter der Blinden“ bezeichnet (Mt 15,14). Ist das nicht ein treffendes Bild unserer heutigen Zeit, wo viele eine „Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen“ (2. Tim 3,5)?

Doch wie von Maleachi bereits angekündigt, gab es auch in jener Zeit einige Treue, die Gott fürchteten und seinen Namen achteten (Mal 3,16). Zu diesen Treuen gehörten Zacharias und Elisabeth, die Eltern des Johannes, aber auch Maria, die Mutter des Herrn Jesus, der alte Simeon und die Prophetin Anna. Wenn man die Aussprüche der genannten Personen in Lukas 1 und 2 einmal vergleicht, stellt man fest, dass alle von dem selben Thema und der selben Person redeten: dem Messias. Elisabeth nannte Ihn „mein Herr“ (Kap. 1,43), Maria sprach von „Gott, meinem Heiland“ (Kap. 1,47), Zacharias pries das „Horn des Heils“ (Kap. 1,69) und den „Aufgang aus der Höhe“ (Kap. 1,78), Simeon wartete auf den „Trost Israels“ (Kap. 2,25) und Anna lobte den Herrn, der die Erlösung für Jerusalem bringen würde (Kap. 2,38). Wie gut, wenn der Herr Jesus auch heute das Thema unserer Unterhaltungen ist inmitten von Menschen, die den Namen Gottes verachten.

Die Geburt Johannes des Täufers wurde von dem Engel Gabriel angekündigt. Schon hier wird das Charakteristische des Dienstes Johannes deutlich. Er würde dem Herrn ein zugerüstetes Volk bereiten (Lk 1,17). Dies wurde später von Zacharias mit den Worten bestätigt: „Du wirst
vor dem Herrn hergehen, um seine Wege zu bereiten“ (Lk 1,76). Seine Aufgabe bestand also darin, demjenigen, der nach ihm kommen sollte, ein Volk zuzubereiten. Johannes war von Gott gesandt. Gott selbst sorgte somit dafür, dass der Sohn des Höchsten einen Vorläufer, einen Herold hatte.

Ich möchte auf fünf besondere Eigenschaften des Johannes hinweisen.

1. Abgesondert

Schon in der Ankündigung durch Gabriel heißt es, dass er weder Wein noch starkes Getränk trinken würde. Das erinnert uns an das Gelübde des Nasirs (Nasir heißt Abgesonderter) in 4. Mose 6. Der Nasir war also jemand, der sich ganz dem Herrn weihen wollte. Hier lernen wir, dass die erste Seite der Absonderung die Hingabe und Weihe an Gott ist. Es heißt in 4. Mose 6 immer wieder „für den HERRN“. Und dieser Abgesonderte sollte sich unter anderem von Wein und starkem Getränk enthalten. Johannes war also solch ein Nasir, der dem Herrn geweiht war.

Später finden wir, dass Johannes sich bis zum Tag seines öffentlichen Auftretens in der Wüste aufhielt (Lk 1,80). Er war also auch getrennt von dem Treiben der Welt. Dies ist die zweite Seite der Absonderung: die konsequente Trennung von der Welt. Alle, die die Predigt des Johannes hören und von ihm getauft werden wollten, mussten zu ihm in die Wüste hinausgehen. Gerade weil Johannes getrennt von der Welt lebte, war sein Aufruf zur Buße so glaubwürdig. Wie wollen wir den Menschen klarmachen, dass sie sich bekehren müssen, wenn wir selbst uns in nichts von ihnen unterscheiden und uns anscheinend in ihrer Mitte wohlfühlen?

2. Mit Heiligem Geist erfüllt

Von Johannes dem Täufer heißt es, dass er „von Mutterleib an mit Heiligem Geist erfüllt werden“ wird (Lk 1,15). Wenn auch der Heilige Geist seit Pfingsten in jedem Gläubigen wohnt, so ist das jedoch nicht gleichbedeutend mit „erfüllt sein mit dem Heiligen Geist“. Man kann jedoch eine Verbindung ziehen zwischen erfüllt sein mit dem Heiligen Geist und dem Nasiräertum. In Epheser 5,18 lesen wir: „Und berauscht euch nicht mit Wein, in dem Ausschweifung ist, sondern werdet mit dem Geist erfüllt“. Bemerken wir die Verbindung zu unserem vorigen Abschnitt? Nur der kann mit dem Geist erfüllt sein, der das Nasiräertum verwirklicht, d.h. sich für Gott absondert und sein Leben Ihm weiht.

Überhaupt kann man nur von etwas erfüllt sein, wenn man leer ist von anderen Dingen. Bin ich aber von weltlichen Dingen erfüllt, kann ich nicht gleichzeitig mit dem Geist erfüllt sein. Selbst irdische Dinge, die nicht unbedingt böse sind (und Wein ist ja ein Bild von irdischer Freude), die mich aber doch stark einnehmen, können die Wirksamkeit des Geistes in mir einschränken

3. Genügsamkeit

Die Genügsamkeit Johannes des Täufers kommt besonders darin zum Ausdruck, dass er Kleidung von Kamelhaaren hatte und seine Nahrung aus Heuschrecken und wildem Honig bestand. Kamelhaare waren die einzige grobe Bekleidung, die die karge Wüste hergab. Ebenso waren Heuschrecken und wilder Honig wahrscheinlich die einzigen verfügbaren Nahrungsmittel. Johannes begnügte sich also mit dem, was sein Gott ihm täglich zumaß.

Das erinnert uns an Elia, der auch dort am Bach Krith von Gott selbst mit dem Nötigsten versorgt wurde. Leider geht uns heute das Empfinden für unsere Abhängigkeit von unserem Gott sehr schnell verloren. Die meisten von uns haben reichlich Nahrung und Kleidung und oft noch vieles darüber hinaus. Lasst uns immer wieder daran denken, dass wir nichts haben, was er uns nicht gegeben hat und lasst uns ihm täglich für das danken, was er uns gibt, damit wir uns nicht überheben und uns auf unsere eigene Kraft stützen.

4. Voll Freude

Diese Eigenschaft des Johannes erstaunt uns auf den ersten Blick. Kann man denn, obwohl man sich von den Freuden dieser Welt trennt, dennoch Freude haben? Die Freude dieser Welt konnte nicht die Freude sein, mit der Johannes erfüllt war. Als Johannes als ungeborenes Kind im Leib seiner Mutter den Gruß der Maria, der Mutter des Herrn Jesus hörte, hüpfte er vor Freude. Seine Freude stand also in Verbindung mit einer Person. Später spricht er davon, dass seine Freude erfüllt war, weil er die Stimme des Bräutigams hörte (Joh 3,29). Die Person, die sein Herz mit Freude erfüllte, war der Herr Jesus selbst. Erfüllt der Herr
Jesus auch unsere Herzen mit Freude? Die Freude am HERRN ist unsere Stärke (Neh 8,10).

Vielleicht haben wir deshalb oft so wenig Kraft, weil uns die Freude an dem Herrn fehlt. Und wie wollen wir andere Menschen von einem freudevollen Leben mit dem Herrn Jesus überzeugen, wenn an uns selbst diese Freude gar nicht zu sehen ist?

5. Leer von sich selbst und erfüllt von Christus

Jetzt kommen wir zu der aus meiner Sicht vorzüglichsten Eigenschaft Johannes des Täufers. Er war demütig. Der Herr Jesus sagt öffentlich über Johannes, dass unter den von Frauen Geborenen kein größerer Prophet ist als er (Lk 7,28). Dass er der direkte Vorläufer des Herrn Jesus sein durfte, zeichnet ihn vor allen anderen Propheten aus. Der Geist Gottes sagt weiter
über Johannes, dass er nicht das Licht war (Joh 1,8). Es ist bezeichnend, dass der Geist Gottes es für nötig befindet, zu schreiben, dass er nicht das Licht war. Der Herr Jesus spricht von Johannes als von einer scheinenden und brennenden Lampe (Joh 5,35). Das Licht, das Johannes in seiner Umgebung verbreitete, kam dem wahrhaftigen Licht anscheinend sehr nahe. Natürlich kann nur von dem Herrn Jesus gesagt werden, dass Er das Licht ist. Als Gott ist ja sein ganzes Wesen Licht (1. Joh 1,5). Aber auch wir dürfen und sollen Licht in dieser Welt verbreiten. Wie schön wäre es, wenn der Herr auch uns als brennende Lampen bezeichnen könnte.

Auch in den Augen der Menschen war Johannes hoch angesehen. Jerusalem und ganz Judäa kamen zu ihm hinaus. Er musste ihnen erklären, dass er nicht der Christus, nicht Elias (vgl. Mal 3,23) und nicht der Prophet war (vgl. 5. Mo 18,15–18). Wie leicht hätte Johannes hoch von sich denken können. Aber wenn wir Joh 1,19–37 aufmerksam lesen, stellen wir fest, dass das Gegenteil bei Johannes der Fall war. In Vers 19–23 wird Johannes nach seiner Identität gefragt. Aber wenn es um seine Person geht, werden seine Antworten immer einsilbiger. „Ich
bin nicht der Christus“, „ich bin's nicht“, „Nein“. Johannes spricht nicht gern von sich selbst. Als er dann doch nicht mehr ausweichen kann, bezeichnet er sich als „die Stimme eines Rufenden in der Wüste“. Nicht einmal als Werkzeug Gottes betrachtet er sich, nicht einmal eine Persönlichkeit spricht er sich selbst zu. Ihm ging es so sehr um die Person dessen, den er ankündigen sollte, dass er selbst nicht mehr als eine „Stimme“ sein wollte. Wie befremdend muss diese demütige Gesinnung auf die eigenliebigen Pharisäer gewirkt haben.

In den Versen 24–27 wird er nach seinem Dienst gefragt. Auch hier sagt Johannes nur einen kurzen Satz über die Art seiner Taufe, um sich dann gleich wieder in den Schatten seines Meisters zu stellen. Einer der geehrtesten Knechte und der größte der Propheten hält sich für unwürdig, den niedrigsten Dienst an seinem Herrn auszuführen. Geht es jedoch um den Herrn
Jesus und um seinen Dienst, kann er nicht hoch genug von Ihm sprechen. Er ist völlig erfüllt von dieser einen Person. Das macht auch sein Zeugnis so glaubhaft. Allein die Worte „Siehe das Lamm Gottes!“ müssen so beeindruckend für seine Jünger gewesen sein, dass zwei von ihnen daraufhin dem Herrn Jesus nachfolgten. Seine eigenen Jünger führt er dem Herrn zu. Welche Treue in der Erfüllung des ihm aufgetragenen Dienstes. Welch ein Gegensatz zu solchen, die „die Jünger abziehen hinter sich her“ (Apg 20,30). Jeder Dienst für den Herrn sollte diese Ausrichtung haben: weg von sich selbst und hin zu Ihm. Wenn wir Menschen für den Herrn gewinnen wollen, müssen wir selbst zurücktreten und den Herrn vor die Herzen stellen. Stellen wir uns aber selbst in den Vordergrund, werden wir vielleicht Menschen für uns selbst gewinnen; ob sie dann aber auch dem Herrn nachfolgen werden? Und bedenken wir dabei, dass uns die Menschen anmerken, ob wir wirklich von der Person des Herrn Jesus erfüllt sind, oder vielleicht doch von uns selbst.

Die Jünger des Johannes waren vielleicht neidisch auf den Herrn Jesus, weil so viele zu Ihm kamen, um sich taufen zu lassen (Joh 3,26). Auch Johannes hätte Grund genug gehabt neidisch zu sein, wusste er doch, dass er selbst nicht zu der Braut Christi gehörte und das sein Dienst dem öffentlichen Auftreten des Herrn weichen musste. Aber es war für ihn genug, der Freund des Bräutigams zu sein. Allein die Stimme des Bräutigams zu hören erfüllte ihn mit Freude. „Er muss wachsen, ich aber abnehmen“ (Joh 3,30).

Johannes – eine Herausforderung für uns

Inmitten der Finsternis unserer Tage, inmitten der Christenheit ohne Christus dürfen wir, abgesondert von der Welt und dem Herrn geweiht, in Abhängigkeit von ihm Licht verbreiten. Inmitten der Eigenliebe und der Selbstverwirklichung, die heute so groß geschrieben werden, dürfen wir selbst in den Hintergrund treten, um die Person unseres Herrn Jesus mehr hervorstrahlen zu lassen. Je kleiner wir in unseren eigenen Augen werden, desto größer kann der Herr Jesus für uns werden. Und je weniger Ehre wir im Dienst für den Herrn für uns selbst beanspruchen, desto mehr Ehre wird Ihm zuteil.

Marco Leßmann