Der Prophet Jesaja hat eine gut erkennbare, dreiteilige Struktur. Die beiden Hauptteile (Jes 1–35 und Jes 40–66) werden getrennt durch die historisch-prophetische Einschaltung aus der Geschichte Hiskias (Jes 36–39). Schaut man sich diese Einschaltung an, dann erkennt man wiederum eine Zweiteilung:
- Kapitel 36 und 37 beschreiben die (von außen kommende) Bedrängnis Hiskias durch den König von Assyrien und die Befreiung hieraus durch das mächtige Eingreifen Gottes.
- Kapitel 38 und 39 zeigen die (innere) Not Hiskias durch seine Krankheit und die Befreiung hieraus durch das gnädige Eingreifen Gottes.
Ins Staunen gerät man, wenn man die Verbindung zwischen den beiden Teilen der Geschichte Hiskias und den beiden Hauptteilen des Propheten Jesaja erkennt. Die Kapitel 1 bis 35 beschreiben nämlich vor allem die Bedrückung Israels von außen und die machtvolle Befreiung durch das Gericht über die Nationen, die dann im Segen des Friedensreiches mündet. Die Kapitel 40 bis 66 zeigen den traurigen inneren (moralischen) Zustand Israels (siehe z.B. Jes 57) und wie Gott sie zur Buße und Umkehr bringt und sie in seiner Gnade erlöst.
Wenn Gott die nationale Wiederherstellung Israels durch Macht herbeiführt, dann wird der Erretter beschrieben mit den Worten:
„Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Und man nennt seinen Namen: Wunderbarer, Berater, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Friedefürst. Die Mehrung der Herrschaft und der Frieden werden kein Ende haben auf dem Thron Davids und über sein Königreich, um es zu befestigen und zu stützen durch Gericht und durch Gerechtigkeit, von nun an bis in Ewigkeit“ (Jes 9,5.6).
„Und ein Reis wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais, und ein Schössling aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen. … Und er wird die Geringen richten in Gerechtigkeit und den Sanftmütigen des Landes Recht sprechen in Geradheit. Und er wird die Erde schlagen mit der Rute seines Mundes, und mit dem Hauch seiner Lippen den Gottlosen töten. Und Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein, und die Treue der Gurt seiner Hüften“ (Jes 11,1–5).
Jedoch wenn Gott die innere Wiederherstellung Israels bewirkt, indem Er sie zur Buße und Umkehr bringt, dann wird der Erlöser eingeführt mit den Worten:
„Und er ist wie ein Reis vor ihm aufgeschossen und wie ein Wurzelspross aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und keine Pracht; und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir ihn begehrt hätten. … Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen Weg; und der HERR hat ihn treffen lassen unser aller Ungerechtigkeit“ (Jes 53,2–6).
Die Kapitel 1 bis 35 lassen sich in drei Teile einteilen (Jes 1–12; 13–26; 27–35). In diesen drei Teilen ist der vorherrschende Gedanke Gericht, aber sie enden jeweils mit einem Ausblick der Rettung und des Segens (Jes 11–12; 25–26; 35).
Auch die Kapitel 40 bis 66 lassen sich in drei Teile von je neun Kapiteln einteilen (Jes 40–48; 49–57; 58–66). Der vorherrschende Gedanke ist Rettung und Trost, aber sie enden jeweils mit Gericht (Jes 48,22; 57,21; 66,24). Übrigens endet auch die Geschichte Hiskias mit Gericht (Jes 39,6.7). Hier lernen wir, dass selbst in der wunderbaren Friedensherrschaft des Tausendjährigen Reiches viele abfallen werden, sodass der Satan, wenn er am Ende nochmal losgelassen wird, viele verführen kann, die dann mit Feuer aus dem Himmel vernichtet werden (Off 20,7–9).
Das Zentrum des dritten Teils von Jesaja (Jes 40–66) bilden die Kapitel 49 bis 57. Hiervon das Zentrum ist das Kapitel 53 (einschließlich der letzten drei Verse aus Jesaja 52). Die fünfzehn Verse dieses Herzstücks kann man in 5 x 3 Verse einteilen, sodass die Verse Jesaja 53,4–6 wiederum das Zentrum bilden. Und hiervon die Mitte ist Vers 5:
„Doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Ungerechtigkeiten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden.“
Das ist der Tiefpunkt der Leiden Christi und gleichzeitig der Höhepunkt der Gnade Gottes – und damit der moralische Höhepunkt des ganzen Alten Testaments. Ohne dieses stellvertretende Opfer, ohne diese sühnenden Leiden wäre keine Wiederherstellung möglich – weder für Israel in der Zukunft noch für den Sünder heute.
