An die Redaktion der Francais

Online seit dem 30.06.2012

Der nachstehende Brief wurde im Jahre 1878 an einen der Redakteure des Francais, einer in Frankreich erscheinenden katholischen Zeitung, gerichtet. Dieser hatte den Schreiber gebeten, ihm einige Auskunft über „die Brüder, ihre Lehre...“  zu geben.

Geehrter Herr ...!

Meine Antwort auf den Brief, den Sie an mich gerichtet haben, ist etwas verzögert worden durch fortwährende Beschäftigung, die mir keine Muße ließ. Ich finde durchaus keine Schwierigkeit darin, Ihnen mitzuteilen, was die von mir erkannten Glaubenslehren sind, aber eine öffentliche Zeitung ist nicht gerade der Ort, wo meine Feder sich gern betätigt. Ich glaube, dass die christliche Berufung eine himmlische Berufung ist, dass der Christ, wie sein Meister, nicht von der Welt ist, und dass er auf Erden seinen Platz hat als ein Brief Christi, um inmitten der Menschen das Leben Jesu zu offenbaren, in der beständigen Erwartung, dass sein Herr wiederkommt, um ihn zu sich zu nehmen in die Herrlichkeit. Ihnen, als Redakteur des „Francais“, brauche ich nicht zu sagen, dass Aufsätze, die derartige Grundsätze erörtern, in eine politische Zeitung kaum passen. Allein ich lebe nur für diese Dinge – ein Leben, das, wie ich gern bekenne, nur schwach von mir verwirklicht wird aber ich lebe nur dafür. Indessen will ich Ihnen gern das mitteilen, was Sie interessieren dürfte, nämlich: was mich und andere mit mir veranlasst hat, die Stellung einzunehmen, in der wir uns jetzt als Christen befinden.

Im Blick auf den Unglauben, der sich jetzt allenthalben breit macht, ist es vielleicht gut, zunächst zu sagen, dass ich festhalte (und ich kann hinzufügen, dass wir festhalten), und zwar auf das entschiedenste, an all den Grundlagen des christlichen Glaubens, an der Gottheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, einem alleinigen Gott, gepriesen in Ewigkeit; an der Gottheit und Menschheit des Herrn Jesus, d. i. an zwei Naturen in einer Person; an Seiner Auferstehung und Seiner Verherrlichung zur Rechten Gottes; an der Gegenwart des Heiligen Geistes auf der Erde, als am Pfingsttage vom Himmel herabgekommen; an der Wiederkunft des Herrn Jesus gemäß Seiner Verheißung. Wir glauben ferner, dass der Vater in Seiner Liebe den Sohn gesandt hat, um das Werk der Erlösung und der Gnade zu Gunsten der Menschen zu vollbringen; dass der Sohn in derselben Liebe gekommen ist, um dieses Werk zu tun, und dass Er das Werk vollendet hat, das der Vater Ihm gegeben hatte, um es auf dieser Erde auszuführen. Wir glauben, dass Er Sühnung für unsere Sünden getan und, nachdem Er das Sühnungswerk vollbracht hat, in den Himmel zurückgekehrt ist und nun als Hoherpriester zur Rechten der Majestät in der Höhe sitzt.

Hieran knüpfen sich weitere Wahrheiten, wie die von der wunderbaren Geburt des Heilandes, der völlig ohne Sünde war, und andere mehr. Aber meine Absicht ist nicht, wie Sie verstehen werden, hier eine theologische Abhandlung zu schreiben. Ich will nur feststellen, dass unsere Stellung sich keineswegs auf ein Aufgeben de großen Grundlagen des christlichen Glaubens gründet. Vielmehr würde jemand, der die eine oder andere dieser Grundwahrheiten leugnet, in unserer Mitte nicht zugelassen werden; und wenn jemand unter uns eine Lehre aufstellen würde, welche die eine oder andere dieser Wahrheiten untergraben könnte, so würde er ausgeschlossen werden, allerdings erst, nachdem man alle geeigneten Mittel, ihn zurückzuführen, angewandt hätte. Denn obwohl es Lehrsätze sind, halten wir sie doch für unerlässlich für den lebendigen Glauben und das Heil, für das geistliche und christliche Leben, das wir als aus Gott Geborene leben.

Doch Sie wünschen nicht so sehr die großen Wahrheiten zu wissen, die andere so glauben wie wir, als vielmehr zu erfahren, was uns von jenen unterscheidet.

Nun, ohne, wie bereits bemerkt, im geringsten die Absicht zu haben, eine Lehr–Abhandlung über die genannten christlichen Wahrheiten zu schreiben, fühlte ich doch das Bedürfnis, sie als Grundlage hinzustellen, indem ich alle die als wahre Christen und Glieder des Leibes Christi anerkenne, die durch die Gnade Gottes und die Wirksamkeit des ihnen gegebenen Heiligen Geistes in Wahrheit und von Herzen an diese Dinge glauben. Nachdem ich durch die Gnade des Herrn bekehrt worden war, habe ich sechs oder sieben Jahre unter der Zuchtrute des Gesetzes zugebracht, indem ich fühlte, dass Christus der alleinige Retter sei, aber doch nicht sagen konnte, dass ich Ihn besitze, noch auch, dass ich durch Ihn gerettet sei. Ich betete, fastete, gab Almosen – Dinge, die immer gut sind, wenn sie in geistlicher Weise getan werden –, doch ich besaß keinen Frieden, fühlte aber nichtsdestoweniger, dass, wenn der Sohn Gottes sich für mich dahingegeben habe, ich Ihm angehöre mit Leibe und Seele, mit Hab und Gut. Endlich ließ Gott mich verstehen, dass ich in Christus sei, mit Ihm vereinigt durch den Heiligen Geist. „An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin, und ihr in mir und ich in euch“(Joh 14,20), was sagen will, dass die Jünger diese Dinge verstehen würden, wenn der Heilige Geist gekommen wäre. Hierzu kamen noch andere gesegnete und ermutigende Wahrheiten, wie z. B.: „Also ist jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christus Jesu sind“ (Rö 8,1).

Die Verheißung des Geistes ist für alle, die teilhaben an der Vergebung der Sünden; denn „wer dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit ihm“ (l. Kor. 6,17). So sind die Christen auch der Tempel des Heiligen Geistes: „Euer Leib ist der Tempel des Heiligen Geistes, der in euch wohnt“ (l. Kor. 6,19).

Ich muss nun sagen, dass zu der Zeit, von der ich rede, das Wort Gottes für mich eine unbedingte Autorität für den Glauben und für das praktische Leben wurde; nicht dass ich früher an der Wahrheit des Wortes gezweifelt hätte, aber es war jetzt gleichsam zu einer Überzeugung geworden, die durch Gott selbst in mein Herz gepflanzt worden war. So erkannte ich denn, dass die Gewissheit der Errettung durch das Werk Christi, die Gegenwart des in uns wohnenden Heiligen Geistes, durch den wir, nachdem wir geglaubt haben, „versiegelt worden sind auf den Tag der Erlösung“ (Eph 4,30), sowie das gekannte und in Besitz genommene Heil, wovon uns eben dieses Wohnen des Heiligen Geistes in uns die Versicherung gibt, den charakteristischen Zustand eines Christen bilden. Der Christ ist nicht mehr von dieser Welt. Er hat sie nur friedlich zu durchschreiten, indem er den Willen Gottes tut. Um einen teuren Preis erkauft, soll er Gott verherrlichen in seinem Wandel.

Diese Erkenntnis lenkte meine Gedanken auf die Kirche und ihre Einheit: Der Leib Christi setzte sich für mich aus denen zusammen, die durch den Heiligen Geist mit dem Haupt, Christus im Himmel, vereinigt sind. Wenn wir aber in Christus in den himmlischen Örtern unseren Platz haben – wie geschrieben steht: „Auch euch, die ihr tot waret in euren Vergehungen und Sünden ... hat uns mit dem Christus lebendig gemacht ... und hat uns mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christus Jesus“ (Eph 2,1–6) –, was erwarten wir dann noch? Dass Christus wiederkomme, um uns in Wirklichkeit dahin zu versetzen, wo unser Platz ist. „Ich komme wieder“, hat der Herr gesagt, „und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seiet“ (Joh 14,3).“Unser Bürgertum ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leibe der Herrlichkeit“ (Phil 3,20.21). Wir sind bekehrt worden, „um seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten“ (l. Thess. 1,10). So kennzeichnen denn die Gegenwart des in uns wohnenden Heiligen Geistes und die Erwartung des Herrn in besonderer Weise den regelrechten Zustand des Christen. Nun sind aber alle diejenigen, die diesen Geist besitzen, dadurch ein einziger Leib: „Denn auch in einem Geiste sind wir alle zu einem Leib getauft worden“ (l. Kor. 12,13). Diese Taufe hat stattgefunden am Pfingsttag: „Ihr werdet mit Heiligem Geiste getauft werden nach nunmehr nicht vielen Tagen“ (Apg 1,5).

Die Christen, die sich damals in meiner Umgebung befanden, standen nicht so. Wenigstens war dies, ohne über einzelne urteilen zu wollen, nicht ihr Bekenntnis. Beim Lesen von Apostelgeschichte 2 und 4 wurde es mir leicht, zu erkennen, wie weit wir von dem, was Gott einst auf dieser Erde errichtet hat, entfernt waren. Wo war die Kirche zu finden? Ich verließ die englische Kirche, da sie nicht die Kirche war. Rom hatte nicht verfehlt, im Anfang meiner Bekehrung Anziehungskraft auf mich auszuüben. Aber das 10. Kapitel des Hebräerbriefes machte mir den Anschluss an die katholische Kirche unmöglich. Es heißt dort im 14. und 18. Verse: Denn mit einem Opfer hat Er auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden ... wo aber eine Vergebung derselben (der Sünden und Übertretungen) ist, da ist nicht mehr ein Opfer für die Sünde.“ Dazu kam noch die Vorstellung eines Priestertums hier auf Erden zwischen mir und Gott, während doch unsere Stellung, als Ergebnis des Werkes Christi, die ist, dass wir unmittelbar Gott nahen in vollem Vertrauen: „Da wir nun Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu ...“ (Heb 10, 19).

Ich erzähle Ihnen, wie es mir erging. Ich will nicht streiten, aber der Glaube an das vollbrachte Heil und später mein Bewusstsein davon, dass ich dieses Heil besaß, ließen es mir nicht zu, mich der katholischen Kirche anzuschließen, und da ich die Einheit des Leibes Christi verstanden hatte, zogen die verschiedenen andersdenkenden Sekten mich ebensowenig an. Was die Einheit betrifft, auf die Rom, wie wir alle wissen, Anspruch macht, so fand ich alles im Verfall. Die ältesten Kirchen wollen nichts davon wissen, ebensowenig die Protestanten, so dass der größere Teil aller derer, die ein christliches Bekenntnis tragen, sich außerhalb des Schoßes der römischen Kirche befindet. Anderseits konnte nicht die Rede davon sein, diese Einheit in den protestantischen Parteien zu suchen. Und schließlich sind die meisten von denen, die sich Christen nennen, was auch ihre kirchliche Stellung sein mag, „von der Weit“, Weltleute, wie auch ein Heide es sein kann.

Nun zeigt aber das 12. Kapitel des ersten Briefes an die Korinther klar, dass es eine Kirche gegeben hat, gebildet auf dieser Erde durch die Herniederkunft des Heiligen Geistes: „In einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden“ (l. Kor. 12,13); und es ist einleuchtend, dass dies sich auf der Erde vollzieht, denn es heißt: „Ihr seid Christi Leib, und Glieder insonderheit“ (l. Kor. 12,27). Außerdem spricht der Apostel von Gaben der Heilungen und von Sprachen, von Dingen also, die sich nur auf den Zustand der Versammlung (Gemeinde) auf der Erde anwenden lassen.

Die Versammlung oder die Kirche Gottes war also auf der Erde gebildet und hätte immer offenbar sein sollen. Ach! sie ist es nicht gewesen. Zunächst, was einzelne Personen betrifft, hat der Herr im voraus angekündigt: „Der Wolf raubt und zerstreut die Schafe“ (Joh 10,12); aber, Gott sei Dank! derselbe treue Hirte sagt auch: „Niemand wird sie aus meiner Hand rauben“ (Joh 10, 28). Aber das ist nicht alles. Der Apostel Paulus sagte bei seinem Abschied von den Gläubigen Asiens: „Ich weiß dieses, dass nach meinem Abschied verderbliche Wölfe zu euch hereinkommen werden, die der Herde nicht schonen. Und aus euch selbst werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her“ (Apg 20,29.30).

Judas erklärt, dass schon zu seiner Zeit böse Menschen sich unter die Christen eingeschlichen hätten, und sie werden, was sehr wichtig ist, als solche bezeichnet, die der Gegenstand des Gerichts des Herrn bei Seiner Rückkehr sein werden. Gewisse Menschen haben sich nebeneingeschlichen, die schon vorlängst zu diesem Gericht zuvor aufgezeichnet waren“; und weiter: „Der Herr ist gekommen inmitten seiner heiligen Tausende, Gericht auszuführen wider alle“ (Jud 4.14). Diese Menschen waren Verderber innerhalb der Kirche. Außerdem würde es solche geben, die den christlichen Glauben völlig aufgeben. „Kindlein“, sagt der Apostel Johannes, „es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen geworden; daher wissen wir, dass es die letzte Stunde ist. Sie sind von uns ausgegangen“ (l. Joh 2,18.19).

Aber das ist noch nicht alles. Der Apostel Paulus sagt uns: „Doch der feste Grund Gottes steht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt, die sein sind; und: Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit! In einem großen Hause aber sind nicht allein goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene, und die einen zur Ehre, die anderen aber zur Unehre. Wenn nun jemand sich von diesen reinigt, so wird er ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt, nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werke bereitet“ (2. Tim 2,19–21). Das ist die Kirche in ihrem gegenwärtigen Zustande. Sie ist ein großes Haus mit Gefäßen jeder Art. Und nun ergeht die Aufforderung an den Treuen, sich von den Gefäßen zur Unehre zu reinigen.

Das dritte Kapitel des letztgenannten Briefes redet noch genauer: „Dieses aber wisse, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten da sein werden; denn die Menschen werden eigenliebig sein, geldliebend, prahlerisch, hochmütig, Lästerer usw.“ Das sind ungefähr die gleichen Ausdrücke, deren der Apostel sich bedient, wenn er die Heiden der Sünde anklagt, nur dass er hier noch hinzufügt: 11... die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen“ (vgl. Rö 1,29–31 mit 2. Tim.  3,1–5).

Weiter lesen wir: „Alle aber, die gottselig leben wollen in Christus Jesu, werden verfolgt werden. Böse Menschen aber und Gaukler werden im Bösen fortschreiten.“ Doch zu unserer Sicherheit weist der Brief uns auf die Person hin, von der wir das gelernt haben, was wir glauben: es ist der Apostel selbst, nebst den Schriften, „die vermögend sind, uns weise zu machen zur Seligkeit durch den Glauben, der in Christus Jesu ist“. Er versichert uns, dass „alle Schrift von Gott eingegeben ist und nütze zur Lehre, zur Überführung usw.“ (2. Tim 3,12–16).

Zum Beweis dafür, dass das in die Kirche eingedrungene Böse fortschreiten und nicht geheilt werden würde, sagt der Apostel: „Schon ist das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirksam; nur ist jetzt der, welcher zurückhält, bis er aus dem Wege ist, und dann wird der Gesetzlose geoffenbart werden, den der Herr Jesus verzehren wird durch den Hauch seines Mundes und vernichten durch die Erscheinung seiner Ankunft“ (2. Thess. 2, 7. 8). Das Böse, das schon zur Zeit des Apostels wirksam war, soll also fortschreiten, bis der Böse selbst geoffenbart wird. Der Herr wird ihn vernichten bei Seiner Ankunft; und wenn es sich hier auch nicht eigentlich um die Kirche handelt, so ist uns doch das gleiche offenbart in Bezug auf die Christenheit, indem wir hören, dass das Unkraut da gesät worden ist, wo der Herr den guten Samen gesät hatte. Wenn die Knechte das Unkraut ausreißen wollen, wehrt der Herr ihnen mit den Worten: „Lasst es beides zusammen wachsen bis zur Ernte“ (Mt 13,24–30). Das dem Reiche Gottes angetane Böse sollte bis zum Gericht auf dem Acker dieser Welt bleiben. Zweifellos wird Christus den Weizen in Seine Scheune sammeln, aber die Ernte hier auf der Erde ist verdorben.

Sie werden einwenden: Aber die Pforten des Hades sollen doch das, was Christus gebaut hat, nicht überwältigen.“ Ganz recht, und ich preise Gott dafür mit meinem ganzen Herzen, aber man muß hierbei den Unterschied machen, den das Wort macht. Auf der einen Seite gibt es das Werk Christi, auf der anderen das, was sich durch die Menschen und unter ihrer Verantwortlichkeit vollzieht. Niemals wird der Feind das zerstören, was Christus baut, (wir reden von der Kirche Gottes), noch das Werk des Herrn überwältigen. Welcher Art das Böse auch sein mag, das eingedrungen ist (denn wir leugnen weder die Ketzereien noch die Spaltungen), das Werk Christi hat bestanden und wird immer bestehen. Es ist das Haus, das wir in 1. Petrus 2,4.5 finden, die lebendigen Steine, die zu Christus als dem lebendigen Steine kommen und zu einem geistlichen Hause aufgebaut werden. Dieses Haus finde ich auch in Epheser 2: „lhr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes, aufgebaut auf die Grundlage der Apostel und Propheten, indem Jesus Christus selbst Eckstein ist, in welchem der ganze Bau, wohl zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn.“ Auch hier haben wir das Werk des Herrn selbst, lebendige Steine, die herbeikommen, ein aus Heiligen bestehendes Gebäude, das wächst, um ein Tempel zu sein, der noch nicht vollendet ist.

Aber im Worte Gottes wird das Haus Gottes auf der Erde auch noch in anderer Weise ins Auge gefasst. „Als ein weiser Baumeister“, sagt der Apostel, „habe ich den Grund gelegt; ein anderer aber baut darauf ... Wenn aber jemand auf diesen Grund baut, Gold, Silber, köstliche Steine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden, denn der Tag wird es klar machen, weil er in Feuer geoffenbart wird; und welcherlei das Werk eines jedes ist, wird das Feuer bewähren.“ „Wisst ihr nicht“, fügt er hinzu, „dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, und solche seid ihr“ (l. Kor. 3,10–17). Hier finde ich also die Verantwortlichkeit des Menschen und das Urteil über sein Werk. Das Ganze wird der Tempel Gottes genannt, und das Gericht Gottes fängt hier an, bei Seinem Hause (vgl. 1. Pet 4,17). Schon zu Lebzeiten des Apostels Petrus war die Zeit dafür gekommen, obgleich die Langmut Gottes, die in Gnade handelte, noch wartete. Ich erkenne also die Verantwortlichkeit des Hauses Gottes, der gesamten Christenheit, an. Was Christus selbst baut, ist eine Sache, und die Frucht Seiner Arbeit wird nicht verloren gehen. Was der verantwortliche Mensch baut, ist eine andere Sache. Im Anfang tat der Herr täglich zu der Versammlung hinzu, die gerettet werden sollten“. Aber bald schlichen sich „die falschen Brüder“ ein, das Unkraut wurde gesät, und das Haus wurde angefüllt mit Gefäßen aller Art, von denen der Treue sich reinigen muss, sowie mit einer Form der Gottseligkeit ohne Kraft, wovon man sich wegzuwenden hat.

Das ist es, was das Wort Gottes uns geschichtlich und prophetisch im Neuen Testament darstellt. Dieses Wort, das durch die Lehrer an die Gläubigen gerichtet wurde, ist unsere Hilfsquelle, wenn die schweren Zeiten eintreten; und, wenn das überhaupt nötig wäre, die Ereignisse haben alles, was es sagt, bestätigt.

Was ist nun zu tun? Das Wort sagt uns, dass da, wo zwei oder drei im Namen Jesu versammelt sind, Er in ihrer Mitte ist (Mt 18, 20). Danach haben wir gehandelt. Unser waren anfänglich nur vier, die dies taten, und zwar nicht, wie ich hoffe, in einem Geist des Hochmuts oder des Eigendünkels, sondern tief betrübt im Blick auf den uns umgebenden Zustand, betend für alle Christen, und indem wir alle als Glieder des Leibes Christi anerkannten, die den Geist Gottes besaßen –jeden wahren Christen, wo er sich auch in kirchlicher Hinsicht befinden mochte. Wir wollten nichts anderes, als das Bedürfnis unserer Seelen befriedigen auf Grund des Wortes Gottes, und wir dachten nicht daran, dass dies noch weiterführen würde. So haben wir die verheißene Gegenwart des Herrn gefunden.

Die gleichen Bedürfnisse haben andere den gleichen Weg gehen lassen, und so hat das Werk sich ausgebreitet auf eine Weise, wie wir es nicht im entferntesten gedacht hätten. Es begann in Dublin und breitete sich aus über die britischen Inseln, in Frankreich, wo eine große Anzahl Personen von offenbarem Unglauben bekehrt wurde, in der Schweiz, wo das Werk auf dem Festlande zuerst begann, in Deutschland, in Holland, in Dänemark, wo es gerade seinen Anfang nimmt, und in Schweden, wo gegenwärtig eine große religiöse Bewegung herrscht. Der von uns eingeschlagene Weg hat sich auch ziemlich ausgebreitet in den englischen Kolonien, später auch in den Vereinigten Staaten, in Asien, in Afrika und anderwärts. Der Geist Gottes ist wirksam und schafft Bedürfnisse der Seele, auf welche die religiösen Systeme keine Antwort geben.

Das also ist mit kurzen Worten die Stellung der Brüder, die sich auf die Autorität des Wortes Gottes stützen. In diesem Worte wird Christus in drei verschiedenen Stellungen als Heiland betrachtet: Zunächst als Der, welcher die Erlösung auf dem Kreuz vollbringt, dann als sitzend zur Rechten des Vaters, indem der Heilige Geist von dort herniedergesandt ist, und endlich als wiederkehrend, um die Seinigen zu sich zu nehmen. Wir glauben an diese Dinge, haben die Versicherung unseres Heils in dem Glauben an die Kraft dieser Erlösung, sind versiegelt mit dem Heiligen Geiste, der in jedem wahren Christen wohnt, und erwarten endlich den Sohn Gottes vom Himmel, ohne zu wissen, wann der Augenblick Seiner Ankunft ist. „Denn wir haben nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wiederum zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft, in welchem wir rufen: Abba, Vater!“ (Rö 8,15). Wir glauben an Seine Verheißung: „Ich komme wieder und werde euch zu mir nehmen, auf dass, wo ich bin, auch ihr seiet“ (Joh 14,3). Ein völliger Glaube an die Kraft der Erlösung, die Versiegelung mit dem Heiligen Geiste, die die Gewissheit des Heils und das Bewusstsein der Gotteskindschaft gibt, die Erwartung des Herrn – das ist es, was die Christen kennzeichnet, von denen ich rede. Um einen teuren Preis erkauft, sind sie angewiesen, sich nicht mehr zu betrachten als sich selbst, sondern als dem Herrn Jesus gehörend, um Ihm zu gefallen in allen Dingen und nur für Ihn zu leben.

Das will nicht sagen, dass wir uns alle auf der Höhe der himmlischen Berufung bewegen, aber wir erkennen die Verpflichtung dazu an. Wenn jemand offensichtlich nicht dem entspricht, was einem Christen geziemt, sei es in Sachen der Sittlichkeit oder des Glaubens, so wird er ausgeschlossen. Wir enthalten uns der Vergnügungen und Lustbarkeiten der Welt. Wenn wir abendliche Zusammenkünfte haben, so geschieht es, um das Wort zu erforschen und uns gegenseitig zu erbauen. Wir mischen uns nicht in die Politik. Wir sind nicht von der Welt. Wir nehmen nicht teil an den Wahlen. Wir unterwerfen uns den eingesetzten Obrigkeiten, welche sie auch seien, es sei denn, dass sie etwas befehlen, was dem Willen Christi ausdrücklich zuwiderläuft. Wir nehmen das Abendmahl jeden Sonntag, und die, welche Gaben dafür haben, predigen das Evangelium des Heils den Sündern oder unterweisen die Gläubigen. Jeder ist gehalten, das Heil oder das Wohl seines Nächsten zu suchen, nach der Fähigkeit, die Gott ihm zugeteilt hat. In dem Gefühl, dass die Christenheit verderbt ist, befinden wir uns außerhalb der Welt–Kirche, welchen Namen sie sich auch beilegen mag. Die Zahl derer, die diesen Weg gehen, könnte ich Ihnen nicht nennen. Wir zählen uns nicht, in dem Wunsche, gering zu bleiben, wie es den Christen geziemt. Schließlich betrachten wir als Bruder in Christus jeden, der den Geist Christi hat. Wir erkennen nur eine Kirche an, den Leib Christi, die Behausung Gottes im Geiste.

Sie fragen mich nach dem Nutzen dieses Weges. Der Gehorsam gegen das Wort Gottes genügt uns für unsere Entscheidung. Christus zu gehorchen ist das erste Bedürfnis der Seele, die sich durch Ihn errettet weiß, indem wir Ihn von ganzem Herzen anerkennen als den Sohn Gottes, der uns geliebt und sich für uns dahingegeben hat. Aber fürwahr, indem wir Ihm gehorchen, erweist sich trotz der Schwächen, Fehler und Mängel, die ich für mein Teil anerkenne, Seine Gegenwart der Seele als eine unversiegbare Quelle der Freude und als das Unterpfand eines Glückes, in welchem sich –  Sein Name sei dafür gepriesen! – keine Mängel mehr finden werden, und wo Er völlig verherrlicht sein wird in allen Glaubenden.

Ich habe Ihnen in aller Einfachheit und so gut ich es vermochte auseinandergesetzt, um was Sie mich gefragt haben. Ich wüsste nicht, dass ich Ihnen noch etwas anderes zu bieten hätte. Ich schäme mich fast, Ihnen eine so lange Darstellung der Grundsätze der Christen gegeben zu haben, um die es sich handelt. Da ich meine Arbeit infolge unvermeidlicher Unterbrechungen mehrmals wiederaufnehmen musste, fürchte ich, dass sie einige Wiederholungen enthält. Entschuldigen Sie diese gütigst, und empfangen Sie die Versicherung meiner ganzen Hochachtung.

John Nelson Darby