In seinen Fußstapfen

Online seit dem 03.11.2007, Bibelstellen: 1. Petrus 2,21-25

 „Damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt; der keine Sünde tat, noch wurde Trug in seinem Mund gefunden, der, gescholten, nicht wiederschalt, leidend, nicht drohte, sondern sich dem übergab, der gerecht richtet“ (1. Pet 2,21–23).

 „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen; denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht“ (Mt 11,29–30).

Der Herr Jesus Christus ist der große Gegenstand der ganzen Schrift, und doch stellt jeder einzelne Abschnitt besondere Aspekte Seiner Person oder Seines Werkes vor. Die obigen Abschnitte zeigen uns in sehr schöner Weise die demütige Gnade, die Seinen Weg der Leiden als vollkommen abhängiger Mensch kennzeichneten.

In der einen Stelle werden wir durch den Apostel Petrus aufgefordert, Seinen Fußstapfen nachzufolgen; in der anderen werden die Gläubigen vom Herrn selbst eingeladen, von Ihm zu lernen. Wie gut, wenn wir alle die Aufforderung beachten und der gnädigen Einladung folgen. Um das tun zu können, müssen wir ehrfürchtig fragen, was Seine Fußstapfen sind, denen wir folgen sollen, und was es ist, das wir von Ihm lernen sollen.

1. Seine Fußstapfen (1. Pet 2,21–23)

Lasst uns zuerst der Aufforderung des Apostels zuhören. Es gab einen Tag in der Geschichte des Petrus, an dem der Herr zu Seinem wiederhergestellten Jünger gesagt hat: „Folge mir nach“ (Joh 21,19). Jetzt gibt der Apostel diese Worte an jeden von uns weiter, wenn er sagt: „Folgt seinen Fußstapfen nach.“ In der Christenheit und auch von wahren Gläubigen werden die Worte „seinen Fußstapfen nachfolgen“ oft in lockerer und unklarer Weise verwendet. Selbst unbekehrte Leute beanspruchen diese Worte für sich, indem sie sie dazu missbrauchen, den falschen Gedanken zu nähren, dass Menschen, die sich an die Regeln der Bergpredigt halten, sehr gute Christen sind und sich dadurch die Errettung ihrer Seelen erwerben. Wahrscheinlich werden die, die so leichtfertig davon sprechen, Seinen Fußstapfen nachzufolgen, gar nicht wissen, wo sie die Aufforderung in der Schrift finden sollen, und daher auch ihre eigene Interpretation dieser Worte bevorzugen, anstatt die Bedeutung zu erkunden, in der der Heilige Geist sie benutzt.

Wenn wir uns dem Abschnitt zuwenden, in dem diese Aufforderung vorkommt, werden wir aus dem Kontext sofort bemerken, dass diese Worte an Gläubige gerichtet sind – an solche, von denen der Apostel sagen kann, dass sie das Ende ihres Glaubens, die Errettung ihrer Seelen davontragen (1. Pet 1,9). Es ist offensichtlich, dass es sich bei dieser Schriftstelle nicht um eine Aufforderung an den Sünder handelt, Seinen Fußstapfen nachzufolgen, um die Errettung zu erlangen. Ohne den Opfertod Christi und den Glauben an Sein kostbares Blut gibt es keine Errettung für einen hilflosen Sünder. An keiner Stelle in der Schrift benutzt Gott „Seine Fußstapfen“ als Ersatz für Sein Werk.

Die Aufforderung, Seinen Fußstapfen nachzufolgen, ist also an Gläubige gerichtet und hat außerdem eine ganz bestimmte Bedeutung. Was die Bedeutung ist, lernen wir aus den vier verschiedenen Schritten, die uns vorgestellt werden. Es ist klar, dass wir viele Dinge, die der Herr in Seinem wunderbaren Leben tat, nicht tun können und auch nicht tun sollen. Er tat mächtige Taten bis hin zur Auferweckung Toter; Er redete, wie nie ein Mensch geredet hatte. Wir sind nicht aufgefordert, Ihm in diesen Wegen zu folgen. Die vier Fußstapfen, in denen wir Ihm nachfolgen sollen, sind jedem Gläubigen möglich, vom jüngsten bis zum ältesten.

Erstens werden wir daran erinnert, dass Er „keine Sünde tat.” Wir wissen, dass Er umherging und Gutes tat; und in dem gleichen Brief werden wir immer wieder aufgefordert, „gute Werke“ und „Gutes“ zu tun. Hier jedoch ist die Aufforderung negativ formuliert: Wir sollen Seinen Fußstapfen in der Hinsicht nachfolgen, dass Er keine Sünde tat. Was auch immer geschieht, in welche Umstände wir auch kommen mögen, welcher Ablehnung wir auch begegnen müssen, welche Kränkungen wir auch zu erleiden haben, welche Beleidigungen wir auch erdulden müssen – wir sollen keine Sünde tun. Es ist vergleichsweise einfach, als ein Wohltäter Gutes zu tun und den Bedürfnissen anderer zu begegnen; aber weil wir das Fleisch noch in uns haben, ist es manchmal schwierig, keine Sünde zu tun. Der Herr war in allen Umständen vollkommen, und so sollte es auch unsere oberste Pflicht sein, ganz gleich in welchen Umständen wir uns befinden, Seinen Fußstapfen nachzufolgen und Sein Wesen in der Hinsicht beizubehalten, dass wir keine Sünde tun. Es ist besser, Unrecht zu leiden, als zu sündigen, besser, den Mantel fahren zu lassen als das Wesen Christi.

Zweitens lesen wir: „... noch wurde Trug in Seinem Mund gefunden.” Wie schlimm böse Menschen Ihn auch versuchten, keine Frage, die Er stellte, keine Antwort, die Er gab, kein Wort, das über Seine Lippen kam, war je durch einen Hauch von Trug beeinträchtigt. Ach, bei uns lauern manchmal vielleicht Bosheit und Neid hinter „Milchworten“, die „geschmeidiger sind als Öl“ (Ps 55,21). Bei Ihm waren nie böse Motive hinter schönen Worten verborgen. Trug lauerte dagegen hinter der scheinbar unschuldigen Frage der Pharisäer: „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben, oder nicht?“, denn wir lesen, dass sie versuchten, „ihn in der Rede in eine Falle“ zu locken (Mt 22,15–18). Mit dem Fleisch in uns ist es leicht möglich, einander mit geschmeidigen Worten und unschuldig erscheinenden Fragen in die Falle zu locken. Ach, wir können uns sogar gegenseitig angreifen mit Worten, die wir im öffentlichen Gebet an Gott richten. Wie gut und wichtig ist es daher, der Aufforderung zu folgen, Seinen Fußstapfen nachzufolgen, in dessen Mund kein Trug gefunden wurde.

Drittens werden wir daran erinnert, dass der Herr Der war, „der, gescholten, nicht wiederschalt, leidend, nicht drohte.“ Angesichts falscher Beschuldigungen, Kränkungen und böswilliger Anklagen blieb Er still. Als vor dem jüdischen Synedrium falsch gegen Ihn gezeugt wurde, schwieg Er. Zu den Anklagen der Juden vor Pilatus „antwortete Er nichts.“ Pilatus selbst „antwortete Er auch nicht ein einziges Wort.“ Der spottende Herodes mochte Ihn mit vielen Worten befragen, „er aber antwortete ihm nichts“ (Mt 26,63; 27,12+14; Lk 23,9). Wie gut, wenn wir Seinen Fußstapfen nachfolgen und angesichts der böswilligen Worte der Menschen, aus welcher Ecke sie auch kommen mögen, still bleiben. Andere Schriftstellen machen klar, dass der Christ „bitten“, „ermahnen“ und sogar „strafen“ darf, aber nie soll er schmähen oder drohen.

Viertens übergab Er sich Dem, der recht richtet. Keine Sünde zu tun, keinen Trug zu reden und angesichts böswilliger Worte still zu bleiben, hat alles verneinenden Charakter. Der letzte Fußstapfen hat positiven Charakter. Wenn wir angesichts der Kränkungen still bleiben, heißt das nicht, dass dem Bösen nichts entgegnet wird, sondern dass man Gott die Antwort überlässt. Wir sollten niemals versuchen, Rache an dem Missetäter zu üben. Gott hält alle Rache in Seinen Händen. Er hat gesagt: „Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr. Und wiederum: Der Herr wird sein Volk richten“ (Heb 10,30). An uns liegt es, den Fußstapfen des Herrn Jesus zu folgen und uns angesichts der Kränkungen dem zu übergeben, der recht richtet, indem wir uns an das Wort erinnern: „Rächt nicht euch selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn; denn es steht geschrieben: Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr“ (Rö 12,19). Wir dürfen uns auch das Wort des Propheten ins Gedächtnis rufen: „Gütig ist der Herr gegen die, die auf ihn harren, gegen die Seele, die nach ihm trachtet. Es ist gut, dass man still warte auf die Rettung des Herrn“ (Klgl 3,25–26).

Hier haben wir also vier Fußstapfen, die der Herr in vollkommener Weise vorangegangen ist und denen wir folgen sollen. In all diesen Fußtritten findet man kein Wort von Predigen oder Dienst, der in dieser Welt Eindruck machen würde oder uns im Volk Gottes Ansehen verschaffen würde. Weil das so ist, mögen wir vielleicht gedankenlos sagen, dass diese Aufforderungen, nichts Böses zu tun, keinen Trug zu reden, angesichts von Kränkungen still zu bleiben und uns Gott zu übergeben, insgesamt keine große Sache sind und ein wenig enttäuschend. Wenn wir diese Dinge jedoch praktisch verwirklichen und Seinen Fußstapfen nachfolgen, dann werden unsere Brüder mit Sicherheit nicht von uns enttäuscht sein. Könnten wir nichts tun, als nur diesen Fußstapfen zu folgen, würden doch andere in uns das Wunderbarste sehen, was in dieser Welt überhaupt gesehen werden kann – sie würden einen Menschen sehen, der Christus gleich ist.

Gott bewahre uns davor, wahren Dienst für Christus herabzuwürdigen, aber lasst uns nicht vergessen, dass wir im Dienst weltweit unterwegs sein können und vor Tausenden predigen können und dass unsere Namen in religiösen Kreisen wohlbekannt sein können und unser Dienst in religiösen Schriften gebührende Erwähnung finden kann und dass doch aus Gottes Sicht alles wenig Wert hat, wenn diese vier Schritte fehlen. Sodass an dem kommenden Tag möglicherweise tausende unserer Predigten, derer wir uns vielleicht rühmten, und für die uns unsere Brüder gepriesen haben mögen, sich als Staub und Asche erweisen, während das Wenige von Christus in unserem Leben, das wir vielleicht völlig vergessen haben, in all seiner Schönheit erstrahlen und seinen großen Lohn finden wird. So führen uns diese Fußstapfen nicht ins Blickfeld der Öffentlichkeit heute, sondern in die Herrlichkeiten des Reiches an dem kommenden Tag. Und wir tun gut daran, uns an das Wort zu erinnern: „Aber viele Erste werden Letzte und Letzte Erste sein“ (Mk 10,31).

2. „Lernet von mir” (Mt 11,29–30)

Es wird uns, bei der Umsetzung der Aufforderung des Apostels, „Seinen Fußstapfen nachzufolgen“, eine große Hilfe sein, wenn wir die Worte des Herrn selbst: „Lernet von mir“, beherzigen. Um von Ihm zu lernen, müssen wir Den betrachten, „der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat“ (Heb 12,3).

In den ersten Kapiteln des Matthäus-Evangeliums sehen wir den Herrn Jesus inmitten des Volkes Israel, wie Er in alle Richtungen Gnade und Kraft austeilt, indem Er Menschen von allen Lasten befreit, unter denen sie leiden. Er heilte die Kranken, speiste die Hungrigen, bekleidete die Nackten, befreite von der Macht Satans, vergab Sünden und weckte Tote auf. Als Dank stritten die Menschen ohne Ursache gegen Ihn, erwiesen Ihm Böses für Gutes und Hass für Seine Liebe (Ps 109,3–5). Sie „verlachten Ihn“, sie sagten: „Er treibt die Dämonen aus durch den Obersten der Dämonen“, und dass Er „ein Fresser und Weinsäufer“ sei (Mt 9,24+34; 11,19).

Wie verhielt Er sich angesichts des Widerspruchs der Sünder, des Hasses, der Seine Liebe verschmähte, und des Bösen, dass Seine Güte verhöhnte? Angesichts all dieser Feindschaft lesen wir, dass Er ins Gebet ging (Ps 109,4). Statt sich gegen Seine Widersacher zu wenden und die zu schmähen, die Ihn schmähten, wandte Er sich im Gebet an Gott, und übergab sich Dem, der gerecht richtet.

So dürfen wir in dieser wunderbaren Szene in Matthäus 11, die die Reaktion auf Seine mächtigen Taten in der Mitte Israels auf den Punkt bringt, sehen, wie sich der Herr verhält, wenn Er von den Menschen verachtet und verstoßen wird. Wir sehen, dass Er sich an den Vater wendet, und wir hören Ihn sagen: „Ja Vater, denn so war es wohlgefällig vor dir.“ Er unterwirft sich vollkommen unter den Willen des Vaters und nimmt alles aus Seiner Hand an. Und dann, mit Ihm selbst als dem vollkommenen Vorbild vor uns, hören wir Ihn sagen:

„Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir.“

In der Schrift ist das „Joch” immer ein Bild von Unterordnung unter den Willen eines anderen. Vom Beginn bis zum Ende Seines wunderbaren Weges durch diese Welt war der Herr, der vollkommene Mensch, bereit, den Willen des Vaters zu tun. Als Er in die Welt kam, konnte Er sagen: „Siehe, ich komme, um deinen Willen, o Gott, zu tun.“ Auf dem Weg durch diese Welt konnte Er sagen: „Ich bin vom Himmel gekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“, und weiter sagt Er: „Weil ich allezeit das ihm Wohlgefällige tue.“ Als Er im Begriff stand, aus der Welt hinauszugehen, konnte Er mit Blick auf das Kreuz sagen: „Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe“ (Heb 10,9; Joh 5,38; 8,29; Lk 22,42).

Unsere kleinen Schwierigkeiten, so schmerzvoll und prüfend sie auch manchmal sein mögen, sind nichts im Vergleich zu denen, denen der Herr begegnen musste. Aber wie die Umstände auch sein mögen, wir sind aufgefordert, dass das Joch des Herrn aufzunehmen, indem wir uns still dem unterwerfen, was der Vater zulässt.

Darüber hinaus sagt der Herr: „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.” Er war nicht nur im Verhalten sanftmütig und demütig, sondern Er war „sanftmütig und von Herzen demütig.“ Das richtige Verhalten, das vor Menschen sichtbar ist, kann vergleichsweise leicht an den Tag gelegt werden, aber der richtige Herzenszustand, den nur der Herr sehen kann, entsteht nur dadurch, dass wir uns im Gebet an den Herrn wenden und uns dem Willen des Vaters unterordnen. In uns selbst sind wir nicht sanftmütig und demütig. Statt sanftmütig nachzugeben, setzen wir uns gegen andere durch; statt niedrig von uns zu denken, neigen wir zur Selbstherrlichkeit. Um diese natürlichen Neigungen zu korrigieren, beschäftigt uns der Herr mit sich selbst, indem Er sagt: „Lernt von mir.“ Wenn wir auf Ihn blicken und diese lieblichen Eigenschaften bewundern, werden wir unbemerkt in Sein Bild verwandelt werden. Wir werden moralisch Dem gleich, den wir bewundern. Ach, die Tatsache, dass wir Ihm so selten gleichen, zeigt nur zu deutlich, wie wenig wir Ihn vor unseren Herzen haben – wie wenig wir von Ihm lernen.

Wenn wir Sein Joch auf uns nehmen und von Ihm lernen, werden wir Ruhe für unsere Seelen finden. Die Beschäftigung mit den schwierigen Umständen, in denen wir vielleicht sind, das Aufregen über Kränkungen, die uns vielleicht entgegengeschleudert werden, die Treulosigkeit falscher Freunde, die Bosheit eifersüchtiger Personen werden der Seele keine Ruhe geben. Wenn wir uns dem unterwerfen, was der Vater zulässt und uns den schönen Geist Christi, in all seiner Sanftmut und Demut, zu eigen machen, indem wir von Ihm lernen, werden wir die Ruhe des Geistes genießen, die immer das Teil des Herrn in einer Welt der Unruhe war.

Wir werden außerdem, wenn wir Sein Joch auf uns nehmen und uns so dem Willen des Vaters unterwerfen, erleben, dass Sein Joch sanft und Seine Last leicht ist. Denn wenn wir Seinen Fußstapfen nachfolgen, keine Sünde tun, ohne Trug reden, angesichts von Kränkungen still bleiben und uns selbst Gott übergeben, werden wir Seine Hilfe erfahren, weil wir mit Ihm im gleichen Joch sind, der sich dem Willen des Vaters unterordnete. Und mit Seiner Hilfe und in Gemeinschaft mit Ihm werden wir bemerken, wie wahr die Worte sind:

„Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“

So wird uns beim Lesen dieser Schriftstellen bewusst, dass Petrus uns nicht zu unmöglichen Schritten auffordert und der Herr nicht das Lernen unmöglicher Lektionen von uns verlangt.

Petrus fordert uns auf, keine Sünde zu tun, keinen Trug zu gebrauchen, angesichts von Kränkungen still zu sein und uns Gott zu übergeben. Der Herr bittet uns, von Ihm zu lernen, in Unterordnung unter den Willen des Vaters, in Sanftmut, die an andere denkt und in Demut, die nicht an sich selbst denkt.

[Übersetzt von Marco Leßmann]

Hamilton Smith