Die Evangelien und die Opfer (09)

Online seit dem 19.10.2014, Bibelstellen: Johannes 1-21

Bei keinem der vier Evangelien sind die charakteristischen Eigenschaften so klar und eindeutig wie bei Johannes. Dem wird der Leser sicherlich zustimmen. In vollkommener Reihenfolge angeordnet hat das Johannes-Evangelium hinter den drei anderen Evangelien seinen Platz, da es inhaltlich auf sie aufbaut. Johannes wiederholt nicht das, was die anderen drei Evangelisten gesagt haben, sondern mit Hilfe dessen, was sie gezeigt und bewiesen haben, entwickelt er andere höhere Wahrheiten, für die die drei ersten Schreiber den Weg bereitet haben.

Die vorhergehenden Evangelien haben uns auf verschiedenste Weise gezeigt, wie die Menschen versucht und geprüft wurden durch die Gegenwart des Herrn, der in der Fülle der Liebe und Gnade und in unbefleckter Heiligkeit unter ihnen wandelte. Christus war zu Seinem eigenen geliebten Volk gekommen als die Erfüllung lang ersehnter Verheißungen. Jesus war als der Freund der Menschen in der Welt und wollte ihnen entsprechend ihren Bedürfnissen dienen. Er zeugte in Vollkommenheit von Dem, dessen Erbarmungen bis in eine Welt der Schuld und des Elends hineinreichten und der dem Ausgestoßenen und Sünder mit Zusagen der Barmherzigkeit und Güte nachgeht. Was aber war das Ergebnis? Ach, welche Seite des Herrn uns auch vorgestellt werden mag, eins bezeugen alle inspirierten Schreiber: Seine Verwerfung. Wie unterschiedlich die Schilderungen auch in mancher Hinsicht sein mögen – das Kreuz bestätigen alle vier Schreiber. „Er war in der Welt, und die Welt wurde durch ihn, und die Welt kannte ihn nicht. Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,10.11). Mit dieser gewichtigen Aussage beginnt das Johannes-Evangelium.

Daher berichtet Johannes hier nicht von einer erneuten Erprobung des Menschen – er ist bereits zur Genüge geprüft worden. Sein tatsächlicher Zustand offenbart sich durch das Licht, das in die Welt kommt. Die ganze Wahrheit über ihn kommt nun ans Licht. „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch“ (Joh 3,6), lautet das Urteil Gottes über alles, was aus dem natürlichen Menschen kommt. Wenn jemand Christus annimmt, ist das nur ein Zeichen dafür, daß dort göttliche Macht am Werk war. Er ist „nicht aus Geblüt, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren“ (Joh 1,13).

Während die Erneuerung in den anderen Evangelien nicht einmal Erwähnung finden, beginnt das Johannes-Evangelium sogleich damit. Andererseits werden hier weder die bereits ausgesprochenen Warnungen noch die Einladungen voller Gnade wiederholt, die alle abgelehnt worden sind. Noch nicht einmal Johannes der Täufer verkündet hier seine gewöhnliche Botschaft. Wir lesen nicht „tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen“, oder „bringet nun der Buße würdige Frucht“. Er kommt nicht „im Weg der Gerechtigkeit“ (vgl. Mt 21,32), auch Forderungen irgendwelcher Art werden nicht gestellt. Das alles ist vorüber.

Beschäftigt sich die Gerechtigkeit mit dem Menschen allein auf der Grundlage der natürlichen Verantwortung, so kann das nur Gericht bedeuten. Aber hier wird uns kein Gericht vorgestellt, obwohl das Böse tatsächlich gerichtet und der Mensch beiseite gesetzt wird. Wir sehen hier eher Gottes reine und kostbare Gnade: Gott als Den, der Tote lebendig macht, damit sie in dem Licht des Lebens mit Ihm wandeln. Das wiederum ist nur durch das kostbare Blut auf dem Gnadenstuhl möglich.

Johannes hat immer den zerrissenen Vorhang vor Augen, der den Weg in das Allerheiligste öffnet. Er sieht das herausstrahlende Licht, den Herrn Jesus, der nicht nur das Licht Israels, sondern das Licht der Welt ist. Sein Blut bedeckt die durch das Licht enthüllte Sünde. Das erste Kapitel stellt uns praktisch folgende Dinge vor: die „Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“; die Herrlichkeit, die offenbart (d.h. die Wahrheit ans Licht bringt), und die rettende Gnade, durch die wir in Seiner Gegenwart bleiben können trotz all der Sünde, die aufgedeckt wird. Schließlich offenbart sich uns der Vater selbst, denn es heißt: „Der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht“ (Joh 1,18).

F.W. Grant