John Wycliff

Online seit dem 14.08.2012

John Wycliff (u.a. auch Wiclif, Wycliff, Wicliffe) kämpfte intensiv für die Wahrheit des Wortes Gottes und übersetzte als Erster die Bibel in die englische Sprache. Obwohl Wycliff Bedeutendes geleistet hat, ist er hierzulande nicht sehr bekannt. Deshalb wollen wir mal einen Blick in das Leben und Wirken dieses Mannes hineinwerfen. Im Mittelpunkt soll dabei seine Arbeit der Bibelübersetzng stehen.

Über die ersten Lebensjahre John Wycliffs ist wenig bekannt. Er wurde zwischen 1324 und 1330 in der Grafschaft Yorkshire in England geboren. Ungefähr 1345 begann er ein Studium an der angesehenen Universität in Oxford. Dort standen Philosophie, Naturwissenschaften, Mathematik und besonders Theologie auf seinem Programm.

Als Student musste er erleben, dass die Pest Oxford erreichte und Tausende in den Tod riss. Wahrscheinlich hat er in diesen schlimmen Tagen Jesus Christus als seiner Retter kennen und lieben gelernt. Fortan sollte sein Leben dem großen Meister gehören.

Wycliff schloss seine Ausbildung mit einem theologischem Grad ab. Er wurde Professor an der Universität in Oxford und arbeitete außerdem als Pfarrer. Als gläubiger Christ untersuchte er eifrig das Wort Gottes und musste feststellen, dass vieles in der katholischen Kirche – zu der er gehörte – nicht der Bibel entsprach.

Wycliff und die Katholische Kirche

Bald fing Wycliff an, gegen die falschen Lehren und Praktiken der Kirche zu predigen und zu schreiben. Er verwarf unter anderem den Bilder- und Heiligendienst; er wandte sich gegen das Heiratsverbot für Priester, die Ohrenbeichte und den Ablasshandel. Er griff die Autorität des damals sehr mächtigen Papstes an und sagte, dass die Kirche auch ohne Papst leben könne, da Christus das alleinige Haupt der Kirche sei. In späteren Jahren wies er ferner die Transsubstantiationslehre (Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu) als unbiblich zurück.

Auch die Bettelmönche, die als Wanderprediger durch das Land zogen, wurden von ihm an den Pranger gestellt. Er tadelte, dass sie den Menschen auf der Tasche lagen und sie mit ihren phantasievollen, unbiblischen Predigten in die Irre führten. Als Wycliff einmal gefragt wurde, ob er die Bettelmönche mit einem Wort aus der Schrift belegen könnte, antwortete er kühl: „Wahrlich, ich kenne euch nicht“ (Mt 25,12).

Die unerschrockenen Predigten Wycliffs blieben nicht ohne Echo. Mönche und kirchliche Würdenträger leisteten ihm erbitterten Widerstand. Er wurde denunziert und mit allen erdenklichen Schimpfnamen belegt. So bezeichnete ihn ein Bischof als eine Pest, als Kind des Teufels und als Vorläufer und Schüler des Antichristen. Seine Lehren wurde beim Papst als Irrlehren anzeigt. Dass Wycliff dennoch nicht aus der Gemeinschaft der katholischen Kirche ausgeschlossen und in ein Gefängnis gesteckt wurde, lag – zumindest vordergründig betrachtet – daran, dass einflussreiche Leute ihn beschützten. Einer davon war John of Gaunt, der Herzog von Lancaster.

Im Jahr 1382 berief jedoch der neue Erzbischof von Canterbury, William Courtenay, ein Konzil in einem Dominikanerkloster in London ein. Das Konzil verurteilte 24 Artikel aus Wycliffs Werken als Häresien (d.h. als Lehren, die im Widerspruch zur Lehre der Kirche stehen). Wycliff wurde von der Universität verbannt und aus Oxford vertrieben. Indem seine Feinde das taten, stellten sie sich selbst ein Bein: Denn Wycliff nutzte seine Zeit jetzt vermehrt für die begonnene Arbeit der Bibelübersetzung ...

Wycliff und die Bibel

In England war die Bibel in den Tagen Wycliffs nur in lateinischer Sprache erhältlich. Viele konnten Latein nicht verstehen. Zudem war das Lesen der Heiligen Schrift den Laien – also solchen, die nicht von der Kirche zu Priestern geweiht waren – verboten. Als im 13. Jahrhundert einige Bibelteile in Frankreich übersetzt worden waren, ordnete Papst Gregor IX. auf dem Konzil in Toulouse (1229) an: „Wir untersagen auch, dass man den Laien gestattet, die Bücher des Alten und Neuen Testamentes zu besitzen ... Wir verbieten ihnen auf das nachdrücklichste, die oben erwähnten Bücher in der Volkssprache zu besitzen. – Die Wohnungen, die elendsten Hütten und selbst die verborgensten Zufluchtsstätten jener Menschen, bei denen man derartige Schriften findet, sollen vollständig vernichtet werden. Diese Leute sollen bis in die Wälder und Höhlen verfolgt werden, und wer ihnen Obdach gewährt, hat strenge Strafe zu erwarten.“

John Wycliff war katholischer Priester und er las viel in der lateinischen Bibel. Er war völlig davon überzeugt, dass die Bibel das irrtumslose Wort Gottes sei und bezeichnete die Autorität der Bibel als „unendlich höher“ als die Autorität aller anderen Bücher. In seinen zahlreichen Schriften (von denen nicht mehr viele erhalten sind) wimmelt es nur so von Bibelzitaten und von Hinweisen darauf, dass man die Bibel fleißig lesen und ihre Lehren genau befolgen soll.

Mit einer Übersetzung wollte er möglichst vielen Menschen den Inhalt des heiligen Buches nahebringen. Das Verbot der Kirche, die Bibel den Laien zugänglich zu machen, bzw. die Bibel in die Landessprache zu übersetzen, empörte ihn zutiefst. In gewohnt scharfe Weise stemmte sich Wycliff in Wort und Schrift dagegen. Er schrieb unter anderem: „Wer kann Christus weniger lieben, wer wird von Gott mehr verflucht, als wer eine solche Übersetzung verhindert?“ Und: „Es ist eine gotteslästerliche Ketzerei, die Schrift von den Laien fernzuhalten.“

Wycliff stellte denen, die keine Bibelübersetzung in der Landesprache wollten, berechtigte Fragen, wie zum Beispiel: Wie soll ein Christ die Gebote des Herrn halten kann (Joh 14,21), wenn er sie kennt? Wie soll er Rechenschaft von seiner Hoffnung geben (1. Pet 3,15), wenn er nichts von ihr weiß? Und warum soll das Wort Gottes nicht in der Landessprache gelesen werden, wenn es in dieser Sprache den Leuten verkündigt wird (allerdings oft nur sehr dunkel und verfälscht)?

Das absurde und geradezu teuflische Übersetzungsverbot wurde gern damit begründet, dass die „Laien“ das tiefe Wort Gottes nicht verstehen konnten und es nur zu ihrem Schaden verdrehen würden. Sie sollten es sich besser von den Priestern erklären lassen. Doch Wycliff konterte: Sollte man Nahrung deshalb verbieten, weil manche zu viel essen? Sollte man Kindern Lesen und Schreiben nicht beibringen, weil sie am Anfang Fehler machen? Und warum soll das Lesen der Bibel zur Sünde führen – ist Sünde nicht vielmehr die Folge davon, dass man sie nicht liest? Kann ein Priester mit der lateinischen Bibel nicht genauso irren wie ein „Laie“ mit einer englischen?

Im Frühjahr 1380, vielleicht auch schon früher, begann unser John mit der Bibelübersetzung. Er konnte dabei weder den hebräischen noch den griechischen Grundtext zu Rate ziehen, da er diese Sprachen nicht beherrschte. Wycliff benutzte als Grundlage für seine Arbeit die Vulgata, eine weit verbreitete lateinische Übersetzung aus dem 4. Jahrhundert. Zuerst übersetzten Wycliff und seine Mitarbeiter die Evangelien, dann weitere Teile des Neuen Testaments. Anschließend wurde das Alte Testament übersetzt. Im Jahr 1384 konnte die erste Bibelausgabe fertig gestellt werden. Die nächste – von Mitarbeitern Wycliffs überarbeitete – Ausgabe erschien bereits im Jahr 1388.

Als die Wcliff-Bibel erschien, war die Buchdruckkunst noch nicht erfunden. Die Bibel, oder auch Teile davon, mussten von Hand abgeschrieben werden. Das war natürlich ein sehr hoher Aufwand, der entsprechend bezahlt werden musste. Mehrere Monatslöhne eines Normalverdieners wurden beim Erwerb der Bibel fällig. Dennoch gelangte die Übersetzung überall hin. In keinem Land Europas war die Bibel in der Volksprache im 14. und 15. Jahrhundert so weit verbreitet wie in England. Die Wycliff-Bibel wurde übrigens vollständig erst 1810 gedruckt.

Ein Beispiel der Wycliff-Übersetzung (im Vergleich zu modernen Übersetzungen):

Matthew 8,27: Forsothe men wondreden, sayinge: What manere man is he this, for the wyndis and the see obeishen to hym? [Übersetzung von Wycliff, 14. Jahrhundert]

Matthew 8,27: And the men marveled, saying, „What kind of a man is this, that even the winds and the see obey Him?“ [Übersetzung in modernem Englisch]

Matthäus 8,27: Die Menschen aber verwunderten sich und sprachen: Was für einer ist dieser, dass auch die Winde und der See ihm gehorchen? [Elberfelder Übersetzung]

Der Tod Wycliffs

Das Leben Wycliffs verlief so, wie es Sprüche 4,18 beschreibt: „Der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Morgenlicht, das stets heller leuchtet bis zur Tageshöhe.“ Sein Glaube leuchtete immer heller und die Übersetzung der Bibel brachte ihm in den letzten Jahren seines Leben tiefe Freude und krönte seine Arbeit für den Herrn. Am 31.12.1384 starb John Wycliff an den Folgen eines Schlaganfalls. Ein arbeitsreiches und gesegnetes Leben war zu Ende gegangen.

Freunde und Anhänger Wycliffs verbreiteten nun das, was er gelehrt hatte. Diese Männer wurden Wycliffiten, Lollarden oder auch Bibel-Menschen genannt. Sie wurden von der katholischen Kirche unterdrückt und verfolgt. Einige wurden hingerichtet. Manche von ihnen verbrannte man mit ihrer geliebten Bibel auf dem Nacken.

Auf dem Konzil von Konstanz (1414–1418) wurden die Lehren Wycliffs verurteilt und ein formelles Verdammungsurteil über ihn ausgesprochen (was in England noch nicht geschehen war). Der Papst selbst bestätigte nun, dass Wycliffs Lehren Ketzereien seien. Es wurde angeordnet, Wycliffs Bücher zu verbrennen. Aber nicht nur seine Bücher sollten verbrannt werden, sondern auch seine Gebeine. 13 Jahre später wurden darum seine sterblichen Überreste aus dem Friedhofsgrab ausgebuddelt und den Flammen übergeben. Dass man damit Wycliff nicht schaden noch die Verbreitung der Bibel aufhalten konnte, braucht kaum erwähnt zu werden.

Die Verbreitung der Bibel heute

Die Bibel ist heute weit verbreitet. In über 2000 Sprachen ist die Bibel oder Teile davon erhältlich. Jeder, der in Deutschland (oder England) eine Bibel haben möchte, kann eine zu sehr erschwinglichen Preisen bekommen und nach Herzenslust darin lesen. Die Frage ist nur, ob wir von dieser wunderbaren Möglichkeit auch regen Gebrauch machen. In vergangenen Jahrhunderten haben sich die Menschen die Finger danach geschleckt, eine Bibel in ihrer Sprache besitzen zu dürfen. Und viele Menschen auf Erde heute haben heute immer noch keine Bibel in einer Sprache, die sie verstehen können. Doch wir haben diesen Schatz – was machen wir damit?

Erschütternd ist allerdings, dass viele unserer Mitmenschen kein Interesse für die Bibel aufbringen, die sie doch so leicht bekommen können. Manche – gerade im Osten unseres Landes – haben sogar noch nie in der Bibel gelesen. Sollten wir darum nicht vermehrt die Leute auf die Bibel hinweisen? Man kann ja mal klein anfangen und ihnen ein Lukas- oder Johannesevangelium in die Hand drücken oder in den Briefkasten werfen. Wer Lukas- oder Johannesevangelien zum Verteilen haben möchte, kann kostenlose Exemplare bei der Christlichen Schriftenvebreitung bekommen (www.csv-verlag.de).

Mit zwei Fragen möchten ich diesen Ausflug in das Leben John Wycliffs beenden: Lieben und lesen wir die Heilige Schrift? Verteilen und verbreiten wir das Wort Gottes?

Gerrid Setzer