Die Sühnung: Christus

Online seit dem 25.09.2007, Bibelstellen: 1. Johannes 2,1-2; Hebräer 10,19-20

Es ist bereits darauf hingewiesen worden, dass Sühnung bei dem Apostel Johannes sehr eng mit der Person des Sohnes Gottes verbunden ist (1. Johannes 2,1.2; 4,10). Nicht weniger wahr ist, dass Paulus durch den Geist Gottes mit Johannes in vollkommener Übereinstimmung steht: Er verwendet abgewandelte Ausdrücke, die zu dem Charakter der Mitteilungen passen, die zu geben er inspiriert war.

Das große Thema im Römerbrief ist die Darstellung der Gerechtigkeit Gottes, die den ungerechten und schuldigen Menschen rechtfertigt. Im ersten Teil des Buches sucht das grelle Scheinwerferlicht der Wahrheit Gottes die weite Fläche der bewohnten Erde ab und bringt das eigenwillige Böse des Herzens und der Wege aller Menschenkinder, ob Juden oder Nationen, ans Licht. Ungerechtigkeit wurde überall gefunden, Gerechtigkeit nirgendwo. Doch was das Herz des Apostels der Nationen freute, war die Tatsache, dass er dazu bestellt war, durch das Evangelium zu verkündigen, dass Gott selbst für den Menschen Gerechtigkeit bereithält. Vorher war völlig bewiesen worden, dass ein Mensch Gott gegenüber seine eigene Gerechtigkeit nicht bewirken kann. Was bis dahin durch das Gesetz und die Propheten angedeutet und vorhergesagt war, ist jetzt endlich geoffenbart worden.

„Jetzt aber ist, ohne Gesetz, Gottes Gerechtigkeit offenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten: Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus gegen alle und auf alle, die da glauben. Denn es ist kein Unterschied, denn alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist; den Gott dargestellt hat als ein Sühnmittel durch den Glauben an sein Blut, zur Erweisung seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes; zur Erweisung seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist“ (Römer 3,21–26).

In diesem sehr tiefgehenden und inhaltsreichen Abschnitt werden zwei Hauptgegenstände vorgestellt, die jetzt nur andeutungsweise behandelt werden können: 1. die Gerechtigkeit Gottes, die allen angeboten wird, und 2. die Rechtfertigung der Gerechtigkeit Gottes, dass er in dieser Weise handelt und den Glaubenden gerecht spricht. Nichts kann für einen Menschen, der es mit einem gerechten Gott zu tun hat, wichtiger sein als Gerechtigkeit. In sich selbst besitzt dieser Mensch keine Gerechtigkeit, aber der Gott der Gnade bietet sie durch Glauben an Jesus Christus an. Das Angebot ist an alle Menschen gerichtet und die Gerechtigkeit wird all denen zuteil, welche glauben. Nicht einer einzigen Seele wird die Möglichkeit genommen, diese Rechtfertigung anzunehmen, denn alle haben gleichermaßen gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes; jeder Glaubende wird aber durch die Gnade Gottes umsonst gerechtfertigt. Aber ist Gott gerecht, wenn er in dieser Weise den Gottlosen rechtfertigt? Hatte er nicht unter dem Gesetz erklärt: „… denn ich werde den Gottlosen nicht rechtfertigen“ (2. Mose 23,7)? Auf welcher Grundlage rechnet Gott denn gerechterweise dem Glaubenden die Gerechtigkeit zu? Der Apostel würde auf eine solche Frage mit einem Hinweis auf die Person des anbetungswürdigen Sohnes Gottes geantwortet haben. Es war Christus Jesus, in dem Gott seine Gerechtigkeit darin vorstellte, dass er diejenigen, die glauben, rechtfertigt. Vor dieser Zeit beruhten die gnädigen Handlungen Gottes auf einer noch nicht offenbarten, gerechten Grundlage. Die Fundamente seiner Gerechtigkeit, die in Gnade ausgeübt wurde, konnten erst offenbart werden, als Christus kam.

Und was war das Ergebnis des Kommens Christi? Dass bewiesen wurde, dass Gott durch all die Zeiten des Alten Testamentes hindurch gerecht war, wie er es ohne Zweifel auch heute ist, wenn er all diejenigen segnet, die das Evangelium annehmen. „Den (Christus Jesus) Gott dargestellt hat als ein Sühnmittel durch den Glauben an sein Blut, (1) zur Erweisung seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes; (2) zur Erweisung seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist“ (Römer 3,25–26). Es heißt also von der Gerechtigkeit Gottes, dass sie in Bezug auf sein Hingehenlassen (oder Vorbeigehenlassen, d. h. Vergebung, die auf etwas Kommendem basiert) der Sünden der alttestamentlichen Gläubigen erwiesen worden ist, und ebenso in Bezug auf seine gegenwärtige Handlung, wenn er in Jesus Christus den Glaubenden rechtfertigt.

Beachte nun, dass diese öffentliche Darstellung der Gerechtigkeit Gottes mit Christus als dem Sühnungsmittel verbunden ist. Gerade in diesem Charakter entfaltet Christus die Gerechtigkeit Gottes: „… den Gott dargestellt hat als ein Sühnmittel … zur Erweisung seiner Gerechtigkeit“. Denn es ist eine bemerkenswerte Tatsache, dass Paulus ein anderes Wort gebraucht als das in dem Brief des Johannes. Dies kann von jedem, der ein wenig Kenntnis der griechischen Sprache hat, bestätigt werden, und es ist in den meisten Ausgaben auch vermerkt. In dem Brief des Johannes heißt es, dass Christus der ilasmos ist, aber in dem Brief an die Römer wird er der ilasterion genannt. Wir haben im Neuen Testament noch ein anderes Beispiel des Wortes ilasterion, das seine Bedeutung zweifellos klarstellt. Wenn der Apostel die Gegenstände des Allerheiligen in dem früheren Zelt aufzählt, spricht er von den Cherubim der Herrlichkeit, die den Versöhnungsdeckel (ilasterion, Hebräer 9,5) überschatteten. Aus diesen beiden Stellen geht also zweifellos hervor, dass Christus das Gegenbild des Gnadenstuhls oder das Sühnungsmittel, wie er auch der ilasmos oder das Sühnopfer ist (1. Johannes 2,2; 4,10), dessen Blut auf und vor den Gnadenstuhl gesprengt wurde (3. Mose 16,14).

Wir wollen uns daran erinnern, dass Mose den Sühndeckel aus reinem Gold machen und ihn dann auf die Lade des Zeugnisses legen musste. „Und daselbst werde ich mit dir zusammenkommen“, sagte der HERR, „und von dem Deckel herab … alles zu dir reden“ (3. Mose 25,17–22). Reines Gold stellt symbolisch die innere Gerechtigkeit Gottes dar, wie Kupfer das Symbol für seine richterliche Gerechtigkeit ist. Deshalb bezeichnete die Handlung, wenn das Blut des Opfertieres am großen Versöhnungstag auf den goldenen Sühndeckel gesprengt wurde, im Vorbild deutlich, dass den Ansprüchen der gerechten Natur des HERRN dadurch Genüge getan wurde. Und das siebenmalige Sprengen vor dem Sühndeckel zeigte an, dass somit eine Grundlage gelegt ist, damit – wie der HERR zu Mose gesagt hatte – der Mensch mit Gott Gemeinschaft haben konnte.

Im Brief an die Römer (auf den wir uns bezogen haben) finden wir den Gnadenstuhl, das Blut und die Gerechtigkeit Gottes alle miteinander verbunden. Denn Christus Jesus wird als Sühnungsmittel durch Glauben an sein Blut dargestellt, um die Gerechtigkeit Gottes zu verkünden. Diese Verkündigung hat er vorgenommen. Ebenso wie der überschwängliche Reichtum der Gnade Gottes in den „kommenden Zeitaltern“ erwiesen wird (Epheser 2,7), so ist „in der jetzigen Zeit“ schon die Gerechtigkeit Gottes erwiesen worden. Mehr noch, es wurde hier auf der Erde vollbracht. Denn dieser Brief behandelt die Stellung der Gläubigen in dieser Welt, nicht in den himmlischen Örtern wie es der Epheserbrief tut. So ist die moralische Geschichte der Welt zusammengefasst, um die Schuldigkeit gegenüber Gott nachzuweisen, und dort, wo sich die Früchte der menschlichen Ungerechtigkeit mehrten – nicht im Himmel –, wurde bezeugt, dass die Gerechtigkeit Gottes den Gottlosen rechtfertigt. In den Tagen des Alten Testamentes war, wie es das Buch Hiob deutlich macht, eine erträgliche Beziehung des ungerechten Menschen mit einem heiligen Gott nicht bekannt; aber jetzt hat Christus verkündet, dass es im Einklang mit der Gerechtigkeit Gottes ist, weil er selbst das Sühnungsmittel geworden ist. In seiner eigenen gelobten Person, die an das Kreuz erhöht wurde, hat er die gnadenreiche Antwort auf alle gerechten Anforderungen Gottes gegeben.

Ist es schwierig zu verstehen, dass Christus das Opfer und, mehr noch, der Gnadenstuhl war, wo das Blut des Opfers gesprengt wurde? Dies ist nicht schwerer zu verstehen, als dass Christus sowohl der Hirte der Schafe ist als auch die Tür, durch die er sie führt (Johannes 10). Es bedeutete Unglauben, dass man nicht verstehen konnte, dass Christus sowohl Davids Sohn als auch Davids Herr ist. Solche Eigenarten überraschen den Glauben nicht. All diese Schwierigkeiten verschwinden in dem Gedanken daran, dass er „Gott offenbart im Fleisch“ ist. Ein Schreiber früherer Tage (Theodoret) hat es so ausgedrückt: „Der Herr Christus ist Gott und der Gnadenstuhl und der Hohepriester und das Lamm, und in seinem Blut hat er uns die Erlösung vollbracht“. Christus ist in der Tat alles. Seine Person ist eins und sein Werk ist eins.

Hierin liegt der große Unterschied zwischen dem Gegenbild und dem Vorbild. Sie waren groß an der Zahl und verschieden und erdgebunden; und sie wurden gerade aufgrund dessen in jeder Hinsicht von dem Gegenbild – so wie die Himmel höher sind als die Erde – übertroffen. Wollte man darauf bestehen, dass das Vorbild mit dem Gegenbild genau übereinstimmt, so hieße das, die Person des Sohnes herabzuwürdigen. Im Vorbild war eine Person nötig, die das Blut des Opfertieres vom Altar zm Gnadenstuhl brachte, aber in Christus deckt sich das Opfer mit dem Gnadenstuhl und deshalb war es auch nicht nötig, sein Blut wie in dem Vorbild in dieser Weise weiterzutragen. Und entsprechend dem Wort Christi selbst war das Werk vollbracht, als er sein Haupt neigte und seinen Geist übergab (Johannes 19,30).

Weiterhin wurde die Tatsache, dass das Werk erfüllt war, dadurch bezeugt, dass der Vorhang des Tempels auf übernatürliche Weise von oben bis unten zerriss (Markus 15,38). Der Vorhang brachte früher zum Ausdruck, dass der Weg ins Heiligtum (Allerheiligste), wo man „von dem Deckel herab“ Gemeinschaft mit Gott haben konnte, noch nicht offenbart war (Hebräer 9,8). Als er aber zerrissen war, wurde verkündet, dass ein neuer und lebendiger Weg ins Heiligtum eingeweiht ist, sodass wir durch das Blut Jesu mit Freimütigkeit hinzunahen dürfen. Der Vorhang war aber eindeutig ein Bild vom Fleisch Christi (Hebräer 10,19–20).  Dadurch wird klar gezeigt, dass das Werk, durch das die Begrenzung zum Allerheiligsten beseitigt wurde, in seinem Fleisch auf dem Kreuz erfüllt wurde und nicht nach dem Tod im Himmel. (Vergleiche Kolosser 1,22 etc.: „Er hat aber nun versöhnt in dem Leib seines Fleisches durch den Tod“. Die Schrift sagt nichts über ein Versöhnungswerk aus, dass Christus nicht im Leib vollbracht hätte.) Denn der Tod Christi (der zerrissene Vorhang) verkündet, dass der Weg offen ist, und dies hat zur Folge, dass das Werk, durch das dies gerechterweise geschehen konnte, in diesem Augenblick vollendet war, und weiter, dass es durch den (Gott) anerkannt ist, für den es ausgeführt wurde.

[Eingesandt von Stephan Keune. Deutsche Erstveröffentlichun]

W.J. Hocking