Christus in der Mitte der Seinen

Online seit dem 02.03.2015, Bibelstellen: Lukas 24,36; Johannes 20,19

Die Ausführung des Heilsplans Gottes ist mit einmaligen Ereignissen auf der Erde verbunden: Es begann mit der unfassbaren Tatsache, dass der ewige Sohn Gottes als Mensch auf die Erde kam, die Er als Schöpfer aller Dinge selbst bildete – ein kleiner Planet inmitten der unendlichen Weiten des erschaffenen Universums –, um dort den Menschen wohnen zu lassen. Nun ist Er selbst als vollkommener Mensch auf diese Erde gekommen. Ebenso einzigartig wie Sein Erscheinen als Mensch sind auch Sein Sterben und Seine Auferstehung. Wer könnte ermessen, dass „der Lebendige tot wurde“ (vgl. Off 1,18) und der Urheber des Lebens Sein eigenes Leben gab, um es danach wieder zu nehmen und aufzuerstehen?

Zu diesen einmaligen Ereignissen zählt auch die Erscheinung des auferstandenen Christus am ersten Tag der Woche in der Mitte Seiner Jünger: Zum ersten Mal tritt hier der Erstgeborene aus den Toten in die Mitte derer, die Er aufgrund Seines vollbrachten Werkes nun Brüder nennt. Bis heute haben wir gemäß Seiner Verheißung das unschätzbare Vorrecht, dass dort, wo zwei oder drei versammelt sind zu Seinem Namen hin, Er in ihrer Mitte ist (vgl. Mt 18,20). Schon in der ersten Begegnung drei Tage nach Seinem Sterben auf Golgatha wird die Fülle der Segnungen angedeutet, die mit dem Erscheinen Christi in der Mitte der Seinen in Verbindung stehen.

Christus gibt Frieden ins Herz hinein

Die erste Segnung ist mit dem Zuruf „Friede euch!“ verbunden, den der Herr zugleich an die versammelten Jünger richtet. Sowohl Lukas als auch Johannes berichten übereinstimmend davon (Lk 24,36; Joh 20,19). Lukas aber zeigt im Rahmen seines Evangeliums eine besondere Bedeutung dieses Friedens auf, den der Herr hier an die Seinen weitergibt.

Schon in Lukas 2 ist in Verbindung mit der Geburt Christi von Frieden die Rede: „Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Frieden auf Erden, an den Menschen ein Wohlgefallen“ (Lk 2,14). Doch der Herr wurde von den Menschen abgelehnt und verworfen, deshalb konnte Sein Friedensreich auf der Erde noch nicht aufgerichtet werden. So verkündeten beim Einzug des verworfenen Messias in Jerusalem nicht mehr Engel vom Himmel her den Frieden auf Erden (Lk 2,14), sondern nun rief die Menge der Jünger von der Erde aus: „Friede im Himmel und Herrlichkeit in der Höhe“ (Lk 19,38).

Was für ein Wechsel hat hier stattgefunden: Der verheißene Friede konnte zunächst nicht auf der Erde „zur Darstellung“ kommen!

Doch im Verlauf des Lukas-Evangeliums wird durch die Gnade Gottes noch einmal Frieden verkündet. Allerdings rufen dabei aber weder Engel den „Frieden auf Erden“ (Lk 2,14) noch Menschen den „Frieden im Himmel“ (Lk 19,38) aus, sondern Christus selbst spricht nun inmitten der Seinen: „Friede euch!“ (Lk 24,36). Es ist ein persönlicher Herzensfriede, der den Versammelten als Segnung zuteilwird. Die Bedeutsamkeit dieser Segnung wird im Zusammenhang der genannten Stellen im Lukas-Evangelium besonders deutlich.

Christus nimmt Furcht aus dem Herz hinweg

Damals jedoch konnten die Jünger diesen Herzensfrieden nicht sogleich genießen, denn ihre Herzen waren noch voller Furcht. Auch davon berichten die beiden Evangelisten übereinstimmend: „Sie aber erschraken und wurden von Furcht erfüllt“ (Lk 24,37), „Die Türen waren da, wo die Jünger waren, aus Furcht vor den Juden verschlossen“ (Joh 20,19).

Die Furcht der Jünger an diesem ersten Wochentag ist durchaus nachzuvollziehen: Soeben erhielten sie die Nachricht, dass ihr Meister auferstanden und der Stein von der Gruft weggewälzt sei. Doch „diese Worte erschienen vor ihnen wie leeres Gerede, und sie glaubten ihnen nicht“ (Lk 24,11), denn sie wussten, dass die Juden das Grab mit einer Wache römischer Soldaten sicherten (Mt 27,66). Eine Wache der Römer bestand in der Regel aus sechzehn (!) Soldaten, die alle nur einen einzigen Auftrag hatten: den Eingang der Gruft zu bewachen. Wie konnte unter diesen Umständen das Grab geöffnet werden? Angesichts dieser Situation fürchteten sich die Jünger, als sie von der geöffneten Gruft hörten.

Doch der Herr erkannte die furchtsamen Gedanken Seiner Jünger und richtete ihre Blicke sogleich auf Ihn selbst: „Seht …, dass ich es selbst bin“ (Lk 24,39). Dadurch nahm Er die Furcht aus ihren Herzen hinweg. Im Johannes-Evangelium wird dies in sehr schöner Weise dadurch bestätigt, dass acht Tage später, als die Jünger wieder hinter verschlossenen Türen versammelt waren, nicht mehr der Zusatz „aus Furcht vor den Juden“ erwähnt wird (vgl. Joh 20,19.26).

So verlieh der Herr den beunruhigten Jüngern eine friedsame und furchtlose Herzenshaltung und versetzte sie damit in die Lage, weitere Segnungen Seiner unmittelbaren Gegenwart aufzunehmen, die auch uns heute noch zuteilwerden, wenn Christus in der Mitte der Seinen gegenwärtig ist.

Nachdem nun Frieden und Furchtlosigkeit in die Herzen der Jünger eingekehrt waren, konnte ihnen der Herr weitere Segnungen mitteilen, die uns auch heute noch in Seiner Gegenwart zugänglich sind.

Christus verleiht neue Kraft

Johannes ist der einzige Schreiber, der davon berichtet, dass Christus nun in der Mitte der Seinen in sie haucht und zu ihnen spricht: „Empfangt den Heiligen Geist“ (Joh 20,22). Welche Bedeutung verbirgt sich hinter dieser Segnung, die der Herr den Seinen hier zuteilwerden lässt?

Keinesfalls handelt es sich hierbei um die Gabe des Heiligen Geistes als Person – diesen empfingen die Jünger erst Tage später in Apostelgeschichte 2. Hier in Johannes 20 haben wir es dagegen mit dem Heiligen Geist als Kraftquelle des neuen Lebens zu tun, den der auferstandene Christus nun den Jüngern weitergibt. Ein Vergleich mit 1. Mose 2 verdeutlicht diesen Zusammenhang: Der erste Adam, der Mensch von Staub, empfing den Odem des Lebens dadurch, dass Gott in seine Nase hauchte (1. Mo 2,7). Der letzte Adam nun, der Mensch vom Himmel, hauchte den Odem des neuen Lebens in die Jünger. In 1. Korinther 15 werden beide Vorgänge so zusammengefasst: „Der erste Mensch, Adam, wurde eine lebendige Seele; der letzte Adam ein lebendig machender Geist“ (1. Kor 15,45).

Finden wir nicht auch die Unterscheidung des Heiligen Geistes als Kraftquelle und Person in der Struktur von Römer 8 wieder? Die Verse 1 bis 11 dieses Kapitels beschäftigen sich in Anlehnung an Johannes 20 zunächst mit dem Heiligen Geist als Kraftquelle des neuen Lebens: „der Geist des Lebens“ (Rö 8,2); „die Gesinnung des Geistes aber ist Leben“ (Rö 8,6); „der Geist aber ist Leben“ (Rö 8,10). Die folgenden Verse 12 bis 16 beschreiben dagegen Tätigkeiten des Heiligen Geistes als Person: Er „leitet“ (Rö 8,14), „ruft“ (Rö 8,15) und „bezeugt“ (Rö 8,16).

So vermittelte der Herr Jesus Seinen Jüngern neue Kraft durch den Heiligen Geist, wodurch sie gesegnet und gestärkt wurden. Und prinzipiell dieselbe Wirkung erfahren wir auch heute noch, wenn Christus in der Mitte der Seinen gegenwärtig ist. Doch der Evangelist Lukas schreibt von einer weiteren Segnung, die mit der Gegenwart des Herrn in Verbindung steht.

Christus offenbart Seine Herrlichkeit

In Lukas 24 lesen wir, dass sich der Herr nun mit einer neuen Botschaft an die Jünger wendet: „Betastet mich und seht, denn ein Geist hat nicht Fleisch und Gebein, wie ihr seht, dass ich habe“ (Lk 24,39). Im Licht des Neuen Testaments wird die ganze Tragweite dieser Botschaft deutlich, denn es ist eine Offenbarung der Herrlichkeit des auferstandenen Christus, dessen Auferstehungsleib nun durch „Fleisch und Gebein“ gekennzeichnet ist.

Der natürliche Leib eines Menschen ist „Blutes und Fleisches teilhaftig“ (Heb 2,14). Auch in Matthäus 16 führt der Herr Jesus diese beiden Kennzeichen des irdischen Leibes an: „Glückselig bist du, Simon, Bar Jona, denn Fleisch und Blut haben es dir nicht offenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist“ (Mt 16,17) – kein Mensch irdischer Natur konnte Petrus den Sohn Gottes offenbar machen. Der Auferstehungsleib des Herrn Jesus ist aber kein natürlicher, sondern ein geistlicher Leib, denn „es wird gesät ein natürlicher Leib, es wird auferweckt ein geistlicher Leib“ (1. Kor 15,44). Somit beziehen sich „Fleisch und Gebein“ auf den geistlichen Leib des auferstandenen Christus, im Unterschied zum natürlichen Leib aus „Fleisch und Blut“.

In Epheser 5 knüpft Paulus an diese Wahrheit an und erweitert die Bedeutung des geistlichen Leibes aus „Fleisch und Gebein“ durch die Belehrung, dass jeder einzelne Gläubige nun ein Glied des Leibes Christi ist: „Denn wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinen Gebeinen“ (Eph 5,30). Auch hier finden wir wieder die beiden Kennzeichen „Fleisch und Gebein“, denn es handelt sich um einen geistlichen Leib, der heute durch die Versammlung auf der Erde dargestellt wird und dessen Haupt der verherrlichte Christus im Himmel ist.

Erstaunlicherweise weist schon das erste alttestamentliche Vorbild der Versammlung als Leib Christi auf die geistliche Beschaffenheit dieses Leibes hin: „Diese ist nun Gebein von meinen Gebeinen und Fleisch von meinem Fleisch; diese soll Männin heißen, denn vom Mann ist diese genommen“ (1. Mo 2,23). Wie eindrucksvoll, dass schon Adam in prophetischer Weise von „Fleisch und Gebein“ spricht, ohne die geistliche Bedeutung dieser Worte zu erahnen!

Zusammenfassung

Abschließend wollen wir noch einmal die Segnungen zusammenfassen, die die versammelten Jünger damals von dem auferstandenen Christus empfingen:

• Christus gibt Frieden ins Herz hinein.
• Christus nimmt Furcht aus dem Herz hinweg.
• Christus verleiht neue Kraft.
• Christus offenbart Seine Herrlichkeit.

Diese kostbaren Dinge werden auch uns zuteil, wenn wir zu Seinem Namen hin versammelt sind, denn dann ist Christus in der Mitte der Seinen gegenwärtig, um uns in dieser Weise zu segnen.

Matthias Wölfinger