Armenozid

Online seit dem 30.06.2015

Im Jahr 1915 kam es während der Wirren und Schrecknisse des Ersten Weltkriegs in der heutigen Türkei zu einem Massenmord an den Armeniern. Dieser Völkermord kostete bis zu 1,5 Millionen Menschen das Leben. Es war der bis dahin umfangreichste Massenmord, dem im 21. Jahrhundert bekanntlich noch weitere folgten.

Dieser Völkermord fand insgesamt nur wenig Beachtung. Adolf Hitler soll im Jahr 1939 in einer Besprechung gesagt haben, dass das Morden in Polen zur Schaffung von Lebensraum notwendig sei, und spielte das dann mit den Worten herunter, dass von der Ermordung der Armenier doch auch niemand mehr reden würde. Das zeigt auch deutlich, was so ein Vergessen (und auch Verdrängen) für Folgen haben kann.

Die Ursachen für diesen Völkermord sind sicherlich vielfältig. Das Osmanische Reich fürchtete sich vor einem Feind im Innern, außerdem waren da ethnische Gründe. Doch ein weiterer Grund war, dass die Armenier ein „christliches Volk“ waren, die nicht in ein muslimisches Land passten (die Armenier waren tatsächlich die Ersten, die das Christentum zu einer Staatsreligion erhoben hatten, im Jahr 301). Das wird gern übersehen, spielte aber gewiss eine Rolle – nicht umsonst wurden Armenier gezwungen, zum Islam überzutreten.

Der renomierte Historiker Michael Hesemann schreibt dazu sogar: „Es war auch die größte und blutigste Christenverfolgung der Neuzeit. Dass es um Religion und nicht um Rasse ging [das scheint mir etwas zu weit zu gehen], zeigt allein, dass auf den Völkermord an den Armeniern ein zweiter Völkermord an den syrischen Christen und ein dritter an den orthodoxen Griechen des Osmanischen Reiches folgte. Damit sank der Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung von 19 Prozent im Jahr 1914 auf jetzt nur noch 0,2 Prozent.“

Es ist skandalös, dass so eine Grausamkeit mancherorts verdrängt wird, indem man die Geschehnisse herunterspielt. Das Verdrängen hat aber auch noch eine andere Seite. Viele Menschen denken, wenn sie so etwas hören: So etwas kann „bei uns“ nicht vorkommen. Als der Jude Franz Werfel im Jahr 1933 den bekannten historischen Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh veröffentlichte und dabei den Völkermord an den Armeniern verarbeitete, tat er es auch deshalb, weil er für seine Volksgenossen, die Juden, in Deutschland eine gewisse und vergleichbare Gefahr sah. Doch war er zunächst überzeugt, dass ein Völkermord im Land der Dichter und Denker in diesem Ausmaß nicht passieren konnte. Er hat sich bekanntlich sehr getäuscht: Die Vernichtung der Juden war noch umfassender und systematischer.

Es bleibt einfach überall und allezeit wahr, was der Apostel Paulus im Römerbrief im Blick auf den Menschen geschrieben hat:

„Ihre Füße sind schnell, Blut zu vergießen; Verwüstung und Elend ist auf ihren Wegen, und den Weg des Friedens haben sie nicht erkannt.“

Gerrid Setzer