"Schlage den Felsen"

Online seit dem 20.10.2007, Bibelstellen: 2. Mose 17

Schwierige Stellen der Schrift gehören, wenn sie sich dem einfältigen Glauben erschließen, oft zu den schönsten Schönheiten und stärksten Bestätigungen der Schrift. Gott hat Sein Wort nicht geschrieben, um Seelen zu verwirren, sondern um die Herzen in der Abhängigkeit von Ihm und im Vertrauen zu Ihm zu üben. Wenn aus einem vermeintlichen Widerspruch, wie der Unglaube es bezeichnen würde, eine zweifache Lektion bestimmter Wahrheiten wird, ist das ermunternd für den Gläubigen, der damit im Wort Gottes – statt einer Wand, die uns den Durchgang verbietet – eine Tür findet, die dem Glauben die Möglichkeit öffnet, die schöne Aussicht auf beiden Seiten zu genießen. Lasst mich das anhand des Felsens in 2. Mose, verglichen mit dem in 4. Mose, veranschaulichen – was für Skeptiker nichts anderes ist als eine zweifache Darstellung desselben Vorfalls, das natürlich beides in den Bereich der Fabeln gehört. Der Gläubige weiß, dass es um zwei völlig unterschiedliche Begebenheiten geht, die eine im ersten Jahr des Auszugs Israels aus Ägypten, die andere im letzten Jahr der Wüstenreise, beide absolut wahr, beide nicht nur höchst belehrend, sondern göttliche Prophetie, und daher nicht einfach durch Mose, sondern durch Inspiration Gottes geschrieben, der immer die Herrlichkeit Christi und den Segen für Seine Kinder im Auge hat.

Diesen tieferen Sinn verstehen wir aus 1. Korinther 10,1–11. Und so wie der Herr Jesus uns in 2. Mose 16 einen Blick auf Ihn selbst als das wahre Brot vom Himmel gewährt, dürfen wir auch nach einem vergleichbaren Bild in 2. Mose 17 suchen.

„Da war kein Wasser zum Trinken für das Volk. Und das Volk haderte mit Mose, und sie sprachen: Gebt uns Wasser, dass wir trinken!“ So ist der Unglaube: Immer vergesslich in Bezug auf die Gnade, aber nie um eigene Auswege verlegen. Gott hatte in ihren Gedanken keinen Platz, sie haderten ausschließlich mit Mose. Sie versuchten den Herrn, indem sie an Seiner Gegenwart in ihrer Mitte und an Seiner Sorge für sie zweifelten, und das, nachdem Er die herrlichsten und unterschiedlichsten Beweise Seiner Macht zu Ihren Gunsten bis zum letzten Augenblick erbracht hatte. Warum bitten sie nicht Den um Wasser, der ihnen am Abend Fleisch gegeben und sie am Morgen mit Brot überschüttet hatte? Zu Recht muss Mose sagen: „Was hadert ihr mit mir? Was versucht ihr den Herrn?“ (Vers 1–2).

Aber so träge der Unglaube ist zu lernen, so bereit ist er zu murren; er ist schnell zum Reden und langsam zum Hören. „Und das Volk dürstete dort nach Wasser, und das Volk murrte gegen Mose und sprach: Warum doch hast du uns aus Ägypten heraufgeführt, um mich und meine Kinder und mein Vieh vor Durst sterben zu lassen?“ (Vers 3).

Nicht so Mose, der zu dem Herrn schrie „und sprach: Was soll ich mit diesem Volk tun? Noch ein wenig, und sie steinigen mich“ (Vers 4).

Der Herr will gebeten sein; das ist höchst wichtig für uns Menschen, aber Er hat Seinen eigenen Weg. Sein Ende ist, dass Er voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist und sein Beginn ist grenzenlose Güte, die niemals einen Fehler macht. Aber der Mensch muss das durch Elend und Not lernen, da er immer geneigt ist, es zu vergessen, indem er das viele Erbarmen Gottes missachtet. Wie herrlich, dass Gott zu Seiner eigenen Herrlichkeit handelt!

 „Und der Herr sprach zu Mose: … Siehe, ich will dort vor dir stehen auf dem Felsen am Horeb; und du sollst auf den Felsen schlagen, und es wird Wasser daraus hervorkommen, dass das Volk trinke. Und Mose tat so vor den Augen der Ältesten Israels. Und er gab dem Ort den Namen Massa und Meriba, wegen des Haderns der Kinder Israel und weil sie den Herrn versucht hatten, indem sie sagten: Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?“ (Vers 6–7).

„Der Fels aber war der Christus.” So lautet der Kommentar des Neuen Testaments in direkter Anspielung auf die Begebenheit, die vor uns steht. Die Wahrheit ist größer und bleibender als das Wunder.

Es ist nicht nur das Brot von Gott in Ihm, das aus dem Himmel herniederkommt und der Welt Leben gibt. Es braucht mehr im Hinblick auf die Not des Sünders und auf die Herrlichkeit Gottes. Der Sohn des Menschen muss erhöht werden. Die Macht des Bösen muss gebrochen werden, Gottes Wesen muss gerechtfertigt werden; Sünden können nur vergeben werden, wenn sie getragen und gerichtet wurden: alles findet sich in dem kostbaren Tod unseres Herrn Jesus. Der Stab, „womit du den Strom geschlagen hast“, muss den Felsen schlagen. Christus hat einmal für Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit Er uns zu Gott führe. Liebe, unendliche Liebe war in Ihm, die sich hingab und für uns starb. Aber Er wurde verworfen und ist zu Schanden geworden, ja Er wurde von Gott verlassen, der Sein Angesicht vor Ihm verbarg, als Er unsere Sünden an Seinem Leib auf dem Holz trug. Es war nicht nur, dass ungläubige Juden Ihn für bestraft hielten, von Gott geschlagen und niedergebeugt. Er war in Wahrheit um unserer Übertretungen willen verwundet und um unserer Missetaten willen zerschlagen, und die Strafe zu unserem Frieden lag auf Ihm, und durch Seine Striemen ist uns Heilung geworden. Der Herr hat Ihn treffen lassen unser aller Ungerechtigkeit. Es gefiel dem Herrn, Ihn zu zerschlagen, Ihn leiden und Seine Seele das Schuldopfer stellen zu lassen. Er lud Missetaten auf sich. Er schüttete Seine Seele aus in den Tod, Er wurde den Übertretern beigezählt, und Er hat die Sünde vieler getragen (vgl. Jes 53).

Wenn Menschen hier nicht das feierlichste und ergreifendste Zeugnis Gottes von der Erniedrigung und den Leiden Seines eigenen Sohnes erkennen und sich tief verneigen, dann liegt das nicht an einem Mangel an klaren Worten und Bildern. Die wahre Schwierigkeit liegt in dem Willen des Menschen, der es ablehnt, diese überwältigende Demonstration der eigenen Schlechtigkeit und der Güte Gottes zu akzeptieren. Denn wenn das die Wahrheit des Kreuzes Christi ist, wie groß ist dann die Gnade und Langmut und heilige Liebe von Seiten Gottes? Wie groß ist dann die Eitelkeit und der Stolz und die Bosheit und der Hass gegenüber dem Vater und dem Sohn von Seiten der Menschen? Das Kreuz, das Frieden und Befreiung bringt, ist die vollständige Verdammung der Sünde. Wäre das in unserer Person geschehen, wären wir unrettbar verloren; in Christus ist es unsere Errettung.

Aber es gibt noch mehr. „Du sollst auf den Felsen schlagen, und es wird Wasser daraus herauskommen, dass das Volk trinke.“ Es ist ein Bild von der Gabe des Heiligen Geistes. Diese dem Werk Christi folgende Gabe geht weit über die neue Geburt hinaus. Wenn die Erlösung geschehen ist, wird der Geist in dem Gläubigen zu einer Quelle, die ins ewige Leben quillt, ja, zu einem Strom, der ausfließt im Zeugnis von dem verherrlichten Jesus. Nachdem wir an Christus geglaubt haben, werden wir versiegelt mit dem Heiligen Geist der Verheißung, der das Unterpfand unseres Erbes ist, zur Erlösung des erworbenen Besitzes, zum Preise der Herrlichkeit Gottes.

Könnte es ein klareres oder wichtigeres Vorbild geben? Nicht dass Mose alles dies schon im Voraus wusste, aber das alles war bloß und aufgedeckt vor den Augen Dessen, mit dem wir es jetzt zu tun haben, als Er Mose diese Worte gab. Lasst uns nicht ungläubig sein, sondern gläubig.

[Übersetzt von Marco Leßmann aus der „Bible Treasury“]

William Kelly