Der Herr befragt seine Jünger

Online seit dem 10.03.2007, Bibelstellen: Matthäus 16,5-12; Markus 8,17-21)

1)      Was überlegt ihr, weil ihr keine Brote habt?

Hierin sehen wir auf Seiten der Apostel einen Mangel an Vertrauen in den Herrn. 

Es hatte wohl eine Diskussion gegeben, wobei mehrere Jünger beteiligt waren. Sie suchten die Lösung bei sich selbst, obwohl die personifizierte Weisheit in ihrer Mitte anwesend war. Dass sie sich nicht direkt an ihn wandten, zeigt, dass sie sich seiner Liebe nicht bewusst waren. Wenn jemand Weisheit mangelt – der kann sie von Gott erbitten (Jakubos  1,5). Vgl. auch Lk 24,45.

2)      Begreift ihr noch nicht

Zeigt einen Mangel in Bezug auf ihre Beobachtungen während der vorangegangenen Ereignisse. 

Das hier benutzte Verb (für „begreifen“) beinhaltet, dass den jeweiligen Vorgängen ernsthafte Aufmerksamkeit gewidmet wird, sodass sie sich gut einprägen können. Der Sinn kann folgendermaßen wiedergegeben werden: Mit Einsicht überdenken, um etwas zu verstehen. Leichtfertigkeit und Unkonzentriertheit verhindern diese Wahrnehmung und machen sie letztlich unmöglich. … Geistliche Fortschritte können nicht durch den bloßen Kontakt mit den Werken göttlicher Macht und Barmherzigkeit erzielt werden. Die Handlungen des Herrn müssen untersucht und sorgfältig betrachtet werden.

In Rö 1,20 und 2. Tim 2,7 kommt das Verb u. a. ebenfalls vor.

3)      ... und versteht auch nicht?

Zeigt die Abwesenheit einer angemessenen Reflexion über die Worte und Handlungen des Herrn. 

Das geistliche Verständnis folgt auf die geistliche Wahrnehmung (Punkt 2). Die Jünger machten zunächst den Fehler, die genauen Eindrücke der zahlreichen Handlungen der Macht, Weisheit und Gnade des Herrn nicht aufzunehmen und zu behalten. Anschließend dachten sie nicht weiter über die Bedeutung und die oftmaligen Wiederholungen seiner Werke sowie über deren übernatürlichen Ursprung nach.

4)      Habt ihr euer Herz verhärtet?

Zeigt einen Mangel an Sensitivität gegenüber göttlichen Dingen. 

In diesem Punkt glichen sie den Pharisäern (Mk 3,5). Wir sehen in unserer Stelle, dass dieser Begriff einmal mit der Unterlassung, geistliche Wahrheiten wahrzunehmen, und andererseits mit dem ersten Wunder der Speisungen verbunden wird. In diesem Zusammenhang lesen wir in Markus 6,52, dass sie durch die Brote nicht verständig geworden waren, sondern ihr Herz verhärtet hatten. Das Erstaunen der Jünger anlässlich der plötzlichen Windstille auf dem See lässt sich darauf zurückführen, dass sie das Wunder der Brotvermehrung nicht verstanden hatten und ihre Herzen in beiden Fällen träge und unempfindlich waren. Es ist bedeutsam zu sehen, dass ein Mangel an geistlicher Wahrnehmung (Punkt 2) das Ergebnis einer Gefühllosigkeit des Herzens ist.

5)      Augen habt ihr und seht nicht?

Sie benutzen ihre geistigen Fähigkeiten nicht, um die Handlungen des Herrn zu verstehen. 

An sich waren die Augen der Jünger in der Lage Dinge zu sehen, die der Welt verborgen blieben. Das ist bei Gläubigen immer der Fall. Der betagte Simeon sah in dem heiligen Baby, das er auf seinen Armen hielt, etwas, was die Priester im Tempel nicht sahen. Er erkannte in dem Kind den Christus des Herrn, die Errettung des Herrn (Lk 2,26.29). Wenn die Augen des Glaubens in Tätigkeit sind nehmen sie das wahr, was unsichtbar und ewig ist (2. Kor 4,18).

Bei diesen Augen handelt es sich nach Epheser 1,18 um die Augen des Herzens. Sie sind eher mit der Gefühlswelt als mit dem Verstand verbunden und hängen mit den inneren Zuneigungen sowie der treuen Hingabe untrennbar zusammen. … Die Apostel unterschätzten den Dienst Christi, weil sie Christus selbst unterschätzten. Ein Jünger des Herrn kann schnell in denselben Fehler verfallen, wenn sein Auge nicht ausschließlich auf seinen Meister gerichtet ist.

6)      ... und Ohren habt ihr und hört nicht?

Sie benutzen ihre geistigen Fähigkeiten nicht, um die Worte des Herrn zu verstehen. 

Vergleiche hierzu folgende Stellen: 1. Joh 1,1–3; Apg 22,14–15; 2. Tim 4,4; Heb 5,11.

7)      Und erinnert ihr euch nicht?

Zeigt einen Mangel an geistlichem Verständnis und drückt ihre Vergesslichkeit in Bezug auf die beiden vorangegangenen Wunder aus, insbesondere was die Fülle der übrig gebliebenen Brotkrumen betrifft, die weit über die benötigte Menge hinausgingen.  

Es gibt Dinge, die wir getrost vergessen dürfen, vgl. Phil 3,13.

Es gibt allerdings auch Dinge, die wir im Gedächtnis halten sollen, vgl. Ps 145,7.

Die Erinnerung an die Wege, die Gott mit uns in der Vergangenheit gegangen ist, gibt uns eine Orientierung für die Gegenwart. Wenn wir uns an die Wunder der Speisungen von gestern erinnern, fürchten wir für den heutigen oder morgigen Tag keine Hungersnot.

Ein lebhaftes und genaues Gedächtnis macht einen großen Teil des geistlichen Lebens aus. Die Wichtigkeit einer aktiven Erinnerung an göttliche Dinge wird durch Petrus unterstrichen, der in seinem zweiten Brief an 4 Stellen auf dieses Thema zurückkommt (1,12.13.15; 3,1). Indem er so andere ermahnt, erinnert er sich an seine eigenen Erfahrungen, als ihm die warnenden Worte des Herrn wieder in den Sinn kamen, die ihn dazu brachten, sich an seine schmachvolle Verleugnung des Herrn zu erinnern (Mt 26,75; Lk 22,61).

Die letzte Frage des Herrn (Mt 16,11) 

Diese Frage kann als eine Art Zusammenfassung der vorangegangenen betrachtet werden. Sie enthält einen tadelnden Unterton. Wie konnten sie nur denken, dass der Herr Angst hatte, weil sie die Brote der Pharisäer benutzen wollten? Nahmen sie etwa an, dass der Herr, der sie noch ein Kapitel zuvor gelehrt hatte, sich keine Gedanken darüber zu machen, was sie trinken oder essen sollten, nun selbst Angst hatte, dass er bzw. seine Jünger gezwungen sein würden, das Brot der Pharisäer und Sadduzäer zu essen?

Nach diesen Worten des Herrn beginnen die Jünger zu verstehen, „dass er nicht gesagt hatte, sich zu hüten vor dem Sauerteig der Brote, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer“ (Mt 16,12). Ihre Rabbiner hatten das ungesäuerte Brot des Gesetzes durchsäuert. Das war durch ihre Traditionen und Anordnungen geschehen. Deswegen waren ihre Brote, ihre Lehren für die Kinder des Reiches ungenießbar.

[Übersetzt aus “Bible Treasury“, von Stephan Keune]

W.J. Hocking