Reden in Sprachen – heute noch?

Online seit dem 18.12.2018, Bibelstellen: Apostelgeschichte 2; 1. Korinther 13.14; Hebräer 2,4; Markus 16,15-20

Was ist mit „Reden in Sprachen“ (oder: „Zungenreden“) gemeint, und gibt es das heute noch?

Unter „Reden in Sprachen“ (oder auch: „Zungenreden“) wird heute landläufig ein oft ekstatisches und unverständliches „Reden“ (eher Lallen) unter der Leitung des Heiligen Geistes verstanden. Diese oft sehr emotionale Erscheinung zieht viele Menschen, auch Kinder Gottes, in seinen Bann. Für viele scheint angesichts der offensichtlichen Ereignisse die Frage nach der Existenz von „Zungenreden“ überflüssig zu sein. Und hat man nicht schon zu Pfingsten in Apostelgeschichte 2 gesehen, dass die Apostel dort in „Zungen redeten“?

Kein unverständliches Lallen

Was auch immer das heute so oft praktizierte „Zungenreden“ bzw. „Reden in Sprachen“ sein mag – es hat nichts mit den Ereignissen in Apostelgeschichte 2 zu tun. Ohne Zweifel hatte der Herr Jesus vorausgesagt, dass in seinem Namen unter anderem in „neuen Sprachen“ geredet werden sollte (vgl. Mk 16,17). Dies ging dann auch in Apostelgeschichte 2 in Erfüllung, nachdem der Heilige Geist auf die Erde gekommen war und in den Gläubigen Wohnung genommen hatte (vgl. Apg 2,3.4). Interessanterweise wird uns in Apostelgeschichte 2,5–13 eine genauere Beschreibung der Ereignisse gegeben, die einen sehr deutlichen Unterschied zu dem heute dafürgehaltenen „Sprachenreden“ aufweist: Das, was der Heilige Geist den damaligen Gläubigen auszusprechen gab, waren keine ekstatischen und unverständlichen Laute, sondern verständliche Worte und Sätze in den (Fremd-)Sprachen, die die zu diesem Zeitpunkt anwesenden Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen sprachen und verstanden. „Wir hören sie die großen Taten Gottes in unseren Sprachen reden“ (Apg 2,11).

Ein „Sprech-Wunder“

Das Wirken des Heiligen Geistes bestand darin, dass die Jünger, die eigentlich Hebräisch oder Griechisch sprachen, diese damals tatsächlich existierenden Sprachen sprechen konnten, obwohl sie diese Sprachen niemals gelernt hatten. Das war offensichtlich auch zur Verwunderung der damaligen Zuhörer, denn sie sagen: „Siehe, sind nicht alle diese, die da reden, Galiläer? Und wie hören wir sie, jeder in unserer eigenen Mundart, in der wir geboren sind?“ (Apg 2,7.8). Später wird von zwei Jüngern des Herrn, die auch in Kapitel 2 bei dem Ausgießen des Heiligen Geistes dabei waren, gesagt, dass sie „ungelehrte und ungebildete“ Leute waren (Apg 4,13). Es handelt sich also um ein Werk des Heiligen Geistes in den Gläubigen (Apg 2,4) (d.h. in den Sprechenden, nicht in den Hörenden), das sie dazu befähigte, Sprachen zu sprechen, die sie niemals gelernt hatten.

Ein Zeichen für die Ungläubigen

Auch das Ziel Gottes, indem er die Gabe des Sprachenredens gibt, wird uns in diesen Versen deutlich gemacht: die großen Taten Gottes verkündigen. Der Heilige Geist war auf solche gefallen, die an den Herrn Jesus glaubten, und diese waren dadurch nun mit dem Heiligen Geist versiegelt (Eph 1,13) und in einen Leib getauft worden (1. Kor 12,13). Nun verkündigten sie, dem großen Auftrag des Herrn Jesus gegenüber gehorsam, das Evangelium, wobei Gott durch die Gabe des Sprachenredens als Zeichen den Ungläubigen gegenüber mitwirkte. Die Ungläubigen sollten überführt und zur Umkehr gebracht werden – was übrigens dann auch in Apostelgeschichte 2 geschieht: „Und es wurden an diesem Tag etwas dreitausend Seelen hinzugetan“ (Apg 2,41). Sie hatten die Worte der Verkündigung durch die Jünger nicht als Menschenwort aufgenommen, „sondern, wie es wirklich ist, als Gottes Wort“ (1. Thes 2,13). Der Gedanken, dass das „Reden in Sprachen“ in Bezug auf die Ungläubigen geschieht, wird auch durch 1. Korinther 14,22 bestätigt: „Daher sind die Sprachen zu einem Zeichen, nicht den Glaubenden, sondern den Ungläubigen.

Ein Zeichen des Gerichtes

Im Hinblick auf die Juden war das Reden in Sprachen noch ein ganz anderes Zeichen: das des Gerichts. Gott hatte oft und auf unterschiedlichste Weise durch die Propheten zu seinem Volk geredet. Doch schon der Herr Jesus musste über Jerusalem klagen: „Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!“ Wie würden sie wohl nun mit dem umgehen, der der Sohn und der erwartete Messias seines Volkes ist? Würden sie sich vor ihm scheuen (vgl. Lk 20,13)? Doch am Ende seiner langen Rede vor den Obersten des Volkes musste auch Stephanus klagen: „Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herz und Ohren! Ihr widerstreitet allezeit dem Heiligen Geist; wie eure Väter, so auch ihr. Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Und sie haben die getötet, die die Ankunft des Gerechten zuvor verkündigten, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid“ (Apg 7,51.52).

In 1. Korinther 14, 21 zitiert der Apostel Paulus Verse aus Jesaja 28,11.12: „Ja, durch stammelnde Lippen und durch eine fremde Sprache wird er zu diesem Volk reden, er, der zu ihnen sprach: Dies ist die Ruhe, verschafft dem Ermüdeten Ruhe; und dies ist die Erquickung! Aber sie wollten nicht hören.“ Das Volk hatte eben nicht auf die von Gott gesandten Propheten gehört. Daher kündigt Gott ihnen Gericht an. Dieses angekündigte Gericht Jesajas findet seine teilweise Erfüllung in der Zeit der Regentschaft Hiskias (2. Kön 18,13ff.) in dem Krieg der Assyrer gegen Juda. In geistlicher Hinsicht finden wir die Erfüllung dieser Prophezeiung jedoch zu Pfingsten in Apostelgeschichte 2. Dass Gott nun in den Sprachen der Nationen das Evangelium verkündigen lässt, ist ein Zeichen des Gerichtes für die Juden. Sie hatten ihren Messias abgelehnt. Auch die Apostel hatten durch die Juden zunehmend Ablehnung und Feindschaft in der Verkündigung des Evangeliums erfahren. Es war für die Juden unerträglich, dass Gott sich jetzt auch den Nationen zuwandte. Und doch sehen wir in Apostelgeschichte 10, wie das Reden in Sprachen gerade dafür ein Beweis war, dass Gott auch den aus den Nationen (hier Kornelius und die Gläubigen in seinem Haus) den Heiligen Geist geschenkt hatte (Apg 10,44–46).

„Reden in Sprachen“ – heute noch?

Bezüglich der Frage, ob es heute noch ein „Reden in Sprachen“ bzw. „Zungenreden“ gibt, ist deutlich geworden: Das, was man heute darunter versteht, nämlich ein ekstatisches und unverständliches „Reden“ in einer „Sprache“, die niemand auf der Erde versteht, hat noch nie gegeben.

Gibt es denn das Reden in Sprachen, wie wir es in Apostelgeschichte 2 finden, heute noch? Wir denken nicht. Obwohl wir keine eindeutige Stelle im Neuen Testament finden, in der uns gesagt wird, dass das Reden in Sprachen in späterer Zeit nicht mehr existieren würde, finden wir doch zwei eindeutige Hinweise, die wir kurz erwähnen wollen:

1.     In Hebräer 2,4 lesen wir: „… wobei Gott außerdem mitzeugte, sowohl durch Zeichen als durch Wunder und mancherlei Wunderwerke und Austeilungen [des] Heiligen Geistes nach seinem Willen.“ Die Verkündigung der ersten Christen wurde anfangs noch durch Zeichen und Wunder begleitet, so wie wir es schon in Markus 16,20 lesen. Der Schreiber des Hebräerbriefes benutzt in diesem Vers die Vergangenheitsform („mitzeugte“). Da der Brief an die Hebräer wahrscheinlich 63 oder 64 nach Christus geschrieben wurde, ist wohl davon auszugehen, dass zu diesem Zeitpunkt Gott nicht mehr durch Zeichen und Wunder, wie zum Beispiel das Reden in Sprachen, mitwirkte.

2.     Dies, so meinen wir, finden wir auch in 1. Korinther 13 bestätigt. In dem achten Vers des Kapitels lesen wir von der Liebe, von Weissagungen, Erkenntnis und Sprachen. Während von der Liebe gesagt wird, dass sie nicht vergeht, denn sie ist das Wesen Gottes, so wird von den Weissagungen und der Erkenntnis gesagt, dass sie weggetan werden, von den Sprachen aber, dass sie aufhören werden (vgl. 1. Kor 13,8). Der Unterscheid der Verben ist hier entscheidend. Weissagung und Erkenntnis werden weggetan werden. Warum? Weil beides stückweise geschieht. Wann? Wenn das Vollkommene gekommen sein wird (1. Kor 13,9). Damit wird auf die Entrückung der Gläubigen angespielt. Wenn der Herr Jesus die Gläubigen zu sich in das Vaterhaus geholt haben wird, wird keine Weissagung und Erkenntnis mehr notwendig sein und daher weggetan (gr. katargeo = „vernichten, vertilgen, beseitigen“). Die Sprachen hingegen werden nicht weggetan (wie Weissagungen und Erkenntnis bei dem Kommen des Herrn Jesus), sondern aufhören. Das griechische Wort pauo bedeutet „ablassen, abklingen, zur Ruhe kommen“. Dies wird eben zu einem früheren Zeitpunkt geschehen als die Wegnahme von Weissagung und Erkenntnis bei dem Wiederkommen des Herrn Jesus, um die Gläubigen zu sich zu holen.

Darüber hinaus finden wir in den Schriften der Kirchenväter in den ersten Jahrhunderten nichts von „Reden in Sprachen“ oder „Zungenreden“. Lediglich Eusebius (ca. 260–339 n.Chr.) schreibt etwas über „Zungenreden“. Dies geschieht aber im Zusammenhang der Beschreibung der Tätigkeiten des Irrlehrers Montanus, der von sich selbst behauptete, der Sachwalter (Paraklet) zu sein. Auch diese Tatsache bestätigt noch einmal, dass das „Reden in Sprachen“ oder „Zungenreden“ recht früh in der Christenheit aufgehört hat.

Interessanterweise ist (mir und vielen anderen) auch heute kein Fall bekannt, bei dem jemand aus der charismatischen Bewegung von sich behauptet, er würde in Sprachen reden in dem Sinn, dass er eine (heute existierende) Fremdsprache plötzlich spricht, die er niemals erlernt hat. Wenn wir heute von „Reden in Sprachen“ hören, ist immer ein unverständliches Reden bzw. Lallen der Fall, das die Bibel nicht kennt.

Friedemann Werkshage