Manchmal wird die Aussage von Paulus zitiert: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2. Kor 12,10), und man meint, dass unsere Stärke in dem Bewusstsein unserer Schwachheit liegt und dass man sich daher nicht oft genug mit der eigenen Schwachheit beschäftigen kann. Aber hat Paulus das wirklich gemeint? Ein Ausleger schreibt dazu:

„Was ist gemeint mit ‚Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark‘ (2. Kor 12,10)? Das muss richtig definiert werden, denn es gibt eine Schwäche, die nicht zur Stärke führt, nämlich wenn ein Christ immer nur seine Schwachheit empfindet. Manche reden ständig von ihrer Unfähigkeit und beklagen ihre Hilflosigkeit, und damit hört es auf! … Schwach zu sein bedeutet, von sich selbst entleert zu sein; aber die ganze Zeit mit unserer Unfähigkeit beschäftigt zu sein, bedeutet, von sich selbst eingenommen zu sein. Geistlich schwach zu sein bedeutet, sich bewusst zu sein, dass mir ‚Weisheit mangelt‘, und das bringt mich dazu, ‚Gott zu bitten‘ (Jak 1,5), meinen Unglauben zu empfinden und um eine Vermehrung des Glaubens zu bitten.

Manche sagen, dass sie schwach sind, und widersprechen dann ihren Worten durch ihr Verhalten. Andere freuen sich über die Erkenntnis ihrer Ohnmacht wie jemand, der einen Schlaganfall erlitten hat und sich über seine Lähmung als solche freut. Man muss sich immer wieder vor Augen halten, dass ‚erschlaffte Hände und gelähmte Knie‘ nicht zur Ehre Gottes sind (Heb 12,12). 2. Könige 5,7 veranschaulicht dies (‚Und es geschah, als der König von Israel den Brief gelesen hatte, da zerriss er seine Kleider und sprach: Bin ich Gott, um zu töten und lebendig zu machen, dass dieser zu mir sendet, einen Mann von seinem Aussatz zu befreien? Aber gewiss, erkennt doch und seht, dass er einen Anlass an mir sucht!‘). Der König benutzte nicht die Sprache der Demut und der Frömmigkeit, sondern des Unglaubens und des Stolzes. Das Bewusstsein meiner Schwachheit ist nur dann von Wert, wenn es mich dazu bringt, mich an die Kraft des Herrn zu wenden und sie zu ergreifen. 2. Korinther 3,5 zeigt beide Seiten: ‚Nicht, dass wir von uns selbst aus tüchtig sind, etwas zu denken als aus uns selbst, sondern unsere Tüchtigkeit ist von Gott.‘ ‚Ohne mich könnt ihr nichts tun‘ (Joh 15,5) muss verbunden werden mit ‚Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt‘ (Phil 4,13; vgl. Eph 6,10; 2. Tim 2,1)“ (A.W.P.).