Der wahre Weinstock

Online seit dem 23.07.2006, Bibelstellen: Johannes 15,1-8

Die Kapitel 13 bis 16 im Johannesevangelium bilden einen ausgesprochen gesonderten Teil dieses Buches. Sie geben uns die kostbare Unterredung des Herrn mit Seinen Jüngern im Obersaal in der Nacht Seiner Überlieferung wieder. Dieser Abschnitt ist jedoch selbst noch einmal in zwei Teile unterteilt. Die Kapitel 13 und 14 sind gekennzeichnet durch Gnade – Er verheißt, wiederzukommen, den Sachwalter zu senden, Sich selbst ihnen offenbar zu machen und ihnen Seinen Frieden zu geben. Die Kapitel 15 und 16 betonen mehr die Verantwortlichkeit. Dies ist ganz deutlich in dem Gleichnis von dem Weinstock und den Reben zu sehen. Christus bezeichnet Sich selbst als den wahren Weinstock, Sein Vater ist der Weingärtner. Im Alten Bund wurde Israel als der Weinstock Gottes bezeichnet. Jehova hatte aus Ägypten einen Weinstock gezogen, Nationen vertrieben und ihn gepflanzt (Ps. 80,8). Er hatte diesem Weinstock viel geduldige Sorgfalt zuteil werden lassen und ihm viele Sonderrechte gewährt – doch was war das Ergebnis? „Warum habe ich erwartet, daß er Trauben brächte, und er brachte Herlinge?“ (Jes. 5,4). Israel – der Mensch nach dem Fleische – hatte versagt; Vorrechte und Vergünstigungen brachten da, wo alles böse und verderbt war, nichts Gutes hervor. Wie oft hatte Jehova gesandt! Wie geduldig hatte Er ertragen und gewartet! Doch alles war vergeblich gewesen: Israel war ein fruchtloser, unnützer Weinberg. Als Christus in das Seinige kam, fand Er nicht Götzendienst vor wie in den bösen Tagen der Könige; Er fand Religion, und davon eine ganze Menge. Wir lesen nirgends etwas davon, daß der wiederhergestellte Überrest in die alten, götzendienerischen Wege ihrer Väter abgeglitten wäre; aber als der Messias kam, fand Er sie hinabgesunken in kalten, toten Formalismus. Die Festtage wurden eingehalten, die Opfer wurden gebracht – aber wo war die Frucht für Gott? Wehe über Israel!

Deshalb nahm der Herr Jesus gewissermaßen den Platz Israels ein (von Gott aus Ägypten herausgeführt, genau wie das Volk auch; Mt. 2,15; Hos. 11,1). Die Geschichte Israels begann noch einmal von neuem, indem Er sagte: „Ich bin der wahre Weinstock.“ Den gleichen Grundsatz sehen wir in Jesaja 49. Jehova wendet sich dort nicht an die Nation, sondern an Christus: „Du bist mein Knecht, bist Israel, an dem ich mich verherrlichen werde“ (Vers 3). Wenn Israel auch versagt hatte – Er würde nicht versagen, sondern reichlich kostbare Frucht auf einem Schauplatz hervorbringen, auf dem der göttliche Weingärtner bislang vergeblich danach gesucht hatte.

Der Weinstock hat jedoch auch Reben. Das sind die Jünger und in der Tat auch alle die, die mit Christus in Verbindung gekommen sind und Seinen Namen bekennen. Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen Errettung und Fruchttragen, zwischen einer Rebe am Weinstock und einem Glied am Leibe Christi. Diesen Unterschied nicht zu erkennen bedeutet, der Unterweisung von Johannes 15 verlustig zu gehen, und, was noch weitaus ernster ist, es gefährdet den Frieden und die Ruhe des Gewissens, zu der solche berechtigt sind, die in Christus und auf Seinem Werk ruhen. Wenn ich über Errettung nachsinne, dann denke ich an Gnade; wenn jedoch das Fruchtbringen vor meinem Herzen steht, dann denke ich an Verantwortlichkeit. Jede Rebe an Ihm soll Frucht bringen, nur dadurch erweist sie sich als Sein Jünger; und Frucht kann nur als das Ergebnis des Bleibens in Ihm hervorkommen. Was wären wir ohne Ihn? „Außer mir könnt ihr nichts tun.“ Deshalb werden wir immer wieder über die Notwendigkeit belehrt, von Ihm abhängig zu bleiben. Es ist unsere Sache, mit Ihm zu rechnen und uns auf die Fülle Seiner Gnade zu stützen, damit sich der neue Mensch in der Kraft des Heiligen Geistes entfalten kann. Sein Wunsch ist „viel Frucht“, nicht bloß hier ein wenig und da ein wenig; es soll jetzt schon etwas von dem fortwährenden Fruchtbringen in der Herrlichkeit Seiner Gegenwart (Off. 22,2) zu sehen sein.

Darin wird der Vater verherrlicht, und wir wandeln in dem bewußten Genuß Seiner Liebe und bewahren und halten die Gebote Christi. Die Hand des Vaters ist auf den Seinen – immer in Liebe –, um ihre Fruchtbarkeit noch zu vermehren: „Jede Rebe, die Frucht bringt, die reinigt er, auf daß sie mehr Frucht bringe.“ Das Reinigen ist oftmals unangenehm und mit Schmerzen verbunden, und wir neigen dazu, die göttliche Absicht darin nicht zu erkennen, wenn wir die Reinigung an uns persönlich erfahren; doch es ist in allem die Liebe, die dies zur Verherrlichung Gottes und zum Wohlergehen der Seele so anordnet. In unserem Innern sprießen Dinge hervor, die sich heimlich entfalten und heranwachsen können und die uns möglicherweise kaum bewußt sind; wenn man nun zulassen würde, daß sich diese Dinge weiter entfalten können, würde dies unseren Fortschritt zur moralischen Gleichförmigkeit mit dem Bilde Christi ernsthaft verzögern. Wir stehen unter der sorgfältigen Beobachtung des Weingärtners (Ackerbauers). Die Heiligen sind Gottes Ackerfeld (1. Kor. 3,9); und das Messer zum Beschneiden wird in Gnade und in Liebe benutzt. Kostbare Handlung! Sie ist nötig wegen unseres trügerischen Herzens auf unserem Weg durch diese gegenwärtige Szene.

Aber nicht alle Reben sind auch Wiedergeborene, denn hier ist das Bekenntnis und nicht das Leben entscheidend; die Echtheit des Bekenntnisses zeigt sich in der Frucht: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt. 7,16). Deshalb sagt der Herr dann weiter: „Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er hinausgeworfen wie die Rebe und verdorrt; und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen“ (V. 6). Beachte, die Rede ist ganz allgemein: „Wenn jemand ... „ Der Herr sagt hier nicht zu den Elfen 'ihr' wie in den Versen 4 und 5, denn bezüglich ihrer Echtheit gab es keinen Zweifel. Er selbst hatte sie gerade als rein bezeichnet „um des Wortes willen“ (Vers 3). Bei der Fußwaschung in Kapitel 13 hatte Er es anders ausgedrückt: „Ihr seid rein, aber nicht alle“, denn zu diesem Zeitpunkt war Judas Iskariot noch dabei. Der Verräter aber war inzwischen hinausgegangen, und alle Zurückgebliebenen waren echte Jünger –wie oft sie auch versagen mochten. Judas Iskariot ist ein Beispiel für die Klasse von Menschen, von denen der Herr hier spricht: Er war nicht in Ihm geblieben – zu seinem ewigen Verlust und Untergang. Andere finden wir in Johannes 6,60: Die Reden des Herrn waren ihnen zu „hart“; sie gingen zurück und wandelten nicht mehr mit Ihm, obwohl doch Er, und nur Er allein, Worte ewigen Lebens hatte!

Wahrlich heilsam sind die „Wenn“ der Heiligen Schrift. Sie sollen nicht in dem Gläubigen Zweifel wecken, dies ist auf keinen Fall das Ziel des Geistes, sondern sie wollen die Bekenner des Namens des Herrn sichten und prüfen. Wo die göttlichen Ratschlüsse entfaltet werden, wie im Epheserbrief, finden sich keine „Wenn“, denn da ist alles von Gott. Wo jedoch die menschliche Verantwortung in den Vordergrund tritt, wie im Kolosserbrief und im Hebräerbrief, werden sie wieder und wieder in ernster Weise durch den Heiligen Geist gebraucht. Es gibt einen passenden und richtigen Gebrauch solcher Warnungen, aber es gibt auch einen schlimmen Mißbrauch, der in unbefestigten Seelen Zweifel erweckt.

W.W. Fereday