William Tyndale - Reformator und Bibelübersetzer

Online seit dem 15.01.2018

Der Brite William Tyndale (1484–1536) ist nicht sehr bekannt, aber er leistete etwas Großartiges: Er übersetzte die Bibel (größtenteils) in die englische Sprache. Es war die erste Übertragung ins Englische, die den hebräischen und griechischen Grundtext genau wiedergab und die durch Buchdrucker vervielfältigt wurde. Tyndales gründliche Arbeit beeinflusste wesentlich die bekannte King-James-Übersetzung – die am weitesten verbreitete Bibelübersetzung auf der ganzen Welt.

William Tyndale wurde um das Jahr 1484 in der Grafschaft Gloucestershire im Südwesten Englands geboren. Über seine Kindheit und Jugend ist so gut wie nichts bekannt. Er wuchs offenbar in einer recht gewöhnlichen Familie auf, in der er eine strenge Erziehung und liebevolle Zuwendung erlebte.

Zu dieser Zeit lag über Europa eine dunkle Decke der Unwissenheit und des Aberglaubens. Religion spielte eine wichtige Rolle im Alltagsleben der Menschen – aber viele wussten so gut wie nichts über das, was die Bibel lehrt. Das lag vor allem daran, dass die Bibel fast nur in Lateinisch erhältlich war und die Gottesdienste auch in dieser Sprache der Gelehrten abgehalten wurden.

Der Aberglaube zeigte sich beispielsweise in einem verbreiteten Reliquienkult. Reliquien sind Überreste von sogenannten Heiligen oder Gegenständen, die mit ihnen in Verbindung standen. In der Domkirche von Wittenberg, wo Luther später wirkte, sollen insgesamt sage und schreibe 17.000 Reliquien gehortet worden sein. Darunter befand sich in einem Behältnis angeblich die Muttermilch von Maria, der Mutter Jesu. In einem Kloster in Gloucester, wo Tyndale wohnte, gab es ein Kristallgefäß, von dem gesagt wurde, dass es das Blut Christi enthielte. Für den Sünder wurde das Blut erst sichtbar, wenn ihm gegen Bezahlung die Absolution (Freisprechung) von seinen Sünden erteilt wurde. Das heißt: Die Priester drehten dann dem Beichtenden die Seite des Gefäßes zu, in dem sich eine rote Flüssigkeit befand. Es erscheint uns grotesk, dass Menschen diesen Spuk für bare Münze nahmen und dafür auch noch mit barer Münze bezahlten. Doch gerade so war es. Eine Reformation war dringend notwendig!

Student und Hauslehrer

Nach seiner Schulzeit studierte Tyndale an den Universitäten in Oxford und Cambridge. Er erlangte zunächst den Titel Master of Arts und studierte anschließend Theologie. Tyndale war sehr sprachbegabt. Im Lauf der Zeit erlernte er sieben Sprachen, die er fast wie eine Muttersprache beherrscht haben soll: Französisch, Griechisch, Hebräisch, Deutsch, Italienisch, Lateinisch und Spanisch. Tyndale wurde zum katholischen Priester geweiht und arbeitete ab 1521 als Hauslehrer bei dem Katholiken John Walsh in der Grafschaft Gloucestershire.

Wahrscheinlich bekehrte sich Tyndale als Student. Jedenfalls untersuchte er bereits, als er Hauslehrer war, intensiv das griechische Neue Testament und predigte die freie Gnade Gottes. Seine Predigten brachten ihm den wachsenden Widerstand der Mönche und Priester ein. Auch im Haus der Walshs wurde er zunehmend argwöhnisch beäugt.

An einem schönen Herbsttag beobachtete William Tyndale, wie ein bettelarmer Bauernknecht mühsam einen Acker pflügte. Wie soll dieser einfache Mann jemals zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, wenn ihm das Wort Gottes in seiner Muttersprache nicht zur Verfügung steht? Was nützt ihm die lateinische Übersetzung der Bibel und was die griechische Übersetzung, die Erasmus von Rotterdam vor einiger Zeit herausgegeben hat? In Tyndales Herz wurde ein Verlangen entfacht, das nicht mehr erlöschen sollte: Die Bibel muss in englischer Sprache unters Volk gebracht werden!

Zu den Walshs kamen oft gelehrte Leute zum Dinner, und Tyndale pflegte mit ihnen über das zu reden, was er in der Bibel entdeckt hatte. Doch Gottes Wort beeindruckte viele Besucher nicht. Einer erdreistete sich sogar zu sagen: „Uns ginge es ohne Gottes Gesetz besser als ohne das des Papstes!“ Daraufhin sprach Tyndale die gewichtigen und zur damaligen Zeit sehr mutigen Worte: „Ich biete dem Papst und all seinen Gesetzen die Stirn … Wenn Gott mein Leben noch etliche Jahre erhält, werde ich dafür sorgen, dass der Knecht hinter dem Pflug mehr von der Bibel versteht als Sie!“

Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass es für Tyndale in dieser Gegend immer schwieriger und gefährlicher wurde. Die Zeit war für ihn gekommen, sich einen anderen Aufenthaltsort zu suchen.

Bibelübersetzung in der Muttersprache

Im Jahr 1523 ging Tyndale nach London. Er wollte sich dort von dem bedeutenden Bischof Cuthbert Tunstall die Erlaubnis einholen, die Bibel in die englische Sprache zu übersetzen, und suchte dazu bei ihm eine Anstellung. Doch der Bischof lehnte ab.

Warum sollte eigentlich die Bibel den Menschen nicht in ihrer Muttersprache zur Verfügung gestellt werden? Die haarsträubende Begründung: Wenn die einfachen Leute die Bibel lesen könnten, würden sie die Schrift zu ihrem Verderben verdrehen. Gewiss würden sie die Worte des Herrn: „Wenn aber dein rechtes Auge dir Anstoß gibt, so reiß es aus und wirf es von dir“ (Mt 5,29), wörtlich nehmen, und in Kürze wäre eine ganze Nation blind. – So wurde argumentiert!

Bereits im Jahr 1408 hatte der Erzbischof von Canterbury verfügt: „Es ist eine gefährliche Sache, wie der heilige Hieronymus bezeugt, den Text der Heiligen Schrift von einer Sprache in die andere zu übersetzen, denn die Übertragung des gleichen Sinnes ist nicht leicht zu treffen … Wir ordnen deshalb an und befehlen, dass niemand von jetzt an aus eigenem Antrieb irgendeinen Text aus der Heiligen Schrift ins Englische oder in irgendeine andere Sprache übersetzen … und niemand ein solches Buch lesen darf …, sei es in Teilen oder vollständig.“ Auch andere kirchliche Würdenträger hatten Ähnliches formuliert. Und diese Verbote nahm man sehr ernst. So wurden in den Tagen Tyndales sieben arme Leute hingerichtet, weil sie in ihren Häusern die Kinder das Vaterunser und andere biblische Texte in der englischen Muttersprache gelehrt hatten.

Wir dürfen sehr dankbar sein, dass wir die Bibel in unserer Sprache lesen können! Unsere Dankbarkeit Gott gegenüber können wir am besten dadurch ausdrücken, dass wir täglich darin lesen und ihre heiligen Lehren in unserem Leben umsetzen.

Von London zu Luther

Tyndale blieb ungefähr ein Jahr in London, studierte das Wort Gottes, übersetzte und predigte. In dieser Zeit gelangten Schriften des Reformators Martin Luther in seine Hände, und Tyndale bemerkte, dass seine Ansichten mit denen Luthers stark übereinstimmten. Diesen Mann musste er besuchen! Er konnte in London ohnehin nicht gefahrlos die Bibel übersetzen. Und selbst wenn es ihm gelänge, die Übersetzung abzuschließen – wer würde in England die Bibeln drucken? Also setzte sich Tyndale heimlich nach Deutschland ab und reiste (wahrscheinlich) über Hamburg nach Wittenberg. Zu diesem Zeitpunkt war das Neue Testament, das Luther auf der Wartburg in die deutsche Sprache übersetzt hatte, bereits erschienen, und Luther arbeitete wieder an der Universität in Wittenberg. Tyndale konnte ihn dort treffen und sich mit Luther austauschen. Was die beiden miteinander besprachen, ist leider nicht überliefert.

Tyndale profitierte von Luthers Übersetzung und ließ die gewonnenen Erkenntnisse in seine Übertragung einfließen. In Wittenberg konnte Tyndale seine Arbeit am Neuen Testament fast abschließen. Aber er vollendete sie nicht und suchte dort auch keine Druckerei. Wahrscheinlich deshalb, weil er das Neue Testament in einer Stadt drucken lassen wollte, die näher an England lag und über ausgedehntere Handelswege verfügte. Außerdem sollte seine Übersetzungsarbeit eine gewisse Unabhängigkeit bewahren und nicht zu eng an den Namen Luther gebunden werden.

Druck des Neuen Testaments

Zunächst ging Tyndale nach Hamburg. Er machte sich dann aber nach Köln auf, um den Druck des Neuen Testaments dort vornehmen zu lassen, wo sich besonders viele Geschäftsleute tummelten. Schon war mit dem Druck begonnen worden, als ein erbitterter Gegner der Reformation, Johannes Cochläus, auf dieses Projekt aufmerksam wurde. Schnell informierte er den Senator von Köln, der nicht begeistert war, dass eine Bibel in seiner Stadt gedruckt werden sollte, und sogar Strafmaßnahmen einleitete. In letzter Sekunde konnten Tyndale und sein Mithelfer, mit einigen Druckbögen im Gepäck, nach Worms entrinnen. Dort wurde das Neue Testament im Jahr 1526 in einer recht handlichen und schlichten Ausgabe gedruckt. In Tuchballen versteckt, konnte das Neue Testament nach England geschmuggelt werden, wo es aufgrund eines günstigen Preises eine rasche Verbreitung fand.

Es war nicht die erste Bibelübersetzung in die englische Sprache: Wycliff hatte bereits im 14. Jahrhundert die Bibel ins Englische übertragen. Aber da diese Übersetzung noch von Hand abgeschrieben werden musste, kursierten nur wenige Exemplare – wobei womöglich nicht einmal Tyndale eins besaß.

Arbeit und Gefahren

Tyndale lebte stets in großer Gefahr. Er galt für die römisch-katholischen Inquisitoren („Untersuchungsrichter“) als Ketzer. Auch der König von England, Heinrich VIII., ließ ihn durch seine Agenten suchen, weil Tyndale dagegen protestiert hatte, dass sich der König von seiner Frau, Katharina von Aragon, scheiden ließ. Später wollte Heinrich VIII. Tyndale allerdings in sein Reich zurückholen, weil sich der englische König mit der römisch-katholischen Kirche völlig überworfen hatte und er einen gelehrten Mann wie Tyndale für theologische Auseinandersetzungen gut gebrauchen konnte. Doch Tyndale wollte nur unter einer Bedingung zurückkommen: dass die Bibel in englischer Sprache frei im Land verbreitet werden durfte. Heinrich VIII. lehnte dies empört ab.

Tyndale blieb nicht in Worms, sondern wohnte später längere Zeit in Marburg. Dort schrieb er Bücher, verbesserte die Übersetzung des Neuen Testaments und brachte die Übersetzung des Alten Testaments voran. Er arbeitete gewissenhaft und sorgfältig. Seinem Freund John Frith (1503–1533) konnte er schreiben: „Vor Gott bezeuge ich und angesichts des Tages, wenn wir vor unserem Herrn Jesus erscheinen werden, dass ich niemals einen Buchstaben von Gottes Wort gegen mein Gewissen abgeändert habe; noch würde ich das tun, selbst wenn mir alles in der Welt – sei es Ehre, Freude oder Reichtum – gegeben werden würde.“

Wie muss den ledigen Tyndale die beständige Einsamkeit bei seiner intensiven Schreibarbeit geplagt haben! Gewiss haben seine Glieder nach Bewegung geschrien, wenn er Tag für Tag stundenlang gebeugt an seinem einfachen Schreibtisch saß! Und seine Augen werden im Dämmerlicht mehr als einmal geschmerzt haben. Doch er wusste: Gott hat mich zu dieser Arbeit berufen. – Und so flossen die Buchstaben unentwegt aus seiner strapazierten Feder.

Wo Tyndale sich überall aufhielt und was er alles erlitt, lässt sich heute nicht mehr im Einzelnen nachvollziehen. In einem Brief an Stephen Vaughan aus dem Jahr 1531 schrieb er wörtlich von seinen Schmerzen, seiner Armut, seiner Verbannung aus dem Heimatland, seinem bitteren Getrenntsein von den Freunden, seinem Hunger, seinem Durst, seinem Frieren und von den großen Gefahren, die ihn umringten, und schließlich „von all den unzähligen anderen harten und schmerzhaften Anfechtungen, die ich erdulden muss“.

Das erinnert an den großen Apostel der Nationen, der im Dienst für den Herrn ungeheure Strapazen auf sich nahm: „Bis zur jetzigen Stunde leiden wir sowohl Hunger als auch Durst und sind nackt und werden mit Fäusten geschlagen und haben keine bestimmte Wohnung und mühen uns ab, mit unseren eigenen Händen arbeitend. Geschmäht, segnen wir; verfolgt, dulden wir; gelästert, bitten wir; wie der Kehricht der Welt sind wir geworden, ein Abschaum aller bis jetzt“ (1. Kor 4,11–13; vgl. ferner 2. Kor 11,23–28). Auch wenn Paulus das nicht geschrieben hat, um uns zu beschämen (vgl. 1. Kor 4,14), so beschämt es uns dennoch, wenn wir an unser oft so bequemes Christenleben denken.

Tyndales bester Freund, John Frith, der auch aus England geflohen war, kehrte kurz nach seiner Heirat dorthin zurück. Diese wagemutige Entscheidung musste er mit seinem Leben bezahlen. Ehe er im Jahr 1533 in Smithfield bei London als Märtyrer starb, sandte Tyndale ihm einen Brief: „Deine Sache ist das Evangelium Christi, ein Licht, das mit dem Blut des Glaubens gespeist werden muss … Wenn wir für Wohltun geschlagen werden, leiden wir geduldig und halten aus; das ist angenehm vor Gott, denn dazu sind wir berufen. Denn auch Christus hat für uns gelitten und uns ein Beispiel hinterlassen, damit wir seinen Fußstapfen folgen, der keine Sünde tat. Hierin haben wir die Liebe erkannt, dass er sein Leben für uns hingegeben hat; darum sollen auch wir unser Leben für die Brüder darlegen … Lass deinen Körper nicht schwach werden! … Wenn die Schmerzen über deine Kräfte gehen, dann denke an seine Verheißung: Wenn ihr in meinem Namen etwas bitten werdet, werde ich es tun. Ich bete zu unserem Vater in diesem Namen, und er wird deinen Schmerz lindern oder ihn abkürzen … Amen.“ Die Nachricht von dem Tod seines Freundes erschütterte Tyndale.

In Antwerpen

William Tyndale ging 1534 nach Antwerpen, wo er in einem englischen Viertel bei einem englischen Kaufmann Unterschlupf finden konnte. Die englischen Kaufleute genossen in der Stadt hohes Ansehen und wurden von der Regierung beschützt – und so konnte Tyndale etwas aufatmen. Hier wurde er auch von Freunden großzügig unterstützt. Im selben Jahr ließ er seine überarbeitete und stark verbesserte Fassung des Neuen Testaments in Druck geben. Die Arbeit am Alten Testament ging weiter, doch Tyndale sollte sie nicht vollenden können …

Im Jahr 1535 tauchte in Antwerpen unvermittelt ein Student aus England auf. Er hieß Henry Philips, war sehr gewandt in seinen Umgangsformen und anscheinend brennend interessiert an der Reformation. Der gutgläubige Tyndale war angetan von dem umgänglichen jungen Mann und unterhielt sich oft mit ihm. Seine Freunde mahnten ihn zur Vorsicht und warnten ihn davor, sich frei in der Stadt zu bewegen.

Als es Philips eines Tages gelungen war, Tyndale in eine der schmalen Gassen von Antwerpen zu locken, wurde der vermeintliche Ketzer von Offizieren verhaftet, in deren Arme ihn der niederträchtige Philips stieß. Tyndale war verraten worden! Und Philips hatte es sogar gewagt, sich unmittelbar vor der Verhaftung von Tyndale noch eine stattliche Summe zu leihen, um seinen Judaslohn aufzubessern.

In der Festung Vilvoorde

Tyndale wurde in die nahe gelegene Festung Vilvoorde bei Brüssel gebracht. Die emsigen Versuche seiner Freunde, seine Freilassung zu bewirken, schlugen fehl, und Tyndale musste harte Haftbedingungen ertragen. Deshalb schrieb er im September einen Brief an einen Beamten der Burg und bat um Erleichterungen: „Ich wende mich an Eure Lordschaft und an den Herrn Jesus, dem alle Herrschaft unterstellt ist: Wenn ich hier den Winter über bleibe, möchten Sie den Kommissar bitten, so freundlich zu sein, mir von meinen beschlagnahmten Gütern eine warme Mütze zu geben. Mein Kopf leidet sehr unter der Kälte … Ich erbitte ebenso einen warmen Mantel … Gleichfalls bitte ich, mir eine Lampe für den Abend zu genehmigen; es ist wirklich schrecklich, allein im Dunkeln zu sitzen. Aber vor allem erbitte und erflehe ich Ihre Barmherzigkeit dahingehend, dass Sie unbedingt mit dem Kommissar sprechen, er möge mir freundlichst erlauben, eine hebräische Bibel, die hebräische Grammatik und das hebräische Wörterbuch zu bewilligen, damit ich meine Zeit mit solchen Studien verbringen kann. Dafür mögen Sie empfangen, was Sie am meisten begehren; aber nur, wenn es der Errettung Ihrer Seele dient. Doch wenn irgendeine andere Entscheidung betreffs meiner Person gefallen ist, dass ich vor dem Winter verurteilt werde, will ich das geduldig tragen und in dem Willen Gottes bleiben zur Verherrlichung der Gnade meines Herrn Jesus Christus. [Mein Gebet] ist, dass sein Geist stets Ihr Herz leiten möge. Amen.“

Erinnert uns das nicht an die Worte des Apostels Paulus, der aus dem Gefängnis an Timotheus schrieb: „Den Mantel, den ich in Troas bei Karpus zurückließ, bring mit, wenn du kommst, und die Bücher, besonders die Pergamente“ (2. Tim 4,13)? Auch Paulus wünschte sich etwas Wärmendes und war daran interessiert, im Gefängnis zu lesen und zu schreiben – sicher zur Ehre des Herrn.

Tyndale war im Gefängnis ein glaubwürdiges Zeugnis für Christus: Sein Wärter und einige aus dessen Haushalt bekehrten sich. Viele Gefangenen waren beeindruckt von seiner Haltung. Wieder können wir an Paulus denken – den Tyndale sich gewiss zum Vorbild nahm –, denn der Apostel wurde im Gefängnis ein Wegweiser zu dem Herrn Jesus (Apg 16; Phlm 10; Phil 1,12.13), und er trachtete danach, seinen Meister auch an diesem dunklen Ort zu verherrlichen (Phil 1,20).

Im August 1536 wurde William Tyndale schließlich wegen Ketzerei zum Tod verurteilt. Die Ketzerei bestand darin, dass er unter anderem Folgendes behauptete:

- Der Glaube rechtfertigt allein.
- Menschliche Traditionen sind nicht bindend für das Gewissen.
- Es gibt kein Fegefeuer.
- Es sollte weder zur Jungfrau Maria noch zu den Heiligen gebeten werden.

Anfang Oktober wurde er dann zu einem offenen Platz geführt, wo sich eine Menschenmenge drängte. In der Mitte der Hinrichtungsstätte erhob sich ein großer Holzpfeiler in Kreuzform. Der Gefangene wurde vorgeführt und gefragt, ob er widerrufen wolle. Er ergriff diese „Chance“ nicht. Kurz bevor er zum Pfahl ging, betete er laut: „Herr, öffne dem König von England die Augen!“ An dem Pfahl wurde er von dem hinter ihm stehenden Henker mit einer Eisenkette erwürgt und anschließend zu Asche verbrannt.

Die Bibel breitet sich aus

Gott erhörte das Gebet des treuen Märtyrers. Nur zwei Jahre nach seinem Tod befahl König Heinrich VIII., dass jede Kirche in England ein Exemplar der englischen Bibel auslegen solle. Und im Jahr 1539 ermutigte der König alle Drucker und Buchverkäufer, „den freien und großzügigen Gebrauch der Bibel in unserer englischen Muttersprache“. Die Bibeln, die in jenen Tagen in England gedruckt wurden, basierten wesentlich auf der Arbeit eines Mannes – William Tyndale.

Gerrid Setzer