Drei Sonntage im Neuen Testament: Jerusalem - Troas - Patmos

Online seit dem 26.11.2015, Bibelstellen: Joh 20,19-29; Apg 20,7-12; Offb 1,9-16

In den drei angegebenen Abschnitten des Neuen Testamentes finden wir jeweils drei Gläubige an einem Sonntag – und der Heilige Geist legt dabei eine besondere Betonung auf das Verhal-ten bzw. den Zustand von jeweils einem einzelnen Mann. In Joh 20 geht es um Thomas, in Apg 20 um Eutychus, und in Off 1 um Johannes.

Bei dem Zusammensein der Jünger in Joh 20 haben wir noch nicht direkt die Zeit der Ver-sammlung vor uns, weil der Heilige Geist zu diesem Zeitpunkt – dem Auferstehungstag des Herrn – noch nicht herabgekommen war, das geschah erst fünfzig Tage später in Apg 2. Aber wir finden in diesem Bericht gewisse Merkmale, die auch auf ein Zusammenkommen als Ver-sammlung anwenden.

In Apg 20 haben wir die Besonderheit, dass der Apostel Paulus auf seiner eiligen Reise nach Jerusalem an einem Montag in Troas ankam. Und obwohl er in dieser besonderen Eile war, „am Pfingsttag in Jerusalem zu sein“ (Vers 16), wartete er sieben Tage in Troas bis zum nächsten Sonntag, um dann mit den dortigen Geschwistern das Brot zu brechen und das Wort zu verkündigen.

In Off 1 haben wir wieder eine ganz andere Situation vor uns; hier wird uns mit Johannes ein einzelner Gläubiger in seiner inneren Herzensausrichtung an dem Tag des Herrn gezeigt.

Und das soll auch der Schwerpunkt dieser Zeilen sein, nämlich anhand von diesen drei ver-schiedenen Personen mögliche Herzenszustände an einem Sonntag aufzuzeigen, wie sie auch bei dem Schreiber oder Leser dieser Zeilen der Fall sein können:
• in Jerusalem gab es ein Zusammenkommen, an dem einer fehlte – Thomas
• in Troas gab es ein Zusammenkommen, wo einer der Gläubigen offensichtlich nur äu-ßerlich dabei war und zu einem Fall kam – Eutychus
• auf Patmos gab es kein Zusammenkommen als Versammlung, und doch war der ein-same Gläubige dort im Geist mit dem Herrn beschäftigt – Johannes

Jerusalem – Thomas

Wenn wir hier in Joh 20 auch noch nicht ein Zusammenkommen als Versammlung vor uns ha-ben, so werden in den beschriebenen Einzelheiten doch verschiedene Merkmale einer christli-chen Versammlung angedeutet:

• Die Jünger sind versammelt: es gibt einen Ort, wo sich die Gläubigen versammeln und dadurch der Wahrheit von der Versammlung einen sichtbaren Ausdruck geben
• der Herr kommt und ist in der Mitte: der Herr Jesus ist der alleinige Mittelpunkt eines solchen Zusammenkommens als Versammlung (Mt 18,20)
• Das Ergebnis Seines Werkes vom Kreuz ist ein gesicherter Friede (der ihnen bei dieser Gelegenheit vom Herrn geschenkt wurde).
• Das Ergebnis der Beschäftigung mit der Person des Herrn ist Freude.
• Die so versammelten Gläubigen haben eine örtliche Verantwortung zum Binden und Lösen, zu der der Herr ihnen hier die Befähigung durch das Einhauchen (des) Heiligen Geistes schenkt.

Einer der elf Jünger war an diesem ersten Tag der Woche bei diesem Zusammenkommen der Jünger nicht dabei gewesen. Das Wort berichtet nicht, wodurch Thomas abgehalten worden war; aus der Unterredung mit den übrigen Jüngern scheint bei ihm ein gewisses Zweifeln an der Tatsache der Auferstehung des Herrn vorhanden gewesen zu sein. Ob ihn das fern blei-ben ließ oder ob es andere Anlässe bei ihm dafür gab – wir können es nicht mit Sicherheit sa-gen und wollen auch nicht vorschnell urteilen. Festzuhalten ist jedoch, dass er nach der Unter-redung mit den übrigen Jüngern am darauf folgenden Sonntag dabei war.

Dennoch können wir aus dem Bericht einige Hinweise für uns entnehmen. Wir lesen nichts davon, dass die übrigen Jünger Thomas Vorwürfe gemacht oder kritisch nachgefragt hätten, warum er nicht anwesend gewesen war. Im Gegenteil haben sie in einer sehr weisen Art ihm einfach das vorgestellt, was sie selbst erlebt hatten: sie hatten den Herrn gesehen (Vers 25). Das hatte sein Interesse geweckt, wenn auch noch mit gewissen inneren Vorbehalten um am nächsten Sonntag dabei zu sein.

Auch heute erleben wir es in den Zusammenkünften der Gläubigen immer wieder, dass man-che Plätze leer bleiben. Welche Gedanken haben wir dabei? Sind wir zufrieden damit, selbst dabei gewesen zu sein, vielleicht empfinden wir uns dadurch sogar ein wenig treuer als die, die nicht da waren? Kritisieren und verurteilen wir vielleicht zu schnell, ohne die speziellen Be-weggründe des einzelnen für sein Fernbleiben zu kennen? Oder gehen wir in aufmerksamer Liebe nach und stellen schlicht das vor, was der oder die Betreffende verpasst hat?

Hier soll absolut nicht einem leichtfertigen Versäumen der Zusammenkünfte als Versammlung das Wort geredet werden. Wir denken an die ernste Mahnung in Heb 10,25, die zwar in ihrer eigentlichen Bedeutung das grundsätzliche Aufgeben christlicher Zusammenkünfte, den Abfall vom Christentum und das Zurückwenden zum Judentum beschreibt, aber als Anwendung können wir diese Aussage nicht ernst genug nehmen. Sind wir nicht manchmal zu schnell be-reit, ein Zusammenkommen als Versammlung zu leichtfertig nicht zu besuchen? Es müssen nicht unbedingt böse Dinge sein, die wir stattdessen vorziehen. Wie ist es mit unserer berufli-chen Verpflichtung? Kann es uns tatsächlich nicht öfter gelingen, berufliche Termine so zu le-gen, dass Freiräume bleiben für die Zusammenkünfte als Versammlung? Wie leben wir unse-ren Kindern und Enkelkindern die Bedeutung eines Zusammenkommens als Versammlung mit dem Herrn in unserer Mitte vor? Sehen sie bei uns noch die richtigen Prioritäten?

Schön ist auch, dass die kurze Botschaft der anwesenden Jünger den Thomas dazu bewegen konnte, am nächsten Sonntag dabei zu sein. Inhaltsreiche Worte – „Wir haben den Herrn gesehen“! Könnten wir das auch den abwesenden Geschwistern von unseren Zusammenkünften sagen? Stehen wir in allem unter der Leitung des Heiligen Geistes, der nur das eine Ziel hat, die Person des Herrn groß zu machen? Dann werden wir alle auch den Herrn sehen und davon reden können.

Troas – Eutychus

Der Apostel Paulus hatte auf seiner Reise nach Jerusalem (s. Apg 19,21) sieben Tage in Tro-as verweilt; offenbar war er erst am Montag dort angekommen, wollte aber gern gemeinsam mit den dortigen Geschwistern den Tod des Herrn verkündigen (Apg 20,7). Er beurteilte die damals schon wahrgenommene Praxis des Brotbrechens am Sonntag als richtig und ange-messen und fügte sich trotz seiner Eile da hinein.

Es ist anzunehmen, dass sich die Geschwister in dieser Zeit nicht wie wir heute am Sonntag-vormittag versammeln konnten, sondern erst in den Abendstunden. Nach dem gemeinsamen Brotbrechen legte der Apostel das Wort Gottes aus. Unter den Geschwistern war einer, der wohl dabei war, aber scheinbar mehr am Rand gesessen hat, am Fenster. Vielleicht ermüdet von der Arbeit des Tages war er eingeschlafen. Soweit weist dieser Bericht des Geistes Gottes noch nichts auf, was diesem Eutychus vorgeworfen werden könnte. Wer von uns hätte nicht schon einmal Müdigkeit verspürt beim langen und stillen Sitzen während einer Versammlungs- oder Konferenzstunde.

Wir können aber beachtenswerte Anwendungen aus diesem Bericht für uns machen. Eutychus saß dort am Fenster an der Grenze zwischen drinnen und draußen, zwischen hell und dunkel, zwischen Wärme und Kälte. Und Grenzgänger leben immer in einer besonderen Gefahr. Wir wollen daraus für uns lernen, nicht nur äußerlich, nicht nur mit halben Herzen an den Zusammenkünften teilzunehmen, nicht nur einer Form oder einer Pflicht nachzukommen. Wenn unsere Herzen unbeteiligt bleiben, ist die Gefahr eminent groß, dass uns die Wahrheit immer weniger bedeutet und wir schließlich auf die verkehrte Seite geraten – weg von dem gesegneten Mittelpunkt, der Person unseres Herrn Jesus.

Eutychus fiel – einer der Geschwister dieses örtlichen Zeugnisses in Troas kam zu einem Fall; und wie er so da lag, unterschied er sich in nichts von anderen Toten. So weit kann es geistli-cherweise auch bei einem Gläubigen kommen, dass er zu Fall kommt und sich in nichts von den übrigen Menschen unterscheidet, die noch immer in ihrem sündigen Zustand tot für Gott sind. Die Reaktion bei den übrigen Geschwistern war Beunruhigung (Vers 10).

Aus dem Verhalten des Apostels Paulus können wir wertvolle Hinweise entnehmen, wie geistliche Geschwister mit solch traurigen und beschämenden Ereignissen in einem örtlichen Zeugnis umgehen sollten:
• Paulus ging hinab: das redet von Demütigung und Leid-Tragen. Da die Korinther das bei einem Fall von offenbarer Sünde in ihrer Mitte nicht getan hatten, muss Paulus sie deutlich tadeln (1. Kor 5,2). Es ist die angemessene Haltung der Geschwister eines ört-lichen Zeugnisses der Versammlung, sich vor dem Herrn zu beugen darüber, dass solch ein Fall in ihrer Mitte geschehen konnte.
• Paulus fiel auf ihn: darin kommt unter anderem zum Ausdruck, dass die übrigen Ge-schwister sich bewusst sind, dass auch sie zu derselben Sünde imstande sind – wenn die Gnade Gottes sie nicht bewahrt (Ps 73,2; Spr 5,14).
• Paulus umfasste ihn: Es ist der Ausdruck von Liebe dem Gefallenen gegenüber. Diese Liebe ist wichtig, wenn wir Gestrauchelten helfen wollen.
• Paulus beruhigt die übrigen Geschwister: es ist sehr wertvoll für ein örtliches Zeugnis, wenn geistlich gesinnte Geschwister da sind, die die in einem solchen Fall aufkom-mende Unruhe unter den Geschwistern ausräumen können, die dafür Sorge tragen, dass auf eine ausgewogene Weise über diese Dinge gesprochen werden.

Was für ein Segen für ein örtliches Zeugnis, wenn dann durch die Gnade Gottes tatsächlich Wiederherstellung eintritt – sie wurden nicht wenig getröstet (Vers 12)!

Patmos – Johannes

Bei dieser Begebenheit wird für den Sonntag eine ganz spezielle Ausdrucksweise verwendet: es ist der dem Herrn gehörende Tag (Off 1,10 mit Anmerkung). Diese Ausdrucksweise begeg-net uns im Neuen Testament nur noch im Zusammenhang mit dem Brotbrechen, wenn es in 1. Korinther 11,29 des Herrn Mahl genannt wird, es ist das dem Herrn gehörende Mahl.

Der Sonntag ist in ganz besonderer Weise der Tag der Woche, der dem Herrn gehört. Es ist Sein Auferstehungstag, und die Auferstehung ist der Beweis Seines vollgültig vollbrachten Werkes von Golgatha. Es ist der Tag, an dem wir mehr als an jedem anderen Tag der Woche uns fragen sollten, wie wir ihn nach Seinen Gedanken verleben sollten. Und dabei geht es nicht nur darum, die Zusammenkünfte als Versammlung zu besuchen – der ganze Tag gehört in einer besonderen Weise Ihm. Wie dankbar können wir sein, dass in unserer Zeit und in un-serem Land dieser Tag sogar noch einem gewissen Schutz der Regierung unterliegt und für die meisten von uns arbeitsfrei ist.

Es ist also nicht in erster Linie ein Tag zum Ausruhen für uns. Richten wir unser Denken auf die Ansprüche des Herrn auch schon in der laufenden Woche auf diesen Tag? Manche Müdigkeit am Sonntag könnte vermieden werden, wenn wir uns schon am Samstag bewusst machen, dass der nächste Tag der Tag des Herrn ist, den wir in ganz besonderer Weise für Ihn verleben wollen.

Johannes befand sich am Ende seines langen Lebens auf der Insel Patmos, wohl dorthin ver-bannt, wie verschiedene Kirchenväter berichten. Er muss ein Mann von sehr tiefgehenden geistlichen Empfindungen gewesen sein. Hier auf dieser Insel hat er – so wird häufig ange-nommen – am Ende seines Lebens unter der Leitung des Heiligen Geistes sein Evangelium, in welchem er den Herrn Jesus als den Sohn Gottes vorstellt, geschrieben, ebenso auch die drei Briefe und die Offenbarung.

Er hatte den ersten Sonntag in Johannes 20 miterlebt, über den wir schon nachgedacht haben. Er war auch an dem Pfingstsonntag in Jerusalem dabei, als alle an einem Ort beisammen waren (Apg 2,1) und der Heilige Geist als göttliche Person auf jeden Einzelnen von ihnen herabkam. Seit diesem Sonntag wohnt der Heilige Geist sowohl in jedem wahren Gläubigen als auch in der Versammlung insgesamt. Viele weitere Sonntage wird er noch in Jerusalem in glücklicher Gemeinschaft mit den dortigen Geschwistern erlebt haben, wurde er doch sogar als Säule der dortigen Versammlung angesehen (Gal 2,9).

Aber dann kam eine Zeit in seinem Leben, wo er dieses Vorrecht nicht mehr ausüben konnte. Offenbar wegen seines treuen Zeugnisses für seinen Herrn war er in die Verbannung auf die Insel Patmos geraten (Off 1,9). Und es ist sehr bewegend, wie dieser alte treue Mann nun den Sonntag verbringt – er ist an des Herrn Tag im Geist. Obwohl er sich nicht mit seinen Glaubensgeschwistern um die Person des Herrn versammeln konnte, so war er doch im Geist. Sicher war er in Gedanken bei denen, die dieses Vorrecht wahrnehmen konnten, sicher war er in Gedanken mit der wunderbaren Person seines geliebten Herrn beschäftigt. Und doch wird mit diesem Ausdruck hier auch noch etwas Höheres ausgedrückt, ein gewisses Entrückt-Sein, ähnlich wie bei Paulus in 2. Korinther 12. Der Herr musste ihn völlig aufnahmebereit machen für die gewaltigen Dinge, die er jetzt zu sehen bekommen sollte, um sie als Offenbarung nie-derzuschreiben.

Diese Erfahrungen werden wir heute nicht mehr machen. Aber aus der grundsätzlichen Hal-tung des Johannes wollen wir doch etwas lernen für den Fall, dass es uns einmal nicht möglich sein sollte, die Zusammenkünfte als Versammlung zu besuchen. Manchmal mögen es berufli-che Verpflichtungen sein, die es uns unmöglich machen, oft vielleicht unsere Aufgabe bei kleinen Kindern, die der Herr uns anvertraut, und sicher jeder von uns hat es schon erlebt, dass er durch eine Erkrankung verhindert wird, die Zusammenkünfte als Versammlung zu be-suchen. Wie ist dann unsere innere Haltung? Wir können unsere beruflichen und familiären Pflichten nicht vernachlässigen, aber eine gewisse innere Hinwendung zu unserem Herrn ist auch in solch einer Situation möglich. Durchzieht uns eigentlich das Empfinden, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn wir zu einer gewohnten Zeit einer Versammlungsstunde nicht dort auf unserem Platz sitzen können? Die Gründe dafür mögen sogar vor dem Herrn stichhaltig sein, trotzdem bin ich nicht da, wo eigentlich mein Platz ist – empfinden wir das noch? Dann steht es gut um unsere Wertschätzung der Zusammenkünfte als Versammlung!

Mahnung – Warnung – Ansporn

Wir haben oben schon gesagt, dass Johannes hier in dieser Szene ein schon sehr alter Mann gewesen sein muss, vielleicht 90 Jahre alt. Wenn wir einmal in Gedanken durch die Reihen unserer Geschwister am Ort gehen, sind es da nicht gerade die ältesten Brüder und Schwes-tern, die uns in ihrer Treue, was den Besuch der Zusammenkünfte betrifft, das größte Vorbild sind? Mich beeindruckt es immer sehr, wenn ich sehe, wie sie – oft unter großen körperlichen Beschwerden – möglichst keine einzige Versammlungsstunde leichtfertig versäumen.

Machen wir uns wieder mehr bewusst, dass wir die Verheißung der persönlichen Gegenwart des Herrn in unserer Mitte bei keiner anderen Gelegenheit haben, als nur wenn wir als Ver-sammlung zusammengekommen sind. Das heute noch erfahren zu können, sollte uns Motiva-tion genug sein, nicht das leichtfertig zu versäumen, was größtmöglichen Segen bedeutet! Und denken wir auch daran, wie unsere innere und äußere Haltung in dieser Sache unweigerlich Eindrücke bei unseren jüngeren Geschwistern hinterlässt – entweder zum Guten oder zum Schaden!

Achim Zöfelt