Ein schöner Zug

Online seit dem 07.09.2015, Bibelstellen: Johannes 3,25-36

Hierbei (Johannes 3,25–36) möchte ich mich indessen ein wenig aufhalten, denn es scheint mir eine Angelegenheit von großem sittlichem Wert zu sein. Johannes kommt hier in dieselbe Versuchung, wie Mose in 4. Mose 11 und Paulus in 1. Korinther 3.

Josua, der Diener Moses, war seines Herrn wegen neidisch auf Eldad und Medad, die im Lager weissagten. Aber Mose wies ihn zurecht, und das nicht nur mit Worten, sondern auch mit der Tat, denn er ging sofort ins Lager, augenscheinlich um sich zu freuen und Nutzen aus der Gabe und dem Dienst der beiden zu haben, auf die der Geist Gottes gerade gefallen war. Das war ein schöner Zug dieses teuren Mannes Gottes. Kein Neid, keine Eifersucht befleckte sein Herz oder beunruhigte den Gleichmut seiner Seele. Obwohl er selbst ein Gefäß war, das mit den Gaben des Geistes sehr reich ausgestattet war, wollte er doch noch durch irgendein anderes, wenn auch geringeres Gefäß mit Dankbarkeit und Bereitwilligkeit des Herzens Segen empfangen.

In späteren Tagen war Paulus berufen, dieselbe Prüfung zu bestehen. Unter den Heiligen in Korinth waren Rivalitäten entstanden; einer sagte: „Ich bin des Paulus“, und der andere: „Ich bin des Apollos.“ Und wie begegnete Paulus dem? Triumphierte er am Tage der Versuchung, wie Mose triumphiert hatte? Ja, doch mit einer anderen Waffe. Mit starker Hand und heißem Herzen bricht er jedes Gefäß in Stücke, damit Der, welcher alle Gefäße füllt, und Er allein, alles Lob erhalte. „Wer ist denn Apollos, und wer Paulus?“, sagt er. „Also ist weder der da pflanzt etwas, noch der da begießt, sondern Gott, der das Wachstum gibt.“ Dies war ein Sieg in einer ähnlich bösen Stunde, wenn auch in anderer Form und mit anderen Mitteln.

Wie sollen wir nun Johannes beurteilen? Er gerät hier in dieselbe Versuchung. Seine Jünger sind seinetwegen neidisch auf Jesus. Aber gleich Mose und Paulus besteht er an dem bösen Tag, obwohl in einer etwas anderen Haltung. Er kann nicht wie Paulus die Gefäße, seine Gefährten, in Stücke brechen; er kann nicht sagen: „Wer ist denn Johannes, wer Jesus?“, wie Paulus sagt: „Wer ist denn Apollos, und wer Paulus?“ Er konnte mit dem Namen Jesu nicht umgehen wie Paulus mit dem Namen des Apollos. Aber er zerbricht eines der beiden Gefäße vor den Augen seiner ihm in Liebe ergebenen Jünger, und zwar sich selbst. Er zeichnet Jesus, auf den sie seinethalben eifersüchtig waren, mit Herrlichkeiten aus, die alle ihre Gedanken überstiegen und die kein anderes Gefäß fassen konnte.

Wie vollkommen ist dies! Welch schönes Zeugnis für die Leitung und Bewahrung des Geistes der Weisheit ist die Handlungsweise des Johannes bei dieser Gelegenheit! Gewiss war Jesus in einem Sinne ein Gefäß des Hauses Gottes, wie auch die Propheten und Apostel. Er war ein Diener der Beschneidung, und wie Johannes predigte Er das Kommen des Reiches. Er pfiff und Johannes wehklagte; Gott redete durch Ihn wie vorher durch die Propheten. In dieser Weise war Er ganz gewiss ein Gefäß in Gottes Haus wie andere, aber eines von ganz besonderer Art. Material und Form dieses Gefäßes waren außergewöhnlich. Wenn Er aber bei Gelegenheit irgendeinem anderen Gefäß gegenübergestellt wurde, wie an dieser Stelle unseres Evangeliums, musste die besondere Würde, die mit Ihm verbunden war, herausgestellt werden. Johannes freut sich, das Werkzeug hierfür zu sein. Im Heiligen Geist und in völliger Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes freut er sich, den knospenden Stab des wahren Aaron mit Sprossen, Blüten und Früchten ans Licht zu bringen und jeden anderen Stab in seinem von Natur toten und verdorrten Zustand bloßzustellen, damit das Murren der Kinder Israel und die närrischen und parteiischen Gedanken seiner Jünger für immer zum Schweigen gebracht würden. (4. Mose 17.) Er bestätigt, dass alle seine Freude gerade in dem erfüllt war, was das Missfallen seiner Jünger hervorgerufen hatte. Er war nur der Freund des Bräutigams. Er hatte auf diesen Tag gewartet. Sein Lauf war daher beendet, und er war willig, sich zurückzuziehen und vergessen zu werden. Gleich seinen Mitknechten, den Propheten, hat er ein Licht hochgehalten, das sein Geschlecht zu Christus führen sollte, die Braut zum Bräutigam. Jetzt blieb ihm nur übrig, sich zurückzuziehen. Er steht hier gleichsam am Ende der Reihe der Propheten, und in seinem Namen und in dem ihrigen überlässt er alles der Hand des Sohnes. Wenn er dieses Thema, die Herrlichkeit Dessen, der größer war als er, aufnimmt, wie glücklich fährt er darin fort! Der Geist führt ihn von einem Strahl dieser Herrlichkeit zu einem anderen. Gesegnet ist es, wenn Jesus das Thema bildet, das unser ganzes Verständnis und unser Verlangen weckt, und wenn jeder Einzelne von uns sich so bereitwillig aufgeben kann, damit Er allein alles erfüllen möge. Teurer Herr, möchte es bei Deinen Heiligen mehr und mehr so sein durch Deine himmlische Gnade!

J.G. Bellet