Die Gesetzgebung und ihre vorbildliche Bedeutung

Online seit dem 16.02.2020, Bibelstellen: 2. Mose

Wir kommen jetzt zum zweiten Teil von 2. Mose. Im ersten Teil haben wir gesehen, wie die Gnade Gottes dem kläglichen Zustand des Volkes begegnete, die moralischen Barrieren ihrer Befreiung entfernte und sie dann von der bitteren und zermürbenden Knechtschaft befreite, unter der sie stöhnten. Wir haben auch seine gnädige Fürsorge für sie in der Wüste gesehen, in welche er sie gebracht hatte. Jetzt sehen wir, wie Gott seinen Thron über das von Ihm erlöste Volk errichtet. Damit sehen wir sie von nun an unter göttlicher Regierung. Das ist die Bedeutung der Gesetzgebung am Sinai.

Wir müssen jedoch zwischen Bild und Gegenbild unterscheiden. Die typologische und wörtliche Bedeutung des Gesetzes stehen in einem Gegensatz zueinander, was ebenso auf viele andere Vorausbilder zutrifft. Einerseits stellt das Gesetz einen völligen Kontrast zur Gnade dar, was viele daran gehindert hat, zu sehen, dass der Sinai überhaupt eine typologische Seite hat. In Bezug auf die Stiftshütte und ihre Verordnungen, die in der zweiten Hälfte des Buches einen so großen Raum einnehmen, konnten sie diese vorbildliche Seite nicht leugnen und haben auch keine Schwierigkeiten mit dem typologischen Charakter der Erlösung, die den ersten Teil dieses Buches ausfüllt. Andererseits erscheint ihnen das Gesetz selbst nur bitter und kommt ihnen im Buch der Erlösung wie eine entstellende Narbe vor. Dennoch hat Gott ihm genau diesen Platz gegeben und wir tun gut daran, es dort zu belassen. Tatsächlich hat Gott das Gesetz auf unverwechselbare Weise mit dem Erlösungscharakter geprägt. So lautet sein Vorwort zu den zehn Geboten: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich herausgeführt habe aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft.“ Beachten wir, dass er überhaupt nur einem erlösten Volk ein Gesetz geben konnte – eine Wahrheit, die einige allerdings in großes Unheil verkehrt haben. Es wird deshalb gut sein, sowohl die buchstäbliche als auch die vorbildliche Seite des Berges, „der betastet werden konnte“ (Heb 12,18), zu betrachten.

Wie gerade bemerkt, konnte Gott überhaupt kein Gesetz geben, bis er ein erlöstes Volk hatte, d.h. ein Volk, das in einer anderen Art und Weise zu ihm in einer Beziehung steht als allein aufgrund natürlicher Abstammung. Ihr versteht sicherlich, dass ich vom Zustand des Menschen nach dem Sündenfall spreche. Dass Gott Adam im Paradies ein Gesetz gab, wissen wir alle. Dieses Gesetz, passend für einen unschuldigen Menschen, war und konnte jedoch kein moralisches Gesetz sein, das richtige Zuneigungen vorschrieb bzw. falsche verbat, wie es die zehn Gebote tun. Es verbot einfach das Essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, was nur deshalb unmoralisch war, weil Gott es verboten hatte. Es scheint, als ob Adam auf eine glücklichere Weise als durch die tatsächliche Erfahrung des Bösen gelernt haben könnte, was Gut und Böse ist. Er wählte jedoch die Erfahrung, kostete von dem Baum und fiel. So wurde er ein Sünder und kam unter den Fluch des Gesetzes, das er gebrochen hatte, und gab seiner Nachkommenschaft das traurige Erbe der Sünde weiter, in der er jetzt war.

Doch das Gesetz des Garten Edens verging, denn außerhalb des Paradieses konnte es weder Existenz noch Bedeutung haben. Gott konnte außerhalb des Paradieses nicht zu Kindern des Verderbens und Zorns kommen, um über die Einhaltung „von Gesetzen“ zu sprechen, damit wir zu dem zurückgeholt werden könnten, was uns der Ungehorsam genommen hatte. Wovon Gott sprach, noch bevor Adam den Garten der Freude verlassen musste, war ein Befreier. Wie wir bei Abel sehen können, wurden Opfer der von ihm erklärte Weg der Annahme. Bis zum Beginn des Zeugnisses durch Noah 120 Jahre vor der Flut, folgte, soweit wir wissen, eine lange Stille von 1.600 Jahren, die nicht mehr unterbrochen wurde – mit Ausnahme der Entrückung Henochs, wenn wir so wollen. In der Flut ging schließlich die ganze Welt unter (außer denen, die in der Arche geschützt waren).

Nach der Flut wurde eine menschliche Regierung zur Unterdrückung jener Gewalttaten gebildet, die das sichtbare Gericht Gottes herbeigeführt hatten. Trotzdem führte Gott noch keine Moralvorschriften ein, gab kein Gesetz wie am Sinai. Er sprach noch immer von Gnade, die viel älter als das Gesetz ist. Abraham rechnete er den Glauben zur Gerechtigkeit (1. Mo 15,6) und verband damit eine Segensverheißung für dessen Nachkommenschaft, ja allen Nationen der Erde durch ihn. All das geschah völlig getrennt von jeglichen gesetzlichen Bedingungen, die (wie der Apostel in Galater 3,17 argumentiert) erst 430 Jahre später kamen.

Die gesamte Zeitspanne von Adam an bis Mose bezeichnet der Apostel Paulus als die Zeit „bis zu dem Gesetz“ (Röm 5,13). Es ist nie Gottes Absicht oder Vorschlag gewesen, ein Gesetz zu geben, damit der Mensch durch Befolgen desselben in Beziehung zu ihm gebracht würde. Ein Sünder kann nur durch Gnade in eine Beziehung zu ihm gebracht werden. Außerhalb der Gnade besteht unser natürliches Teil nur aus Zorn und Gericht, wovon wir befreit werden müssen. Diese Befreiung muss durch Gott selbst bewirkt werden, bevor es irgendeine wirkliche Beziehung zu ihm geben kann. Das wird bei den Opfern stets anerkannt und kommt beim Passah am feierlichsten zum Ausdruck. So in Beziehung zu ihm gebracht, gründet Gott seine Gesetzgebung ausdrücklich auf die von ihm geschenkte wunderbare Befreiung. „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich herausgeführt habe aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ (2. Mo 20,2.3).

Während Gott also sein Zeugnis über den Zustand des Menschen und dessen Bedürfnis nach göttlicher Barmherzigkeit aufrechterhält, benötigte der Mensch in seiner Unkenntnis über sich selbst und Gott noch eine tiefere Lektion, sozusagen eine persönliche Untersuchung. Aus diesem Grund wurde das Gesetz gegeben, denn in der ein oder anderen Form steckt der Grundsatz, sich auf gesetzlicher Grundlage Gott nähern zu können, in jedem Menschenherz. Das greift Gott auf, damit der Mensch durch persönliche Erfahrung seine Unfähigkeit lernen kann, vor ihm zu stehen. Ohne diese persönliche Erfahrung glaubt der Mensch Gottes Zeugnis über sich nicht und so wird sie ihm von Gott gewährt. „Ihr habt gesehen“, sagt Gott zu ihnen, „was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch auf Adlersflügeln getragen und euch zu mir gebracht habe“ (2. Mo 19,4). Damit wird die Wahrheit unterstrichen, dass es allein die Gabe Gottes war, die sie in eine Beziehung zu ihm gebracht hatte. Dann fährt Gott mit den Worten fort:

„Und nun, wenn ihr fleißig auf meine Stimme hören und einen Bund halten werdet, so wollt ihr mein [kostbares] Eigentum sein aus allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein; und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein“ (2. Mo 19,5.6a).

„Da antwortete das ganze Volk insgesamt und sprach: Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun!“ (2. Mo 19,8a)

So verpflichteten sie sich, das Gesetz als Voraussetzung für den Fortbestand der Beziehung zu Gott gemäß seiner Natur zu erfüllen. Entsprechend Gottes Heiligkeit müssen sie eine „heilige Nation“ sein. Sie würden eine heilige Nation sein, wenn sie seiner Stimme gehorchten, und würden als „Königreich von Priestern“ ständigen Zugang zu ihm haben.

Aber sie waren nie in der Lage, ihren Anspruch darauf zu erheben, denn das Gesetz erfüllten sie nie. Anstelle eines nationalen Priestertums wurde eine einzige Familie, die Familie Aarons, als Priester eingesetzt, um stellvertretend für ein Volk einzutreten, das als Masse ungeeignet war, Gott zu nahen. Und selbst vor diesen Priestern der Familie Aarons war das Angesicht Gottes verborgen. Allein der Hohepriester (und dieser auch nur einmal im Jahr) konnte in das Allerheiligste eintreten, denn auch er befand sich auf dem gleichen Boden wie die anderen: „Nicht kann ein Mensch mich sehen und leben“ (2. Mo 33,20).

Doch in all dem erfüllte sich der Zweck des Gesetzes: dem Menschen völlig deutlich zu machen, was er selbst in sich selbst ist. Mose verbindet die Gesetzgebung mit den Worten: „Euch zu prüfen ist Gott gekommen“ (2. Mo 20,20), und tatsächlich ging es um die Prüfung von Menschen, die bereits als Sünder erklärt worden waren, denn bereits zur Zeit der Flut hatte Gott alles Gebilde der Gedanken der Menschen als ausschließlich böse bezeichnet (1. Mo 6,5; 8,21). Das Gesetz konnte also nur dazu dienen, auch dem Menschen diese Tatsache deutlich zu machen. Dagegen war Gott der Zustand des Menschen bereits vollständig bekannt und er hatte sich längst entsprechend geäußert. Für ihn konnte es keine neuen Erkenntnisse geben.

Was die Prüfung des Menschen in diesem Buch angeht, kommen zwei Teile vor uns, die der ersten und zweiten Gesetzgebung entsprechen. Das Neue Testament geht auf dieses Thema ein. Römer 5,6 fasst den Zustand zusammen, auf den sich der Tod Christi bezog, und spricht von der „bestimmten Zeit“, in der dieser kostbare Tod stattfand: „Christus ist, da wir noch kraftlos waren, zur bestimmten Zeit für Gottlose gestorben.“ „Gottlos“ und „kraftlos“ sind die beiden Aspekte, die durch die beiden Male der Gesetzgebung offenbar werden. Das Wörtchen „noch“ im oben zitierten Vers spricht von der langen Zeit der Erwartung, in der der Mensch die Möglichkeit erhielt (wenn er denn dazu in der Lage sein sollte), die Aussage aus Römer 5 durch sein Verhalten zu widerlegen.

Es dauerte nicht lange, bis die erste Prüfung vorbei war. „Gottlos“ ist tatsächlich die passende Bezeichnung von jemandem, der sich innerhalb von 40 Tagen, nachdem er die Stimme Gottes vom Berg gehört hat, von diesem Gott abwenden kann. Und das, obwohl sich der mächtige Arm Gottes bei ihrer Befreiung aus der bitteren Knechtschaft Ägyptens offenbart hat. Stattdessen bringt er seine Huldigung dem Ebenbild eines grasfressenden Ochsen dar! Und dieser Sünde macht sich das ganze Volk schuldig. Im Schatten des Berges Sinai setzt es sich nieder, „um zu essen und zu trinken, und sie stehen auf, um sich zu belustigen“ (2. Mo 32,6). Sie tun es zur Ehre eines geschnitzten Bildes, was der Herr ausdrücklich verboten hat, und in offensichtlicher Anspielung auf die Götter Ägyptens, über welche Gott vor ihren Augen Gericht ausgeübt hatte.

Die Tafeln des Bundes sind noch nicht von Gott zu ihnen herabgekommen, als sie bereits unter ihr Urteil und ihre Verdammnis zu stehen kommen. Mose zerbricht sie daher zum Zeugnis gegen sie, und das Gericht nimmt seinen Lauf, bis Gott sie auf die Fürsprache Moses (dem Bild eines Größeren) hin wieder aufnimmt. An dieser Stelle beginnt die zweite Prüfung, die aufgrund ihrer Natur länger dauert (und nicht etwa aufgrund einer inneren Veränderung ihrerseits).

Unter dem Gesetz, wie es zum zweiten Mal gegeben wurde, nimmt das Volk das verheißene Land in Besitz und behält es für 800 Jahre. Aber sie halten es nicht im Besitz als solche, die den Bund gehalten hätten, sondern durch die Langmut eines geduldigen Gottes, den sie Tag für Tag durch ihre Ungerechtigkeiten provozieren. Das endet schließlich mit der babylonischen Gefangenschaft. Die Herrlichkeit Gottes (die bereits nach der ersten Prüfung das Lager verließ) bricht aus der Stadt auf und fährt in den Himmel. Ab jetzt sind sie „Lo-Ammi“ (Nicht-mein-Volk) und seitdem nie wieder als Volk des Herrn anerkannt worden. Es bleibt nur die prophetische Stimme übrig, die „das Nichtseiende ruft, wie wenn es da wäre“ (Röm 4,17), vorhersehend die Stimme, die sie noch aus ihren Gräbern rufen wird. Dann, wenn sie von ihrer Missetat erlöst und aus ihrer langen Zerstreuung gesammelt sind, wird die Herrlichkeit schließlich „über jeder Wohnstätte des Berges Zion“ bleiben (Jes 4,4.5). Aber das wird unter dem neuen Bund Wirklichkeit werden und nicht unter dem alten.

Die Frage in dieser zweiten Prüfung lautet nun nicht mehr, ob der Mensch gottlos ist, sondern ob er die Stärke hat, sich selbst wiederherzustellen – ob er „Kraft“ hat. Von nun an bildet die Grundlage nicht mehr das reine Gesetz, das keinen Platz für Buße lässt. Zwar werden dieselben zehn Gebote noch einmal gegeben, d.h. nicht mehr und nicht weniger, weil der Maßstab der Heiligkeit nie gesenkt werden kann; allerdings befinden sie sich nun in der Hand des Mittlers. Außerdem werden sie durch die Verkündigung des Namens und der Güte des Herrn begleitet, der Ungerechtigkeit, Übertretung und Sünde vergibt, den Schuldigen aber keineswegs für schuldlos hält (2. Mo 34,7).

So entwickelte sich das Gesetz zu dem, wovon Bethesda nachher bildlich redet. Dort, wo sich göttliche Macht in außerordentlicher Art und Weise zeigte, verlieh es demjenigen Kraft, in welchem natürlicherweise keine vorhanden war, wobei diejenigen, die wirklich ohnmächtig waren, d.h. die Hilfslosen, keine Heilung empfingen. Die Bedingung für die Heilung war, dass jemand tun sollte, was seine Krankheit ihm unmöglich machte.

Trotzdem entdecken wir hier einen Lichtschimmer, den es bei der ersten Gesetzgebung nicht gab. Weder war dort die Güte des Herrn erwähnt worden, noch strahlte das Angesicht des Mittlers als Ergebnis in Herrlichkeit. Von Angesicht zu Angesicht wird Gott jedoch trotz der gezeigten Güte nicht gesehen. Als Mose darum bittet, seine Herrlichkeit sehen zu dürfen, wird ihm gesagt: „Du vermagst nicht mein Angesicht zu sehen, denn nicht kann ein Mensch mich sehen und leben“ (2. Mo 33,20). Es ist ein feierliches Vorwort zu dem, was der Herr ihm anschließend an Güte zuspricht, aber noch keine überreichliche Barmherzigkeit!

„Und der Herr sprach: Siehe, es ist ein Ort bei mir, da sollst du auf dem Felsen stehen. Und es wird geschehen, wenn meine Herrlichkeit vorübergeht, so werde ich dich in die Felsspalte stellen und meine Hand wegtun, und du wirst mich von hinten sehen; aber mein Angesicht soll nicht gesehen werden“ (2. Mo 33,22.23). Was für ein deutliches Zeugnis einer damals noch nicht offenbarten Herrlichkeit, welche die „überragende“ Herrlichkeit des Christentums ist! Viel später hören wir gewissermaßen das Echo eines Apostels auf diese Szene: „Niemand hat Gott je gesehen“, wobei er, als er die Herrlichkeit des fleischgewordenen Wortes betrachtet, hinzufügt: „Der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht“ (Joh 1,18). Und so wird mit Christus der Name des Vaters offenbart. „Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan“, sagt er in Johannes 17,26.

In 2. Mose ist es dagegen nicht der Name des Vaters, sondern der des HERRN – ein gewaltiger Unterschied, weil dieser Name Gott in seinem eigentlichen Charakter nicht offenbarte. Ähnliches trifft auf alle Namen Gottes im Alten Testament zu. Zeigt er sich Abraham als der „Allmächtige“ (1. Mo 17,1), ist es eine Erklärung seiner Macht und nicht seiner Person. Als „der Höchste“ (Ps 97,9) hat er ein Anrecht auf die Übernahme seiner großen Macht über die ganze Erde. „Herr“ steht damit in Verbindung, dass ihm die Autorität gehört. Und „HERR“ spricht hier vom Ewigen, vielleicht Allgegenwärtigen und somit Allwissenden. Aber wer ist es nun, dem all diese Titel der Herrlichkeit gehören? Ach, wie arm ist der Mann, der solch eine Frage stellen muss! Es ist dein Gott und du kennst ihn nicht! Bist nicht imstande, sein Angesicht zu sehen! Für uns zieht die Dunkelheit vorbei und scheint nun das wahre Licht. Für uns gilt, dass der Vater in dem gesehen worden ist, der „die Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und der Abdruck seines Wesens“ ist, ja, er wurde in dem sanftmütigen und demütigen Menschen auf der Erde gesehen, diesem „Sohn des Menschen, der im Himmel ist“ (Joh 3,13).

Die Güte des Herrn, die 2. Mose 34 ausgerufen wird, ist die eines Gesetzgebers und Richters, dem weisen und gnädigen Herrscher seiner Geschöpfe:

„Und der HERR stieg in der Wolke herab, und er stand dort bei ihm und rief den Namen des HERRN aus. Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und groß an Güte und Wahrheit, der Güte bewahrt auf Tausende hin, der Ungerechtigkeit, Übertretung und Sünde vergibt – aber keineswegs hält er für schuldlos den Schuldigen –, der die Ungerechtigkeit der Väter heimsucht an den Kindern und Kindeskindern, an der dritten und an der vierten Generation“ (2. Mo 34,5–7).

Es ist deutlich, dass es hier nicht um die Verkündigung des Evangeliums von einem geht, „der den Gottlosen rechtfertigt“ (Röm 5,4). Es ist Güte, die mit einem bösen Menschen anknüpfen kann, um ihn zu bitten, „von seiner Gottlosigkeit, die er begangen hat“, umzukehren, so dass er „Recht und Gerechtigkeit übt“, um seine Seele auf diese Weise am Leben zu erhalten (Hes 18,27). Der Mensch wird auf den Boden der Selbsterlösung gestellt, um zu sehen, ob er „Kraft“ besitzt. Die Vergangenheit mag ihm vergeben werden – für die Zukunft muss er selbst sorgen. Und schließlich muss er einem Gott begegnen, der die Schuldigen keineswegs für schuldlos halten kann (2. Mo 34,7).

Der Apostel Paulus sagt uns ganz klar, dass das so gegebene Gesetz, als sich die Herrlichkeit des Herrn im Angesicht Moses widerspiegelte (nicht wie bei der ersten Verkündigung, als sie nicht von Herrlichkeit begleitet wurde), immer noch ein „Dienst des Todes“ (2. Kor 3,7) und der „Verdammnis“ war (2. Kor 3,9). Weder konnte der Mensch sich selbst retten, noch konnte ihm dabei geholfen werden. Egal, wie man es auch formulieren mag, das Gesetz war für ihn ein Fluch und keine „gute Botschaft“ (Apg 13,32). Auf dieser Grundlage konnte die Prüfung lange andauern. Das tat sie auch, denn die Langmut des Herrn ließ genügend Zeit, damit das Ergebnis offenbar würde. Nach 1.500 Jahren geduldigen Wartens wurde es verkündet: „Da ist keiner, der Gutes tut“ (Röm 3,12). Der Mensch ist kraft- und gottlos (Röm 5,6). Wird er auf die Grundlage von Bedingungen gestellt, wie abgemildert sie auch sein mögen, ist er unfähig, sie zu erfüllen. Er hat nichts, womit er bezahlen könnte: Nur Gnade und Vergebung allein werden für ihn ausreichen. Aber das wird hier nicht offenbart.

Das herrliche Angesicht Gottes bleibt selbst dann verborgen, als die Stiftshütte seine Wohnung wird und er unter dem auserwählten Volk wohnt. Die Stiftshütte stellt uns jedoch in Bildern die Wirklichkeit und Rechtfertigung jener Gnade vor, die damals noch nicht ausgesprochen werden konnte. Die Decke über dem Angesicht Moses war ein Bild davon, wie sich die Gnade verbarg, in welcher der Gott, der „im Dunkel“ wohnt (1. Kön 8,12), denen begegnete, in welchen er wirkte – den Männern des Glaubens in jener und anderen Generationen. In Christus ist diese Decke weggetan worden (2. Kor 3,14) und „geheime Dinge“ (2. Kor 4,2) passen einfach nicht zur klaren Sprache des Christentums. Gott selbst ist in dem Licht (1. Joh 1,7) – so ist er uns offenbart.

Wenn wir nur auf den Buchstaben dieses am Sinai gegebenen Gesetzes sehen, müssen wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass es mit der Gnade übereinstimmt, der wir in diesem Buch der Erlösung (2. Mo) begegnen. Aber sind wir auf eine buchstäbliche Interpretation des Gesetzes beschränkt? Kann es nicht etwas vorschatten, was nicht Gesetz ist und zur Wahrheit der Erlösung passt? Du hast uns „für Gott erkauft durch dein Blut“, singen die vierundzwanzig Ältesten anbetend vor dem Thron (Off 5,9). Was bedeutet „für Gott erkauft“ zu sein anderes, als dass wir durch die Erlösung genauso zum Eigentum Gottes werden, wie wir vor der Erlösung die elenden Sklaven der Sünde waren? Gelobt sei Gott, dass er uns in unserer Schuld und unserem Elend genug Wert beigemessen hat, um uns zu seinem Eigentum zu machen! Es wird unsere ewige Freude sein, ihm anzugehören. Aber schließt das nicht mit ein, dass er seinen Thron in uns errichtet und seinen Anspruch geltend macht, uns ganz zu besitzen?

Daher müssen wir als Teil unserer Befreiung (oder dessen, was damit verbunden ist) damit rechnen, dass der Erlöser seinen Thron über uns errichtet. Wenn es für uns auch im vollsten Sinne ein „Thron der Gnade“ ist (Heb 4,16), so ist es dennoch ein Thron. Im neuen Jerusalem, der Stadt der ewigen Freude, geht aus „dem Thron Gottes und des Lammes“ ein „Strom von Wasser des Lebens, glänzend wie Kristall“ hervor (Off 22,1). Im Einklang damit ist die Gabe des Heiligen Geistes als das lebendige Wasser die gesegnete Folge für uns davon, dass Christus auf dem Thron des Vaters sitzt. „Hinaufgestiegen in die Höhe, hat er die Gefangenschaft gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben“ (Eph 4,8 nach Ps 68,19). Darum sagt der Apostel Petrus am Pfingsttag: „Nachdem er nun durch die Rechte Gottes erhöht worden ist und die Verheißung des Heiligen Geistes vom Vater empfangen hat, hat er dies ausgegossen, was ihr jetzt seht und hört“ (Apg 2,33). So geht das Wasser des Lebens auch jetzt noch aus dem Thron hervor.

Unter dieser Sichtweise auf den Thron vereinen sich die beiden Hauptthemen dieser letzten Hälfte des zweiten Buches Mose: das Gesetz und die Stiftshütte. Letztere offenbart in besonderer Weise die Gnadenbestimmungen und ist doch Gottes Wohnung, wo er „zwischen den Cherubim thront“ (1. Sam 4,4). Die Lade und der Gnadenstuhl (oder „Sühnmittel“, Röm 3,25) sind sein Thron, und in der Lade werden die Gesetzestafeln aufbewahrt.

Im Vorbild sehen wir also im Gesetz die Darstellung jener heiligen Regierung Gottes, unter die wir als seine Erlösten kommen. Selbst das, was damals zu Israel gesagt wurde: „Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt; darum werde ich alle eure Ungerechtigkeiten an euch heimsuchen“ (Amos 3,2), enthält ein Prinzip, das im Neuen Testament ebenso klar anerkannt wird wie im Alten. Ein Vater korrigiert und züchtigt seine eigenen Kinder, nicht die anderer. Und so beinhaltet die liebevolle Beziehung der Gnade auch, dass unser Vater jeden Sohn geißelt, den er aufnimmt (Heb 12,6). Das macht seine strengsten Lektionen für die Seele der Gläubigen wertvoll, denn er züchtigt uns immer „zum Nutzen, damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden“ (Heb 12,10).

Folglich sind wir auf der Grundlage, auf der wir zu Gott gebracht wurden, gleichzeitig auch unter das Joch seiner Gebote gebracht. Das Gesetz ist nur das Vorausbild davon, denn wir kommen nicht unter das Gesetz. Es ist aus dem einfachen Grund nicht unsere Lebensregel, weil es ausschließlich den Israeliten gegeben wurde. Da der Christ kein Jude ist, ist also klar, dass das Gesetz für ihn nicht gilt. Es ist zwar „heilig und gerecht und gut“ (Röm 7,12), für den Christen gilt jedoch ein ganz anderer Grundsatz: „Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung“ (Gal 6,15; 2. Kor 5,17). Die Stellung und die Maßgabe der Christen ist, unser Leben auf der Erde als „Fremdlinge und als solche, die ohne Bürgerrecht sind“ (1. Pet 2,11) zu führen. Das Gesetz beinhaltet nichts davon. Wäre es erfüllt worden, hätte es die Erde moralisch zu einem Paradies gemacht; und es wird so geschehen, wenn es im Tausendjährigen Reich auf die Herzen seines Volkes geschrieben sein wird (Jer 31,33). Aber Fremdlingschaft auf der Erde und eine himmlische Ausrichtung hat es nie gelehrt.

In dieser vorschattenden Belehrung des Gesetzes steht also der zweite Teil des Buches in voller moralischer Übereinstimmung mit dem ersten Teil. Und in welch ernster Art und Weise mit Bösem auch gehandelt werden mag können wir, die wir die Ferse des Erlösers auf dem Kopf der Schlange sehen, uns sogar daran erfreuen. Könnten wir nach einem weniger heiligen Gott verlangen? Wollten wir, dass seine Wege weniger durch sein Wesen gekennzeichnet sind?

Unter diesem Blickwinkel können wir also die Szene auf dem Sinai betrachten. Als das Gesetz zum zweiten Mal gegeben wird, erkennen wir jedoch, dass der Gott des Gerichts sich daran erinnert, dass das Geschöpf, mit dem er es zu tun hat, nur Staub ist (Ps 103,14). Selbst in der Regierung, kann er unter Aufrechterhaltung seiner Heiligkeit dennoch Geduld und langmütige Barmherzigkeit zeigen. Im Zorn gedenkt Er des Erbarmens (Hab 3,2). Sicherlich stellt sein Volk das täglich neu fest.

Doch wenn sich Langmut zeigt, wird die Heiligkeit davon in keiner Weise angetastet. Er vergibt zwar Ungerechtigkeit, Übertretung und Sünde, hält den Schuldigen aber keineswegs schuldlos (2. Mo 34,7). So wurde auch uns geschrieben, dass was irgend ein Mensch sät, er auch ernten wird (Gal 6,7). Und derselbe Apostel schreibt den Korinthern: „Wenn wir uns aber selbst beurteilten, so würden wir nicht gerichtet. Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt, damit wir nicht mit der Welt verurteilt werden“ (1. Kor 11,31.32). So wird deutlich gelehrt, dass die Heiligkeit der Regierung Gottes sein Gericht über die Sünde erfordert, sei es in diesem Leben oder in der Ewigkeit. Das Werk Christi hat also diese Notwendigkeit nicht etwa aufgehoben, und wir werden noch weiter sehen, wie die Errichtung des Thrones Gottes über die Erlösten seinen berechtigten Platz in diesem Buch der Erlösung einnimmt.

Es ist richtig, dass wir ernten, was wir säen. Gott sei Dank bedeutet das jedoch nicht, dass wir auch das volle Ausmaß dessen ernten müssen, was wir säen. Nein, weil es unser Vater ist, der ohne Ansehen der Person nach eines jeden Werk richtet (1. Pet 1,17), stellt er bei uns nicht dasselbe Strafmaß fest wie bei diejenigen, die seine Gnade verachtet haben.

„Ich will dich in eine Felsspalte stellen“, sagt der Herr zu Mose, „und meine Hand über dich decken, bis ich vorübergegangen bin“ (2. Mo 33,22). Wer von uns kennt diese Felsspalte nicht, von der aus allein die Herrlichkeit dessen, der in der Wolke des Gerichts vorüberzieht, richtig geschaut werden kann? Dennoch ist es nicht sein „Angesicht“, das wir sehen. Es geht hier um seine Regierungswege in Heiligkeit, und auf seinen Gerichtswegen begegnen wir ihm nicht von Angesicht zu Angesicht. Allein von unserem Ort der Ruhe und Sicherheit aus (unserer Felsspalte), sozusagen verborgen in seinen Wunden, können wir die Herrlichkeit dessen sehen, der (selbst als unser Gott) „ein verzehrendes Feuer“ ist (Heb 12,29).

Trotzdem scheint jede Züchtigung für die Gegenwart nicht ein Gegenstand der Freude, sondern der Traurigkeit zu sein (Heb 12,11). Es ist nicht dasselbe wie der Genuss des Sonnenscheins seiner Gegenwart, wo es „keine Wolke mehr droben“ geben wird, die sie verdunkeln könnte, wie wir es in einem Lied zum Ausdruck bringen. Was unsere Stellung in dem Geliebten angeht, sind wir genauso fleckenlos, wie keine Wolke seine Gegenwart mehr verdunkeln wird.

Es ist eine andere Linie, die aber nicht widersprüchlich ist, weil dieselbe Gnade wirkt. Gibt es tatsächlich Flecken, ist es das Auge des Vaters, das sie bemerkt und seine Liebe, die mit ihnen handelt. Dennoch ist die Züchtigung an sich kein Gegenstand der Freude noch die direkte Offenbarung von Gottes Angesicht. Er ist jedoch auch dann da, wenn er sich in eine Wolke hüllt. und ich weiß, dass der, der sich mir in Christus offenbart hat, dort für mich immer noch unveränderlich derselbe ist.

Der erste Teil des zweiten Buches Mose stellt folglich die Vorbereitung auf den zweiten Teil dar. Die erlösende Gnade versetzt uns in die Lage, seine Wege in Heiligkeit zu erfahren. Es ist tatsächlich so, dass wir in dem Maß zeigen, inwieweit wir die Gnade verinnerlicht haben, wie wir uns seinen Wegen der Heiligkeit unterwerfen und unsere Freude in ihnen finden. Zu viele von denen, die viel von Gnade sprechen, zeigen, wie wenig sie wirklich davon verstanden haben, weil sie der Seite der heiligen Wege Gottes mit uns praktisch mit Abneigung begegnen. Hier, wo Gottes Stimme gehört wird, bebt die Natur, zittern die Menschen und stehen von fern. Es sind seine eigenen Heiligen, die sagen: „Möge Gott nicht mit uns reden, dass wir nicht sterben!“ Aber noch immer gelten die Worte Moses: „Fürchtet euch nicht, denn um euch zu prüfen ist Gott gekommen, und damit seine Furcht vor eurem Angesicht sei, dass ihr nicht sündigt“ (2. Mo 20,19.20).

Der Thron ist für uns ein „Thron der Gnade“, und wenn wir gelernt haben, ihre Stimme zu erkennen, wissen wir mit Sicherheit, dass es Gnade ist, die zu uns spricht. Wir sagen häufig, dass die Natur abnimmt und meinen damit eher die Natur des alten Menschen als die des neuen. „Den ganzen Tag bin ich geplagt worden und an jedem Morgen war meine Züchtigung da“, so mag ihre schmerzliche Klage lauten (Ps 73,14). Aber beweist das nicht gerade, dass wir uns außerhalb des „Heiligtums“ befinden, in dem allein die Bedeutung all dessen, was uns begegnet, richtig erkannt werden kann? Dort lernen wir zu verstehen, dass nur unsere Nähe zu Gott all diese sorgfältige Pflege und Liebe erfordert und sicherstellt. „Doch bin ich stets bei dir“ (Ps 73,23), „es hält mich aufrecht deine Rechte“ (Ps 63,9). Und „es ist gut für mich, mich Gott zu nahen“ (Ps 73,28). Ja: „Wen habe ich im Himmel? Und neben dir habe ich an nichts Lust auf der Erde“ (Ps 73,25).

In seiner Nähe sind die Schläge, die wir fast so empfinden, als kämen sie aus der Hand eines Feindes, nur befreiende Schläge für und nicht etwa gegen uns. So machen wir die Worte des Propheten „Der Herr, sein Gott, ist mit ihm, und Jubelrufe wie um einen König sind in seiner Mitte“ (4. Mo 23,21) zu unserem Jubelruf. Ja, von dir möchten wir lernen, Herr Jesus, der du sanftmütig und von Herzen demütig warst. Wir nehmen dein sanftes Joch und deine leichte Last auf uns und finden Ruhe für unsere Seele (Mt 11,29.30).

F.W. Grant