Der letzte Appell – die Schlussszene des öffentlichen Auftretens des Herrn

„Die Volksmenge nun, die dastand und zuhörte, sagte, es habe gedonnert; andere sagten: Ein Engel hat mit ihm geredet. Jesus antwortete und sprach: Nicht um meinetwillen ist diese Stimme ergangen, sondern um euretwillen“ (V. 29.30).

In dem jetzt folgenden Abschnitt finden wir zwei Mal die Volksmenge erwähnt. Die Äußerungen dieser Menschen zeigen ihren Unglauben. Sie haben zwar die Gedanken des Alten Testaments vor Augen, aber sie sehen nicht, wer der Herr Jesus wirklich ist. In diesem Unglauben fangen sie an, über das, was sie gehört haben, zu spekulieren. Sie konnten die Stimme nicht verstehen, weil sie den Herrn Jesus abgelehnt hatten. Wenn sie meinten, dass ein Engel geredet habe, dann dachten sie an die Art und Weise, wie Gott sich im Alten Testament mitgeteilt hat: durch Engel. Aber jetzt war der Sohn da, und der Vater redete durch den Sohn!

War die Stimme des Vaters nicht auch um des Herrn willen ergangen? War das nicht der Ausdruck der Wertschätzung des Vaters über den Sohn gewesen? Aber der Herr Jesus dachte nicht an sich, sondern an diese Volksmenge; so, wie Er vorher nicht an sich, sondern an die Verherrlichung des Vaters gedacht hatte. Deshalb sagte Er, dass diese Stimme um ihretwillen geschehen sei; sie sollten noch eine erneute Gelegenheit bekommen, Ihn im Glauben zu erkennen und anzunehmen. Sie sollten gerettet werden und durch den Glauben an Ihn Söhne des Lichts werden (vgl. Vers 36).

Mit einer ähnlichen Absicht wandte sich der Herr am Grab von Lazarus an den Vater, bevor Er den Gestorbenen herausrief (Joh 11,41.42). Er betete um der Volksmenge willen, damit sie glauben sollten. Das laute Sprechen des Herrn Jesus mit Seinem Vater geschah deshalb, damit die Menschen noch eine Gelegenheit zum Glauben bekommen sollten. Und hier ist es der Vater, der hörbar zu dem Sohn spricht, damit die Volksmenge glauben sollte.

„Jetzt ist das Gericht dieser Welt; jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen werden“ (V. 31).

Zwischen den beiden Äußerungen des Unglaubens der Volksmenge (Vers 29 und Vers 34) haben wir in diesen Versen die zu Herzen gehenden Worte des Herrn Jesus darüber, was diese Stunde für Ihn bedeuten würde. Es kommen jetzt weitere Ergebnisse bzw. Merkmale des Werkes des Herrn Jesus vor uns: die Welt gerichtet, Satan besiegt, und an alle Menschen ergeht ein Heilsangebot. Diese Worte – der letzte Appell gleichsam – des Herrn werden nur von Johannes berichtet. Es ist die Schluss-Szene seines öffentlichen Auftretens, bevor Er sich dann als das Licht zurückzieht. Ein bewegender Augenblick in diesem Johannesevangelium.

Zwei Mal heißt es in diesem Vers „jetzt“. Beide Male beziehen sich auf das Kreuz. Wir sehen, was für einen Kontrast dieses Kreuz darstellt. Einerseits ist durch das Kreuz der Name des Vaters verherrlicht worden. Aber dieses gleiche Kreuz hat eben auch ganz andere Folgen: das Gericht dieser Welt, und das Hinauswerfen des Fürsten dieser Welt.

Der Ausdruck „Welt“ hat in diesem Evangelium nicht immer die gleiche Bedeutung oder den gleichen Schwerpunkt. In Joh 3,16 z.B. sind damit die Menschen dieser Welt gemeint. Hier in unserem Vers geht es aber nicht darum, dass Gott das Gericht über alle Menschen ausspricht. Hier geht es um das System Welt, das von Satan beherrscht wird und durch und durch verderbt ist. Das Kreuz unseres Heilandes hat völlig offenbar gemacht, wie abscheulich verdorben dieses System ist und dass Gott darüber das Gericht ausgesprochen hat. Da waren Menschen, die sich nicht davor scheuten, über den Sohn Gottes zu Gericht zu sitzen und Ihn zum Tod zu verurteilen. Gerade darin hat sich das unverbesserlich Böse dieser Welt erwiesen. Über dieses System hat Gott das Gericht ausgesprochen, auch wenn es noch nicht ausgeübt ist.

Das gilt auch für das zweite „jetzt“. Der Teufel, der dieses böse System Welt beherrscht, hat auch gerade am Kreuz bewiesen, wie unfassbar böse und verdorben er ist. Die Offenbarung zeigt, wie dieses Gericht über den Teufel in verschiedenen Schritten ausgeführt wird. In Off 12,7–9 finden wir, wie er aus dem Himmel auf die Erde geworfen wird. In Off 20,1–3 wird uns gezeigt, wie er für 1000 Jahre während der Segensherrschaft des Herrn Jesus im Abgrund gebunden sein wird. Und in Off 20,10 finden wir sein endgültiges Schicksal, wenn er in den Feuersee geworfen werden wird, der ausdrücklich für ihn bereitet worden ist (Mt 25,41). Der Ausdruck „hinausgeworfen werden“ ist ein allgemeiner Ausdruck, der diese verschiedenen Stufen umfasst.

Das Gericht über die Welt ist untrennbar mit Satan und seinem Schicksal verbunden, weil er eben der Fürst dieser Welt ist. In Joh 16,8–11 verbindet der Herr noch einmal das Gericht über die Welt mit dem Gericht über Satan: „Und wenn er [der Heilige Geist] gekommen ist, wird er die Welt überführen...von Gericht...von Gericht aber, weil der Fürst dieser Welt gerichtet ist“.

Im Blick auf das Gericht über den Fürsten dieser Welt wird hier eine andere Zeitform benutzt: er wird hinausgeworfen werden. Die Welt steht schon jetzt unter dem Gerichtsurteil Gottes, das Gericht über Satan wird in einer Zukunftsform beschrieben und wird in diesen verschiedenen geschilderten Etappen stattfinden. Begonnen hat die Entmachtung Satans schon viel früher, nämlich als der Herr Jesus ihm durch seinen Tod die Macht genommen hat (Heb 2,14). Der Grund ist gelegt worden auf Golgatha, und damit ist auch die den Satan betreffende Konsequenz besiegelt. Seine Macht ist gebrochen, aber er ist noch in Freiheit. Er hat jetzt noch als das Haupt der geistlichen Mächte der Bosheit freien Zutritt zu den himmlischen Örtern (Eph 6,12). Erst in der Mitte der Drangsalszeit in Off 12 wird zum ersten Mal sein Wirkungsbereich verkleinert.

Gott war in Christus gewesen, die Welt mit sich selbst versöhnend, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend (2. Kor 5,19). Das bezieht sich auf die Zeit, als der Herr Jesus als Mensch auf der Erde lebte. Und diese Zeit der Erprobung dieses Weltsystems ist abgeschlossen; aufgrund der Kreuzigung des Sohnes Gottes ist diese Welt für unverbesserlich befunden worden. Gott hatte Seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, um die Welt zu richten, sondern damit die Welt durch Ihn errettet werde (Joh 3,17). Dieses Angebot Gottes wurde in der Kreuzigung des Sohnes Gottes seitens der Welt endgültig abgelehnt. Deshalb befindet sich die ganze Welt unter dem Gerichtsurteil Gottes und wartet auf den Tag der Vollstreckung dieses Urteils. Wer nicht an den Herrn Jesus glaubt, ist schon gerichtet (Joh 3,18) als Folge der Verwerfung des Herrn Jesus.

„Und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. (Dies aber sagte er, andeutend, welchen Todes er sterben sollte)“ (V. 32.33).

Auch in diesem Vers geht es noch um das Kreuz. Wenn der Herr davon spricht, dass Er von der Erde erhöht werden wird, dann meint Er damit das Kreuz, das macht der Kommentar des Heiligen Geistes in Vers 33 deutlich. Als der Herr Jesus diese Worte sprach, hatte Er also wie auch in Vers 24 und Vers 27 vor Augen, dass Er am Kreuz sterben würde. Immer, wenn im Johannesevangelium von der Erhöhung des Herrn gesprochen wird, ist damit das Kreuz gemeint (Joh 3,14; 8,28; 12,32.34). Erhöht auf das Kreuz zieht der Herr Jesus Menschen aus der Welt, die verurteilt ist, zu sich, um diese Menschen zu Gott zu bringen. Es gibt nur diesen einzigen Weg, der zu Gott führt, nämlich dass der auf das Kreuz Erhöhte Menschen zu sich zieht.

Kein natürlicher Mensch würde mit dem Kreuz einen Anziehungspunkt für alle Menschen verbinden. „Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die wir errettet werden, ist es Gottes Kraft“ (1. Kor 1,18). Normalerweise wendet man sich von einem Gekreuzigten mit Abscheu und Entsetzen ab. Aber dieser Gekreuzigte, von dem hier die Rede ist, wird zum Anziehungspunkt im Hinblick auf alle Menschen. In allen drei angeführten Stellen des Johannesevangeliums finden wir Dinge, die der natürliche Mensch nicht mit dem Kreuz in Verbindung bringen würde. In Johannes 3 wird der auf das Kreuz Erhöhte zur Quelle ewigen Lebens für jeden, der an Ihn glaubt. Der Sterbende ist derjenige, der ewiges Leben gibt. Wer würde das mit dem Kreuz in Verbindung bringen? In Johannes 8 ist es der „Ich bin“, der dort am Kreuz hängt. Hätte man Ihn nicht viel mehr auf einem Thron vermutet, und nicht an einem Kreuz hängend? Und hier in Johannes 12 wendet man sich nicht schaudernd ab von Ihm, dem Gekreuzigten, sondern wird mächtig angezogen von Ihm. Überall auf der ganzen Erde gibt es solche, die von dem Gekreuzigten angezogen werden.

In der Stiftshütte finden wir ein Vorausbild von dem, was wir hier betrachten. Der kupferne Brandopferaltar im Vorhof ist sowohl ein Bild des Kreuzes als auch des Tisches des Herrn. Als Bild von dem Kreuz ist wichtig zu sehen, dass der Altar nicht im Lager stand, wo sich das Volk Israel befand. Der Vorhof war eine abgesonderte Fläche, die Gott für sich beanspruchte. Und nur die Priester durften auf dem Altar opfern, kein Levit und auch kein einfacher Israelit, es war eine ausschließliche Aufgabe der Priester. Von dem Herrn Jesus lesen wir in Heb 7,14; 8,4, dass Er auf der Erde kein Priester sein konnte. Deshalb ist es so wichtig, dass der Herr Jesus mehrmals betont, dass Er am Kreuz von der Erde erhöht sein würde, dann meint Er damit nicht nur Seine buchstäbliche Erhöhung von dem Erdboden, die mit dem Aufrichten des Kreuzes verbunden war, sondern Er war auch geistlich von der Erde erhöht und nahm als Opfer und auch als Priester einen Platz ein, den Er als Mensch auf der Erde nicht hätte einnehmen können. Der Herr Jesus hat sein Werk nicht auf der Erde vollbracht, sondern auf einem erhöhten Platz, erhöht von der Erde. Und dorthin muss jeder kommen!

Dass der Herr Jesus „alle“ zu sich ziehen wird, ist natürlich nicht im absoluten Sinn zu verstehen; es handelt sich um alle, die der Vater Ihm geben wird, alle, die an Ihn glauben. Dazu gehören des Zusammenhangs dieses Kapitels wegen auch solche aus den Nationen. Der Herr denkt hier im Blick auf die Ergebnisse seines Werkes von Golgatha über die Grenzen Israels hinaus. Menschen aus allen Nationen wird Er zu sich an das Kreuz ziehen. In Joh 17,2 haben wir auch zwei Mal dieses „alle“; beim ersten Mal bedeutet es tatsächlich alle Menschen (vgl. Joh 5,27). Beim zweiten Mal ist das schon eingeschränkt und nur eine kleinere Teilmenge aller Menschen; da sind es die Glaubenden der Gnadenzeit, die der Vater dem Sohn gegeben hat, die der Vater zum Sohn gezogen hat (vgl. Joh 6,44). Der Ausdruck „zieht“ in Joh 6,44 ist derselbe wie hier in Joh 12,33. Wie dankbar dürfen wir sein, dass wir zu solchen gehören, die vom Vater zum Sohn gezogen wurden, und die von der Liebe unseres Erlösers und der Größe seines Werkes zum Kreuz gezogen wurden! Niemand wäre zu Ihm gekommen, wenn er nicht gezogen worden wäre. Der Vater und der Sohn sind es, die ziehen.

Und es geht nicht nur einfach darum, gezogen zu werden, oder zum Kreuz oder in den Himmel gezogen zu werden, sondern zu Ihm gezogen zu werden. Der Herr Jesus sagt: „Ich werde...zu mir ziehen“. Seine Person ist der Anziehungspunkt, der uns mit Macht anzieht. Und ist es nicht auch so, dass wir, die wir vielleicht schon vor vielen Jahren in diesem Sinn zu Ihm gezogen wurden, immer wieder neu angezogen werden von Ihm, von seinem Kreuz, um Ihn zu bewundern in seinem Werk, das Er dort vollbracht hat? Wenn uns etwas anzuziehen vermag, ist es nicht das Kreuz? Sein Tod, der uns mit Ihm verbindet, seine völlig offenbarte Liebe zu uns? Wie dankbar sind wir, dass Er uns einmal zu sich gezogen hat, dass Er uns aber auch immer wieder neu zu sich zieht!

„Die Volksmenge nun antwortete ihm: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus bleibe in Ewigkeit, und wie sagst du, dass der Sohn des Menschen erhöht werden müsse? Wer ist dieser, der Sohn des Menschen?“ (V. 34).

Hier ist die Volksmenge wieder auf dem Boden des Alten Testaments. Sie denken an den Messias, der kommen sollte, aber sie erkennen nicht, dass der Herr Jesus dieser Messias ist, ja, noch mehr, dass Er der Sohn des Menschen ist. Sie verstehen wohl, dass Er von dem Tod gesprochen hatte, aber sie können Seine Person nicht mit dem übereinbringen, was sie über den Messias aus dem Alten Testament wissen. Im Alten Testament gibt es Stellen, die davon reden, dass der Messias bleibt in Ewigkeit (z.B. Ps 21,5; 45,7), und es gibt sogar eine Stelle tatsächlich in dem Gesetz, nämlich 2. Mo 15,18. Diese und andere Stellen reden davon, dass Er bleibt. Aber es gibt im Alten Testament auch Stellen wie z.B. Jes 53 oder Dan 9,26, wo davon gesprochen wird, dass der Messias weggetan werden würde, dass Er in den Tod gehen würde. An diese Stellen haben die Juden nicht gedacht. Sie passten nicht in ihr Denken, und deshalb übersahen sie sie einfach. Denn gleichzeitig war aber auch aus Dan 7,13.14 klar, dass der Sohn des Menschen kommen würde und ein ewiges Reich haben würde: Wie könnte das dieselbe Person sein? Hatte nicht auch Johannes der Täufer diese Schwierigkeit? Er hatte den Herrn Jesus fragen lassen, ob Er der Kommende sei, oder ob sie auf einen anderen warten sollten (Mt 11,3).

Wenn sie die Kraft der Auferstehung in ihre Überlegungen einbezogen hätten, wäre ihnen klar gewesen, dass ihre Frage nicht nötig war. Dadurch, dass sie die Person des Herrn Jesus nicht annehmen wollten, sondern Ihn ablehnten, blieben ihnen die Augen für diese wunderbare Ankündigung des Vaters aus Vers 28 verschlossen.

Für unsere Glaubenspraxis ist das heute auch nicht anders: Wir werden kein Wort der Heiligen Schrift wirklich verstehen können, wenn wir es nicht in Verbindung mit der Person des Herrn Jesus bringen. Um die Bibel richtig verstehen zu können, brauchen wir die Person des Herrn Jesus als den Schlüssel zu dieser offenbarten Wahrheit Gottes.

Die erste Frage der Volksmenge macht auch deutlich, dass sie Christus von den Schriften trennen, obwohl der Herr ihnen schon mehrfach gesagt hatte, dass die Schriften von Ihm zeugen. Sie sagen, dass sie etwas aus dem Gesetz gehört hatten; wie konnte Er dann sagen, dass es ganz anders kommen würde? Sie stellen also die Worte des Herrn Jesus deutlich gegen die Worte des Alten Testaments. Damit wollen sie einen Widerspruch aufdecken und berücksichtigen dabei doch gar nicht das ganze Alte Testament in seinen Hinweisen auf den Messias. Der Mangel an Glauben führt die Menschen dahin, dass sie unbedingt davon überzeugt sind, dass sie recht haben; und wenn sie etwas nicht verstehen, dann unterstellen sie dem Herrn Jesus, von etwas ganz anderem zu reden. Was immer Er sagt, muss sich in ihrer Überzeugung nach dem richten, was sie wissen und denken.

Das ist übrigens nicht nur charakteristisch für den Unglauben, sondern auch für das Fleisch. Wenn Männer Gottes viel verstanden haben von den Gedanken Gottes – auch solche, die vor uns waren – dann liegt das daran, dass sie bereit waren, die eigenen fleischlichen Gedanken unterzuordnen.

Es ist ja erstaunlich, dass die Volksmenge den Herrn Jesus hier als den Sohn des Menschen bezeichnet. Der Herr hatte das letzte Mal von sich als dem Sohn des Menschen in Vers 23 gesprochen, als Er mit seiner Verherrlichung seinen Tod am Kreuz andeutete. Und sie wussten, dass Er für sich in Anspruch nahm, der Messias, der Christus zu sein. Und sie verbinden Seine Person jetzt trotzdem mit diesem Titel Sohn des Menschen. Der natürliche Mensch kann also intellektuell über Dinge reden, ohne davon in seinem Herzen und Gewissen angesprochen worden zu sein. Das scheint auch ein Grund dafür zu sein, dass der Herr Jesus dann in den folgenden Versen von sich als Licht spricht. Er war ja gerade nicht gekommen, damit man über Ihn redet, sondern damit die Menschen durch Ihn als das wahre Licht in das Licht Gottes gestellt würden.

Es bleibt auch offen, ob die Volksmenge wirklich die Erhöhung des Herrn Jesus auf das Kreuz meint, wenn sie sagt, dass der Sohn des Menschen erhöht werden müsse. Für uns macht der Kommentar des Heiligen Geistes in Vers 33 die Sache klar, aber ob diese Menschen verstanden haben, dass seine Erhöhung an dieser Stelle das Kreuz für Ihn bedeutet, ist letztlich nicht eindeutig zu bestimmen. Er hatte gesagt, dass der Sohn des Menschen verherrlicht werden würde (Vers 23). Ob die Volksmenge daraus hatte verstehen können, dass Er da von Seinem Tod am Kreuz sprach, muss offen bleiben.

„Da sprach Jesus zu ihnen: Noch eine kleine Zeit ist das Licht unter euch. Wandelt, während ihr das Licht habt, damit nicht Finsternis euch ergreife! Und wer in der Finsternis wandelt, weiß nicht, wohin er geht. Während ihr das Licht habt, glaubt an das Licht, damit ihr Söhne des Lichts werdet“ (V. 35.36a).

Die Worte des Herrn Jesus in diesen Versen sind die letzten Worte in seinem öffentlichen Dienst in diesem Evangelium. Von Vers 37 bis Vers 43 haben wir dann eine Erklärung des Schreibers Johannes darüber, dass der Unglaube des Volkes zuerst willentlich und dann als Gericht Gottes schon im Propheten Jesaja vorhergesagt war. Und die Verse 44 bis 50 sind dann eine Art Zusammenfassung dessen, was der Herr Jesus in seinem Dienst auf der Erde gelehrt hatte. Und ab Kapitel 13 ist der Herr dann mit seinen Jüngern auf dem Obersaal. Wir sind hier also wirklich ganz am Ende seines öffentlichen Dienstes, es sind die letzten Lichtstrahlen seiner Person vor den Menschen. Er hatte in Joh 9,5 gesagt: „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt“.

Der Herr spricht hier von Seinem Leben auf der Erde. Er spricht davon, dass Gott in Ihm in einer vorher nie dagewesenen Weise in der Welt offenbart worden ist. Und dies würde auch später nicht noch einmal geschehen. Damals war Er die Offenbarung Gottes in einer so besonderen Weise, wie es sie vorher nicht gegeben hatte und wie es sie auch nachher nie geben würde. Gott war in der Person Seines Sohnes bei Seinem Volk. Wenn wir das vor Augen haben, werden wir besser verstehen, was es bedeutet, dass der Herr hier sagt, dass Er weggehen würde und dann werdet ihr kein Licht mehr haben. Alle Seine Worte und alle Seine Taten zeigten: Hier ist Gott! So war Er damals das Licht in Israel, und diese ganz einmalige Situation würde jetzt in kurzer Zeit zu Ende gehen.

Ohne etwas über seine Herrlichkeit als Sohn des Menschen zu sagen, betont der Herr Jesus in seiner Erwiderung das, worauf es wirklich ankam bei der Volksmenge: Sie mussten Ihn annehmen, dann würden sie auch alle anderen Fragen beantwortet bekommen. Er wirft ihnen nicht vor, dass sie Ihn abgelehnt hatten und dass sie deshalb in Finsternis bleiben würden, sondern Er lädt noch ein letztes Mal ein. Obwohl dieses so bevorzugte Volk Ihn auf der ganzen Linie verworfen hatte, obwohl Er ausschließlich unter diesem irdischen Volk Sein Licht hatte leuchten lassen und den Namen seines Vaters verherrlicht hatte – alles, was man von Ihm sehen und hören konnte, war Offenbarung Gottes – hatte dieses Volk Ihm doch nicht geglaubt und Ihn abgelehnt.

Es sind zwei Aufforderungen, die der Herr Jesus mit Seinen Worten verbindet: bei der ersten („wandelt“) geht es um die Art ihrer Lebensführung, bei der zweiten („glaubt“) um den Gegenstand ihres Glaubens. An jemanden glauben kann sich nur auf eine Person beziehen. Wer könnte wohl sagen: „Glaubt an das Licht“, als allein der Herr Jesu, eine göttliche Person? Glaube muss auf eine göttliche Person ausgerichtet sein, nicht auf Menschen. Von Johannes dem Täufer wird gesagt, dass er nicht das Licht war (Joh 1,8), er war die brennende und scheinende Lampe (Joh 5,35), die von dem Licht zeugte.

Aber in unfassbar großer Gnade sagt Er ihnen noch ein letztes Mal, dass Er als das Licht noch eine kleine Zeit bei ihnen ist, dass sie noch eine letzte begrenzte Möglichkeit haben, Ihn doch im Glauben anzunehmen. Seine Worte erinnern ein wenig an die Botschaft, die Jeremia an das irdische Volk Gottes richten sollte: „Gebt dem HERRN, eurem Gott, Ehre, bevor er finster macht und bevor eure Füße sich an Bergen der Dämmerung stoßen und ihr auf Licht wartet, und er es in Todesschatten verwandelt und zur Dunkelheit macht“ (Jer 13,16). Neben Seinen Worten der Gnade spricht der Herr hier auch ganz deutlich eine ernste Warnung aus: Sie würden von Finsternis ergriffen werden, sie würden die Kontrolle verlieren, es wäre nicht mehr ihre eigene Entscheidung, wenn sie das Licht ablehnen würden, es gäbe dann keine Hoffnung mehr für sie. Aber sie würden auch nicht nur passiv von Finsternis ergriffen werden, sondern auch aktiv ihre Orientierung verlieren und nicht wissen, wohin sie gehen.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Herr Jesus Sein Weggehen angedeutet hatte. In Joh 7,33 hatte Er den Pharisäern und Hohenpriestern gesagt: „Noch eine kleine Zeit bin ich bei euch, und ich gehe hin zu dem, der mich gesandt hat“. Und in Joh 8,21 zu den Juden: „Ich gehe hin, und ihr werdet mich suchen und werdet in eurer Sünde sterben“. Immer wieder hatte Er ihnen noch eine Zeit hinzugegeben, um ihre Herzen noch erreichen zu können. Aber hier sind wir an dem Augenblick, wo diese Zeit wirklich zu Ende geht. Ein tiefer Ernst liegt dadurch auf dieser Szene! Das Licht stand im Begriff zu gehen – und dann würde nur eins für sie übrigbleiben: Finsternis.

Söhne des Lichts werden zu können ist eine unschätzbare Segnung, die nur durch den Glauben an den Herrn Jesus als das Licht zu erlangen ist. Es bedeutet das Teilhaben an dem vollen Segen der Offenbarung des Vaters in dem Sohn. Wenn sich ein Mensch bekehrt, ist er nicht mehr in Finsternis; nach der Bekehrung wandeln wir nie mehr in der Finsternis. Es mag sein, dass wir nicht immer gemäß dem Licht wandeln, aber wir wandeln immer mitten im Licht. Der Glaubende ist der Stellung nach ein für allemal aus dem Bereich der Finsternis in den Bereich des Lichtes gewechselt. Bruder Kelly hat einmal gesagt: Wenn der Gläubige sündigt, dann sündigt er mitten im Licht, und das verleiht der Sünde eines Gläubigen einen so ernsten Charakter. Deshalb wollen wir die Ermahnung stets vor uns haben: „Wandelt als Kinder des Lichts“ (Eph 5,8). Dann werden wir uns praktisch als Söhne des Lichts erweisen.

„Dieses redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen“ (V. 36b).

Nach diesem letzten Appell geht der Heiland für immer weg von ihnen. Man hat dabei den Eindruck, als würde auch niemand wissen wollen, wohin Er jetzt ging, als ob es keinen mehr interessierte. Eine ergreifende Szene, ein tragischer Moment: Die Strahlen Seines Lichtes in diesem Land und Volk zu dem Er gekommen war, leuchteten nicht länger, Sein Dienst an und unter ihnen ging zu Ende! Sie hatten Ihn verworfen, und jetzt verbarg Er sich vor ihnen. Vergleichbar drückt es Mose in seinem letzten Lied in 5. Mo 32 aus: Israel hatte seinen Gott verlassen, den Felsen, der sie gezeugt hatte, vernachlässigt; da verwarf der HERR sie vor Kummer über seine Söhne und Töchter (Vers 15–20).

In den sogenannten synoptischen Evangelien spricht der Herr am Ende Seines öffentlichen Dienstes sehr viel von den Gerichten, die die Folge Seiner Verwerfung sein würden, aber hier steht allein Seine Person als das Licht im Vordergrund. Und jetzt verbarg Er sich vor ihnen, sie hatten keinen Zugang mehr zu Ihm. Denn sie hatten Seine Zeichen (Vers 37–43) und Seine Worte (Vers 44–50) verworfen.