Die Gnade und Niedrigkeit unseres Herrn Jesus

Online seit dem 26.05.2020, Bibelstellen: Lukas 1+2

„Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dass er, da er reich war, um euretwillen arm wurde“ (2. Kor 8,9). Diesen Vers könnte man wohl als eine gewisse Überschrift über das Lukasevangelium setzen. Denn die Gnade, die in der Person des Herrn Jesus erschienen ist, und die Niedrigkeit als der Sohn des Menschen sind zwei hervorstechende Themen in diesem Bericht über das Leben das Herrn Jesus.

Und so ist es gerade Lukas, der uns zu Beginn seines Evangeliums beschreibt, in welch ärmliche Umgebung der Herr Jesus kam und wie unbeachtet das Kommen dieser großen Person auf die Erde geblieben ist.

Zunächst lesen wir, dass der Engel Gabriel in eine Stadt von Galiläa mit Namen Nazareth kam. Das war der von ihm selbst erwählte Wohnort seiner irdischen Mutter, eine verachtete Gegend (Mt 4,15), und erst recht eine verachtete Stadt (Joh 1,46). Gab es keinen geeigneteren Ort für die Kindheit des Herrn Jesus? Wusste er nicht, dass man Zeit seines Lebens durch den Beinamen „Nazaräer“ Verachtung ihm gegenüber ausdrücken würde?

Doch das Dekret aus Rom brachte die hochschwangere Jungfrau Maria nach Bethlehem, wohin sie in diesem Zustand wohl freiwillig kaum gereist wäre. Welche Ziele der römische Kaiser auch immer verfolgte, Gott verfolgte seinen eigenen Plan. Die irdische Mutter dessen, der später einmal das (wiederentstandene) römische Weltreich in Stücke zerbrechen würde, sollte in dieser Stadt, die zu klein war, um unter den Tausenden von Juda zu sein (Mi 5,1), Christus, den Herrn, zur Welt bringen.

So kam Maria als Fremde, ohne Herberge, in Bethlehem an, als sich die Geburt des Heilands der Welt ankündigte. Hätte Gott nicht direkt eine Familie aus Bethlehem auswählen können, um die irdische Familie seines Sohnes zu sein? Ja, aber es musste auch erfüllt werden, dass er „Nazaräer“ genannt wird (Mt 2,23). Bethlehem indes hatte keinen Raum für sie außer einer Krippe. Die Welt „kannte ihn nicht“, wünschte die Gegenwart dessen nicht, über den der Himmel jubeln würde, und der das beste und prächtigste Gebäude als Geburtsort verdiente.

Gewiss, der Himmel konnte nicht schweigen, als der Sohn Gottes als Mensch auf diese Erde gekommen war, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Doch waren es die Hochstehenden, die Ehrenbürger von Bethlehem, an die die Engel ihre Botschaft richteten? Nein, es sind die armen Hirten auf dem Feld, wodurch Gott deutlich macht, wer die prominente Zielgruppe des Evangeliums werden würde.

„Eine Menge des himmlischen Heeres“ war da und lobte Gott für die Ankunft des Erretters auf der Erde. Doch wo war die Menge der Menschen der Erde? Wo waren die Millionen, die einer so großen Person, „Christus, dem Herrn“ den würdigen Empfang hätten bereiten müssen? Ja, es verwunderten sich manche über die wunderbaren Ereignisse, von denen die Hirten berichteten, aber nicht einer von ihnen bewegte seine Füße in Richtung Bethlehem. Wie wenig Interesse zeigte man für den, dessen Kommen auf die Erde den ganzen Himmel in Bewegung brachte.

Als Nächstes finden wir Joseph und Maria mit dem Kind Jesus auf dem Weg nach Jerusalem, um das Lösegeld für den Erstgeborenen nach 2. Mose 13,13 und 4. Mose 18,15–16 zu bezahlen und um für Maria das in 3. Mose 12,6–8 bestimmte Brand- und Sündopfer zu bringen. Wie zeigt sich bei der Erfüllung der gesetzlichen Pflichten durch dieses gottesfürchtige Ehepaar noch einmal die Armut der irdischen Familie des Herrn. Offensichtlich mussten sie von der Vorsorge, die Gott in 3. Mose 12 für arme Frauen getroffen hatte, Gebrauch machen. Nicht einmal für ein Schaf zum Brandopfer reichte es in dieser Familie. Wie gering bist Du, Herr Jesus, der Herr der Herrlichkeit, geworden als Du auf diese Erde kamst!

Doch das Lösegeld für den Erstgeborenen hatte keineswegs etwas mit Gericht oder Sünde zu tun. Es war ein Freikaufen des Erstgeborenen, auf den Gott seit dem Auszug aus Ägypten Anspruch hatte. Wie unpassend wäre ansonsten ein solches Lösegeld für diesen Erstgeborenen gewesen. Er war „das Heilige“, das geboren worden war. Seine Mutter dagegen war eine sündige Frau, die daher ein Sündopfer bringen musste. Wie wenig ahnte diese arme Frau mit ihren beiden Opfer-Tauben, dass das Kind, das sie dem Herrn darstellen wollte, einmal sich selbst als Lösegeld geben würde für die Seele seiner Mutter.

Nun kam also der große König Israels, der verheißene Messias, in die Stadt des großen Königs, nach Jerusalem. Wie hätte diese Stadt bei seinem Kommen in Bewegung geraten müssen. Doch wie viele nahmen überhaupt Notiz von dem Kommen des Königs? Wir lesen nur von zwei alten Leuten. Und die Berichterstattung lässt vermuten, dass die Neuigkeit über die Geburt des Erretters, derentwegen große Freude im Himmel herrschte, selbst nach über 30 Tagen noch nicht bis nach Jerusalem gelangt war, obwohl es nicht weit von Bethlehem entfernt war.

So lief im Tempel anscheinend, völlig unbeeindruckt von dem Eintreten des Kindes Jesus und seiner Eltern, die jüdische Zeremonie weiter, mit all ihren Elementen, von denen so viele symbolisch von dem Herrn Jesus sprachen. Nur der alte Simeon hatte keine Augen mehr für die mosaischen Rituale. Seine Augen hatten das Heil Gottes gesehen und er gibt ein erstaunliches Zeugnis über die grenzenlose Gnade Gottes ab, die in Person dieses Kindes, das er in den Armen hielt, in die Welt gekommen war, indem er sogar den Nationen den Vorrang vor dem Volk Israel gab. Nach diesem kehrten sie nach Galiläa „in ihre Stadt Nazareth“ zurück.

Lukas schließt den Bericht über Geburt und Kindheit des Herrn Jesus mit dem schönen Blick auf den Zwölfjährigen im Tempel. Er wuchs und erstarkte und war doch gleichzeitig der allmächtige Gott. Wie hat er sich in allem dem Menschsein vollkommen unterworfen, auch der gewöhnlichen Entwicklung eines Menschen vom Baby zum Kind und vom Knaben zum erwachsenen Mann. Nie ging er über das hinaus, was einer Person seines Alters zustand. Trotz göttlich unendlicher Weisheit, fanden ihn seine Eltern nicht, wie er mit göttlicher Autorität lehrte (obwohl er es gekonnt hätte), sondern „wie er inmitten der Lehrer saß und ihnen zuhörte und sie befragte“. Unendliche Gnade offenbart sich in diesem zuhörenden und fragenden Kind, unendliche Erniedrigung.

Als seine Eltern ihm dann sein, wie sie meinen, ungeziemendes Verhalten vorhalten, zeigt er in seiner Antwort einerseits, dass man ihm überhaupt nichts vorhalten kann. Der Fehler lag ausschließlich bei ihnen, dass sie nichts davon verstanden, dass es seine Speise war, den Willen des Vaters zu tun. „Dieser hat nichts Ungeziemendes getan“, das gilt auch für diese Situation. Andererseits macht seine Antwort auch deutlich, dass er sich auch als Knabe völlig der Herrlichkeit bewusst war, die er in sich selbst als der ewige Sohn des Vaters besaß. Er war der Sohn Gottes, und gleichzeitig der Sohn des Menschen. Der Bericht schließt damit, dass er mit seinen Eltern nach Nazareth zurückging und ihnen untertan war, so als ob er nicht mehr wäre als ihr Kind – und er war doch unendlich viel mehr, der Sohn Gottes.

Lukas bleibt seinem Auftrag auch im weiteren Verlauf seines Evangeliums treu, die Gnade und Niedrigkeit des vollkommenen Menschen Christus Jesus zu beschreiben und es lohnt sich, diese „Erzählung“, wie Lukas selbst sie nennt, unter diesem Blickwinkel weiter zu lesen und zu studieren.

Marco Leßmann