Gedanken zu Johannes 11

Online seit dem 04.12.2019, Bibelstellen: Johannes 11,1-44

Demut und Uneigennützigkeit ist immer wieder ein bewundernswerter Wesenszug des Herrn Jesus. Und gerade hier, wo sich seine Macht als Sohn Gottes durch die Auferweckung des Lazarus zeigen würde, strahlt dieser Wesenszug besonders hervor.

Sicher, es sollte noch einmal allen deutlich werden, wer diese Person war, die sie von Anfang an ablehnten: der Sohn Gottes, der Gewalt hat, lebendig zu machen. Aber der Herr sagt nicht: „… damit ich mich dadurch als Sohn Gottes verherrliche“, sondern: „um der Herrlichkeit Gottes willen, damit der Sohn Gottes durch sie verherrlicht werde“. Was für eine dezente und zurückhaltende Ausdrucksweise.

Dann fragen ihn die Jünger, warum er jetzt dieses Risiko eingehen und nach Judäa gehen will. Und es war in der Tat seine letzte Reise nach Judaä, wo er schließlich sterben würde. Wie sehr hat ihn das wohl innerlich beschäftigt. Aber er „vergaß“ seine Schmerzen und trug die auf dem Herzen, die er so unendlich liebte. Und doch sagt er nicht: Weil ich Lazarus dort auferwecken werde, sondern er beginnt mit einem bewundernswerten Ausdruck seiner Unterordnung unter den Willen des Vaters: Solange das Licht des Willens des Vaters den Weg nach Bethanien nicht erhellte, blieb er, wo er war. Aber jetzt, als das Licht nach Bethanien zeigte, ging er (Psalm 119,105). Nicht der Dienst an dieser Familie seiner Freunde war sein höchstes Motiv, sondern der Wille des Vaters. „Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust“, sagte er und blieb noch zwei Tage, wo menschliche Liebe sofort gegangen wäre.

Und was tut er, bevor er mit gewaltiger Autorität den Toten aus dem Grab hervorruft? Er betet und dankt seinem Vater für die Erhörung! Nie suchte er seine eigene Ehre, sondern alles geschah zur Verherrlichung des Vaters. Und so konnte der Vater wenig später vom Himmel her sagen: Ich habe meinen Namen verherrlicht. – Und wir dürfen annehmen, dass sich diese Worte auf die Auferweckung des Lazarus beziehen.

Genau in dem Augenblick, wo nach Gottes Willen die Herrlichkeit des Sohnes Gottes offenbart werden sollte, wurde der Vater durch die Gesinnung der Demut und Unterordnung des Sohnes aufs Höchste geehrt. Der Vater ehrt den Sohn und der Sohn den Vater. Welche Einheit im Denken und Handeln dieser göttlichen Personen.

Und noch ein Punkt „am Rande“: Wodurch wurde der Herr Jesus mehr verherrlicht, durch die Auferweckung des Lazarus oder durch die Tränen, die er vergoss? Das eine zeigt ihn in der Autorität einer göttlichen Person, die etwas tut, was kein Mensch tun kann. Das andere zeigt ein Mitgefühl von einer Tiefe, wie es nur der vollkommene Mensch Jesus Christus haben konnte.

Wie sehr hat sich die schmerzliche Erfahrung der Geschwister gelohnt. Weder die Herrlichkeit noch das tiefe Mitempfinden des Herrn hätte sich so zeigen können, und auch die gewaltigen Worte, eins der großen „Ich bin“ des Johannesevangeliums, wären nicht gehört worden. Und so können wir mit Fug und Recht sagen: Der Herr blieb nicht die zwei Tage, obwohl er die drei Freunde liebte, sondern weil er sie liebte und ihnen eine besondere Glaubenserfahrung gewähren wollte. Das, was zunächst wie Schweigen auf die bewegende Bitte der Schwestern aussah, war in Wirklichkeit eine gewaltige Antwort.

Und kaum ein anderes Evangelium zeigt die wahre Menschheit des Herrn so unmissverständlich wie das Johannesevangelium. Seine Tränen zeigen eine Seite an ihm, die wirklich bewegend ist. „Jesus vergoss Tränen“ – das ist nicht dasselbe Wort wie „weinen“ in Johannes 11,33. Es ist ein leises In-Tränen-Ausbrechen. Die Juden meinten, es sei die Liebe zu Lazarus, die ihn so weinen ließ. Aber es war nicht Trauer um den eigenen Verlust (er wusste, was er tun würde), sondern tiefes Mitempfinden mit den Schwestern und Erschütterung über das, was die Sünde in dieser Welt angerichtet hatte. Seine Tränen zeigen aber auch, dass die Tatsache, dass er Gottes Sohn war und wusste, was er tun würde, in keiner Weise sein vollkommenes menschliches Empfinden schmälerte.

Marco Leßmann