Der unbarmherzige Knecht

Online seit dem 14.03.2020, Bibelstellen: Matthäus 18,21-35

Das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht in Matthäus 18,21–35 ist ein Gleichnis vom Reich der Himmel, also von dem Bereich auf der Erde, in dem die Autorität Gottes grundsätzlich anerkannt wird. Zu diesem Reich gehören die, die Jesus von Herzen als Herrn akzeptieren. Es gehören aber auch die dazu, die „Herr, Herr!“ sagen, aber nicht den Willen des himmlischen Vaters tun (Mt 7,21.22).

Ausgangspunkt für dieses Gleichnis ist die Frage des Petrus an seinen Meister, wie oft er seinem Bruder vergeben soll. Die Rabbiner empfahlen, dreimal zu verzeihen. Petrus geht weiter als die Pharisäer und schlägt vor, siebenmal zu vergeben (vgl. mit Mt 5,20). Der Herr macht in seiner Antwort klar, dass seine Jünger die Vergebung nicht beschränken dürfen. Durch das anschließende Gleichnis wird deutlich: Weil Gott seinen Knechten sehr viel vergeben hat, sollten sie anderen Knechten deren vergleichsweise geringe Schuld ihnen gegenüber ebenso vergeben. Wer das nicht tut, muss mit Konsequenzen in Gottes Regierungswegen rechnen. Das ist die offensichtliche und einfache Belehrung dieses Gleichnisses. Doch wir wollen uns auch einige Details dieses Gleichnisses ansehen und sie, sofern es möglich erscheint, auf uns anwenden.

Der Schulderlass des Königs

Bei einer Abrechnung des Königs wird bemerkt, dass einer seiner Knechte hoch verschuldet ist: Er steht mit 10.000 Talenten beim König in der Kreide. Das ist eine gewaltige Summe, die sich umgerechnet auf mehrere Millionen Euro beläuft (vgl. Est 3,9). Der zahlungsunfähige Knecht, der nicht von selbst zum König kommt, fällt ehrfürchtig vor ihm nieder und bittet um Geduld. Er will später alles bezahlen, obwohl er doch nichts hat (vgl. Mt 18,25.26). Er ist sich seiner hoffnungslosen Lage nicht bewusst und merkt nicht, wie sehr er auf Gnade angewiesen ist. Der König geht auf den Vorschlag des Knechts nicht ein und erlässt ihm, von Mitleid bewegt, die Schuld.

Gott offenbart im Christentum in der Person Jesu seine ganze Gnade – eine Gnade, die größer ist als jede Schuld. Einige verstehen, wie völlig hilflos sie sind und nehmen die Gnade dankbar an und lassen durch sie ihr Verhalten anderen gegenüber prägen. Andere jedoch machen durch ihr rücksichtsloses Benehmen offenbar, dass Gottes Barmherzigkeit ihr Herz nicht wirklich erreicht hat. Solche Leute werden durch den bösen Knecht in diesem Gleichnis dargestellt. Es sind Menschen, die sich Christen nennen, jedoch keine wahren Christen sind.

Die Schuldeneintreibung des Knechts

Der Knecht hat eine überwältigende Gnade vom König erfahren. Eigentlich müsste sie taufrisch auf seiner Seele liegen. Doch als er vom König weggeht, tragen seine Füße ihn unversehens zu einem seiner Mitknechte, der ihm etwas schuldig ist. Er geht ihm direkt an die Gurgel und verlangt von ihm, dass er seine Schulden bezahlen solle. Der gewürgte Knecht kniet sich demütig vor ihn hin und bittet um Stundung. Aber der vom König begnadigte Knecht lässt seinen Schuldner sehr ungnädig ins Gefängnis werfen. Er ist sich sicher, dass er auf sein Recht bestehen soll. Andere Knechte, die die Szene beobachtet haben, sind betroffen und informieren den König über diese himmelschreiende Bosheit.

Menschen, die sich Christen nennen, und anderen keine Gnade zeigen, sondern erbarmungslos auf ihre Rechte pochen, handeln im völligen Widerspruch zu dem Gott aller Gnade. Sie wissen nichts davon, wie riesengroß ihre Schuld vor Gott ist, und richten darum ihren ganzen Zorn auf die geringe Schuld, die andere ihnen gegenüber haben. Eine derartige Unbarmherzigkeit wird Christen traurig machen und sie werden das vor Gott im Gebet ausbreiten.

Die Schuldeneintreibung des Königs

Der unbarmherzige Knecht wird wieder vor den König gebracht. Dieser stellt ihm die herzerforschende Frage, wieso er auf die erlebte Barmherzigkeit nicht die gelebte Barmherzigkeit hat folgen lassen. Eine Antwort gibt der Knecht nicht. Der König wird zornig und schickt ihn zu rabiaten Gefängniswärtern, die mit allen Mitteln dafür sorgen sollen, dass auch der letzte Groschen bezahlt wird.

Wer sich Christ nennt und im scharfen Kontrast zur Liebe Gottes lebt, muss mit Konsequenzen rechnen: Gott wird so jemand zur Besinnung und Buße führen, damit das Verhältnis zu Ihm in Ordnung gebracht wird. Dazu wird Er auch schmerzhafte Maßnahmen in seiner Regierung auf der Erde ergreifen. Es geht also in dem, was das Gleichnis vorstellt, nicht darum, dass Gottlose einmal in der Hölle ewig gepeinigt werden. Denn in der Hölle wird weder Schuld abgetragen noch werden andere in die Folgen persönlichen Versagens verwickelt (vgl. Mt 18,34.25). Außerdem würde der Herr Jesus dieses Geschehen ansonsten nicht unmittelbar auf Gläubige beziehen, die nach seinen eigenen Worten nicht gerichtet werden (Joh 3,18).

Die Anwendung auf Gläubige

Der „böse Knecht“ in diesem und in anderen Gleichnissen stellt immer eine Person vor, die zwar ein christliches Bekenntnis, aber keine lebendige Beziehung zu Christus hat (Mt 24,48; 25,26; Lk 19,22). Dennoch greift der Herr das, was mit dem bösen Knecht geschieht, auf und sagt zu Petrus und den anderen Jüngern: „So wird auch mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergebt“ (Mt 18,35). Mit diesen Worten warnt Er seine Jünger davor, ihre Vergebung beschränken zu wollen und unbarmherzig zu sein. Denn die gerechte göttliche Regierung gilt allen – auch denen, die die Gnade Gottes angenommen haben und Ihn wahrhaftig als ihren himmlischen Vater und Gläubige als ihre Geschwister kennen.

Gnade zeigen

Da sich jede Sünde gegen Gott richtet, war unsere Schuld Ihm gegenüber weitaus größer als die Schuld, die andere uns gegenüber haben können. Gott hat uns sehr viel vergeben. Darum sollten wir die relativ geringe Schuld der anderen auch vergeben. Gott ist „ein Gott der Vergebung“ (Neh 9,17) und möchte, dass Christen einander vergeben. Das wird an mehreren Stellen des Neuen Testaments eindrücklich vorgestellt. Paulus schreibt: „Seid aber zueinander gütig, mitleidig, einander vergebend, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat“ (Eph 4,32). Und an anderer Stelle heißt es: „Zieht nun an, als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut, Langmut, einander ertragend und euch gegenseitig vergebend, wenn einer Klage hat gegen den anderen; wie auch der Christus euch vergeben hat, so auch ihr“ (Kol 3,12.13). Jeder von uns sollte es unbedingt tun: dem Bruder von Herzen vergeben (Mt 18,35).

Göttliche Regierung

Wenn wir aber nicht vergeben wollen, handeln wir uns große Probleme ein. Wir werden nicht glücklich sein können, weil das Gewissen nicht zur Ruhe kommt und die Wurzel der Bitterkeit in unserem Herzen aufsprosst. Der himmlische Vater mag Menschen in unser Leben führen, die uns durch ihre Unbarmherzigkeit lehren, wie wichtig es ist, barmherzig zu sein. Er vergibt uns in seinen Erziehungswegen nicht, solange wir nicht vergeben, das heißt, Er nimmt seine züchtigende und strafende Hand nicht weg, wenn wir unsere Herzen hart machen und keine Gnade zeigen wollen. Davon hat der Herr Jesus auch in der sogenannten Bergpredigt gesprochen: „Wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen vergebt, wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; wenn ihr aber den Menschen ihre Vergehungen nicht vergebt, wird euer Vater auch eure Vergehungen nicht vergeben“ (Mt 6,14.15).

Fazit

Wenn ein Mitgläubiger gegen uns gesündigt hat, sollen wir stets vergeben. Und das aus zwei Gründen: erstens, weil Gott uns in Christus eine riesige Schuld vergeben hat, und zweitens, weil der himmlische Vater uns erzieht und uns harte Wege gehen lässt, wenn wir im Widerspruch zu seiner Gnade handeln. Der Blick zurück auf den Tag unserer Errettung motiviert uns, die Schuld der anderen rasch zuzudecken, und der Blick nach vorne auf die Erziehungswege des Vaters vertreibt die eigensinnigen, unbarmherzigen Gedanken.

So wollen wir von Herzen vergeben, wenn jemand, der an uns schuldig geworden ist, das Böse bereut und bekennt, und dann wollen wir nie wieder auf das zurückkommen, was vorgefallen ist.

[Aus: www.imglaubenleben.de]

Gerrid Setzer