In einer Synagoge heilte der Herr eine Frau, die achtzehn Jahre lang von schweren Rückenproblemen geplagt worden war. Er tat dies am Sabbat und löste damit den Widerstand des Synagogenvorstehers aus.[1] Doch der Herr entlarvte die Heuchelei seiner Feinde und beschämte sie vor der Volksmenge, die sich über die herrlichen Dinge freute, die Er tat.

In der Synagoge

Der Herr lehrte an einem Sabbat in einer Synagoge (Lk 13,10). Das war seine Gewohnheit von Anfang seines öffentlichen Dienstes an (Lk 4,16; Joh 18,20). Soweit die Schrift es berichtet, hielt Er sich hier das letzte Mal in einer Synagoge auf. Wo die Synagoge stand, wird nicht gesagt, denn es geht hier darum, wann sich die wunderbare Heilung ereignete: an einem Sabbat.

Die gekrümmte Frau   

„Und siehe“ – mit diesen Worten lenkt der Heilige Geist in Lukas 13,11 die Aufmerksamkeit auf eine gekrümmte Frau in der Synagoge. Lukas, der geliebte Arzt, beschreibt ihre missliche Lage mit eindrücklichen Worten (Lk 13,11.12.16):

  • Sie konnte sich aufgrund ihres krummen Rückens überhaupt nicht mehr aufrichten.
  • Ihre Krankheit war in einem „Geist der Schwäche“ begründet.[2]
  • Der Teufel selbst hatte diese Frau gebunden.
  • Achtzehn Jahre lang ging das schon so.

Die arme Frau ging seit vielen Jahren gebeugt umher und alle konnten die Not dieser Frau sehen. Nicht jeder wusste, dass ihre Lage durch einen „Geist der Schwäche“ hervorgerufen wurde. Und wahrscheinlich wusste niemand, dass der Teufel bei ihrer Krankheit seine Hand im Spiel hatte, was der Herr hier offenbart.

Das bedeutet allerdings nicht, dass sie von Dämonen besessen war. Dafür sprechen mindestens drei Punkte:

  • Dämonen redeten regelmäßig, wenn sie dem Herrn begegneten. Und Er sprach sie auch an und gebot ihnen (Mk 3,11.12 etc.). Doch davon lesen wir hier nichts.
  • Der Herr legte niemals Besessenen die Hände auf, wie Er es bei dieser Frau tat (Lk 13,13). Der Herr vermied in solchen Fällen jeden Anschein von Identifikation.
  • Sie wird als „Tochter Abrahams“ bezeichnet (Lk 13,16). Das bedeutet nicht nur, dass ihre natürliche Abstammung auf den bekannten Patriarchen zurückging, sondern dass sie in den Fußstapfen des Glaubens wandelte, den der Vater aller Gläubigen hatte (Joh 8,39; Röm 4,12.16; Gal 3,7). Und es ist klar, dass ein Gläubiger nicht besessen sein kann, denn er wurde bei der Bekehrung aus der Macht des Feindes befreit. Allerdings sind Gläubige nicht vor den Angriffen Satans sicher. Schon die Geschichte Hiobs zeigt, dass Satan, wenn Gott es zulässt, seine Hand an Gläubige legt (Hiob 2,6). Auch der Apostel Paulus wurde von einem Engel Satans geschlagen (2. Kor 12,7). Und diese gläubige Frau war von Satan gebunden worden, was schlimme körperliche Auswirkungen hatte.

Der gebeugte Mensch  

Die Frau in ihrem erbärmlichen Zustand ist zunächst das Bild eines Sünders, der vom Teufel innerlich gebunden wurde, sodass sein Blick nach unten gerichtet wird und der Himmel aus der Perspektive verschwindet. Doch da, wo sich Glaube zeigt, ist der Herr nahe, um von Bindungen zu befreien und den Blick nach oben zu richten. Das erfuhr auch jemand, der aufgerichtet womöglich nicht größer als diese gekrümmte Frau war: Zachäus. Er erlebte durch Jesus Christus Rettung, weil er ein echter Sohn Abrahams war (Lk 19,1–10).

So sehen wir bei dieser Frau – wie bei allen Wunderheilungen – die Segnungen, die das Evangelium den Menschen bringt. Doch da diese Frau vor der Heilung als „Tochter Abrahams“ bezeichnet wird, können wir in erster Linie daran denken, wie Satan die Gläubigen in die Knechtschaft der Sünde und des Gesetzes führen will (Gal 4,23–31).[3] Er möchte uns binden und erreichen, dass wir ständig nach unten blicken. Das ist einer seiner vielen Fallstricke (vgl. 2. Tim 2,26). Dabei geht es nicht darum, dass wir körperlich leiden, sondern dass unser innerer Mensch Schaden nimmt.

Eine seiner Listen besteht darin, dass der Teufel gottesfürchtigen Seelen vorgaukelt, sie könnten durch das Gesetz ein Leben in Heiligkeit führen. Doch das Gesetz vermag uns weder in die richtige Position vor Gott zu bringen noch kann es die Kraft für eine Gott wohlgefällige Lebensführung sein. Das Gesetz ist wie ein Spiegel, der den Schmutz zeigt, ihn aber nicht entfernt. Es erweist sich als ein „Joch der Knechtschaft“, das niemand tragen kann (Gal 5,1; Apg 15,10). Und die Pharisäer waren auch noch Meister darin, die Vorschriften des Gesetzes, verknüpft mit ihren eigenwilligen und strengen Interpretationen, den Menschen als schwere Lasten aufzubürden (Lk 11,46).

Wer unter dem Druck steht, durch eigene Leistung und in eigener Kraft vor Gott angenehm zu werden, wird irgendwann den Kopf hängen lassen, „denn wir alle straucheln oft“ (Jak 3,2). Unter der Knechtschaft des Gesetzes werden wir von einem „Geist der Schwäche“ geplagt, weil wir das tun, was wir nicht wollen (Röm 7,18). Der Blick ist beständig auf uns selbst gerichtet und das Lob Gottes erstirbt auf unseren Lippen. Wir sehen nur noch unsere Sünden: „Meine Ungerechtigkeiten sind über mein Haupt gegangen, wie eine schwere Last sind sie zu schwer für mich … Ich bin gekrümmt, über die Maßen gebeugt; den ganzen Tag gehe ich trauernd umher … Denn ich bin nahe daran zu fallen, und mein Schmerz ist beständig vor mir. Denn ich tue meine Ungerechtigkeit kund; ich bin bekümmert wegen meiner Sünde“ (vgl. Ps 38,7.9.18.19).

Die Heilung der Frau

Es ist bemerkenswert, dass die Frau trotz ihrer eklatanten Schwäche zum „Gottesdienst“ kam. Sie konnte nicht wissen, dass Jesus dort ist. Doch sie begegnete Ihm und ging reich gesegnet nach Hause. Wir wissen, wo wir unserem Meister inmitten seines Volkes begegnen können – sollten wir uns dann nicht aufmachen, auch wenn wir uns schwach fühlen?

Als die Frau in die Synagoge war, konnte sie den Herrn wahrscheinlich nicht sehen. Sie war auch nur schwer in der Mitte des Volkes auszumachen. Doch der, der Zachäus im Maulbeerfeigenbaum sehen würde, rief sie zu sich. Er kannte ihr Herz und sah ihren Glauben.[4] Auch wenn der Frau das Gehen schwerfiel, schleppte sie sich zum Herrn. Es sollten ihre letzten Schritte als gekrümmte Frau sein, denn ihr Vertrauen zum Herrn und ihr Gehorsam wurden sogleich belohnt.

Christus befreite sie durch das Wort seiner Macht aus ihrer Gebundenheit. Dann legte Er die Hände auf, womit Er sein Mitgefühl zeigte und noch einmal deutlich machte, dass die heilende Kraft von Ihm ausging (Lk 13,13). Auch wenn die Feinde gerade das Händeauflegen als Sabbatarbeit betrachten würden, zögerte der Herr nicht, es trotzdem zu tun. Danach konnte sich die Frau endlich wieder aufrichten. Sie erfuhr, dass Gott das Krumme gerade machen kann, was der Mensch nicht vermag (vgl. Pred 1,15).

Die Heilung war ein einmaliger Vorgang, aber das, was darauf folgte, geschah fortwährend: „Sie begann, Gott zu verherrlichen“ (so wörtlich).

Die Befreiung aus der Knechtschaft des Gesetzes

Der Geist Gottes wirkt an uns, wenn wir durch die List Satans in die Knechtschaft des Gesetzes und die Knechtschaft der Sünde geraten sind. Er zeigt, dass wir die Hilfe nicht mehr in uns und im Gesetz suchen, sondern bei einem anderen: „Wer wird mich retten von diesem Leib des Todes?“ (Röm 7,24). Endlich wird der Blick ganz auf Jesus gerichtet und der Gläubige kann sagen: In Christus bin ich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes (vgl. Röm 8,2)! Er allein ist meine Kraft, um überwinden zu können.

Wenn wir die Befreiung durch den Herrn Jesus erlebt haben und unser „gebeugter Zustand“ ein Ende gefunden hat, dann sollten wir (beständig) von Herzen sagen: „Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!“ (Röm 7,25).[5]

Es gibt sicher auch noch andere Ursachen, warum Gläubige „gekrümmt“ und „über die Maßen gebeugt“ sein können. Doch bei allen Anfechtungen wollen wir daran denken: Der Herr will uns wieder aufrichten, damit wir Ihn preisen (Ps 42,6; 145,14). Auch bei schweren, ungewöhnlichen und lang anhaltenden Nöten vermag Er zu retten und die Situation zu wenden.

Der unwillige Synagogenvorsteher

Der Synagogenvorsteher freute sich nicht über die Befreiung der geplagten Frau und über das Lob Gottes. Nein, er wurde unwillig, weil Jesus am Sabbat heilte (Lk 13,14). Es war ihm ein Dorn im Auge, dass er und seine Mitstreiter jetzt nicht mehr die volle Aufmerksamkeit der Volksmenge an diesem besonderen Tag genießen konnten.

Obwohl der Herr die Heilung von sich aus getan hatte, sprach der feige Heuchler Ihn nicht an, sondern ermahnte die Volksmenge, sich nicht an einem Sabbat, sondern an einem anderen Wochentag heilen zu lassen (Lk 13,14). Der Synagogenvorsteher folgte offenbar den Lehren vieler Rabbis, die sagten, dass am Sabbat nur Notfälle behandelt werden durften. Eine Frau, die seit vielen Jahren krank war, konnte seiner Meinung nach mit der Heilung bis zum nächsten Tag warten. Doch diese Auslegung des Sabbatgebotes konnte nicht bestehen vor dem, der das Gebot zum Nutzen der Menschen gegeben hatte. Einen Menschen durch ein Wort und Handauflegung zu heilen, stand nicht im Widerspruch zum göttlichen Gebot und war im Einklang mit seiner Barmherzigkeit.

Außerdem waren Heilungen in seiner Synagoge nichts Alltägliches, wie der Synagogenvorsteher suggerierte. Denn in Wahrheit konnte eine Heilung nur durch den Herrn oder einen seiner Jünger geschehen. Und woher wollte der Synagogenvorsteher wissen, ob Jesus oder seine Jünger noch einmal diese Synagoge aufsuchen würde?

Die entlarvte Heuchelei  

Was der Synagogenvorsteher sagte, klang sehr fromm, doch der Herr entlarvte die Heuchelei seiner Widersacher. Denn auch sie banden ihre Ochsen und Esel los, um sie zur Tränke zu führen (Lk 13,15). Ihre öffentlich gesprochenen Worte entsprachen nicht ihrem Verhalten im privaten Bereich. Dem Synagogenvorsteher ging es also nicht um eine penible Sabbatheiligung, sondern seine perfide Absicht war, den Herrn vor der Volksmenge abzuqualifizieren, indem er Ihm mangelnde Gesetzestreue zur Last legte.

Diese Heuchler, die mit ihren Händen am Sabbat Tiere losbanden, wagten es, den Herrn zu kritisieren, der eine „Tochter Abrahams“ von der Fessel Satans löste und sie durch seine Hände gerade machte! Achtzehn lange Jahre währte das Martyrium dieser Frau – und der Herr Jesus wollte keinen Tag länger warten, um sie zu befreien (Lk 13,16).

Das Verhalten des Synagogenvorstehers erinnert an den Propheten Jona, dem es leidtat, dass ein Wunderbaum verdorrte, der ihm Schatten gespendet hatte. Aber mit den vielen Menschen einer großen Stadt empfand er kein Mitleid, sondern wünschte sich deren Gericht.

Und auch wir kennen die fatale Neigung unseres Herzens, „gnädig“ zu sein, wenn es um unsere eigenen Interessen geht, und sehr scharf zu reagieren, wenn es um andere geht. Oft sind die „Gewichtssteine“ unserer moralischen Beurteilung nicht gerecht, und wir „wiegen“ Taten unterschiedlich, obwohl Gottes Wort uns mehrfach davor warnt (3. Mo 19,36; 5. Mo 25,13; Spr 16,11; 20,10.23).

Freude und Beschämung

Christus ist voller Liebe. Das sehen wir bei der Heilung der Frau. Christus ist aber auch das Licht dieser Welt. Das zeigt sich beim Synagogenvorsteher. Der Herr befreit und führt zu Dank und Freude, doch Er beschämt auch, sodass Ihm Widersacher nichts entgegnen können (Lk 13,17). Durch seine Gnade öffnet Er Münder zum Lob Gottes, aber durch seine Gerechtigkeit verschließt Er den Mund derer, die gegen Ihn und die Wahrheit reden.

Wollen wir nicht seiner Barmherzigkeit vertrauen, die über unsere Schwäche triumphiert, und uns vor dem Sauerteig der Heuchelei hüten, den Er in seiner Heiligkeit nicht dulden kann?

[Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift Ermunterung & Ermahnung im Jahr 2015 und wurde für diese Veröffentlichung stark überarbeitet.]


Fußnoten:

  1. Bei seinem ersten berichteten Besuch in einer Synagoge wurden nicht seine Taten, sondern seine Worte abgelehnt, siehe Lukas 4.
  2. Heute würden wir vielleicht sagen, dass die Krankheit eine innere, eine neurologische Ursache hatte. Parkinson wäre ein Beispiel.
  3. Wir haben es hier übrigens mit dem einzigen Heilungswunder zu tun, das der Herr Jesus an jemand vollbrachte, der ausdrücklich als gläubig bezeichnet wird.
  4. Wir finden bei keinem einzigen der sieben Sabbatwunder in den Evangelien, dass der Herr Jesus um Heilung gebeten wurde. Immer war Er der aktiv Handelnde.
  5. Bucklige waren nach 3. Mose 21,18–23 vom Priesterdienst ausgeschlossen: In so einem Zustand, in dem wir nur uns sehen, können wir Gott nicht anbetend nahen.