Die Evangelien und die Opfer (06)

Online seit dem 13.10.2014, Bibelstellen: Lukas 1-24

Im Lukas-Evangelium wird die Menschheit, im Johannes-Evangelium die Gottheit des Herrn betont. Daher wird im Lukas-Evangelium Seine Abstammung nicht nur bis auf Abraham, sondern bis auf Adam zurückgeführt. Es wird neben Seiner Geburt auch Seine Kindheit und Sein inneres Wachstum an Weisheit und Größe erwähnt. Es wird hier von Seinen Gebeten berichtet, beispielsweise bei Seiner Taufe und Seiner Verklärung, während die anderen Evangelien darüber schweigen. Das gleiche gilt für die Aussage, daß Er „voll Heiligen Geistes“ war. Er ist hier selten der Sohn Davids. Zu Anfang der Geschichte hat im Lukas-Evangelium Maria den Vorrang, im Matthäus-Evangelium dagegen Joseph.

Da Er so als Mensch einen Platz unter Menschen einnimmt, ist es nicht verwunderlich, daß die Engel von Gottes „Wohlgefallen an den Menschen“ reden. Dementsprechend zeigt das Lukas-Evangelium die Seite des Werkes Christi, die durch das Friedensopfer veranschaulicht wird.

Im Vergleich zu den beiden vorhergehenden Evangelien können wir hier vielleicht folgende Worte aus dem Hohenlied anwenden: „Denn siehe, der Winter ist vorbei, der Regen ist vorüber, er ist dahin. Die Blumen erscheinen im Lande, die Zeit des Gesanges ist gekommen“ (Hld 2,11.12a). Lukas beginnt mit ähnlichen Gesängen, die mit dem Lobpreis Israels am Ufer des Roten Meeres vergleichbar sind. Kurz vorher war das Volk noch von den Ägyptern bedroht worden, doch nun hatten die zurückkehrenden Fluten sogar die letzten Spuren ihrer Feinde verwischt. Wie damals so ist auch jetzt jedes Herz voller Freude und jeder Mund singt von einer großen Errettung. Sogar der Himmel selbst öffnet sich, um von einer großen Freude zu erzählen und andere daran teilhaben zu lassen. Der Kehrreim des „himmlischen Liedes“ gibt einen Vorgeschmack von den Liedern des ewigen Morgens in der Herrlichkeit:

„Siehe, ich verkündige euch große Freude, die für das ganze Volk sein wird; denn euch ist heute in Davids Stadt ein Erretter geboren, welcher ist Christus, der Herr“ (Lk 2,10.11).

„Und plötzlich war bei dem Engel eine Menge der himmlischen Heerscharen, welche Gott lobten und sprachen: Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, an den Menschen ein Wohlgefallen!“ (Lk 2,13.14).

Diese Verse verleihen dem vor uns liegenden Evangelium sofort einen besonderen Charakter. Weder im Matthäus- noch im Markus-Evangelium lesen wir solche Worte. Dort steht der Lohn der Sünde vor uns und wir erfahren, wie er durch göttliche Gnade für immer weggetan wird. Wir lernen die Liebe unseres Herrn kennen, der sich selbst für uns gegeben hat. Aber im Lukas-Evangelium ist der Himmel geöffnet, und in seinem Licht wandeln wir. Gott und Mensch sind wieder eins. Der Himmel gleicht einem geöffneten Haus, in dem der größte der Sünder freudig empfangen wird. Dadurch wird Gott in der Höhe verherrlicht und den Menschen Frieden gegeben.

Genau das ist die Bedeutung des Friedensopfers, bei dem der Mensch mit Gott von demselben Opfer ißt und in Seiner Gegenwart zur Ruhe gekommen ist. Das ist das eine große Thema dieses kostbaren Evangeliums: nicht das Werk der Errettung, sondern das Geschenk der Errettung. Das läßt die Menschen in Jubel ausbrechen: Maria, Elisabeth, Zacharias, Simeon – alle sind von dem erfüllt, wovon wir in der Botschaft des Engels hören: ein Erretter und eine Errettung.

F.W. Grant