Damit sie alle eins seien

Online seit dem 17.03.2007, Bibelstellen: Johannes 17,20-21

Bei dem nachfolgenden recht umfangreichen Artikel handelt es sich um ein eingescanntes Heft, das im Jahr 1903 im R. Brockhaus Verlag erschienen ist („Auf daß sie alle eins seien“). Dieses über hundert Jahre alte Heft ist eine Rarität. Die Botschaft dieses Heftes ist gleichwohl heute noch aktuell.   

 „Aber nicht für diese allein bitte ich, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben; auf daß sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir, auf daß auch sie in uns eins seien, auf daß die Welt glaube, daß du mich gesandt hast.“ (Joh 17, 20. 21.)

Jeder Gläubige wird zugeben, daß Gott selbst es ist, der die Versammlung (der die Gemeinde, die Kirche (ecclesia); es kommt nicht so sehr auf den Titel oder Namen an, wenn man nur das Richtige darunter versteht), den Leib Christi, bildet, indem Er die Seelen Seinem Sohne zuführt. (Joh 6, 44.) Gibt es z. B. an dem Orte, wo ich wohne, hundert oder zweihundert wahre Christen, so bilden diese die Versammlung Gottes an diesem Orte. So lesen wir in der Apostelgeschichte von „der Versammlung, die in Jerusalem war“. (Kap. 8, 1. 3.) An einer anderen Stelle heißt es: „Der Herr tat täglich zu der Versammlung hinzu, die gerettet werden sollten“. (Kap. 2, 47.) Alle, welche das Wort der Apostel mit bereitwilligem Herzen aufnahmen, bildeten die Versammlung, die Gemeinde Gottes in Jerusalem. Gott selbst machte sie zu Gliedern Seiner Versammlung, indem Er sie zu Gliedern Christi machte, welcher „das Haupt des Leibes, der Versammlung, ist“. (Kol 1, 18; vergl. auch Eph 1, 22. 23.) Der Apostel Paulus schrieb Briefe an  „die Versammlung Gottes, die in Korinth ist“, oder an „die Versammlung der Thessalonicher in Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesu Christo“. Es kommt keinem Menschen zu, dies nach Willkür abzuändern. Er hat weder das Recht, eine Person, die Gott hinzugetan hat, auszuschließen, noch eine andere, die Er nicht anerkennt, hinzuzufügen. Der Mensch hat hier nur anzuerkennen, was Gott getan hat.

Kann es nun nach dem Willen des Herrn sein, wenn Seine Jünger das, was Er zusammengefügt hat, scheiden, indem sie in einer Stadt mehrere Versammlungen bilden, die sich durch selbstgewählte Namen oder durch gewisse Lehren, Grundsätze oder Statuten voneinander unterscheiden und jede für sich abgesondert dastehen? Es haben doch die Christen nicht aufgehört, denselben Erlöser, denselben Herrn, denselben Gott und Vater, denselben Glauben, dasselbe himmlische und ewige Vaterland zu haben? Da ist ein Leib und ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller: eine siebenfache, wunderbare Einheit! (Vergl. Eph, 4, 4–6; Gal 3, 26–28; Kol 3, 11.) Diese Einheit hat nicht aufgehört, wenn sie auch von vielen Christen heute nicht mehr verstanden oder verwirklicht werden mag. Oder war es wohl die Meinung des Herrn, daß sie aufhören oder nicht beachtet werden sollte, als Er zu dem Vater flehte: „Aus daß sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir, auf daß auch sie in uns eins seien, auf daß die Welt glaube, daß du mich gesandt hast“? (Joh 17, 21.) Wer würde den Mut haben, so etwas zu behaupten?

Aber man wendet ein, daß es sich in letztgenannter Stelle, wie auch anderswo, um eine geistige, unsichtbare Einheit handle, um eine Einheit, die immer unter den wahren Gliedern Christi bestehen werde. Doch die Worte des Herrn: „auf daß die Welt glaube, daß du mich gesandt hast“, widerlegen diesen Einwand sofort und für immer. Für eine Welt, welche nur das glaubt, was sie sieht, ist eine unsichtbare Einheit ohne jede Beweiskraft, ohne jeden Wert. Wie kann sie an ein Haupt glauben, von dessen Leibe, als einem Ganzen, sie keine Spur mehr sieht, sondern nur getrennte Glieder, die sich sogar zuweilen feindlich gegenüberstehen und, anstatt miteinander zu wandeln und zu arbeiten, sich gegenseitig Abbruch tun? Nein, dieser ganze Leib, „wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung“, und durch eine einzige Versammlung (wenn auch vielleicht, infolge der Zahl oder der örtlichen Verhältnisse, die Zusammenkünfte nicht immer an einem Orte stattfinden können) an jedem Orte sichtbar dargestellt, sollte die Welt dahin bringen, an das schon verherrlichte Haupt dieses Leibes zu glauben. So war es eine kurze Zeit. Die Jünger waren „einmütig“ beieinander und verharrten, durch denselben Geist belebt, „in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten“. (Apstgsch. 2.) Aber bald durchdrang der Sauerteig der Spaltungen und bösen Lehren den ganzen Teig, und Paulus mußte schon den Korinthern zurufen: „Ihr seid noch fleischlich. Denn da Neid und Streit unter euch ist, seid ihr nicht fleischlich und wandelt nach Menschenweise? Denn wenn einer sagt: Ich bin des Paulus; der andere aber: Ich des Apollos; seid ihr nicht menschlich?“ (1. Kor 3, 3. 4.) Aber obwohl der Keim der Spaltungen sich so schon in der Mitte der Gläubigen offenbarte, scheinen doch weder die Korinther noch irgend eine andere Versammlung in der Apostelzeit im Geringsten daran gedacht zu haben, sich an einem und demselben Orte in verschiedene Gemeinden zu spalten. Möglich ist es ja, daß bei Einzelnen solche Ideen schon Wurzel gefaßt haben mochten; aber im allgemeinen wurden sie gewiß entschieden verurteilt.

Erst später gelang es dem Feinde, sein böses Werk bis zu diesem Grade zu vollenden. Aber sollte man es für möglich halten, daß es selbst bei wahren Gläubigen dahin kommen konnte, dieses Werk rechtfertigen zu wollen? Man stellt die Spaltungen als eine unvermeidliche Folge der Verschiedenheit der Ansichten des menschlichen Geistes dar; als wenn der menschliche Geist es wäre, der den Leib Christi beleben und leiten sollte, und nicht der Geist Christi selbst. Auch sagt man, die Spaltungen seien eine Gelegenheit für die Christen, sich in Geduld und gegenseitiger Ertragung zu üben; als wenn Böses aufhörte böse zu sein, wenn Gott in Seiner unendlichen Güte und Weisheit Gutes daraus hervorgehen läßt; oder als wenn man Böses tun müsse, damit Gutes daraus hervorkomme; oder endlich als wenn ohnehin nicht genug Meinungsverschiedenheiten, Mängel und Schwachheiten in der Versammlung vorhanden wären, an denen die Christen ihre Geduld und Gelindigkeit üben könnten. Man lese nur das 14. Kapitel des Römerbriefes.

Es ist überdies sicherlich eine sonderbare Art von Geduld und Gelindigkeit, wenn man sich von denen trennt oder fernhält, welche man ertragen und lieben sollte! Bewundert man auch die Geduld und gegenseitige Liebe zweier Eheleute, welche, getrennt durch Unvereinbarkeit der Ansichten und Launen, ein jedes für sich nach seiner Weise leben, aber sich dessenungeachtet ein freundliches Gesicht machen, wenn sie einander in der Welt begegnen? Und das sollte die Einheit sein, zu welcher die Jünger Jesu berufen sind? Das sollte alles sein, was der Herr für sie wünschte, als Er sagte: „auf daß sie eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir, auf daß auch sie in uns eins seien“? Und ein solches Verhalten sollte die Welt zu dem Glauben bringen können, daß Jesus wirklich von Gott ausgesandt worden ist? Wir überlassen die Antwort getrost dem Leser.

Aber, fragt man, was sollen die Gläubigen in unseren Tagen denn tun, nachdem die Verwirrung einmal so groß geworden ist? Sie sollen hören auf das, was Gottes Wort ihnen sagt, und danach handeln. Die göttliche Wahrheit bleibt immer dieselbe, mögen auch die Zeiten und Umstände andere geworden sein. Oder soll Gott etwa Seine ewigen Gedanken und Ratschlüsse nach den Torheiten der Menschen ändern und ihrer Untreue entsprechend einrichten? Soll Er sie je und je den veränderlichen Meinungen der Menschen anpassen? Nein, sagt man, aber es ist so schwer, in diesen bewegten Zeiten des Endes die Gedanken und den Willen Gottes klar zu verstehen. Darauf möchten wir erwidern: Es mag heute oft schwierig sein, den Willen Gottes auszuführen, weil sich so viele feindliche Einflüsse dagegen geltend machen und der Eigenwille des Menschen so groß ist; aber diesen Willen zu erkennen und zu verstehen ist nicht so schwer, vorausgesetzt nur, daß das Ohr beschnitten und das Herz einfältig ist. „Das Zeugnis Jehovas ist zuverlässig, macht weise den Einfältigen.“ (Ps 19, 7.)Wir möchten hier auf drei Stellen aufmerksam machen, welche uns klar und deutlich den Weg und Willen Gottes in dieser Beziehung erkennen lassen. Die erste findet sich in der Apostelgeschichte. Sie lautet: „Laßt euch retten von diesem verkehrten Geschlecht!“ (Kap. 2, 40.) Diese Worte zeigen uns deutlich, was Gott über jede Verbindung mit den Kindern dieser Welt denkt. Sie ist dem Willen Gottes schnurstracks entgegen. Welche Gemeinschaft hat Licht mit Finsternis, welches Teil der Gläubige mit dem Ungläubigen? Die Gläubigen sind der Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott gesagt hat: „Ich will unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein“. Was bleibt ihnen also übrig, als aus der Mitte der Ungläubigen auszugehen und Unreines nicht anzurühren? Ja, dies ist das bestimmte Gebot Gottes. (2. Kor 6, 14–18.)

Die zweite Stelle steht im 18. Kapitel des Evangeliums Matthäi und lautet: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen (eig.: zu meinem Namen hin), da bin ich in ihrer Mitte“. (V. 20.) Wir dürfen wohl annehmen, daß der Herr in der Voraussicht des traurigen Zustandes, in welchen die Kirche nach und nach kommen würde, diese kostbare Mitteilung gemacht hat. Es ist in der Tat eine überaus kostbare Verheißung, ja, mehr als eine Verheißung: es ist eine Tatsache. Mag die Zahl der Treuen noch so gering werden, mögen es nur noch zwei oder drei sein, die an der Wahrheit festhalten und sich, getrennt von allen menschlichen Systemen und Veranstaltungen, einfach um den Namen ihres Herrn scharen, sich allein zu Ihm hin versammeln, – Er bekennt sich zu dem schwachen Zeugnis und ist in ihrer Mitte. Und wenn Er da ist, was könnten sie mehr wünschen?

Die dritte Stelle findet sich wiederum in der Apostelgeschichte, und wir haben sie schon einmal erwähnt. Es sind die Worte in Kap. 2, 42: „Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten“. Die Gläubigen haben also nicht nur auf die Ermahnung zu achten, sich zu trennen von der Welt und sich in dem Namen Jesu zusammenzufinden, sondern sie sind auch berufen, in den ebengenannten vier Dingen zu verharren. Wohl mögen sie über einzelne Lehrpunkte verschiedener Meinung sein, wie z. B. über die Sonntagsfeier, über die Anwendung der Taufe, über die Auslegung mancher Teile der Prophezeiung und ähnliche Dinge; aber sie sollten nie vergessen, daß sie sich nicht um den Sonntag, um die Taufe, um irgend ein prophetisches Wort versammeln, sondern um den gestorbenen und auferstandenen Christus, um Ihn, der das einzig wahre Brot des Lebens ist, von welchem alle sich nähren. So lange dieses Bewußtsein sie erfüllt und leitet, werden sie, trotz jener verschiedenen Meinungen und der möglicherweise daraus entstehenden Schwierigkeiten, vereinigt bleiben können; ja, wenn sie alle, wozu sie auch persönlich gelangt sein mögen, in denselben Fußstapfen wandeln (Phil 3, 16), so wird Gott sicherlich Seine Macht unter ihnen offenbaren und alles Mangelnde ihnen gnädiglich darreichen.Damit der Charakter der Versammlung als Versammlung Gottes gewahrt werde, dürfen selbstverständlich keine anderen Bedingungen der Gemeinschaft aufgestellt werden als die folgenden: lebendiger Glaube an Christum, ein würdiger Wandel und Reinheit in der Lehre. Alle anderen Bedingungen sind menschlich und dem Worte Gottes zuwider. Weiter zu gehen würde heißen, den wahren Charakter der Versammlung verlassen und zu einer Sekte hinabsinken. Was den ersten Punkt betrifft: lebendiger Glaube an Christum, so brauchen wir uns wohl nicht länger dabei aufzuhalten; denn wir haben weiter oben bereits ausgeführt, und jeder wahre Gläubige wird dem von Herzen zustimmen, daß nur Kinder Gottes, nur Glieder am Leibe Christi, einen Platz in der Versammlung, am Tische des Herrn, haben können.

Über den zweiten Punkt belehrt uns, neben anderen Stellen, das 5. Kapitel des 1. Korintherbriefes in durchaus klarer, verständlicher Weise. Der Apostel sagt dort: „Nun aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Hurer ist, oder ein Habsüchtiger, oder ein Götzendiener, oder ein Lästerer, oder ein Trunkenbold, oder ein Räuber, mit einem solchen selbst nicht zu essen“. Solche Personen mußten aus der Mitte der Versammlung, wenn sie einen Platz in ihr gefunden hatten, hinausgetan werden; denn dem Hause Gottes geziemt Heiligkeit. Wie dürfte auch mit dem heiligen Namen des gegenwärtigen Herrn offenbar Böses in Verbindung gebracht werden? Wenn das Böse aber entfernt werden muß, sobald es sich offenbart, dann sollte es sicherlich auch niemals wissentlich in das Haus Gottes hineingebracht werden. Und daß der Apostel bei der Aufzählung der bösen Dinge nicht an die Aufstellung einer umfassenden, erschöpfenden Liste (so daß es also außer den genannten keine anderen bösen Dinge oder Zustände gäbe) gedacht hat, geht aus dem Schlußwort seiner Belehrung hervor, wenn er sagt: „Tut den Bösen (also ganz allgemein) von euch selbst hinaus“.

Im Blick auf den dritten Punkt genügt es wohl, auf eine Stelle im 2. Brief des Johannes aufmerksam zu machen. Dort lesen wir: „Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre (die Lehre des Christus) nicht bringt, so nehmet ihn nicht ins Haus auf und grüßet ihn nicht. Denn wer ihn grüßt, nimmt teil an seinen bösen Werken.“ (V. 9–11.) Hier ist zwar nicht unmittelbar von der Versammlung die Rede; wenn ich aber persönlich jemanden nicht ins Haus aufnehmen, noch ihm Gottes Segen zu seinem Wege wünschen soll, so sollte ein solcher gewiß auch keine Aufnahme in der Versammlung finden. Sittlich Böses und böse Lehre werden im Worte Gottes „Sauerteig“ genannt; beide Dinge tragen also vor Gott denselben Charakter und haben dieselbe böse Wirkung: sie durchsäuern den ganzen Teig. (1. Kor 5, 6; Gal 5, 9.) Sauerteig muß daher mit allem Ernst ferngehalten oder ausgefegt werden.Außer den genannten Fällen aber sagt die Schrift: „Deshalb nehmet einander auf, gleichwie auch der Christus euch aufgenommen hat, zu Gottes Herrlichkeit“. (Rö 15, 7.)

Wenn der Herr in einer solchen Versammlung Hirten und Lehrer gibt, wie Er es Seiner Gemeinde bis ans Ende hin zu tun versprochen hat (Eph 4, 11), so ist es die Pflicht eines jeden Einzelnen, diese Gaben anzuerkennen; aber nicht etwa durch irgendeine Zeremonie oder gar durch Verleihung von Namen und Titeln, wovon sich im Worte Gottes nirgendwo eine Spur findet, sondern dadurch, daß er sie mit dankbarem Herzen aufnimmt und ihren Dienst als von Gott kommend anerkennt. Es ist nicht in das Belieben des Gläubigen gestellt, wie er sich solchen Gaben gegenüber verhalten will, sondern das Wort Gottes legt einem jeden die Pflicht auf, solche Männer anzuerkennen, ja, sich ihnen zu unterwerfen. Wohlgemerkt, wir reden von Hirten und Lehrern, welche sich als vom Herrn gegeben erweisen, nicht von solchen, die von Menschen dazu ausgebildet und verordnet worden sind.

Es wird dem Leser nützlich sein, wenn wir einige hierher gehörende Stellen aus den Briefen der Apostel anführen. Wir lesen in 1. Kor 16, 15. 16: „Ich ermahne euch aber, Brüder: ihr kennet das Haus des Stephanas, daß es der Erstling von Achaja ist, und daß sie sich selbst den Heiligen zum Dienst verordnet haben; daß auch ihr solchen untertan seid und jedem, der mitwirkt und arbeitet“. Dann heißt es in 1. Thess. 5, 12. 13: „Wir bitten euch aber, Brüder, daß ihr die erkennet, die unter euch arbeiten und euch vorstehen im Herrn und euch zurechtweisen, und daß ihr sie über die Maßen in Liebe achtet, um ihres Werkes willen“. Und an die Hebräer ergeht die Ermahnung: „Gehorchet euren Führern und seid unterwürfig; denn sie wachen über eure Seelen, als die da Rechenschaft geben sollen, auf daß sie dies mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn dies wäre euch nicht nützlich“. (Heb 13, 17.)

Diese drei Stellen (es gibt noch andere) zeigen uns deutlich, wie Gott über die vorliegende Frage denkt, und wie Er will, daß in Seiner Versammlung auf dieser Erde Auferbauung, Leitung, Ordnung u.s.w. dargereicht und aufrechtgehalten werden sollen. Nun unterliegt es keinem Zweifel, daß der eingetretene Verfall die Ausführung der göttlichen Gedanken sehr erschwert; aber es wäre ganz verkehrt zu denken, daß sie unmöglich geworden sei. Das ist keineswegs der Fall, wie alle diejenigen in lieblicher Weise erfahren dürfen, welche sich in Einfalt dem Worte Gottes unterwerfen. Die Untreue der Menschen hebt Gottes Treue nicht auf, noch macht sie Sein Wort ungültig. Was uns not tut, ist eine herzliche, entschiedene Rückkehr zu dem, was wir von Anfang gehört haben. (Vergl. 1. Joh 2, 24.)

Bezüglich jener Gaben sind auch Ermahnungen zu beherzigen, wie die in Gal 6, 6: „Wer in dem Worte unterwiesen wird, teile von allerlei Gutem dem mit, der ihn unterweist“; oder in 1. Tim 5, 17. 18: „Die Ältesten, welche wohl vorstehen, laß doppelter Ehre würdig geachtet werden, sonderlich die da arbeiten in Wort und Lehre. Denn die Schrift sagt: „Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden“, und: „Der Arbeiter ist seines Lohnes wert“.

Weil wir ferner alle Glieder eines Leibes sind und somit alle eine persönliche Verantwortlichkeit tragen bezüglich des Wachstums des ganzen Leibes, der „wohl zusammengefügt und durch jedes Gelenk der Darreichung verbunden“ ist (Eph 4, 16; vergl. auch Kol 2, 19), so wird uns auch gesagt: „Da wir aber verschiedene Gnadengaben haben, nach der uns verliehenen Gnade: es sei Weissagung, [so laßt uns weissagen] nach dem Maße des Glaubens; es sei Dienst, [so laßt uns bleiben] im Dienst; es sei der da lehrt, in der Lehre; es sei der da ermahnt, in der Ermahnung; der da mitteilt, in Einfalt; der da vorsteht, mit Fleiß; der da Barmherzigkeit übt, mit Freudigkeit“. (Rö 12, 6–8.) Und in 1. Pet 4, 10 lesen wir: „Jenachdem ein jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dienet einander damit als gute Verwalter der mancherlei Gnade Gottes“. Wenn ein jeder nach diesen Worten sich beeifern würde, mit der ihm verliehenen Gabe zu dienen, so würden wir sicher eine Bedienung haben, wie sie nicht einfacher und zugleich umfassender und ausgedehnter sein könnte.

Aber, möchte eingewandt werden, wenn es auch nach Gottes Wort kein bestimmtes Predigt-Amt gibt, das nur durch gewisse Personen ausgeübt werden darf, so muß doch wenigstens bei der Feier des Abendmahls jemand da sein, der den Platz des Segnenden oder Dankenden einnimmt und durch den das Abendmahl ausgeteilt wird. Sicherlich wird am Tische des Herrn einer das Dankgebet sprechen über Brot und Wein, aber dieser Eine tut es in Gemeinschaft mit der Versammlung, gleichsam als der Mund derselben. Von einem Austeilen des Abendmahls findet sich in der Schrift keine Spur, und noch viel weniger von einer bestimmten Klasse von Personen, die zu dieser Austeilung allein berechtigt wären. Die Schrift kennt hiervon weder dem Namen noch dem Wesen nach etwas. Sie redet nur von einer gemeinschaftlichen Feier des Abendmahls, von einem gemeinschaftlichen Brotbrechen. Jeder Gläubige ist in die Stellung eines Priesters gebracht und kann als solcher in der Versammlung den Namen Jesu bekennen, bitten, danksagen, oder, wenn er die Gabe dazu empfangen hat, das Wort Gottes auslegen, ermahnen, lehren, erbauen. Wir lesen in 1. Kor 14, 26: „Was ist es nun, Brüder? Wenn ihr zusammenkommet, so hat ein jeder von euch einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Sprache, hat eine Offenbarung, hat eine Auslegung; alles geschehe zur Erbauung“.

Das war und ist, so weit wir urteilen können, der Ausgangspunkt aller Ordnung in kirchlicher Beziehung, welche Schwierigkeiten sich bei der Anwendung der angeführten Grundsätze heute auch darbieten mögen. Würde man zu diesem Ausgangspunkt allgemein zurückkehren, so würde sich vieles von selbst regeln. Die vorhandenen Gnadengaben würden Gelegenheit haben, sich zu offenbaren und zu entfalten, und ein wahrer, Gott wohlgefälliger Dienst würde zum Nutzen aller ausgeübt werden. Der ganze Leib, durch die Gelenke und Bande Darreichung empfangend und zusammengefügt, würde das Wachstum Gottes wachsen. (Kol 2, 19.) Nach der Wirksamkeit in dem Maße jedes einzelnen Teiles würde dieses Wachstum des Leibes bewirkt werden zu seiner Selbstauferbauung in Liebe. (Eph 4, 16.) – Aber wird sich das Fleisch nicht einmischen, werden nicht bald Eigenliebe und Ehrsucht sich breit machen? Ja, das Fleisch kann und wird sich offenbaren, wie es das immer tut; aber das Wort hat für solche Fälle Vorsorge getroffen. „Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.“ (1. Kor 14, 33.)

Da wo die oben entwickelten Grundsätze allgemein angenommen und nach der empfangenen Kraft verwirklicht werden, da sehe ich eine Versammlung nach dem Worte Gottes, „eine Versammlung der Heiligen“; da sehe ich eine örtliche Darstellung, ohne Zweifel sehr schwach und unansehnlich, aber nichtsdestoweniger eine Darstellung des Hauses Gottes, der Versammlung des lebendigen Gottes, zusammengesetzt aus lebendigen Steinen, aus wahren, lebendigen Gliedern; da sehe ich ein heiliges Priestertum, welches berufen ist, geistliche Schlachtopfer darzubringen, Gott wohlannehmlich durch Jesum Christum. (1. Pet 2, 5.) Viele nennen das Unordnung und schelten die Gläubigen, welche so den Gedanken Gottes über Sein Haus zu entsprechen suchen, Neuerer, Sektierer und dergl.; aber sie vergessen ganz, daß gerade die so viel gepriesenen Kirchenordnungen und Einrichtungen nur menschliche Erfindungen sind, und daß Paulus eben an jener Stelle Gott einen Gott der Ordnung und des Friedens nennt, wo er die Gläubigen ermahnt, sich in dieser Weise, in Abhängigkeit von der Leitung des Heiligen Geistes, zu versammeln. Sie beweisen, daß sie sich von der Ordnung in der Kirche oder Versammlung Gottes eine ganz andere Vorstellung machen als der Apostel Paulus, ja, daß sie sich mit ihm in unmittelbarem Widerspruch befinden. Für ihn ist die wahre Ordnung die durch den Geist, durch Seine Belehrung und Leitung; für jene ist die wahre Ordnung die, welche aus menschlichen Einrichtungen und Vorkehrungen hervorgeht und sich auf die Leitung durch Menschen aufbaut.

Unzweifelhaft setzt ein Zusammenkommen auf solcher Grundlage die fortgesetzte Übung und Offenbarung eines Glaubens voraus, der die Schwierigkeiten durch ein stetes Aufschauen zum Herrn überwindet. Zugleich erfordert es eine rückhaltlose Anerkennung der persönlichen Gegenwart des Heiligen Geistes und eine unbedingte Unterwerfung unter Seine Wirksamkeit und Leitung; denn Er allein vermag Ordnung, Einheit und Frieden zu bewahren. Sobald diese Abhängigkeit zu schwinden beginnt, erheben sich Schwierigkeiten, und gerade das ist es, was die Einführung menschlicher Ordnungen und Einrichtungen verursacht hat. Hienieden befindet sich die Kirche gleichsam in ihrem Kindheitsalter, und im Blick auf die feindlichen Einflüsse und den Widerstand von außen, sowie auf die Schwierigkeiten von innen kann die Aufrechthaltung der Ordnung und die Bewahrung ihres Zustandes nur als ein Wunder des Geistes des Lebens, der in ihr wohnt, betrachtet werden. Aber dieses Wunder hat sich einst vor den Augen der Ungläubigen vollzogen, und es vollzieht sich heute noch, wenn auch infolge des allgemein niedrigen Zustandes der Gläubigen und der Betrübung des Heiligen Geistes in weit geringerem Maße als früher. Sucht man aber dieses, durch die kräftige Wirksamkeit des Heiligen Geistes bewirkte Wunder durch kluge Anordnungen, durch Einführung von allerlei Formen und Satzungen zu ersetzen, so wird man, anstatt eines zwar leidenden aber doch lebendigen Leibes, ein vielleicht schönes aber todkaltes Standbild erhalten.

Gibt der Herr Prediger des Evangeliums, – und wir sollten Ihn herzlich und anhaltend darum bitten, – so mögen sie freudig und zuversichtlich die Hand ans Werk legen, indem sie sich allein auf Ihn stützen und nichts von denen nehmen, die draußen sind. Es ist das Vorrecht ihrer Brüder, ihnen in ihrem Werke beizustehen und auf diese Weise „Mitarbeiter der Wahrheit“ zu werden. (3. Joh 6–8.) Dies hebt natürlich nicht auf, daß alle, je nach den Umständen und der ihnen verliehenen Befähigung, von der Gnade Gottes Zeugnis geben sollen. Diese Verantwortlichkeit ruht auf jedem einzelnen Gläubigen. So gingen auch einst die ersten Christen, als sie durch eine Verfolgung aus Jerusalem vertrieben und überallhin zerstreut wurden, umher und verkündigten das Wort. (Apstgsch. 8, 4.)

So wird man denn einerseits eine Offenbarung der Einheit des Leibes haben durch die Jünger, welche um das Mahl des Herrn oder zum gemeinschaftlichen Gebet oder auch zur gegenseitigen Erbauung versammelt sind, und andererseits ist der besonderen Tätigkeit eines Jeden ein weites Feld gelassen, sowohl in der Versammlung zum Nutzen der Heiligen, als auch außerhalb in dem Werke des Evangeliums, um einer verlorenen Welt die frohe Botschaft von der Liebe Gottes zu verkündigen und Seelen für Christum zu werben. Diese beiden Dinge sind so verschieden wie möglich und werden doch in der gegenwärtigen Unordnung der Christenheit so allgemein verwechselt.

Was sind z. B. jene zahlreichen Zusammenkünfte, welche gewöhnlich „Predigt“, oder „Gottesdienst“, oder auch „Kirche“ genannt werden? Einerseits sind es Evangelisations-Versammlungen, indem man der Menge, die sich zusammenfindet, der sogenannten „Gemeinde“, Buße und Glauben Predigt, zum wenigsten wenn der Prediger gläubig ist; andererseits sind es gottesdienstliche Versammlungen, in welchen man das Abendmahl nimmt und mit dieser Menge, ob bekehrt oder unbekehrt, dankt, wie mit Brüdern, wie mit Gliedern der Versammlung Gottes. Was hat dies zur Folge? Zunächst geht der Unterschied zwischen der Predigt des Evangeliums und der Ausübung des Gottesdienstes, der Anbetung, völlig verloren; es entsteht eine Vermengung zweier Dinge, die getrennt bleiben sollten, eine Vermengung, welche für beide zum größten Nachteil ist. Denn wenn man der versammelten Menge sagt: „Tut Buße und glaubet!“ und zu gleicher Zeit mit ihr danksagt und das Mahl mit ihr feiert, welches nur den Gläubigen gehört, so schwächt man die Wirkung der Predigt gewaltig; die noch nicht bekehrten Seelen werden in einen Zustand falscher Sicherheit gebracht, indem ihnen die äußeren Handlungen der Taufe und des Abendmahls als Gnadenmittel vorgestellt werden, durch deren Genuß sie etwas empfangen; und selbst da, wo dies nicht der Fall ist, bringt die Zulassung Unbekehrter zum Abendmahl unwillkürlich Verwirrung und Unklarheit hervor. So leidet die Verkündigung des Evangeliums sehr unter jener Vermengung; aber nicht nur sie, auch der Gottesdienst leidet, indem man einerseits nicht wiedergeborene, geistlich tote Seelen in den Kreis der Gläubigen bringt, und andererseits in diesen selbst durch den steten Zuruf: „Tut Buße und glaubet!“ Ungewißheit bezüglich ihrer Errettung hervorruft und sie hindert, in der Gnade Gottes befestigt zu werden. Das war nicht die Weise, wie die Apostel wirksam waren. Sie predigten das Evangelium der ungläubigen Menge in den Straßen, auf den Märkten, in den Synagogen und überall, wo sich eine geeignete Gelegenheit dazu bot. Aber wenn es sich darum handelte, das Brot zu brechen, in Anbetung oder Gebet und Fürbitte gemeinschaftlich vor Gott hinzutreten, sich untereinander zu erbauen und zu ermahnen, so vereinigten sie sich in der Stille nur mit den Jüngern, mit den „Ihrigen“, nur mit denen, welche glaubten.

Der Menge riefen sie zu: „Tut Buße, und ein jeder von euch werde getauft auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen“; oder: „Und Er hat uns befohlen, dem Volke zu predigen und ernstlich zu bezeugen, daß Er der von Gott verordnete Richter der Lebendigen und der Toten ist. Diesem geben alle Propheten Zeugnis, daß jeder, der an Ihn glaubt, Vergebung der Sünden empfängt durch Seinen Namen“; oder: „So sei es euch nun kund, Brüder, daß durch diesen euch Vergebung der Sünden verkündigt wird“. (Apstgsch. 2, 38; 10, 42, 43; 13, 38.) Den Gläubigen aber sagten sie: „Ihr habt gehört das Wort der Wahrheit, das Evangelium eures Heils, in welchem ihr auch, nachdem ihr geglaubt habt, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geiste der Verheißung“; oder: „Denn sie selbst verkündigen von uns, welchen Eingang wir bei euch hatten, und wie ihr euch von den Götzenbildern zu Gott bekehrt habt, dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und Seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten“; oder endlich: „Wisset ihr nicht, daß euer Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt, den ihr von Gott habt, und daß ihr nicht euer selbst seid? Denn ihr seid um einen Preis erkauft worden; verherrlichet nun Gott in eurem Leibe“. (Vergl. Eph 1, 13; 1. Thess. 1, 9. 10; 1. Kor 6, 19. 20 und viele andere Stellen.)

Könnte es wohl einen größeren Gegensatz geben, als wie er in diesen Stellen gefunden wird? Fast sollte man es für unmöglich halten, daß eine Vermengung oder falsche Anwendung derselben stattfinden könnte. Aber infolge der durch die Untreue des Menschen herbeigeführten Vermengung des Guten mit dem Bösen, der Kinder Gottes mit den Kindern der Welt, an die man sich nicht nur seit Jahrhunderten gewöhnt hat, sondern die selbst von Gläubigen gerechtfertigt und verteidigt wird, hat man in der Christenheit im allgemeinen so völlig das Verständnis für die Wahrheit verloren, daß selbst gläubige Prediger in ihren Ansprachen kaum einen Unterschied zwischen ihren Zuhörern zu machen pflegen. Zugleich ist das Bewußtsein von dem, was wahrer Gottesdienst ist, ganz verloren gegangen. Ein Teil der Christenheit hat die Feier des Abendmahls zu einer sogenannten unblutigen Wiederholung des blutigen Kreuzesopfers Christi gemacht und die ganze Handlung mit prunkvollen Zeremonien und Gebräuchen umgeben; ein anderer Teil, obwohl entschieden protestierend gegen eine solche Entweihung des Opfers Christi, hat doch die Bedeutung des Abendmahls ganz vergessen und es in ein Sakrament zur Vergebung der Sünden oder doch in ein Gnadenmittel verwandelt. Der Begriff der Anbetung seitens der um ihren Herrn versammelten Gläubigen ist gänzlich verschwunden, und wenn man von Gottesdienst spricht, so meint man allgemein damit die Abhaltung einer Predigt, verbunden mit bestimmten Gebeten, Gesängen und dergleichen. Das sind die traurigen, aber notwendigen Folgen des Abweichens von dem einfachen Boden der Wahrheit. Die Christen haben aufgehört, sich, in dem Bewußtsein ihrer Abhängigkeit von der Leitung des Heiligen Geistes, um ihren Herrn zu versammeln und von Ihm, dem Haupte Seines Leibes, alles Nötige zu erwarten.

Wie einfach und köstlich, und doch zugleich wie ernst ist demgegenüber das Wort des Herrn Jesu an das arme Weib am Jakobsbrunnen: „Weib, glaube mir, es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berge, noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet ... Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahrhaftigen Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als Seine Anbeter. Gott ist ein Geist, und die Ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten“. Wer könnte so anbeten, wer in Wahrheit Loblieder singen zur Ehre Gottes und des Lammes, wer danksagen und den Vater verherrlichen, als nur diejenigen, welche, nachdem sie dem Worte der Wahrheit geglaubt haben, versiegelt worden sind mit dem Heiligen Geiste? als nur sie, die von Herzen, in kindlicher Glaubens-Zuversicht, „Abba, Vater!“ sagen können? Alle übrigen, so eingehend sie auch in den Wahrheiten des Christentums unterwiesen sein mögen, sind bloße Bekenner; ihre Herzen sind finster, ihre Lampen ohne Öl, sie sind völlig unfähig, wahre Anbetung darzubringen. In manchen Gemeinden hat man in unseren Tagen diese Verwirrung gefühlt und dahin gearbeitet, derselben abzuhelfen; aber es wird niemals zu einem guten Ende kommen, so lange man mit dem Falschen und Menschlichen in irgendwelcher Verbindung bleibt und nicht den einzig möglichen Boden betritt, den der Einheit der Kinder Gottes, wie sie durch den Heiligen Geist bewirkt ist.

Man redet gegenwärtig auch viel von einem Zusammenschluß aller wahren Gläubigen zwecks gemeinschaftlicher Arbeit auf dem Felde der Evangelisation und bemüht sich eifrig, eine solche Vereinigung herbeizuführen, wobei ein jeder Einzelne in seiner Sonderstellung bleiben, auf seinem jeweiligen Parteistandpunkt beharren kann. Diese Bemühungen mögen von Vielen gut und aufrichtig gemeint sein; aber wird auf diesem Wege die praktische Vereinigung der Kinder Gottes erzielt? Sicherlich sollte jeder Christ, soweit er sich dazu berufen und begabt fühlt, sowohl allein als auch in Gemeinschaft mit seinen Brüdern das Evangelium verkündigen. Ja, ein gemeinsames, treues Arbeiten auf diesem Gebiet mag sich oft sehr segensreich erweisen und zur Bekehrung Vieler führen. Aber ich frage noch einmal: Ist das die Vereinigung der Kinder Gottes nach Gottes Gedanken? Findet man in den Unterweisungen der Apostel oder in ihrer Wirksamkeit irgend einen Hinweis darauf, daß die Verkündigung des Evangeliums unter der Welt als Mittelpunkt der Vereinigung der Gläubigen dienen  könnte oder sollte? Nein, zu diesem Zwecke ist uns der Tisch des Herrn gegeben. Hier sind alle eins: ein Brot, ein Leib. „Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes des Christus? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes des Christus? Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die Vielen, denn wir alle sind des einen Brotes teilhaftig.“ (1. Kor 10, 16. 17.) Ferner lesen wir in Apstgsch. 20, 7: „Am ersten Tage der Woche aber, als wir versammelt waren, um Brot zubrechen“. Das war der Zweck des Zusammenkommens der Gläubigen; der Tisch des Herrn war ihr Mittel- und Sammelpunkt.

Es mag gut sein, an dieser Stelle ein Wort über den Charakter einer Versammlung zur Verkündigung des Evangeliums zu sagen. Auf eine solche läßt sich niemals das Wort des Herrn anwenden: „Wo zwei oder drei in meinem Namen (eig.: zu meinem Namen hin) versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte“. (Mt 18, 20.) Damit soll selbstverständlich nicht gesagt sein, daß der Herr nicht immer und überall bei den Seinigen sei (Mt 28, 20), daß Er nicht in besonderer Weise mit denen sei, welche von Seiner Gnade Zeugnis abzulegen wünschen, oder daß Er dieses Zeugnis nicht segnen werde. Der Herr bleibt Seiner Verheißung, daß Er alle Tage, bis zur Vollendung des Zeitalters, bei uns sein wolle, treu, und Er wird gewiß jede Bemühung der Liebe für verlorene, heilsbedürftige Seelen mit Seinem Segen krönen. Aber dessenungeachtet ist eine Zusammenkunft zur Verkündigung des Evangeliums, so klein oder groß sie sein mag, nicht eine Versammlung, wie sie in Mt 18 beschrieben wird. Denn würde man es wagen, auf eine solche Versammlung, die doch größtenteils aus Unbekehrten besteht, das Wort anzuwenden, welches der Herr in demselben Kapitel, ja, in Verbindung mit demselben Gegenstand, ausspricht: „Wahrlich, ich sage euch: Was irgend ihr auf der Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein; und was irgend ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein“? (V. 18.) Sicherlich nicht; denn jeder fühlt, daß Personen, die keinen Teil am Geiste Gottes haben, auch die Dinge Gottes nicht zu unterscheiden wissen. Man wird aus ähnlichen Gründen fühlen, daß eine Versammlung zur Verkündigung des Evangeliums auch in keiner Weise jenen Versammlungen der ersten Christen entspricht, von welchen Paulus in 1. Kor 12 und 14 redet. Auch kann man unmöglich an eine Versammlung zur Verkündigung des Evangeliums denken, wenn der Apostel die gläubigen Hebräer ermahnt: „Laßt uns auf einander acht haben zur Anreizung zur Liebe und zu guten Werken, indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen“. (Heb 10, 24. 25.) In der Tat, eine Zusammenkunft, welche man veranstaltet, um Unbekehrten das Heil in Christo zu verkündigen, und in welcher einer oder mehrere Menschen die Leitung haben, ist nicht eine Versammlung in dem Namen Jesu nach Mt 18, noch überhaupt ein Zusammenkommen der Christen als solcher, bei welchem ihre Einheit und ihre Absonderung für ihren Herrn irgendwie zum Ausdruck käme. Deshalb ist es auch dem Gläubigen in keiner Weise geboten, einer solchen Versammlung beizuwohnen. Ich bin als Christ vollkommen frei, einer Evangelisations-Versammlung beizuwohnen oder nicht, sei es nun daß ich daselbst rede oder nicht rede. Das Wort Gottes überläßt dies ganz meinem Ermessen. Es könnte ja in einer Stadt zwanzig Orte geben, wo an einem und demselben Abend das Evangelium verkündigt würde, und wollte Gott, es gäbe ihrer noch mehr! Aber welche würde ich in diesem Falle zu besuchen schuldig sein? Auf welche ließe sich die Ermahnung des Apostels in Heb 10, 25 anwenden? Wenn es sich aber um Zusammenkünfte der Erlösten handelt, sei es zur Feier des Abendmahls, oder zum Gebet, oder zur gegenseitigen Erbauung und Förderung im Glauben und in der Erkenntnis, so haben wir das bestimmte Gebot, unser Zusammenkommen nicht zu versäumen.

Mit einem Wort, die Verkündigung des Evangeliums ist eine vortreffliche Sache, ob sie nun vereinzelt oder in Gemeinschaft mit Anderen geschieht; aber nie wird sie in dem Worte als der Mittelpunkt dargestellt, um welchen die Christen sich vereinigen und der Welt ihre Einheit offenbaren sollten. Wer solche Behauptungen aufstellt, trägt zur Vermehrung der Verwirrung bei, und anstatt die Vereinigung der Kinder Gottes zu fördern, hält er die Gläubigen davon ab, das wahre Wesen derselben zu erkennen und zu verwirklichen.

Ohne Zweifel ist es schmerzlich, so viel über die Verwirrung sagen zu müssen; aber wenn wir uns weigern, die Wunde zu untersuchen, wie können wir dann eine Heilung erwarten? Manche Christen scheinen freilich den Entschluß gefaßt zu haben, ihre Augen vor dem Übel zu schließen, oder sie wünschen zur Heilung nichts anderes anzuwenden als die kraftlosen Heilmittel, welche sie selbst erfunden haben. Man wird dabei unwillkürlich an die Worte des Propheten erinnert: „Sie heilen die Wunde der Tochter meines Volkes leichthin“. Sie errichten Vereine zur gemeinschaftlichen Verkündigung des Evangeliums, wovon wir soeben sprachen, zur Heidenmission, zum Gebet, zur Beförderung eines entschiedenen Christentums, zur Vertiefung des Glaubenslebens, kurzum, Vereine von jeder Art und Form. Sie reisen, oft mit großem Kostenaufwand, nach der einen oder anderen Stadt, um sich dort mit Christen zu verbrüdern, die sie nie gesehen haben und vielleicht auch nie in diesem Leben wiedersehen werden. Aber auf ihre verschiedenen Benennungen, auf die Einrichtungen, welche sie nach eigener Weisheit getroffen haben, oder die ihnen von ihren Vätern überliefert worden sind, kurz, auf alles Menschliche, Eigene, dem Worte Gottes Zuwiderlaufende zu verzichten und sich mit den Christen, die an ihrer Tür wohnen, unter der Leitung des Heiligen Geistes um den einen Herrn und den einen Tisch zu versammeln – dazu lassen sie sich nicht bewegen. Und doch ist es gerade dieses, was der Herr von ihnen verlangt.

Wir leben in der Zeit der Vereine und Allianzen. Es ist so weit gekommen, daß für viele Christen echtes Christentum gleichbedeutend ist mit der Zugehörigkeit zu irgendeinem christlichen Verein, einem Gebets- oder Bibelbund und dergleichen. Ohne das können sie sich kaum noch wahre Christen denken; sie betrachten diejenigen Gläubigen, welche sich außerhalb dieser Dinge halten, als lau, farblos, träge. Aber was sagt Gottes Wort zu allen solchen Vereinigungen, die naturgemäß umso mehr Ansehen genießen und umso eifriger bewundert werden, je mehr Mitglieder sie zählen, je größer die Summen sind, welche jährlich für christliche Zwecke aufgebracht werden, je mehr Länder und Völker sie umspannen?

Ach, man sucht im Worte Gottes vergeblich nach einer Grundlage für sie. Gottes Wort kennt solche Vereinigungen nicht; sie sind eine Erfindung des Menschen, und so gut und ehrlich sie in ihren Anfängen gemeint sein mögen, so sehr erinnern manche in ihrem Fortschreiten doch an die unausrottbare Neigung der menschlichen Natur, sich einen Namen zu machen und sich selbst zu gefallen. Es ist, wenn auch auf anderem Boden und in anderem Sinne, das Bauen eines Turmes, dessen Spitze bis an den Himmel reiche. Gott hat Seinen Kindern nicht solche Vereinigungen auf Herz und Gewissen gelegt. Er beruft sie ebenso wenig zu einer Allianz, deren Verwirklichung so schwierig und kostspielig, ja, für neun Zehntel der Christen überhaupt unmöglich ist – zu einer künstlichen und darum so trügerischen Vereinigung von einigen Tagen im ganzen Jahre. Nein, was Er von ihnen verlangt, wenn es sich um die Darstellung ihrer Einheit handelt, ist ein einfaches Zusammenkommen im Namen Jesu, zugänglich für alle, ohne Geräusch, ohne Aufsehen (das ist es gerade, was dem Menschen nicht gefällt), aber wahrhaft und treu, an dem Orte und mit den Brüdern, wohin und in deren Mitte Seine Vorsehung sie gestellt hat.

Das ist es, was der Herr von ihnen verlangt und  was selbst die Welt von ihnen erwartet. Woher kommt es, sagt diese, daß ihr, nachdem ihr euch mit den Christen der ganzen Welt verbrüdert habt, zurückkommt und euch abgesondert haltet von den Christen in eurer Stadt oder in eurem Dorfe, und wieder wie früher anfangt, euren eigenen Gottesdienst und euer eigenes Abendmahl zu halten? Was ist das für eine Einheit? Ach, wir müssen es bekennen, die Welt hat recht. Das ist nicht die Einheit, das Einssein, welches Jesus für Seine teuren Jünger wünschte und vom Vater erbat. Dies führt uns aber immer wieder zu dem schon wiederholt ausgesprochenen Grundsatz zurück: Ein jeder, der aus Gott geboren ist, versammle sich mit seinen Brüdern im Namen Jesu und unter der Leitung Seines Geistes. Nur so erhält der Gottesdienst der Gläubigen seinen wahren Charakter; nur so wird die Einheit der Kinder Gottes, des Leibes Christi, eine sichtbare, allen verständliche Darstellung empfangen, nur so die Auferbauung des Leibes in Gott wohlgefälliger und ersprießlicher Weise vor sich gehen und selbst die Verkündigung des Evangeliums in den richtigen Bahnen erhalten bleiben. Das, und das allein, ist die wahre Grundlage der Vereinigung der Kinder Gottes. Ich kenne keine andere und finde keine andere im Worte Gottes. Die Aufrichtung einer anderen Grundlage ist deshalb Sektiererei. Ich habe schon gesagt, daß infolge der unbeschreiblichen Verwirrung auf religiösem Gebiet heute gerade diejenigen Sektierer, Spaltungenmacher, Separatisten und dergl. genannt werden, welche sich auf dem einfachen Boden der Wahrheit, abgesondert von allem Parteiwesen, versammeln. Aber hier wie überall lautet die Frage: Was sagt Gottes Wort? wie urteilt Gott? Gottes Wort verbietet mir z. B. jede Verbindung mit Ungläubigen, wenn es sich um christliche Gemeinschaft handelt. (Vergl. Apstgsch. 2, 40; 2. Kor 6, 14–18.) Nun aber fordern Christen mich auf, mich mit ihnen zu vereinigen und mit der Welt das Abendmahl zu feiern. Ich weigere mich dessen. Wer macht nun eine Trennung? Ich, der ich mich weigere, Gottes Gebot zu übertreten? Nein, sondern diejenigen, welche unserer Vereinigung die Bedingung setzen, mit der Welt Gottesdienst zu halten, die mich also verpflichten wollen, auf den Gehorsam gegen Gott und Sein Wort zu verzichten. Die Gebote des Herrn kennen keine Verjährung, wenn sie auch Jahrhundertelang vergessen oder doch nicht mehr anerkannt worden sein mögen.

Andere fordern mich auf, mich mit ihnen unter einem gewissen Glaubensbekenntnis, einem bestimmten Namen, oder unter Anerkennung gewisser Einrichtungen, Ordnungen, Satzungen etc. zu vereinigen. Ich weigere mich dessen. Wer macht nun die Trennung? Ich, der ich mich weigere, jene Dinge anzuerkennen? Nein, sondern sie, die unserer Vereinigung Bedingungen stellen, welche der Herr nicht gestellt hat. Man wird mich vielleicht auf die große Zahl derer hinweisen, welche jenes Bekenntnis oder jenen Namen angenommen haben, auf das Alter der bestehenden Einrichtungen, auf die vielen treuen Männer, welche der betreffenden Benennung angehört haben oder noch angehören. Aber ist das dem Grundsatz nach etwas anderes als Papsttum? Auch ist es klar, daß ich mich, indem ich mich Christen anschließe, welche diesen Namen, dieses Bekenntnis, diese Einrichtung etc. haben, von solchen trenne, welche andere haben. So werden denn ganz von selbst verschiedene Abteilungen in der Herde Christi gebildet, und jene Namen, Einrichtungen und Satzungen sind die Zäune, welche die Schafe verhindern, sich praktisch zu einer einzigen Herde, unter der Leitung des einen Hirten, zu vereinigen. Die Aufforderung, die Zäune so niedrig zu halten, daß man sich über sie hinweg die Hände reichen könne, ist ein so armseliges Auskunftsmittel, daß es in der Gegenwart des „Heiligen und Wahrhaftigen“ sicher keinen Augenblick bestehen kann.

Wenn ich aber der Vereinigung der Kinder Gottes, meiner Brüder und Schwestern in Christo, nur die Voraussetzungen und Bedingungen stelle, welche Gott selbst gestellt hat, nämlich: aus Gott geboren und von dem Bösen in Wandel und Lehre getrennt sein, so tue ich dadurch, was ich kann, um die Darstellung der von Gott bewirkten Einheit herbeizuführen und jede Gelegenheit zur Trennung hinwegzutun. Aus diesem Grunde kann ich mich auch keiner der zahlreichen Benennungen anschließen, es seien Reformierte, Lutheraner, Baptisten, Independenten u.s.w. Nicht als ob ich die Vereinigung der Kinder Gottes nicht wünsche, sondern weil ich sie wünsche und weil ich, soweit es mich betrifft, nicht verantwortlich sein will für die Hindernisse, welche man durch alle jene menschlichen Einrichtungen macht. Deshalb will ich Christ sein und nichts als Christ. Auf diesem Boden reiche ich allen, die den Namen des Herrn Jesu, ihres und meines Erlösers, „aus reinem Herzen anrufen“, die Bruderhand. Ich wandle mit ihnen in allem, soweit es mir irgend möglich ist, ohne an einem menschlichen Joche zu ziehen. Auf diesem Boden kann ich alle meine Brüder zur Versammlung der Kinder Gottes einladen, wozu ich das. Recht verlieren würde, wenn ich mich in eine der Abteilungen einreihen ließe, in welche man das Haus Gottes oder die Herde Christi eingeteilt hat.Ach, wenn die kostbare Einheit der Kinder Gottes doch mehr verstanden und verwirklicht würde! Welche Segnungen würde man daraus erwarten dürfen, zunächst für die Gläubigen selbst und dann auch für die Welt! Wenn z. B. alle Christen, die es an einem Orte gibt, sich versammeln würden, um einmütig ihren Gott und Vater anzubeten, ihren Herrn und Heiland zu preisen, sowie die verschiedenen Gnadengaben, welche die Einzelnen vom Herrn empfangen haben, in Abhängigkeit von Ihm anzuwenden – welches Licht, welche Ermunterungen und Tröstungen würden daraus hervorfließen! Welch ein mächtiges Zeugnis würde es sein für die Welt, für die, welche „draußen“ sind! Sollte man nicht glauben dürfen, daß sich wenigstens bis zu einem gewissen Grade die Worte des Apostels in 1. Kor 14, 24 u. 25 verwirklichen würden: „Wenn aber alle weissagen, und irgend ein Ungläubiger oder Unkundiger kommt herein, so wird er von allen überführt, von allen beurteilt; das Verborgene seines Herzens wird offenbar, und also, auf sein Angesicht fallend, wird er Gott anbeten und verkündigen, daß Gott wirklich unter euch ist“?

Um deswillen müssen wir aber auch alle menschlichen Namen und Titel verwerfen, müssen aufhören, Hirten, Lehrer oder Evangelisten zu wählen oder durch die Autorität dieser oder jener kirchlichen Behörden, Lehranstalten, Vereine etc. berufen zu lassen. Wir müssen nichts anderes sein wollen als Christen, Jünger Jesu, Brüder, Glieder am Leibe Christi, die sich unter der Leitung des Heiligen Geistes versammeln und im Blick auf alles auf ihren allezeit treuen und gnädigen Herrn warten. Wir müssen bereit sein, das anzunehmen, was Er uns durch den Geringsten aus unserer Mitte darreicht, wie auch bereit sein, selbst als Werkzeuge des Geistes Gottes zu dienen, wenn Er uns zur Erbauung, Tröstung, Belehrung oder Ermahnung Anderer verwenden will. Es gibt nur einen Geist, und wenn wir uns aufrichtig Seiner Leitung überlassen, so werden wir erfahren, daß Er mächtig ist, nicht nur die getrennten Glieder des Leibes Christi durch Seine göttliche Kraft wieder zusammenzuführen, sondern auch sie in Frieden und gegenseitiger Duldsamkeit und Liebe zusammen zu halten; ja, daß Er für alle Bedürfnisse und Fragen genügt, und daß da, wo Er regiert, liebliche Ordnung und brüderliche Eintracht walten.

Wenn wir aber dieser praktischen Vereinigung oder Sammlung der Kinder Gottes menschliche Einrichtungen zu Grunde legen, oder durch geschickte Anordnungen, durch Übereinkünfte und Zugeständnisse die vorhandenen Differenzen ausgleichen wollen, so verlassen wir den sichern und festen Boden des Wortes Gottes, welches weder menschliche Einrichtungen und Anordnungen, noch Übereinkünfte und Zugeständnisse kennt. Wir begeben uns auf den beweglichen Boden, den Triebsand, der menschlichen Systeme, die sich je nach Zeit und Umständen ändern und immer wieder ändern, welche nichts bessern, wohl aber viel Schaden anrichten. Anstatt Männer des Glaubens zu sein, die bereit sind, koste es was es wolle, die Wahrheit festzuhalten in Liebe (Eph 4, 15), sind wir dann Leute, welche in schwierigen Fragen einen Ausweg neben dem Worte Gottes zu finden wissen.

Vielleicht sagt hier der Leser, wie es einst viele Jünger des Herrn Jesu taten: „Diese Rede ist hart; wer kann sie hören?“ (Joh 6, 60.) Aber, mein lieber Mitpilger, es gilt, ehrlich und aufrichtig zu sein gegen uns selbst und Andere. Der Herr liebt ein ungeteiltes Herz und einen willigen Geist. Vielleicht beruft man sich auch auf die Schwachheit und auf die Mängel derer, welche nach den Grundsätzen der Wahrheit zu wandeln begehren, und will sich ihnen deshalb nicht anschließen. Daß jene Gläubigen schwach sind, und daß sich viele Mängel unter ihnen zeigen, ist wahr; aber sie sind sich dessen bewußt, beugen sich darunter, und wenn einer in ihrer Mitte, der Bruder genannt wird, sich als ein „Böser“ offenbart, so tun sie ihn von sich selbst hinaus (1. Kor 5), in der Erkenntnis, daß dem Hause Gottes Heiligkeit geziemt. Übrigens kommt es einzig und allein darauf an, ob die aufgestellten Grundsätze mit der Wahrheit des Wortes Gottes übereinstimmen. Ist das der Fall, so ist die Schwachheit derer, welche ihnen folgen, kein Grund, sich von ihnen fern zu halten; nein, jeder wahre Gläubige, welchem die Ehre seines Herrn am Herzen liegt, sollte ihnen vielmehr zu Hilfe kommen, damit wir alle „gleichgesinnt seien, Jesu Christo gemäß“, und „einmütig mit einem Munde den Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi verherrlichen“. (Rö 15, 5. 6.)

Ich soll auch nicht fragen: Werden wohl in diesen letzten Tagen der Geschichte der Kirche auf Erden alle Kinder Gottes dahin gebracht werden, sich in dieser Weise zu versammeln? Es sind uns keine Verheißungen in dieser Beziehung gegeben. Gott aber erwartet von mir, daß ich Seinem Worte unweigerlich gehorche. Ob Andere es auch tun oder nicht tun, ist nicht meine Sache; ein jeder ist für sich vor Gott verantwortlich. Wenn wir, soviel an uns ist, alles hinwegtun oder beiseite lassen, was für unsere Brüder ein triftiger Grund sein könnte, sich von uns fern zu halten, so werden wir ein vorwurfsfreies Gewissen haben, wenn auch das Herz tiefbetrübt ist durch die Trennungen, welche den Leib Christi zerspalten. Wir werden alsdann auch die Segnungen genießen, die mit dem Zusammenkommen der Gläubigen auf dem Boden der Wahrheit verbunden sind, und zwar in demselben Maße, wie wir im Glauben die göttlichen Gedanken zu verwirklichen vermögen.

Brüder, die Zeit ist gedrängt! Der Herr ist nahe! Sein Wort sagt es uns, und alles um uns her weist mit Macht darauf hin. Wünschen wir, wenn Er kommt, erfunden zu werden in Verbindung mit der Welt, die Ihn haßt, oder getrennt voneinander, wie Brüder, die um nichtiger Ursachen willen sich feindlich gegenüber stehen? Möchten wir jenen Knechten gleichen, die da essen und trinken mit den Trunkenen und ihre Mitknechte schlagen? Nein, und tausendmal nein! Laßt uns erfunden werden wie einst Israel in Ägypten, das sich in Erwartung der verheißenen Befreiung von den Bewohnern des Landes absonderte und sich hinter den blutbestrichenen Türen um das Lamm, das Zeichen der Erlösung, scharte, die Lenden gegürtet, die Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand, d. h. mit anderen Worten bereit, jeden Augenblick die Reise nach Kanaan anzutreten! (Vergl. 2. Mose 12, 5–11.) Ja, möchten wir alle erfunden werden, getrennt von der Welt, miteinander vereinigt zur Verkündigung des Todes unseres teuren Herrn, eifrig in unseren Bemühungen für die, welche „draußen“ sind, uns gegenseitig anreizend zur Liebe und zu guten Werken, und Ihn erwartend, unseren vielgeliebten Heiland, der auch unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit Seinem Leibe der Herrlichkeit! (Heb 10, 24. 25; Phil 3, 20. 21.)

Auf diesem Wege werden wir, indem wir allen menschlichen Stützen und allen eigenen Meinungen und Erfindungen entsagen, je länger je mehr die wunderbare Treue des Herrn, sowie die Allgenugsamkeit Seines Wortes und Seines Geistes in dem Zusammenbringen und Leiten der Gläubigen erfahren; je länger je mehr erproben, wie gesegnet und köstlich es ist, in dem Namen Jesu zusammenzukommen und auf Ihn zu warten, der als das Haupt Seines Leibes allen unseren Bedürfnissen so gern und willig entgegenkommt; je länger je mehr unsere Vereinigung mit Ihm in der Herrlichkeit droben als das Ziel unserer Hoffnung betrachten und mit glücklichem Herzen einstimmen in den Ruf: „Amen; komm, Herr J