Der Jünger, den Jesus liebte

Online seit dem 29.08.2007, Bibelstellen: Johannes 13,21-25

Jeder wahre Gläubige liebt den Herrn. Petrus spricht zu Gläubigen über den Herrn und sagt: „den ihr, obgleich ihr ihn nicht gesehen habt, liebt.“ In Gegenwart des stolzen Pharisäers konnte der Herr von der Frau, die Seine Füße küsste, sagen: „sie hat viel geliebt.“ Die Schrift anerkennt also diese Liebe, und der Herr erfreut sich daran. Darüber hinaus trägt die Liebe zum Herrn die Verheißung vieler Segnungen, nicht zuletzt den besonderen Genuss der Gegenwart des Herrn und des Vaters (Joh 14,21–24)

Obwohl die Schrift dies anerkennt, findet sich die Liebe zum Herrn doch in verschiedenen Jüngern und zu verschiedenen Gelegenheiten in sehr unterschiedlichem Maß. Die Liebe Marias von Bethanien, die die Füße des Herrn salbte, war sicherlich größer als die der ungehaltenen Jünger, die sagten: „Wozu diese Verschwendung?“ Die Liebe von Maria Magdalene, die „draußen am Grab stand und weinte“, übertraf bei dieser Gelegenheit die Liebe der Jünger, die wieder heimgingen.

Mit unserer Liebe geht es auf und ab. Unter Druck wird die Liebe der Vielen vielleicht erkalten. Angesichts der Verlockungen dieser Welt wird die Liebe vielleicht schwächer, wie im Fall des Gläubigen, von dem Paulus sagen muss, er „hat mich verlassen, da er den jetzigen Zeitlauf lieb gewonnen hat.“

Auch wenn die Liebe zum Herrn in Seinen Augen sehr wertvoll ist und die Gläubigen sie schätzen und sich danach ausstrecken sollten, sollte uns doch klar sein, dass wir uns nicht auf eine Liebe stützen können, die so dem Wechsel unterworfen ist. Die Liebe, in der wir allein ruhen können, muss die Liebe sein, die keinen Wechsel kennt, die Liebe, die bleibt – die Liebe Christi zu den Seinen.

Es ist die Erfahrung und der Genuss der Liebe Christi, die unsere Liebe zu Ihm aufwecken. „Wir lieben ihn“, sagt der Apostel, „weil er uns zuerst geliebt hat.“ Daher wird unsere Liebe zu Ihm dem Maß entsprechen, in dem wir Seine Liebe zu uns erkannt haben. Wollen wir also den Herrn mit mehr Einfalt des Herzens lieben, dann lasst uns nicht auf uns selbst und unsere Liebe zu Ihm sehen, sondern danach streben, uns an Seiner Liebe zu uns zu erfreuen.

Die Wirkung auf eine Seele, die sich an der Liebe Christi erfreut, wird uns so herrlich in Verbindung mit dem Apostel Johannes in den letzten Augenblicken des Lebens des Herrn vorgestellt. Im Gegensatz dazu zeigen uns die gleichen Szenen die notvollen Ergebnisse des Vertrauens in die eigene Liebe zum Herrn im Fall des Apostels Petrus. Beide Apostel liebten den Herrn mit einer echten und tiefen Zuneigung, mehr als andere, denn sie hatten alles verlassen und waren Ihm nachgefolgt. Ein Jünger vertraute jedoch auf seine Liebe zum Herrn, während der andere in der Liebe des Herrn zu ihm ruhte. Das ist der bedeutende Unterschied zwischen diesen beiden Männern, die man in diesen letzten Szenen so oft eng beieinander findet.

Als der Herr, in Seiner wunderbaren Gnade, die Füße der Jünger wäscht, fragt Petrus: „Herr, du wäschst meine Füße?“ Und als er lernt, dass man ohne die Fußwaschung kein Teil mit Christus haben kann, ruft er sofort in brennender Liebe aus: „nicht nur meine Füße, sondern auch meine Hände und mein Haupt.“ Ein wenig später sagt er, mit aufrichtiger Liebe: „Mit dir bin ich bereit, ins Gefängnis und in den Tod zu gehen“, und weiter, „Wenn sich alle an dir ärgern werden, ich werde mich niemals ärgern.“ Und dann, bei der Überlieferung des Herrn, zog Petrus in seiner glühenden Liebe zum Herrn das Schwert, um den Meister zu verteidigen. Mit Worten und Taten scheint er sagen zu wollen: „Ich bin der Mann, der den Herrn liebt.“ Im Gegensatz zu Petrus, sagt Johannes sozusagen: „Ich bin der Mann, den Jesus liebt.“ Fünfmal beschreibt er sich in diesen letzten Szenen als den „Jünger, den Jesus liebte.“ Wie wunderbar, wenn Seine Liebe so an uns wirken konnte, dass wir Ihn lieben, aber wie viel wunderbarer, dass Er uns liebt. An dieser wunderbaren Liebe erfreute sich Johannes, und in dieser grenzenlosen Liebe ruhte er.

Der Obersaal

Johannes 13,21–2

Die erste Gelegenheit, bei der Johannes als der „Jünger, den Jesus liebte” bezeichnet wird, ist im Obersaal (Joh 13). Wie geht uns diese Szene zu Herzen! Da ist Jesus, mit einer nie endenden Liebe, denn „da er die Seinen, die in der Welt waren, geliebt hatte, liebte er sie bis ans Ende.“ Da ist Johannes, der sich erfreut an der Liebe Christi, seinen Kopf in den Schoß Jesu legt und sich selbst als den Jünger beschreibt, den Jesus liebte. Da ist Petrus, mit echter und brennender Liebe für den Herrn, auf die er leider vertraut, anstatt in der Liebe des Herrn zu ihm zu ruhen. Schließlich ist da Judas, ohne Liebe zum Herrn – mit der Kasse an seiner Seite und dem Teufel in seinem Herzen, bereit, den Herrn zu überliefern und in die lange, dunkle Nacht hinauszugehen.

In Jesus sehen wir, wie nahe Seine Liebe Ihn zu Menschen, wie uns, gebracht hat, sodass Johannes seinen Kopf in den Schoß dessen legen konnte, der selbst im Schoß des Vaters wohnte. In Johannes sehen wir, was das Herz des Heilands für den Sünder tun kann, indem es ihn in vollkommener Liebe vollkommen ruhen lässt. In Judas sehen wir, was das Herz des Sünders mit dem Heiland tun kann – Ihn mit einer Liebesbezeugung für dreißig Silberstücke überliefern.

Die Fußwaschung ist vorüber und für den Herrn ist die Zeit gekommen, Seine Abschiedsworte zu sagen. Aber Sein Herz ist im Moment noch beschwert durch die Anwesenheit des Überlieferers. Der Herr schüttet den Jüngern Sein Herz aus, indem Er sagt: „Einer von euch wird mich überliefern.“ Die Jünger sehen einander an, zweifelnd, von wem Er spreche. Dadurch, dass einer den anderen ansieht, werden niemals aufkommende Probleme unter Gläubigen gelöst werden. Wir müssen auf den Herrn blicken. Aber das bedarf der Nähe zum Herrn, und in dieser Gesellschaft im Obersaal war der Jünger dem Herrn am nächsten, dessen Füße in den Händen des Herrn gewesen waren, dessen Kopf in dem Schoß des Herrn ruhte, dessen Herz sich an der Liebe des Herrn erfreute und der sich als einen Jünger, den Jesus liebte, bezeichnen konnte. Petrus, der Mann, der auf seine Liebe zum Herrn vertraute, war dem Herrn nicht nahe genug, um Seine Gedanken in Erfahrung zu bringen; er musste Johannes winken.

So lernen wir, dass Nähe zum Herrn und Vertrautheit mit dem Herrn das glückliche Teil dessen sind, der in der Liebe des Herrn ruht.

Das Kreuz

Johannes 19,25–2

Die zweite Gelegenheit, bei der Johannes als der Jünger beschrieben wird, den Jesus liebte, bringt uns zum Kreuz. Dort steht die Mutter Jesu mit anderen Ihm zugetanen Frauen, und ein Jünger ist da – der Jünger, den Jesus liebte. Aber wo ist der Jünger, der in seiner Liebe zu Christus ruhte? Ach, er ist irgendwo an einsamem Ort, mit gebrochenem Herzen, und weint bittere Tränen der Reue. Und wo ist der Jünger, der in der Liebe Christi ruht? Wie im Obersaal so ist er auch hier so nah wie möglich bei Christus. Und was ist das Ergebnis? Er wird zu einem Gefäß, das dem Hausherrn nützlich ist. Die Mutter Jesu wird seiner Fürsorge anvertraut. Das Ruhen in der Liebe des Herrn befähigt zum Dienst.

Die Auferstehung

Johannes 20,1–4

Am Auferstehungsmorgen wird Johannes zum dritten Mal als der Jünger, den Jesus liebte, vorgestellt, wieder in Verbindung mit Petrus. Die zwei Jünger erfahren von den Frauen, dass das Grab leer ist, und eilen herbei. Dann folgt etwas, was wie ein unbedeutendes Detail aussieht, nämlich, dass Petrus zuerst geht, dass dann beide zusammen gehen und dass der Jünger, den Jesus liebte Petrus schließlich davonläuft. Nichts, was der Geist Gottes aufgezeichnet hat, kann unwichtig sein, obwohl es, wie in diesem Fall, schwierig sein kann, die Wichtigkeit eines bestimmten Ereignisses zu erfassen. Doch wenn es erlaubt ist, diese Szene geistlich zu interpretieren, können wir etwas lernen, was mit Sicherheit wahr ist: Während der Mann mit der eifernden Veranlagung bei manchem geistlichen Vorhaben der Anführer ist, ist es doch der Mann, der sich auf die Liebe des Herrn stützt, der schließlich die Führung übernimmt.

Der See von Tiberias

Johannes 21,1–7

In dieser aufschlussreichen Szene spielen wieder Petrus und Johannes eine bedeutende Rolle, und zum vierten Mal wird Johannes der Jünger genannt, den Jesus liebte (Vers 7). Wie gewöhnlich übernimmt der energische und impulsive Petrus die Führung. Er kehrt zu seiner alten Beschäftigung zurück. Er fragt nicht andere, ob sie mitmachen, sondern sagt einfach: „Ich gehe hin fischen.“ Doch unter dem Einfluss seiner dominanten Persönlichkeit sagen sie zu ihm, „Auch wir gehen mit dir.“ Sie gehen hinaus und schuften die ganze Nacht und fangen, trotz ihrer Mühe, nichts.

Als der Morgen anbrach, „stand Jesus am Ufer; doch wussten die Jünger nicht, dass es Jesus sei.“ Nachdem Er ihnen durch eine Frage die Nutzlosigkeit von Anstrengungen ohne Seinen Befehl vorgestellt hatte, zeigt Er ihnen danach, wie reich die Ergebnisse sind, wenn man unter Seiner Leitung handelt. Sofort wird dem Jünger, den Jesus liebte, klar: „Es ist der Herr.“ Wer auf die Liebe des Herrn vertraut, hat eine schnelle geistliche Auffassungskraft.

„Als sie gefrühstückt hatten“

Johannes 21,15–22

Nach der Begebenheit auf dem See kommen die Jünger ans Land und finden ein Kohlenfeuer. Sie sehen Fisch darauf liegen und Brot und hören die Einladung, „Kommt her, frühstückt!“ Für ihre Bedürfnisse war reiche Vorsorge getroffen worden, unabhängig von allen ihren Bemühungen.

Nach dem Frühstück haben wir die Abschlussszene, in der wieder Petrus und Johannes einen besonderen Platz haben, und zum fünften Mal wird Johannes als der Jünger bezeichnet, den Jesus liebte (Vers 20). Zuerst sehen wir das zarte Handeln des Herrn mit dem Mann, der auf seine eigene Liebe vertraute. Petrus, der gesagt hatte, dass er bereit sei, mit dem Herrn ins Gefängnis und in den Tod zu gehen, musste erkennen, dass er nicht einmal der einfachen Frage einer Magd standhalten konnte. Aber über die Verleugnung wird in dieser bewegenden Szene kein Wort verloren. Der ernste Fall war zwischen dem Herrn und seinem Diener in einem Zwiegespräch geklärt worden, dass keinen Fremden etwas anging. Alles, was wir von diesem Gespräch wissen, ist die Aussage der Jünger: „Der Herr ist wirklich auferweckt worden und dem Simon erschienen.“ Paulus bestätigt dies lange Zeit später, als er den Korinthern schrieb, dass Christus dem Kephas erschienen ist und dann den Zwölfen. Wunderbare Liebe, die mit zärtlichem Erbarmen als Erstes das Gespräch mit dem Jünger sucht, der am meisten versagt hatte.

Wenn in dem ersten Gespräch sein Gewissen befreit wurde, dann wird in dieser Szene sein Herz wiederhergestellt. Damals beschäftigte sich der Herr mit dem äußeren Versagen, hier beschäftigt Er sich mit der inneren Wurzel dieses Versagens. Die Wurzel war sein Vertrauen auf seine Liebe zu Christus, und die dreifache Frage legt diese Wurzel gründlich offen. Es ist, als ob der Herr sagte: „Petrus, behauptest du, nach allem was geschehen ist, immer noch, dass du mich mehr liebst als diese?“ Bei der zweiten Frage erwähnt der Herr die anderen Jünger nicht; er fragt einfach: „Liebst du mich?“ Bei der dritten Frage benutzt der Herr ein anderes Wort und fragt: „Bist du mir zugeneigt?“ Mit seiner dritten Antwort übergibt sich Petrus vollständig den Händen des Herrn, indem er sagt: „Herr, du weißt alles, du erkennst, dass ich dir zugeneigt bin.“ Es ist, als ob Petrus sagte: „Ich kann meiner Liebe nicht trauen, oder von meiner Liebe sprechen, oder davon, was ich tun werde, aber, Herr, Du weißt alles und Du kennst mein Herz, ich will es Dir überlassen, meine Liebe zu beurteilen und mir zu sagen, was ich tun soll.“

Petrus spricht nicht länger zum Herrn im Selbstvertrauen davon, was er bereit ist zu tun, sondern der Herr sagt Seinem wiederhergestellten Jünger in unendlicher Gnade, wozu Er ihn befähigen wird. Der Herr sagt gleichsam, „Du vertraust nicht länger auf deine Liebe, um große Dinge für Mich zu tun, du hast Mir alles überlassen; nun geh hin und weide Meine Schafe, verherrliche Gott und folge Mir nach“ (Verse 17 und 19).

Der Herr scheint zu sagen: „Es gab Zeiten, da dachtest du, du würdest Mich mehr lieben als diese anderen Jünger, jetzt geh hin und zeige deine Liebe, indem du Meine Schafe weidest, die ich liebe. Du wolltest dich selbst verherrlichen über andere, durch Gefängnis und Tod, jetzt geh hin ins Gefängnis und in den Tod, um Gott zu verherrlichen, und wenn hier unten alles vorüber ist, dann folge Mir nach in die Fülle der Herrlichkeit, in die ich jetzt gehe.“ Können wir nicht sagen, dass diese Art und Weise, wie Er mit einem gefallenen Jünger umgeht, eins der wunderbarsten Wunder im Leben des Herrn ist?

Aber was ist mit Johannes? „Petrus wandte sich um und sieht den Jünger nachfolgen, welchen Jesus liebte.“ Der Mann, der auf seine eigene Liebe vertraute und gefallen war, benötigte wiederherstellende Gnade und die Ermahnung, „folge mir nach.“ Nicht so der Mann, der in der Liebe des Herrn ruhte; er folgte nach.

So sehen wir in dem Jünger, den Jesus liebte, die herrlichen Ergebnisse für die, die in der Liebe des Herrn ruhen. Sie werden

  • sich in der Nähe zum Herrn und in der Vertrautheit mit dem Herrn aufhalten;
  • bereit sein, im Dienst des Herrn gebraucht zu werden;
  • geistliche Fortschritte machen;
  • geistliche Einsicht haben und
  • dem Herrn ganz dicht nachfolgen.

Wie gut, wenn wir, wie die Braut im Hohenlied, glücklich sagen können, „Ich bin meines Geliebten und nach mir ist sein Verlangen.” Wenn wir auch wenig von unserer Liebe zu Ihm sprechen können, können wir uns doch ruhig Seiner Liebe zu uns rühmen. Es ist das Vorrecht des jüngsten Gläubigen zu sagen: „Ich bin ein Jünger, den Jesus liebt“, und der älteste und fortgeschrittenste Jünger kann nicht mehr sagen, denn alle Segnungen finden sich ausschließlich in Seiner allumfassenden Liebe, die Ihn für uns sterben ließ, damit wir in unserem immer zu geringen Maß Seine Schafe weiden, Gott verherrlichen und Ihm in die Herrlichkeit, in die Er vorangegangen ist, nachfolgen können.

[Übersetzt von Marco Leßmann. Deutsche Erstveröffentlichung.]

Hamilton Smith