Zweimal gerufen

Online seit dem 28.09.2021, Bibelstellen: 1. Mo 22,1; 1. Mo 46,2; 2. Mo 3,4; 1. Sam 3,10; Luk 10,41; Luk 22,31; Apg 9,4

In der Bibel lesen wir oft, dass Gott Menschen mit ihrem Namen ansprach. Bei sieben verschiedenen Gelegenheiten sehen wir aber etwas ganz Außergewöhnliches: Gott rief Menschen zweimal mit ihrem Namen.

Gott tat das in besonderen Lebenssituationen. Er erteilte den Gerufenen eine wichtige Lektion, die ihr Leben entscheidend beeinflusste. Wir können von diesen Lektionen für unser Leben profitieren.

Die sieben Personen, die zweimal gerufen wurden, sind: Abraham, Jakob, Mose, Samuel, Martha, Petrus und Saulus. In diesem Aufsatz möchten wir diese Personen in umgekehrter Reihenfolge beleuchten, weil auf diese Weise eine geistliche Entwicklung sichtbar wird. Diese Entwicklung beginnt mit der Bekehrung – und damit sind wir bei Saulus von Tarsus.

Saulus

Der Pharisäer Saulus von Tarsus ist ein erbitterter Feind der Christen. Wie ein wildes Tier schnaubend, jagt er die Heiligen bis ins Ausland und meint, Gott dadurch einen Dienst zu erweisen. Als er in blinder Wut nach Damaskus reist, ruft ihm der verherrlichte Herr vom Himmel zu: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ (Apg 9,4; 22,7; 26,14). Die Frage macht klar: Sein vermeintlicher Dienst für Gott ist nichts anderes als die Verfolgung des Sohnes Gottes in seinen Jüngern!

Saulus bricht augenblicklich vor dem Herrn zusammen und antwortet Ihm mit zwei Gegenfragen: „Wer bist du, Herr?“, und: „Was soll ich tun, Herr?“ (Apg 22,8.10). Er akzeptiert jetzt die Autorität des Meisters. Fortan will Saulus Ihn besser kennenlernen und nach seinem Willen fragen. Aus dem fanatischen Eiferer für die väterlichen Überlieferungen wird ein demütiger und hingebungsvoller Arbeiter für seinen Retter und Herrn.

Gott möchte jeden Menschen zur Buße und Beugung vor seinem Sohn Jesus Christus führen. Dazu redet Er in das Leben der Menschen hinein, auch in das Leben der religiösen Fanatiker. Aus dem Dienst gegen Gott soll ein Dienst für Gott werden.

Simon (Petrus)

Der Herr Jesus wird bald gefangen genommen und gekreuzigt werden. Diese schwere Stunde möchte Satan ausnutzen, um die Jünger gehörig durcheinanderzubringen und sie unbrauchbar für den Dienst zu machen. Am meisten ist durch diesen Angriff der selbstbewusste Petrus gefährdet, der überhaupt keine Gefahr wittert. Der Herr spricht ihn darum direkt an: „Simon, Simon! Siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, damit dein Glaube nicht aufhöre; und du, bist du einst umgekehrt, so stärke deine Brüder“ (Lk 22,31.32).

Doch Petrus übergeht diese eindringliche Ermahnung und brüstet sich damit, für den Herrn ins Gefängnis und in den Tod gehen zu wollen (Lk 22,33). Da Petrus auf sich selbst vertraut, strauchelt er und verleugnet seinen Herrn. Im bitteren Schmerz des Versagens erinnert Petrus sich zweifellos an die wunderbaren Verheißungen, die der Herr ihm auch gegeben hat: Sein Glaube würde nicht aufhören, er würde umkehren, und er würde seine Brüder im Dienst stärken dürfen (Lk 22,32). Die Apostelgeschichte und die Petrusbriefe legen ein beredtes Zeugnis davon ab, wie sich die Worte des Herrn erfüllt haben.

Was für eine Lektion für uns, wenn wir gestrauchelt sind, weil wir unsere Ohren vor liebevollen Ermahnungen dünkelhaft verstopft haben und stur unserem Eigenwillen gefolgt sind! Der Feind, der die Sünde zunächst verharmlost hat, raunt uns zu, wenn wir wegen unseres Versagens am Boden liegen: „Es ist aus und vorbei. Du hast alles verspielt.“ Doch der Teufel ist der Lügner von Anfang. Die gnädigen Worte des Herrn an Petrus machen klar: Es gibt einen Weg zurück!

Martha

Martha arbeitet und arbeitet, als der Herr und seine Jünger in ihrem Haus zu Gast sind. Ihre Schwester Maria hilft zunächst mit, setzt sich dann aber still zu den Füßen des göttlichen Lehrers. Sie sieht nicht nur die äußeren Bedürfnisse des Herrn, sondern sie sieht mehr: seine Herrlichkeit und seine Fülle. Und daraus will sie empfangen. Die emsige Martha fühlt sich im Stich gelassen und begeht einen ernsten Fehler, indem sie Jesus Vorwürfe und Vorschriften macht (Lk 10,40). Der Herr antwortet ihr: „Martha, Martha! Du bist besorgt und beunruhigt um viele Dinge; eins aber ist nötig. Denn Maria hat das gute Teil erwählt, das nicht von ihr genommen werden wird“ (Lk 10,41.42).

Weil Martha beschäftigt, besorgt und beunruhigt ist, wird sie von dem großen Mittelpunkt, dem Herrn Jesus, abgezogen. Vieles Dienen und viele Dinge füllen sie aus, aber eins ist nötig: die Gemeinschaft mit dem Herrn. Das ist das gute Teil! Martha muss ihre Prioritäten neu ordnen und begreifen, dass die Person des Herrn wichtiger ist als der Dienst für Ihn. Und sie lernt diese Lektion. Denn als sie das nächste Mal erwähnt wird, vermerkt der Heilige Geist mit schlichten Worten: „Und Martha diente“ (Joh 12,2). Sie dient – ohne vom Herrn abgezogen und ohne von Ihm getadelt zu werden.

Es ist gut, dem Herrn zu dienen. Wenn wir aber darüber das Hören und Lesen des Wortes Gottes vernachlässigen, wenn wir in Stress geraten und sich Kritiksucht bei uns breitmacht, dann benötigen wir die „Martha-Lektion“. Wir müssen neu lernen, Ihm in Ruhe und mit willigem Herzen zuzuhören. Die Gemeinschaft mit Ihm sollte alles andere in unserem Leben überstrahlen.

Samuel

Das Priestertum in Israel hat vollständig versagt. Die Söhne des Hohenpriesters sind Söhne Belials. Gott möchte den jungen Samuel, der bei dem Hohenpriester Eli dient, als Propheten erwecken. Deshalb ruft der Herr eines Nachts Samuel. Dreimal meint Samuel, Eli habe ihn gerufen. „Und der Herr kam und trat hin und rief wie die anderen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel sprach: Rede, denn dein Knecht hört!“ (1. Sam 3,10). Jetzt verkündet Gott das strenge Gericht über das Haus Elis.

Samuel weiß: Wenn Gott ihm diese Botschaft sagt, muss er sie an Eli weitergeben. Der Knabe zögert. Natürlich fällt es ihm schwer, einem alten Mann, der das höchste religiöse Amt in Israel bekleidet und den er von Kindesbeinen an kennt, die ganze Wahrheit schonungslos zu sagen. Doch Samuel verhehlt Eli nichts und übermittelt treu die Gerichtsbotschaft. Damit beweist Samuel, dass er für den Dienst eines Propheten taugt. Und so wundert es nicht, dass Samuel von Gott als Prophet bestätigt wird und dass sein Wort an ganz Israel ergeht (1. Sam 3,20–4,1).

Der Herr möchte uns in seinem Dienst gebrauchen. Aller Anfang ist dabei schwer. Wichtig ist, dass wir – auch wenn es mit Zaudern geschieht – wirklich einmal anfangen. Wir müssen die Mauer der Menschenfurcht durchbrechen, ungesunde emotionale Bindungen abschütteln und treu das verkünden, was der Herr von uns fordert. Wenn wir uns darin bewähren, wird Gott uns zum Segen gebrauchen und unseren Wirkungskreis erweitern.

Mose

Gott möchte Sein Volk Israel aus dem Schmelzofen Ägyptens befreien. Mose soll der Anführer des gepeinigten Volkes werden. Da erscheint Gott Mose in einem brennenden Dornbusch, der durch das Feuer nicht verzehrt wird. Als Mose in die Nähe des Busches kommt, ruft Gott ihn zweimal mit Namen und offenbart sich ihm als der Gott seiner Väter. Dann sendet Er Mose zu dem Pharao, damit dieser die Erlaubnis zum Auszug des Volkes erteile (2. Mo 3,2–10).

Aber Mose will nicht gehen. Er meint, er sei nicht der richtige Mann und ist überzeugt, dass das Volk ihm ohnehin kein Gehör schenken würde. Als Gott ihm Aaron zur Seite stellt, folgt Mose letztlich dem göttlichen Befehl und stellt sich, beeindruckt von den göttlichen Verheißungen, seiner Lebensaufgabe (vgl. 2. Mo 3,1–4,17). Mose kehrt nach Ägypten zurück, tritt vor sein Volk hin und geht mit Aaron zum Pharao. Einige Zeit später führt Mose das Volk Israel aus Ägypten hinaus und danach vierzig Jahre durch die Wüste. Er wird zum unumstrittenen und bis heute geachteten Führer des Volkes Gottes. Und alles fing damit an, dass Gott Mose zweimal rief und Mose den göttlichen Auftrag annahm.

Gott gibt auch uns Aufgaben, die uns herausfordern oder vor denen wir vielleicht sogar zurückschrecken. Wie reagieren wir darauf? Verschanzen wir uns hinter der Ausrede, dass wir unfähig sind? Schieben wir unsere Verantwortung beiseite, weil alles angeblich keinen Zweck hat? Wir können uns jedoch darauf verlassen, dass Gott weiß, wen Er wozu sendet. Und deshalb möchten wir seinen Auftrag annehmen – in dem Vertrauen, dass Er uns hilft. Der Gott, der mit Mose war, wird auch mit uns sein (vgl. 5. Mo 31,8)!

Jakob

Jakob hört die Botschaft, dass sein tot geglaubter Sohn Joseph lebt. Nachdem er seine ersten Zweifel überwunden hat, macht er sich direkt auf den Weg nach Ägypten (1. Mo 45,25–46,1). Doch als er auf seiner Reise ganz im Süden des Landes Kanaans, in Beerseba, angekommen ist, wird ihm mulmig zumute. Soll er wirklich weiterziehen? Seinem Großvater Abraham wurde der Gang nach Ägypten zum Verhängnis und seinem Vater Isaak verbot Gott, nach Ägypten zu gehen. Jakob fürchtet sich. Was soll aus ihm und seiner Nachkommenschaft in Ägypten werden? Wo würde sein Grab sein? Gott ruft Jakob in der Nacht zweimal mit Namen und beruhigt sein Herz: Er will mit ihm sein, Er wird ihn zu einer großen Nation machen und seine Gebeine sollen nach Kanaan zurückgebracht werden (1. Mo 46,2–4).

Unmittelbar nachdem Gott diese Versprechen gegeben hat, lesen wir: „Da machte sich Jakob von Beerseba auf ... und alle seine Nachkommen brachte er mit sich nach Ägypten“ (1. Mo 46,5.7). In den siebzehn Jahren, die Jakob in Ägypten verlebte, lesen wir von keinem Versagen Jakobs mehr. Er segnet den Pharao mit Würde und die Kinder Josephs mit Einsicht (1. Mo 47,71. Mo 48). Seinen zwölf Söhnen gibt er weitreichende Aussagen mit auf ihren Lebensweg und sterbend betet er an über der Spitze seines Stabes (1. Mo 49Heb 11,21).

Fürchten wir uns vor einem neuen Lebensabschnitt? Steht eine große Veränderung an – vielleicht ein neuer Arbeitsplatz, ein neuer Wohnort? Sollen wir einen ungewöhnlichen Weg gehen? Veränderungen können schwerfallen, besonders wenn man älter geworden ist (Jakob war immerhin 130 Jahre alt, als er nach Ägypten zog). Doch wenn Gott es ist, der mit uns geht, sollten wir Mut fassen und Zuversicht bewahren. Auf dem Weg, den Gott uns vorzeichnet, werden wir seine Treue und Fürsorge erleben.

Abraham

Abraham bekommt von Gott einen schweren Auftrag: Er soll seinen geliebten Sohn Isaak opfern. Abraham zögert nicht, sondern steht am nächsten Morgen früh auf, spaltet als hochbetagter Mann Holz und legt in drei Tagen fast hundert Kilometer zurück – bis er mit Isaak das Gebirge Morija erreicht hat. Sofort errichtet Abraham einen Altar und bindet seinen Sohn darauf. „Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel zu und sprach: Abraham, Abraham! Und er sprach: Hier bin ich! Und er sprach: Strecke deine Hand nicht aus nach dem Knaben, und tu ihm gar nichts! Denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast“ (1. Mo 22,11.12). Abraham opfert daraufhin einen Widder anstatt seines Sohnes.

Hell leuchtet auf dem Berg Morija der Gehorsam, der Glaube und die Gottesfurcht Abrahams hervor. Gott freut sich darüber und schwört bei sich selbst, dass Er Abraham reich segnen und seine Nachkommenschaft sehr mehren werde. Und in Abrahams Nachkommen würden sich auch segnen alle Nationen. Gott bekräftigt damit das, was Er Abraham schon in Ur gesagt hat: Abraham soll gesegnet werden und ein Segen sein (1. Mo 12,2).

Haben wir Glaubensgehorsam bewiesen und waren wir bereit, etwas für den Herrn aufzugeben? Dann dürfen wir mit seinem besonderen Segen rechnen. Der Herr gibt eine gütige Antwort auf unsere Gottesfurcht. Er schenkt Freude und Friede des Herzens, gewährt geistliche Fortschritte und verteilt schließlich im Himmel seinen großen Lohn.

Zusammenfassung

Nachdem wir die sieben Personen, die zweimal gerufen wurden, etwas näher betrachtet haben, ist vielleicht auch deutlich geworden, warum es nützlich ist, mit Saulus von Tarsus zu beginnen und mit Abraham zu enden. Bei Saulus sehen wir, was am Anfang stehen muss, wenn man in der Schule Gottes etwas lernen will: die gläubige Hinwendung zu dem Herrn. Danach kommt durch Petrus die Lektion, dass in unserem Fleisch nichts Gutes wohnt, dass wir aber auf die Gnade des Herrn hoffen dürfen. Bei Martha lernen wir, dass die Gemeinschaft mit dem Herrn das Wichtigste ist und Ausgangspunkt für den Dienst sein soll. Durch Samuel erkennen wir, dass der Herr Mut macht, einen Dienst zu beginnen. Bei Mose sehen wir, wie jemand seine Lebensaufgabe ergreift, weil Gott beruft und ermutigt. Der Doppelruf bei Jakob zeigt göttliche Ermutigung vor einem schweren und sonderbaren Weg. Von Abraham lernen wir, was es bedeutet, im Glauben gewachsen zu sein. Abraham war nicht nur bereit, sich korrigieren und unterweisen zu lassen, einen Dienst anzunehmen oder die Heimat aufzugeben – nein, er war willig, seinen einzigen, geliebten Sohn für Gott zu opfern. Der Doppelruf kam, um das Messer von seinem Sohn abzuwenden und es auf den Widder zu bringen, den Gott bereitet hatte. Abraham wurde gerufen, weil Gott seine Gottesfurcht anerkennen und Segen bringen konnte.

[Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift „Im Glauben leben“, Jahrgang 2015, der Artikel wurde für diese Veröffentlichung etwas angepasst.]

Gerrid Setzer