Wer sich mit einem Gegenstand in der Schrift beschäftigen möchte, stellt in der Regel zunächst einige grundsätzliche Erwägungen an. Darum geht es auch in den nachfolgenden Zeilen, die dem interessanten Thema der Stiftshütte gewidmet sind.

Voraussetzung für das Wohnen Gottes

Gott will in der Mitte seines Volkes wohnen. Doch Er konnte erst Wohnung bei seinem Volk Israel nehmen, nachdem sie unter dem Blut des Passah standen (2. Mo 12), für Ihn geheiligt (2. Mo 13) und aus der Knechtschaft befreit waren (2. Mo 14). Gott wohnte nicht in Ägypten. Darum wird die Wohnung Gottes erst nach dem Auszug aus Ägypten genannt: „Du hast durch deine Güte geleitet das Volk, das du erlöst hast, hast es durch deine Stärke geführt zu deiner heiligen Wohnung“ (2. Mo 15,13). Diese Stelle zeigt klar: Gott wohnt nur bei einem erlösten Volk.[1]

Für den Bau benötigten sie sehr viel (wertvolles) Material. Diese Materialien hatten sie im Wesentlichen beim Auszug von den reichen Ägyptern bekommen (2. Mo 12,36). Es war der gerechte Lohn für jahrzehntelange schwere Sklavenarbeit. Gott sorgte für die vollständige Ausstattung. Als die Materialien zusammengetragen wurden, kam mehr als genug zusammen (2. Mo 36,6.7).

Der Bau war kein Kinderspiel, sondern eine höchst anspruchsvolle Aufgabe. Gott sorgte auch dafür, indem Er Menschen die entsprechenden Fähigkeiten verlieh (2. Mo 35,30), wobei hier besonders Bezaleel hervorzuheben ist.

Eine weitere Voraussetzung für das Wohnen Gottes inmitten seines Volkes war, dass sie den Bau genau nach den Anforderungen Gottes ausführten und alles nach dem himmlischen Muster machten (2. Mo 25,40). Sie konnten nicht einfach ein Heiligtum nach ihrem Gutdünken errichten. Wer wäre schon auf den Gedanken gekommen, anderes Material zu nehmen, andere Formen vorzusehen, weil das dem eigenen Geschmack vielleicht mehr entsprochen hätte?

Die Wichtigkeit der Stiftshütte

Das „Zelt der Zusammenkunft“[2], wo der Mensch mit Gott zusammentraf (2. Mo 29,42), ist von großer Bedeutung. Das sehen wir daran, wie ausführlich und detailliert alles ab 2. Mose 25 beschrieben wird. Die Schöpfung wurde in nur wenigen Worten beschrieben, während das Heiligtum einen derart großen Raum einnimmt! Das zeigt, wie wichtig und bedeutsam dieses an sich recht kleine Bauwerk war. Die Stiftshütte befand sich in der Mitte des israelitischen Lagers und nahm somit einen zentralen Platz ein.

Die typologische Bedeutung der Stiftshütte

Wir können hier drei große Linien ziehen:

  • Die Stiftshütte spricht von Christus. Denken wir nur an den Sühndeckel der Bundeslade und an den Vorhang im Heiligtum (Röm 3,25; Heb 10,20). Und der Herr hat selbst davon gesprochen, dass Moses von Ihm zeugen würde (Lk 24,27.44). Christus war es, der unter uns zeltete (Joh 1,14, Anmerkung). – Es war und ist das Wohlgefallen der ganzen Fülle, in der Person Christi zu wohnen.
  • Die Stiftshütte spricht von der Versammlung (Gemeinde, Kirche). Die Stiftshütte war die Wohnung Gottes im Alten Testament, die Versammlung ist die Behausung Gottes im Geist im Neuen Testament (Eph 2,22), wir sind Christi Haus (Heb 3,6). Und die Versammlung wird „Hütte Gottes“ im ewigen Zustand genannt (Off 21,3). – Gott wohnt in der Versammlung.
  • Die Stiftshütte spricht von dem Himmel. Und zwar nicht von dem Wolkenhimmel (das ist der erste Himmel) oder von dem Sternenhimmel (das ist der zweite Himmel), sondern von dem dritten Himmel (vgl. 2. Kor 12,2). Das zeigen Hebräer 3,4 und Hebräer 9,21–24.[3]– Gott wohnt in dem Himmel.

Wenn wir uns mit dem Zelt der Zusammenkunft beschäftigen, lernen wir unseren Erlöser besser kennen und verstehen. Und wir lernen viel über das, was die Versammlung nach den Gedanken Gottes ist.[4] Das, was wahr ist in Ihm, ist es auch in uns (1. Joh 2,8). Es liegt eine große Schönheit darin, dass man bei der Betrachtung nicht scharf trennen kann, was von Christus und was von uns spricht (obgleich man es schon unterschieden werden kann). Das erinnert an die neutestamentliche Wahrheit, dass wir in Christus sind und Christus in uns ist.

Natürlich können uns diese Bilder des Alten Testaments nichts über das hinaus zeigen, was im Neuen Testament gelehrt wird. Aber der alttestamentliche Anschauungsunterricht ist uns eine große Hilfe, die Wahrheit zu erfassen und darüber zu staunen.


Fußnoten:

  1. Zu diesem Zeitpunkt (2. Mo 15) war das Heiligtum natürlich noch gar nicht aufgerichtet, aber Mose und die Kinder Israel sprachen prophetisch von der Stiftshütte.
  2. Von Luther stammt der geläufigere Ausdruck „Stiftshütte“. Das hat nichts mit einer Stiftung zu tun, sondern „Stift“ ist ein alter Ausdruck für ein Gebäude, das zu einem gottesdienstlichen Gebrauch vorgesehen war.
  3. Bei dieser Betrachtungsweise geht es aber nicht um die Details der Stiftshütte, sondern nur um den großen Rahmen; insofern ist diese Sichtweise eher von untergeordneter Bedeutung.
  4. Die Stiftshütte betont die Vorrechte der Versammlung und nicht ihre Verantwortung. Der Verfall des Hauses Gottes und der äußere Aspekt des Hauses Gottes, der alle christlichen Bekenner umfasst, kommt bei der Betrachtung der Stiftshütte nicht ins Blickfeld.