Menetekel

Online seit dem 14.07.2007, Bibelstellen: Daniel 5,26-28

Die letzten Stunden des babylonischen Weltreichs. Es herrscht die Stimmung der Orgie. „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sterben wir.“ Als die Götter laut gerühmt werden, erscheinen Finger einer Menschenhand. Sie schreiben an einer gut ausgeleuchteten Stelle vier bedeutsame Worte auf Aramäisch: Mene, mene, tekel upharsin (Daniel 5,26–28). Belsazar ist zutiefst erschrocken und ruft die Weisen von Babel. Wer das Rätsel lösen kann, soll zum Dritten im Reich gemacht werden (Erster im Reich war Nabonid, der nicht in Babylon anwesende Vater Belsazars; zweiter war Belsazar, der Vize-König). Doch die Weisen können die Schrift weder lesen noch deuten (vielleicht konnten sie es deshalb nicht lesen, weil die Buchstaben nicht nacheinander erfolgten, sondern vielleicht von oben nach unten gelesen werden mussten; so steht es im Talmud). Erst als die Königin-Mutter (die Frau Nabonids?) Daniel ins Spiel bringt, wird das Rätsel gelöst.

Daniel sagt die Deutung:

Mene: „Gott hat dein Königtum gezählt und macht ihm ein Ende“. „Mene“ heißt „gezählt“. Daran knüpft Daniel an und zeigt: Gott hat die Dauer des Königtums Belsazars definiert (vgl. dazu 3. Mose 15,13.28; 23,16). Aber Daniel geht noch weiter, denn er spricht von dem Ende des Königtums. Dass etwas zu Ende gekommen ist, liegt eben auch in dem Wörtchen „gezählt“. So sagt man im Deutschen ja auch: „Seine Tage sind gezählt“. Die Tatsache, dass „mene“ zweimal erscheint, verstärkt den Gedanken und zeigt, dass die Sache fest beschlossen ist.

Tekel: „Du bist auf der Waage gewogen und zu leicht befunden worden.“ „Tekel“ heißt „gewogen“. Daran knüpft Daniel an und zeigt: Gott hat den König Belsazar „gewogen“, d.h. beurteilt  (vgl. dazu 1. Samuel 2,3; 1. Mose 18,25; Psalm 62,9; Hiob 31,6). Aber Daniel geht noch weiter; wieder kommt nach dem „und“ etwas, was tiefer als die bloße Bedeutung des Wortes geht: „Das aramäische Wort für ‚gewogen’ hat einen ähnlichen Klang wie das Wort für ‚zu leicht befunden werden’“ (Anmerkung Elberfelder Übersetzung, Edition CSV). Belsazar wurde von Gott nicht nur be-, sondern auch verurteilt. Er hielt der Prüfung Gottes nicht stand.

Upharsin/Peres: „Dein Königreich wird zerteilt und den Medern und Persern gegeben.“ „Upharsin“ heißt „zerteilt“. Darin knüpft Daniel an und zeigt: Das Königreich der Babylonier würde zerteilt, zerstört werden. Aber Daniel geht noch weiter; wiederum kommt eine tiefer gehende Aussage nach dem „und“: Das Reich würde den Medern und Persern zufallen. Daniel legt das so aus, da Peres („Pharsin“ ist der Plural davon) an den Namen „Perser“ anklingt. Und hier muss ich auf eine Feinheit des Wortes Gottes hinweisen: Daniel spricht einerseits von den Medern und Persern, aber anderseits wird in dem Wörtchen Peres nur auf die Perser angespielt. Und das hat seine Bedeutung: Am Anfang waren beide Nationen gleich stark. Die Meder und Perser waren die beiden Arme aus Silber, die Nebukadnezar in einem Traumgesicht gesehen hatte (Daniel 2,32). Die Meder stellten sogar den ersten Herrscher (Daniel 6,2). Doch später dominierten eindeutig die Perser. Der Bär – ein Bild des medo-persischen Reiches – richtet sich an einer Seite auf (Daniel 7,5). Und diese eine „Seite“ waren die Perser. Deshalb werden die Perser hier schon in dieser Weise hervorgehoben!

Mene, mene, tekel upharsin – bemerkenswerte und tiefgründige Worte!

Gerrid Setzer