Der Durchzug durch das Rote Meer

Online seit dem 23.08.2019, Bibelstellen: 2. Mose 13,17 – 14,31

Wir kommen jetzt zum Abschluss der Befreiung Israels aus Ägypten. Erst als sie das Rote Meer durchzogen hatten, waren sie vollständig befreit. Von Erlösung wird erst gesprochen, nachdem das Volk sie erreicht hatte.[1] Es ist klar, dass Erlösung in dem bildhaften Zusammenhang, den wir vor uns haben, viel mehr beinhaltet als die bloße Befreiung von Zorn und Verdammnis. Trotzdem verwenden wir es gewöhnlich in diesem Sinn.

Hier am Roten Meer geht es nicht mehr um etwas, was zwischen dem Volk und Gott geregelt werden müsste, sondern um die Auseinandersetzung zwischen dem Volk und ihren Feinden. Die Sache mit Gott wurde in der Nacht des Passahs geregelt und zwar vollständig und abschließend. Die Frage, die hier vor uns steht, ist die alte und anfängliche Frage der Knechtschaft unter dem Pharao bzw. die Frage der Freiheit. Sie hatten erfahren, dass diese allerdings nicht als Erstes beantwortet werden konnte. Dieser Frage nimmt sich Gott selbst zu ihren Gunsten an, und von nun an sehen sie in einer so offensichtlichen Art und Weise, dass Gott für sie ist wie nie zuvor. Gott war bereits seit dem Opfer des Passahs mit ihnen. Wie lebendig steht das aber erst am Roten Meer vor ihnen!

Wenn wir uns den lehrmäßigen Teil des Römerbriefes, d.h. die ersten acht Kapitel, in Erinnerung rufen, sehen wir, dass der erste Teil (bis zur Hälfte des 5. Kapitels) mit dem Blut Christi und seinen Auswirkungen beschäftigt ist. Dort erkennen wir, dass die Gerechtigkeit Gottes selbst, die in dem Vergießen des Blutes bezeugt wird, für einen sicheren Zufluchtsort sorgt. Wir sind „durch sein Blut gerechtfertigt“ (Röm 5,9), dessen Auswirkungen bis zum finalen Gericht der Welt reicht. Es versichert uns, dass er uns von dem kommenden Zorn errettet (1. Thes 1,10). Die Sicherheit der endgültigen Errettung wird mit der einfachen und gesegneten Tatsache erläutert (oder sollten wir besser sagen basiert darauf), dass unsere Rechtfertigung jetzt bereits besteht. Alle möglichen Anklagen werden zurückgewiesen. Das Gericht ist für immer weggewälzt, und indem wir in der gegenwärtigen Gnade stehen und die Herrlichkeit als unsere sichere Hoffnung haben, sind wir in der Lage, uns auch der Drangsale zu rühmen, weil wir uns bewusst sind, dass sie wie alles andere auch unter der Hand Gottes zu unserem Segen ausschlagen wird.

Das ist im Wesentlichen die Wahrheit, die mit dem Passah verbunden ist: der Schutz vor dem Gericht, das Essen des Lammes und die Ausrüstung für die Reise. Im nächsten Abschnitt dieses Briefes, d.h. ab Kapitel 5,12, kommt nun die Frage der Praxis vor uns: „Was sollen wir nun sagen? Sollten wir in der Sünde verharren, damit die Gnade überströme?“ (Röm 6,1). Nachdem dann klargeworden ist, wie hoffnungslos böse das Fleisch ist, wird noch eine Frage gestellt: „Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leib des Todes?“ (Röm 7,24).

Über den ganzen Abschnitt hinweg beschäftigt sich die Frage mit der Herrschaft der Sünde, von der wir durch den Tod befreit worden sind und in eine neue, höhere Stellung gebracht wurden: „Damit der Leib der Sünde abgetan sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen“ (Röm 6,6). Durch den Tod sind wir „freigemacht … von der Sünde“ (Röm 6,18). Wir sind mit Christus gestorben und „das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm 8,2). Das ist die göttliche Weise unserer Befreiung, die uns geschenkt wurde.

Lasst uns das jetzt gemeinsam etwas genauer betrachten. Möge es so sein, dass meine Zuhörer durch die Gnade Gottes in die Lage versetzt werden, den Schritten dieser Befreiung zu folgen und sie sich zu eigen zu machen, wenn sie es bisher nicht getan haben. Diese Befreiung ist eine großartige und wahre Tatsache. Leider können wir nicht immer davon ausgehen, dass sie jeder, der Frieden mit Gott hat, auch kennt.

Den Frieden mit Gott haben wir bereits in Römer 5 gefunden. Dennoch begegnen wir in Kapitel 7 dem Ausruf „Ich … bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“ (Röm 7,14). Hier geht es nicht länger um den Frieden mit Gott, sondern um meine sündige Natur als einem „Gesetz der Sünde“. Diese Problematik wird jetzt thematisiert. Es kann sein, dass Gläubige aus Unwissenheit keinen Frieden haben und durch die Erfahrungen von Römer 7 gehen, was dazu führen kann, dass sie diese Problematik mit der Frage des grundsätzlichen Friedens mit Gott verwechseln. Im Römerbrief werden sie allerdings deutlich unterschieden. Schrecken wir also nicht vor der Frage zurück, ob wir bereits durch diese Erfahrung gegangen sind. Es ist nämlich tatsächlich eine Erfahrung, durch die wir hindurchmüssen. Liebe Freunde, haben wir das Lied der Erlösung gelernt als solche, die unangetastet durch das Rote Meer hindurchgekommen sind? Liegt Ägypten endgültig und für immer hinter dir? Welch ein Glück, wenn es so ist!

Hört die Knechtschaft unter den Pharao in der Passahnacht denn nicht auf? In einem gewissen Sinn tut sie das. Die Ketten sind zerbrochen und ein Neuanfang ist gemacht. Gott ist mit ihnen. Niemals kann sein Anspruch auf sie zunichtegemacht werden oder der Feind erneut Besitz von seinem Volk ergreifen. In einem gewissen Sinn endete ihre Sklaverei also in dieser Nacht. Durch den Gerichtsschlag über Ägypten entkamen sie. Wenn wir jetzt die Perspektive Gottes verlassen und uns in die Lage des Volkes versetzen, finden wir sie bald wieder zitternd vor dem alten Tyrannen, obwohl sie mit „erhobener Hand“ aufgebrochen waren. Ihre Furcht ist so groß, dass sie selbst die Anwesenheit Gottes nicht vertreiben kann! Sie sind zwischen der Wüste und dem Meer eingeschlossen und die Verfolgung des Pharaos mit all seinen Wagen und Reitern ist in vollem Gange. Ihr Schrei ist ein Schrei der Verzweiflung. Erneut muss die Sache zwischen ihnen und ihrem alten Feind von Gott aufgegriffen werden, um sie abschließend zu lösen. Gott kämpft für sie und sie tun nichts anderes, als stille zu stehen und die Rettung des HERRN zu sehen (2. Mo 14,13).

So geht es einem Gläubigen, der gelernt hat, hinter dem sicheren Blut Christi Schutz zu suchen. Er hat gesehen, wie das Gericht Gottes vorbeigeht, die Ketten von ihren Händen abfallen und die Frage der Befreiung von dem Gesetz der Sünde für immer geregelt ist. Gott, der ihn endgültig vom Sünder zum Heiligen berufen hat, wird ihn zur vollständigen Heiligkeit bringen. Wie im Bild des Aussätzigen (3. Mo 14,14–18) das Blut heiligt bzw. für Gott beiseitesetzt, so muss das Öl anschließend auf das Blut gebracht werden: Die Kraft des Heiligen Geistes ist da, um ihm das Wirklichkeit werden zu lassen, wozu das kostbare Blut ihn erlöst hat. Das heißt nicht, dass er das sofort zur vollen Verwirklichung dieser Dinge gelangt. Leider besteht die erste Lektion der Heiligkeit darin zu verstehen, „dass in mir (selbst als Gläubigem), das heißt in meinem Fleisch nichts Gutes wohnt“. Um von der Sünde in uns frei zu werden, müssen wir die schmerzhafte und demütigende Lektion der völligen und andauernden Schwachheit lernen.

Wenn jemand soeben die wunderbare Tatsache der Rechtfertigung durch das Blut Christi erfahren hat und gesehen hat, wie sich die Schatten des Todes für ihn in Morgen verwandelten – durch den Glauben an einen auferstandenen Retter, dessen Tod Sühnung getan hat für seine Sünden –, scheint es ihm in der Tat, als könne die Sünde nie mehr seine befreite Seele in Fesseln legen. Die Freude der Errettung scheint von nun an Kraft zu geben. Freudig beginnt er mit Gott, der ja jetzt bei ihm ist.

„Und der Herr zog vor ihnen her, am Tag in einer Wolkensäule, um sie auf dem Weg zu leiten, und in der Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht ziehen konnten. Am Tag wich nicht die Wolkensäule und in der Nacht nicht die Feuersäule vor dem Volk“ (2. Mo 13,21.22).

So beginnen sie ihren Weg mit allen Vorkehrungen um die Schwierigkeiten des Weges zu meistern. Bei Tag und bei Nacht – ununterbrochen sollen sie Fortschritte machen. In dieser Weise geführt und versorgt mit ihm selbst gegenwärtig, was muss das für ein Vorankommen bei ihnen sein! Aber ach, bereits nach einigen Tage scheint alles gescheitert zu sein. Anstatt einen kurzen Weg heraus aus Ägypten zu nehmen (den Weg durch das Land der Philister, auf dem ihnen kein Meer den Weg versperrt), müssen sie „auf den Weg der Wüste des Schilfmeeres abbiegen“ (2. Mo 13,18).

Auf eine neue Art und Weise müssen sie die Befreiung aus der Herrschaft Ägyptens und seines Hoheitsgebietes erfahren. Sie finden sich an der Grenze Ägyptens wieder: vor ihnen das Meer, um sie herum Wüste und hinter ihnen her die ganze Heeresmacht Ägyptens! Hören wir nicht den Schrei: „Ich elender Mensch! Wer wird mich retten“? (Röm 7,24).

Sah es nicht so aus, als hätte Gott sie im Stich gelassen? Und wir, in denen Gott ein heiliges Bedürfnis nach Heiligkeit geweckt hat, müssen lernen, dass wir es nur auf Gottes Weg wirklich erreichen können: indem wir uns in völliger Hilflosigkeit von uns selbst weg zu Christus hin wenden, und zwar nicht zu einem Christus in Macht, sondern im Tod. Dort, wo „unser alter Mensch“ (Röm 6,6) weggetan und gewissermaßen außer Sichtweite begraben wurde.

Wie viele, die durch das kostbare Blut Christi im Frieden mit Gott sind, denken, dass es keine wirksame Befreiung von der Erbsünde (der in uns wohnenden Sünde) gibt! Ihr „Sinn“ ist wohl verändert. Mit ihrem Sinn dienen sie dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde (Röm 7,25). Sie sehen nicht, dass sie die Grenze Ägyptens erreicht haben und dass, obwohl ein Weiterkommen unmöglich erscheint, Gott bereit steht, um eine derartige Befreiung zu schenken, dass ihre Herzen für immer davon singen werden.

Das Rote Meer ist die Grenze Ägyptens, das die Welt in ihrer Entfremdung von Gott darstellt. Wenn wir fragen, wie Menschen aus der Welt herauskommen, ist die allgemeingültige Antwort: „Es geschieht durch den Tod.“ Und unser Hirte hat uns durch seinen Tod einen trockenen Pfad durch den Tod gebahnt – so wie der Stab Moses für Israel einen trockenen Weg durch das Meer bereitete. Der „starke Ostwind“ (2. Mo 14,21) der Not, der die ganze schreckliche Nacht seiner Leiden hindurch wehte, spaltete für uns den Weg durch die Wasser des Todes, durch die wir im Glauben aus der Herrschaft der Sünde und des Gesetzes entkommen – wie Israel dem Regiment des Pharaos entkam.

Da wir es hier mit Erfahrungen zu tun haben, möchten wir sie im Rahmen eines Beispiels nachempfinden. Lasst uns den Spuren einer Person folgen, die Gott von der Sklaverei der Sünde befreit hat. Ihre Geschichte wird modellhaft eine tatsächliche und bewusst erkannte Befreiung vor Augen führen.

Lasst uns jetzt also diese Seele vor Augen haben, die soeben ihren Weg mit Gott begonnen hat: Mit der kostbaren Wirklichkeit erfüllt, dem Gericht entronnen und von den Fesseln befreit zu sein, ist die Freude der Errettung zu groß im Herzen des Gläubigen, als dass die Welt dort noch Platz finden könnte. In seiner Ernsthaftigkeit und Unkenntnis über sich selbst meint er, nie wieder in Sünde fallen zu können. Aber mit fortschreitender Zeit beginnt sich dies zu ändern: Seine Freude wird weniger völlig, die Welt beginnt mehr Wirklichkeit und Macht zu haben. Er bemerkt, dass er, der er ein Kind Gottes ist, immer noch eine Natur in sich hat, die alles andere als „neu“ ist. Er stellt fest, dass noch Sünde in ihm ist. Dinge, die die Welt ihm vorstellt, wecken Begierden in ihm und es beginnt ein Kampf, dessen Schmerzhaftigkeit alle erfahren, die ihn kennen. Der alte Feind steht wieder auf, gewinnt an Kraft und legt die alten Ketten wieder an. Und die Seele versinkt bei der Rückkehr all dessen, was sie für immer losgeworden geglaubt hatte, in Bestürzung. Israels verzweifelter Schrei findet seinen Wiederhall in dem Stöhnen über einen Leib des Todes, der die eigene Kraft übersteigt, mit dem man nicht fertig wird, ob man ihn nun zu verbessern oder beiseitezuschieben versucht: „Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leib des Todes?“ (Röm 7,24).

Der Pharao erreicht sie „zwischen Migdol und dem Meer“ (2. Mo 14,2). Wir haben gesehen, wofür das Meer steht. Aber was ist Migdol? Es bedeutet „Wachturm“, womit oft ein Militärposten gemeint ist, der eine natürliche Begleiterscheinung einer Grenzregion ist. Haben neidische Augen die flüchtenden Heere Israels beobachtet? Ägypten ist in dem Moment nicht friedlich und ein Wachturm in einem feindlichen Land ist kein Ort der Hilfe oder Zuflucht, sondern ein Bollwerk – bis zu den Zähnen gegen sie bewaffnet.

Und das Neue Testament zeigt uns diese Sicht. Im siebten Kapitel des Römerbriefs, das der Schlüssel zu der Situation hier ist, finden wir Migdol (das Gesetz), wie es sich als Drohung für eine Seele herausstellt, die dem Gesetz der Sünde zu entfliehen versucht. So seltsam es für uns klingen mag, die Schrift sagt, dass „die Kraft der Sünde aber das Gesetz“ ist (1. Kor 15,56). Ja, sogar weil „das Gesetz geistlich ist“ (Röm 7,14). „Ich aber“ sagt derjenige, der diese Erfahrung macht, „bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“ (Röm 7,14).

Menschen nehmen an, dass das Gesetz, weil es geistlich ist, auch die Kraft für Geistlichkeit sein müsse, d.h. Kraft gegen die Sünde. Aber die Schrift sagt uns sehr bestimmt: „Ohne das Gesetz ist die Sünde tot. Ich aber lebte einst ohne Gesetz; als aber das Gebot kam, lebte die Sünde auf; ich aber starb. Und das Gebot, das zum Leben gegeben war, dieses erwies sich mir zum Tod. Denn die Sünde, durch das Gebot Anlass nehmend, betrog mich und tötete mich durch dasselbe“ (Röm 7,9–11). Ist dies nicht genau die Lage zwischen Migdol und dem Meer, wo der Pharao Israel einholte? Wenn du so weit gekommen bist, wird sich dieses Dilemma dir viel besser erschließen, als meine Worte es erklären können. Ja, wenn du noch nicht dort angekommen bist, ist es sogar unmöglich, es dir zu erklären. Die Fragen, Einwände, Schlussfolgerungen, die diesen Teil des Römerbriefs füllen, zeigen die Schwierigkeiten, mit denen unsere Seelen die wahre Kraft des Gesetzes Gottes begreifen. Denke an jemanden, der danach strebt, den göttlichen Geboten zu folgen, und erkennt, dass ihn die Sünde, die er zu unterdrücken sucht, gerade durch das Gesetz tötet, das er zu halten versucht! Dass das Gesetz anstatt die Kraft zur Heiligkeit zu sein, in Wirklichkeit die Kraft der Sünde ist (1. Kor 15,56).

Lasst mich anmerken, dass es hier nicht um die Frage der Rechtfertigung oder des Zornes Gottes geht. Das wurde alles vorher geregelt. Nein, der Punkt hier ist ausschließlich, wie wir Gott Frucht bringen (Röm 7,4). Es geht darum, „von dem Gesetz losgemacht“ zu sein, „so dass wir in dem Neuen des Geistes dienen und nicht in dem Alten des Buchstabens“ (Röm 7,6). Das ist es, was für viele so schwer zu verstehen ist. Dass das Gesetz uns nicht rechtfertigen kann, ist vergleichsweise einfach, aber dass es daran hindert, Frucht zu bringen, ist schwer zu begreifen. So sicher, wie Migdol im Feindesland lag und Israel dort heraus musste, um dem Angriff zu entfliehen, so müssen wir außerhalb der Reichweite des Gesetzes sein, um seiner verurteilenden Macht zu entkommen. Unter dem Gesetz endet die Beschäftigung mit sich selbst in der Entdeckung eines unvermögenden Leibes der Sünde und des Todes, von dem „ich elender Mensch“ keine Befreiung sehe (Röm 7,24). Ich kann das Fleisch, in dem die Sünde wohnt, nicht verbessern. Ich kann den geistlichen Zustand, nach dem ich mich sehne und der mich zufriedenstellen würde, nicht herbeiführen. Gott verhilft mir nicht zur Selbstzufriedenheit. Ich verlange nach dem Bewusstsein von Heiligkeit, aber sein Gesetz gibt mir das Bewusstsein von Sünde! Woher kann dann Befreiung kommen?

Lasst uns erneut das Vorbild anschauen. Man beachte, dass Gott nicht das Heer Israels bewaffnet und gegen den Pharao in den Kampf führt. Er stärkt nicht ihren Arm, um ihnen Rettung zu verschaffen. Stattdessen heißt es für sie: „Steht und seht die Rettung des Herrn“ (2. Mo 14,13). Genauso wie in dem Vorbild dieses denkwürdigen Kampfes ist es auch bei uns. Gott ruft uns nicht dazu auf, gegen das Fleisch zu kämpfen und es zu besiegen. Er weist oder führt uns absolut nicht in diese Richtung. „In welche Richtung dann?“, könnte mancher fragen. Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken, seine Wege nicht unsere Wege (vgl. Jes 55,8). So auch hier: Als Moses Stab über das Meer ausgestreckt ist, erhebt sich der Ostwind, und als die Nacht hereinbricht, sind die Wasser von Ufer zu Ufer gespalten! Wie eigenartig ist dieser Pfad! Wie unmöglich ist es für irgendetwas anderes als Gottes Macht, dies zu bewirken! Volk Gottes, dies ist dein Fluchtweg vor dem Feind! Kennt ihr diesen Pfad, geliebte Freunde? Erkennt ihr seine Bedeutung? Eure Befreiung geschieht über den Weg, den Christus gebahnt hat – ganz aus Ägypten heraus auf die andere Seite.

Die furchtbare „Nacht“ des unvergleichlichen Leides Christi (vgl. das Heulen des Ostwinds) bahnte uns den Weg der Befreiung. Dieser kostbare Tod ist unser! Verstehst du das? Wir sind in dieser Nacht gestorben, gestorben mit ihm, und wurden so aus dem Zustand eines Menschen im Fleisch herausgebracht. Nicht nur unsere Sünden sind fort: Gott sei Dank, sie sind es, und zwar jede einzelne von ihnen, aber das ist nicht alles – ich selbst bin gestorben, mein elendes Ich. Der Tod Christi hat mich weggetan als einen Menschen im Fleisch, als ein Kind Adams. Ich bin mit Christus gestorben. Sein Tod hat meine Geschichte vor Gott beendet. Ich bin In ihm, der durch den Tod gegangen ist, hindurchgegangen und meine Stellung ist nun in ihm allein.

Das gilt für jedes Kind Gottes. Es ist sein eigen vom ersten Moment des Glaubens an und keine Sache der Entwicklung oder der Erkenntnis, obwohl es auch eine Erkenntnis dessen gibt. Wir sind aufgerufen, das, was bereits unser ist, auch als unser Eigentum zu ergreifen. Daher findet der Durchzug durch das Rote Meer nicht in der Passahnacht statt, sondern erst etliche Reisestationen später. Um die Segnungen dieser Stellung zu genießen, müssen wir sie in der Tat auf einem Weg der Erfahrung erreichen, müssen über Migdol durch das Meer ziehen. Mögen manche von euch jetzt mit mir zum ersten Mal diesen Weg gehen und für sich das wunderbare, ewige Ende der Gewaltherrschaft des Pharaos bzw. der Sünde geltend machen.

Gestorben mit Christus! In Christus jenseits des Todes! Möge Gott jeden von uns diese beiden Lektionen lehren. Das Ich, das ich zu verbessern und zu veredeln begonnen habe, hat er für immer durch das Kreuz beiseitegesetzt. Das Fleisch zu veredeln, nützt nichts, denn es „ist dem Gesetz Gottes nicht untertan“ und „vermag es auch nicht“ (Röm 8,7).

Einige könnten mir entgegnen: „Aber ich bin ein Kind Gottes, ich bestehe nicht nur aus Fleisch, sondern bin wiedergeboren und habe eine neue Natur!“ Doch genauso hatte der eine neue Natur, der schrie: „Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leib des Todes?“ (Röm 7,24). Es war gerade seine neue Natur, die ihn so aufstöhnen ließ! „Ich habe Wohlgefallen an dem Gesetz Gottes nach dem inneren Menschen“, sagt er (Röm 7,22), und „nun diene ich selbst mit dem Sinn dem Gesetz Gottes“ (Röm 7,25). Ja, aber das bewahrte ihn nicht davor, sagen zu müssen: „Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Sinnes widerstreitet und mich in Gefangenschaft bringt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist“ (Röm 7,23). Danke Gott für die neue Natur, aber Befreiung ist immer noch eine andere Sache. Gibt es da kein widerstreitendes Gesetz in deinen Gliedern – entgegen dem Gesetz deines Sinnes? Erfährst du nicht eher Unvermögen als Stärke? Die Kraft der Sünde eher als die Heiligkeit, die du anstrebst?

Du hast eine neue Natur und denkst, dass du etwas zu kultivieren hast. Das bestreite ich nicht, aber verstehst du, was das Kultivieren bedeutet? Die Grundlage der neuen Natur ist Glaube. Glaube, Hoffnung und Liebe sind ihre Eigenschaften. Siehst du nicht, dass all das nicht die Beschäftigung mit dir selbst erfordert, sondern die Beschäftigung mit Christus? Du greifst auf das Gesetz zurück, um dir zu helfen, und das Gesetz sagt dir genau, wie du sein und was du tun sollst, aber es gibt dir nicht die Kraft dazu. Kraft ist in dem Geist, den wir durch den Glauben an Christus empfangen. Somit ist Gnade, nicht das Gesetz, der Weg zur Heiligkeit. „Denn die Sünde wird nicht über euch herrschen, denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade“ (Röm 6,14). „[…] Israel aber, einem Gesetz der Gerechtigkeit nachstrebend, nicht zu diesem Gesetz gelangt ist. Warum? Weil es nicht aus Glauben, sondern als aus Werken geschah“ (Röm 9,31.32). Diese Prinzipien sind grundsätzlich verschieden. Du musst von dem Platz zwischen Migdol und dem Meer wegkommen. Du musst Israels Weg durch die Wasser folgen, bevor du die Befreiung vom Pharao und von Ägypten kennenlernen kannst. Du musst erfahren, mit Christus gestorben zu sein, dich sozusagen im Meer zurücklassen und deinen Platz in Christus einnehmen. Dann wirst du zu deiner unaussprechlichen Freude feststellen, dass du auch deine Feinde in den Wassern zurückgelassen hast.

Was für ein Augenblick für Israel, als sie im Morgengrauen vom anderen Ufer aus zurückschauten und die Leichname ihrer Feinde im Wasser und am Ufer sahen! Was für ein Sieg, für den sie nicht einen Handschlag getan hatten! Und welch große Freude hat derjenige, der Christi Tod als seinen eigenen erfasst hat, wenn er im Licht der Auferstehung sieht, wie Gott ihn vom Bösen befreit hat, das er weder befriedigen noch beherrschen konnte! „Da wir dieses wissen, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde abgetan sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen“ (Röm 6,6).

Man beachte, dass es „in der Morgenwache“ war, „da schaute der Herr […] auf das Heer der Ägypter und verwirrte das Heer der Ägypter“ (2. Mo 14,24). „Das Meer kehrte beim Anbruch des Morgens zu seiner Strömung zurück […] und der Herr stürzte die Ägypter mitten ins Meer“ (2. Mo 14,27). Christus ist „auferweckt worden […] durch die Herrlichkeit des Vaters“ (Röm 6,4). Dies ist der Morgen für uns. Sein Werk wurde vollständig anerkannt und er selbst als Stellvertreter seines erlösten Volkes. In ihm ist nun unsere Stellung, in ihm unser glückseliger Platz und er selbst ist der Gegenstand unserer Herzen und unseres frohen Dienstes. Glaube, Liebe und Hoffnung ranken sich um ihn und blühen dort auf. Hier geht die neue Natur auf und wächst und bringt Frucht – Frucht, die nicht zum eigenen Genuss oder zur eigenen Freude da ist, sondern für Christus. Wann werden Christen den Gedanken aufgeben, sich von ihrer eigenen Frucht zu nähren? Wann werden sie aufhören, Befriedigung in ihren eigenen Leistungen zu suchen? Wann werden sie lernen, dass Selbstbewusstsein und die Beschäftigung mit sich selbst das genaue Gegenteil von Heiligkeit und nicht ihre zentralen Merkmale sind. Wann werden sie aufhören, zwischen Migdol und dem Meer zu lagern und auf die andere Seite ziehen, weg von Ägypten und seiner Knechtschaft?

Gepriesen sei Gott, der uns in die Lage versetzt hat, uns von unserem Ich abzuwenden. Das Ich, das wir kultivieren möchten, hat er am Kreuz beiseitegesetzt. Und der Glaube, der die neue Natur kennzeichnet, lenkt uns immer von uns selbst weg auf den hin, in dem sich der Glaube erfreut. Sei damit zufrieden, nichts zu sein. Gott hat Christus zu allem für uns gemacht – sowohl Heiligung als auch Gerechtigkeit. Wir wachsen zu dem hin, wonach wir uns ausrichten. Wir lernen die Verhaltensweisen derer, mit denen wir Umgang pflegen. „Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Herrn, den Geist“ (2. Kor 3,18), sagt uns die Schrift.

Unser Herr hat uns dazu berufen, sein Eigen zu sein. Wir sind nicht „im Fleisch“, wir gehören nicht zu Ägypten, sondern zu Christus. Möge das wunderbare Vorbild, das wir betrachtet haben, manches Herz darin unterweisen. Was für eine großartige Bestätigung und Offenbarung unseres Glaubens wird es hervorbringen:

„Und Israel sah die große Macht, die der Herr an den Ägyptern betätigt hatte; und das Volk fürchtete den Herrn, und sie glaubten an den Herrn und an Mose, seinen Knecht“ (2. Mo 14,31).


Fußnoten:

  1. Anmerkung des Übersetzers: In der deutschen Übersetzung kommt das Wort „erlöst“ bereits in 1. Mose 48,16 und 2. Mose 6,6 vor.

F.W. Grant