Melchisedek (01)

Online seit dem 10.04.2016, Bibelstellen: 1. Mose 14,17-24; Hebräer 7,1-17

Es liegt etwas Geheimnisvolles in dieser Begegnung zwischen Abraham und Melchisedek im Tal Schawe. Abraham kehrt siegreich von der Verfolgung der vier Könige zurück. Bis in die Gegend von Damaskus war er ihnen nachgejagt. Auf seiner Rückkehr nach Mamre kommt er an Salem (heute Jerusalem) vorbei, als ihm plötzlich ein Mann mit Brot und Wein entgegenkommt und ihn segnet. Abraham erkennt sofort, dass er es mit einer höhergestellten Person zu tun hat und gibt ihm den zehnten Teil des soeben Erbeuteten.

Wer ist dieser Melchisedek, warum taucht er hier plötzlich auf, was ist sein Anliegen und was bewirkt diese Begegnung bei Abraham? Diesen Fragen wollen wir mit der Hilfe des Herrn im Folgenden ein wenig nachgehen.

In unsere Überlegungen wollen wir die zugegebenermaßen etwas überraschenden Erklärungen zu dieser Person aus Hebräer 7 mit einbeziehen. Sie sind ein schönes Beispiel dafür, wie das Neue Testament Licht wirft auf die Geschehnisse im Alten Testament und dass Gott nicht etwa nur nach Bildern aus dem Alten Testament gesucht hat, anhand derer er uns Wahrheiten des Neuen Testaments veranschaulichen könnte, sondern dass er die Wege dieser Glaubensmänner früherer Tage bewusst so gelenkt hat, damit sie diesem Zweck dienen könnten (vgl. 1. Kor 10,11).

Wir nehmen einmal vorweg, dass wir in Melchisedek Herrlichkeiten der Person des Herrn Jesus finden. Vielleicht sehen wir nirgendwo so deutlich wie bei Melchisedek, dass die Herrlichkeit Christi der Schlüssel ist, ohne den wir die Gedanken Gottes in seinem Wort wohl nie richtig verstehen werden. Und so bekommen viele Begebenheiten des Alten Testaments plötzlich einen großen Wert für uns heute, wenn wir Christus und seine Herrlichkeiten darin finden.

Wer war Melchisedek?

Viele haben vermutet, dass Christus selbst es war, der Abraham entgegentrat. Aber in Hebräer 7 wird eindeutig gesagt, dass er „dem Sohn Gottes verglichen“ wird. Das ergäbe keinen Sinn, wenn es der Sohn Gottes selbst gewesen wäre.

Dem Sohn Gottes verglichen

Melchisedek war ein Mensch, eine historische Persönlichkeit, ein König-Priester aus Salem, der offensichtlich Gott, den Höchsten anerkannte und ihm diente. Er ist geboren worden und gestorben wie alle seine Zeitgenossen. Doch der Schreiber des Hebräerbriefes benutzt den Umstand, dass Melchisedek so unvermittelt auftaucht und seine Abstammung (wie ich glaube absichtlich) nicht genannt wird, um zu zeigen, dass er ein Vorbild auf den Einen ist, der wirklich in gewissem Sinn „ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister“ ist und „weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens“ hat, auf den ewigen, eingeborenen Sohn Gottes, der von sich sagen konnte: „Ehe Abraham wurde, bin ich“ (Joh 8,58).

Gerade des 1. Buch Mose führt das Geschlechtsregister aller Menschen auf Adam zurück. Und gerade bei den Priestern war es immens wichtig, dass sie ihre Abstammung von Aaron nachweisen konnten (vgl. Esra 2,62). Aber Melchisedeks Abstammung darf hier nicht genannt werden, damit er ein Vorbild auf Christus sein kann, der als der ewige Gott, der Sohn, keinen Ursprung hat und der nicht durch Abstammung von Aaron Priester geworden ist, sondern durch den Eidschwur Gottes und kraft seines unauflöslichen Lebens (Heb 7,16+121). Ein gewaltiges Beispiel der Inspiration der Schriften, denn Mose hatte keine Ahnung, warum er diese Begebenheit so aufschreiben musste. Tausende von Jahren später wird erst klar, dass es deshalb war, weil es ein Vorbild von Christus sein sollte. „Schaut aber, wie groß dieser war.“ Gott möchte, dass wir seinen Sohn anschauen und bewundern. Nie sollte die Tatsache, dass es ihm gefallen hat, in Niedrigkeit als Mensch auf diese Erde zu kommen, dazu führen, dass wir aus dem Auge verlieren, wer er wirklich ist: der ewige Sohn Gottes, dessen Priestertum ewig besteht.

Marco Leßmann