„Obwohl er aber so viele Zeichen vor ihnen getan hatte, glaubten sie nicht an ihn, damit das Wort des Propheten Jesaja erfüllt würde, das er sprach: „Herr, wer hat unserer Verkündigung geglaubt, und wem ist der Arm des Herrn offenbart worden?“ (V. 37.38).

In diesen Versen lesen wir von der Reaktion der Juden auf dieses vollkommene Zeugnis, auf die Offenbarung dieser gewaltigen Herrlichkeit: Sie glaubten nicht an Ihn! Immer wieder gab es solche, die von den Zeichen und Wundern des Herrn Jesus äußerlich beeindruckt waren (Joh 2,23). Aber es fehlte ihnen der Glaube an Ihn, sie nahmen Seine Person nicht an.

Die Zeichen waren dazu da, zu zeigen, wer der Herr Jesus ist (Joh 2,11), dieser Mensch gewordene Sohn Gottes. Sie haben Seine Herrlichkeit vorgestellt, deshalb wird hier in Vers 37 auch von den Zeichen auf Seine Person geschlossen. Die Menschen hatten alle diese Zeichen gesehen und doch nicht an Ihn geglaubt. Denken wir noch einmal zurück an die Zeichen, die wir im Johannesevangelium bisher betrachtet haben; sie haben uns die Herrlichkeit des Mensch gewordenen Sohnes Gottes gezeigt. Es war eine wunderbare Beschäftigung, diese Zeichen zu sehen und darin Seine Herrlichkeit zu erkennen.[1]

Der Heilige Geist betont hier ausdrücklich, dass es so viele Zeichen waren. Wenn Gott ein Zeugnis gibt, gibt Er ein umfassendes und ausreichendes Zeugnis, so dass jede Ausrede seitens des Menschen ausgeschlossen werden kann.

Diese Zeichen geschahen vor ihnen. Diese Menschen hatten nicht etwas nur durch Hörensagen mitbekommen, sie geschahen vor den Augen der Menschen. Sie hatten das Ziel, „damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr glaubend Leben habt in seinem Namen“ (Joh 20,31).

Johannes zitiert dann in den folgenden Versen unter der Leitung des Heiligen Geistes zwei Mal aus dem Propheten Jesaja. Und die Stellen, die Er dabei anführt, stammen aus zwei unterschiedlichen Teilen des Buches dieses Propheten. Das ist nicht unwichtig, denn von Bibelkritikern wird die Zusammengehörigkeit des ganzen Buches stark in Frage gestellt und angezweifelt. Heute wird gelehrt, dass dieses Buch mindestens von zwei Autoren geschrieben worden ist. Wer so etwas behauptet, macht den Herrn Jesus zum Lügner, der hier mit dem wiederum ganz klar sagt, dass beide Teile von Jesaja sind. Es handelt sich um einen Propheten, das ganze Buch Jesaja ist von Jesaja geschrieben worden.

Zuerst zitiert er die Stelle aus Jesaja 53, die spätere von den beiden Stellen. Darin stellt er fest, dass das Volk die ihnen geltende Verkündigung nicht geglaubt hatte und sie den Herrn Jesus als den Arm des HERRN nicht erkannt hatten. Es ist interessant zu sehen, dass zuerst die Worte vorgestellt werden, die Verkündigung. Und diese Verkündigung ist bestätigt worden durch göttliche Werke, den Arm des Herrn. Wir haben also in diesem Zitat einerseits das Zeugnis durch Worte und andererseits das Zeugnis durch Werke – beides ist abgelehnt worden. Hier geht es auch nicht nur um Worte und Werke unvollkommener irdischer Propheten, sondern um die Verkündigung des Herrn selbst, wo jedes Wort in Übereinstimmung mit Seinem Leben stand. Und es war auch nicht nur der Arm des Herrn gegenwärtig, sondern der Herr selbst in Seinem Wirken. Und das abzulehnen, kann nur Gericht über dieses Volk bringen. Wenn man Den ablehnt, der in Vollkommenheit gesprochen und Wunder getan hat, kann es nur Gericht geben. Auch in Joh 15,22.24 spricht der Herr von diesen beiden Seiten Seines Dienstes, Seinen Worten und Seinen Werken. Mit ihrer Ablehnung aber machen die Juden deutlich, dass sie nicht an Ihn glauben wollten. Und die Folge davon ist, dass sie nicht mehr an Ihn glauben konnten.

„Darum konnten sie nicht glauben, weil Jesaja wiederum gesagt hat: „Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verhärtet, damit sie nicht sehen mit den Augen und verstehen mit dem Herzen und sich bekehren und ich sie heile.“ Dies sprach Jesaja, weil er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete“ (V. 39–41).

In der früheren Stelle aus dem Propheten Jesaja wird dann eine Erklärung dafür gegeben. Die Begründung für ihren Unglauben ist die Tatsache, dass Gott ihre Augen verblendet und ihre Herzen verhärtet hat. Sie konnten nicht mehr erkennen, wer da vor ihnen stand, sie konnten nicht mehr sehen, wer Er ist. Das haben wir buchstäblich gerade in Vers 34 gesehen: Sie hatten keinerlei Erkenntnis über Seine Person. Das ist das erste Gericht als Folge ihres Unglaubens. Und dann konnten sie auch nicht mehr mit ihren Herzen an Ihn glauben, ihre Herzen wurden verhärtet – wie ernst!

Der Prophet Jesaja konnte das so klar sehen, weil er die Herrlichkeit des HERRN gesehen hatte. Der Heilige Geist erklärt übrigens hier in Johannes 12, dass der HERR der Heerscharen, der dort in Jesaja 6 auf dem hohen und erhabenen Thron sitzt, Christus ist; Er, der hier auf der Erde in Niedrigkeit wandelte und den Weg nach Golgatha ging. Diese Herrlichkeit offenbart einerseits das Herz Gottes, andererseits aber auch den traurigen Zustand des Volkes. Der Zustand des Volkes damals war so schlecht, dass Gott dieses Gericht der Verhärtung über sie bringen musste. Dieser Stelle in Jesaja 6 gehen ja noch weitere Schilderungen dieses traurigen Zustandes voraus, z.B. Jes 1,3: „Ein Ochse kennt seinen Besitzer, und ein Esel die Krippe seines Herrn; Israel hat keine Erkenntnis, mein Volk hat kein Verständnis. Wehe der sündigen Nation“. Auch Jesaja 5 zeigt diese negative Entwicklung, wo nach dem Lied von dem Weinberg des Geliebten ein sechsfaches Wehe über dieses Volk folgt.

Dieses zweite Zitat wird in Apostelgeschichte 28 noch einmal aufgegriffen, und der Heilige Geist fügt dort noch einen wichtigen Zusatz hinzu; nämlich, dass das gar nicht die Worte Jesajas selbst sind, sondern die Worte des Heiligen Geistes, die Er durch Jesaja gesprochen hat (Vers 25–27). Es kann also niemand sagen, dass dies einfach nur Worte Jesajas selbst seien, die er aufgeschrieben hat. Gott, der Heilige Geist selbst gibt dieses Urteil, dass Er das Herz eines Menschen verhärtet, wenn dieser nicht glauben will. Auch der Herr Jesus zitiert in Matthäus 13,14.15 diese Stelle aus Jesaja 6 und nennt sie dort eine Weissagung Jesajas. Und die Szene dort zeigt, wie Er das Haus Israel verlässt und sich an den See setzt, um sich an alle Menschen zu wenden. Das Herz Seines irdischen Volkes hatte sich verhärtet und dann kommt dieses Gericht, dass Gott ihr Herz verhärtete. Gott verherrlicht sich auch im Gericht!

Jesaja hatte den Herrn auf hohem und erhabenem Thron gesehen und gehört, wie Ihm dieses dreifache „heilig, heilig, heilig“ zugesprochen wurde – und von Ihm geredet. Heute können wir die Herrlichkeit des Herrn auch schon im Alten Testament sehen, aber im Neuen Testament sehen wir sie vollständig entfaltet. Sollten wir dann nicht solche sein, die tiefe Eindrücke von der Herrlichkeit des Herrn Jesus haben – und davon reden? Wir können jetzt mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn schauen (2. Kor 3,18); möchte das unser Leben, unsere Gesinnung und unser Zeugnis prägen!

„Dennoch aber glaubten auch von den Obersten viele an ihn; doch wegen der Pharisäer bekannten sie ihn nicht, um nicht aus der Synagoge ausgeschlossen zu werden; denn sie liebten die Ehre bei den Menschen mehr als die Ehre bei Gott“ (V. 42.43).

Offensichtlich war nicht die ganze Masse des jüdischen Volkes ausnahmslos ablehnend gegenüber dem Herrn Jesus, nicht alle standen gleich in ihrer Rebellion gegenüber Gott und Seinem Christus. Es gab solche, die etwas wahrgenommen hatten in den Zeichen und Worten des Herrn Jesus, und in einer gewissen Hinsicht geglaubt hatten. Sie hatten das, was sie wahrgenommen haben, für wahr gehalten. Bei sieben Begebenheiten wird in diesem Evangelium davon berichtet, dass viele glaubten, zum ersten Mal in Joh 2,23. Dort war es kein wirklicher Herzensglaube, keine innere Überzeugung, die zu einer echten Bekehrung geführt hätte. Es war ein äußerliches Für-Wahr-Halten dessen, was sie gesehen hatten, ohne innerlich davon überführt worden zu sein. Ob das bei den Obersten hier tiefer ging und echten Glauben meint, ist nicht sicher zu sagen[2].

In diesen unterschiedlichen Reaktionen auf die Worte des Herrn erkennen wir wieder einmal die gegenseitigen Auswirkungen des Evangeliums: Es kann Herzen verhärten, und es kann Herzen weich machen – so, wie die Sonne den Ton hart macht und das Eis zum Schmelzen bringt. Das Problem liegt dabei nicht in der Botschaft Gottes und auch nicht in der Art und Weise, wie das Evangelium vorgestellt wird, sondern das Problem liegt in dem Herzenszustand des Menschen.

Auf jeden Fall aber hatten diese Obersten sich nicht offen zu dem Herrn Jesus bekannt. Denn schon bei der Begebenheit mit dem Blindgeborenen hatten die Juden beschlossen, „dass, wenn jemand ihn als Christus bekennen würde, er aus der Synagoge ausgeschlossen werden sollte“ (Joh 9,22). Sie hatten wohl eine gewisse Zustimmung zu dem, was sie gesehen hatten; aber die Tatsache, dass Menschenfurcht einen Fallstrick legt (Spr 29,25), erwies sich auch bei ihnen. Sie wollten nicht Seine Schmach tragen und deshalb stellten sie sich nicht zu Ihm, sondern gegen Ihn.

Ein Beispiel aus dem Alten Testament kann das vielleicht etwas verdeutlichen. Wenn David am Ende seines Lebens zurückblickt und an seine Helden denkt, fehlen in der Aufzählung in 2. Samuel 23 zwei Männer: sein bester Freund Jonathan und sein bester Heeroberster Joab. War es nicht so, dass Jonathan sich nicht in letzter Konsequenz auf die Seite Davids stellen wollte? Und in dem Fall von Joab ging es diesem doch nie um David, sondern immer in erster Linie um sich selbst – er war kein Held Davids, sondern ein Held in eigener Sache.

Hier wird gesagt, dass sie wegen der Pharisäer den Herrn nicht bekannten. Immer wieder begegnen uns diese Pharisäer in den Evangelien. Sie waren eine relativ kleine Gruppe, aber mit einem sehr starken Einfluss auf das religiöse Leben des Volkes. Sie stellten die strengste Sekte der jüdischen Religion dar (Apg 26,5) und wurden vom Herrn wegen ihrer Heuchelei ernst zurechtgewiesen. Aus der Synagoge ausgeschlossen zu werden war so ziemlich das Schlimmste, was einem Juden damals geschehen konnte, und das galt ganz besonders für einen Obersten. Es bedeutete, dass man alle Ämter verlor, dass man sein Ansehen komplett verlor, und damit einher ging eine soziale Ächtung, die einen Juden von dem religiösen Leben komplett ausschloss. Dieses Risiko erschien den Obersten hier zu hoch, und deshalb bekannten sie den Herrn Jesus nicht.

Das war die Konsequenz, die die Obersten fürchteten, aber es gab noch einen zweiten Gesichtspunkt, der ihnen zum Fallstrick wurde: Sie liebte die Ehre bei den Menschen mehr als die Ehre bei Gott. Einerseits hatten sie Furcht vor den Pharisäern, andererseits waren sie von Ehrsucht und Selbstsucht befallen und wollten angesehen sein bei dem Volk. Beides hinderte sie daran, zu glauben. So hatte es der Herr Jesus in Joh 5,44 schon einmal gesagt: „Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmt und die Ehre, die von Gott allein ist, nicht sucht“? Auch da sehen wir die Verbindung von Ehrsucht vor den Menschen und Nicht-Glauben. Wenn man Ehre von Menschen sucht, ist das ein Hindernis, glauben zu können. Einen vollkommenen Kontrast dazu sehen wir bei dem Herrn Jesus selbst, der keine Ehre von Seiten der Menschen angenommen hat (Joh 5,41).

Wenn wir an Nikodemus denken (Joh 7,50.51), haben wir sicher eine Ausnahme von dem, was hier von den Obersten gesagt wird, auch bei Joseph von Arimathia. Das waren solche, die wirklich geglaubt haben. Noch hatten sie sich zwar nicht öffentlich zu dem Herrn Jesus bekannt, aber nachdem der Herr Jesus gestorben war, traten sie aus ihrer Verborgenheit ans Licht (Joh 19,38–42).

Stellen wir uns einmal ganz praktisch in das Licht dieser Worte: Was hindert uns daran, den Herrn öffentlich zu bekennen? Sind das nicht auch diese beiden Punkte, die uns ein Hindernis darin sind? Sind wir frei von Menschenfurcht, oder haben wir Angst, den Herrn zu bekennen? Ist das nicht oft der Grund dafür, dass wir schweigen statt zu bekennen? Aber auch die andere Seite, dass wir gern Ehre und Ansehen haben möchten und vermuten, dass wir das verlieren, wenn wir uns klar positionieren, kann eine Gefahr für uns sein.

Gehen wir noch einen Schritt weiter und spiegeln diese Fragen auf unser Leben als Geschwister untereinander. Kann es nicht auch da sein, dass wir manchmal etwas nicht tun, was wir tun sollten, weil wir Angst vor anderen haben, oder weil wir meinen, unser Ansehen zu verlieren? Gerade zwischen den Generationen der Geschwister an einem Ort kann das der Fall sein. Jüngere Geschwister haben oft nicht den Mut, etwas vorzubringen, wenn sie von älteren Brüdern gleich korrigiert werden, manchmal auch in nicht angemessener Weise. Die nächste Generation braucht erstens eine gesunde Belehrung und zweitens ein Verhältnis des Vertrauens zu denen, die älter geworden sind. Und dabei ist das erste genauso wichtig wie das zweite! Wir wollen uns dem Ernst dieser Worte auch für unser persönliches Leben sowohl vor den Menschen dieser Welt als auch vor Glaubensgeschwistern nicht verschließen.

„Jesus aber rief und sprach: Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat; und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat“ (V. 44.45).

In diesem Abschnitt bis Vers 50 stehen die abschließenden Worte des Herrn in der Öffentlichkeit im Vordergrund. Es ist wie eine Zusammenfassung Seiner Unterweisungen im Johannesevangelium. Noch einmal stellt Er sich als den Gesandten vom Vater vor. Und Er ist nicht nur der Gesandte vom Vater, Er ist auch der, der die Glaubenden in Verbindung mit dem Vater bringt. Wer an den vom Vater Gesandten glaubt, der glaubt an den Vater, in dessen Auftrag Er hier auf der Erde war. Wir finden in diesen Worten den ganzen Segen, der in Seiner Person für den Glaubenden gekommen ist: Er ist der Weg zum Vater. In Vers 44 und 45 geht es um den Vater, und in Vers 46 geht es um Gott.

Wir finden sehr selten von dem Herrn Jesus, dass Er gerufen hat. Dieses Rufen zeugt von der Dringlichkeit der Botschaft, die Er hier noch ein letztes Mal in der Öffentlichkeit anbietet. In dieser abschließenden Botschaft geht es um eine ganz persönliche Sache, das wird durch das wiederholte „wer“ deutlich. Was das Glauben betrifft, kann man sich nicht hinter anderen oder in einer Gruppe verstecken. Zu glauben ist eine höchst persönliche Sache. Dazu ruft der Herr Jesus hier noch ein letztes Mal auf. Und wer Ihn sah, sah mehr als Ihn selbst, denn Er ist die vollständige, abgeschlossene Offenbarung des Vaters (Joh 14,9). Wenn man zu dem Herrn Jesus kam und Ihn annahm, hatte man nicht nur den Sohn, dann hatte man auch den Vater. Andererseits, wer den Sohn nicht hat, hat auch den Vater nicht. Wunderbares Eins-Sein zwischen dem Vater und dem Sohn (Joh 10,30).

Der Herr sagt nicht: „wer mir glaubt...“, sondern: „wer an mich glaubt...“. Kein Mensch kann von sich sagen, dass man an ihn glauben soll. Das kann nur eine Person der Gottheit sagen.

„Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe“ (V. 46).

Wenn es in Vers 44 und 45 um den Vater gegangen ist, geht es in diesem Vers um Gott. Wer an den Herrn Jesus glaubt, kommt erstens in eine Beziehung zum Vater. Und wer an Ihn als die Offenbarung Gottes – das Licht – glaubt, sich in dieses Licht stellt und in diesem Licht den Weg zur Errettung sieht und annimmt, der kommt aus der Finsternis in das wunderbare Licht Gottes. Er kommt aus der Finsternis der Welt zu Gott ins Licht. In Joh 8,12 hatte der Herr Jesus etwas ganz Ähnliches gesagt: „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben“.

Mit den Worten „Ich bin“ weist sich der Herr Jesus als der Ewige aus, der „Ich bin“ des Alten Testaments (2. Mo 3,14). Es zeigt Seine ewige Gottheit, und zwar in Übereinstimmung mit dem, was Gott im Alten Testament von sich gesagt hat. Kann ein Mensch, der nicht Gott ist, als Licht kommen?

Zum letzten Mal spricht der Herr in diesem Vers von sich als dem Licht, das in die Welt gekommen ist. Die ganze Reichweite dieses Angebotes in dem Herrn Jesus wird darin deutlich: Es gilt der ganzen Welt, nicht nur Israel. Jeder, der an Ihn glaubt, wird an diesem gewaltigen Segen teilhaben. Die Welt ist der Bereich, wo Er von den Menschen abgelehnt wurde – und doch ruft Er den Menschen dieser Welt noch einmal diese Botschaft zu. Es gibt nur einen Weg, aus der Finsternis in das Licht zu kommen. Wer diesen Schritt des Glaubens nicht tut, bleibt in der Finsternis und geht dem unabwendbaren Gericht entgegen. Wie furchtbar, dass es solche gibt, die in der Finsternis bleiben. Das ist nicht nur ein Zustand der Unwissenheit über Gott, es ist der Inbegriff des Bösen.

Es fällt auf, dass der Herr Jesus in Vers 44 sagt, dass Er gesandt wurde, und in diesem Vers 46, dass Er gekommen ist. Das sind zwei unterschiedliche Gesichtspunkte derselben Tatsache. Der Herr Jesus ist vom Vater gesandt worden; wenn Er davon spricht, ist Er der abhängige und gehorsame Diener, der nichts anderes tut als den Willen des Vaters. Aber wenn Er jetzt sagt, dass Er gekommen ist, dann zeigt uns das, dass Er in der vollen Freiwilligkeit Seines Willens selbst diesen Weg gehen wollte und Mensch geworden ist. Und es zeigt auch, dass Er vor Seinem Kommen schon existiert hat, es zeigt Seine ewige Existenz als Gott, der Sohn.

„...und wenn jemand meine Worte hört und nicht bewahrt, so richte ich ihn nicht, denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um die Welt zu erretten“ (V. 47).

In Joh 3,17 hatte der Herr Jesus gesagt: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern damit die Welt durch ihn errettet werde“. Hier spricht Er von der ernsten Konsequenz, dass jemand Seine Worte hört und nicht bewahrt, nicht in sein Herz aufnimmt, was schlussendlich Unglaube bedeutet. Ein solcher steht unter dem Gericht.

Es ist die gleiche Aussage, und doch liegt der Unterschied zu Joh 3,17 darin, dass wir Ihn dort als den vom Vater Gesandten sehen, und hier in diesem Vers ist Er der, der in aller Freiwilligkeit selbst gekommen ist. Es sind wieder diese beiden wunderbaren Seiten Seiner Person, wie wir sie eben in Vers 44 und 46 gesehen haben.

Wenn der Herr hier sagt, dass Er einen solchen, der Seine Worte nicht bewahrt, nicht richtet, so meint das, dass Er ihn nicht sofort, in diesem Augenblick, wo Er als Mensch bei ihnen war, richten würde. Denn Er war ja gekommen, um die Gnade allen Menschen anzubieten. Aber das endgültige Gericht wird ohne Zweifel durch Ihn ausgeübt werden (Joh 5,22; Off 20,11–15).

„Wer mich verwirft und meine Worte nicht annimmt, hat den, der ihn richtet: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am letzten Tag“ (V. 48).

Der Herr spricht hier von einem zweifachen Ablehnen: Zum einen geht es um Ihn als Person und zum anderen um Seine Worte. Man kann diese beiden Haltungen nicht voneinander trennen. Man kann nicht die Person des Herrn annehmen und Seine Worte ablehnen, und auch umgekehrt nicht. Wenn man Seine Worte wirklich annimmt, dann nimmt man auch Ihn als Person an. Immer wieder haben wir im bisherigen Verlauf dieses Evangeliums diese Zusammenfügung von Seiner Person und Seinen Worten gefunden. Dabei fällt auf, dass Er in diesem Vers nicht von Seinen Werken spricht, das dritte Element, das oft in diesem Zusammenhang noch genannt wird. Hier spricht Er nur noch von Seiner Person und Seinen Worten. Die Werke waren eine zusätzliche Hilfestellung zum Glauben; aber der wirkliche Glaube ist der Glaube an Seine Person und an Sein Wort.

Verwerfen ist ein sehr starker Ausdruck, er impliziert, dass man etwas geprüft hat und es für untauglich befunden hat. Der Vater hatte den einzig Tauglichen gesendet, und der Mensch sieht sich diesen Gesandten an und sagt: „Untauglich!“ Das bedeutet auch, dass sich ein solcher in totalem Widerspruch zum Vater befindet. Wie ernst ist das!

Damals war der Herr Jesus nicht gekommen, um das Gericht auszuüben, aber der Tag wird kommen, an dem das Gericht einmal durch Ihn ausgeübt werden wird. Und das ist am letzten Tag, am Ende. Am Ende wird gerichtet. Es sollte niemand denken, weil der Herr Jesus damals nicht gekommen ist, um zu richten, dass er nicht gerichtet werden würde. Er wird gerichtet werden – am letzten Tag.

Drei Mal im Johannesevangelium ist von dem letzten Tag die Rede (Joh 6,39.40; 11,24; 12,48). In den ersten beiden Stellen steht er in Verbindung mit der Auferweckung, und hier in Verbindung mit dem Gericht. Das Gericht wird stattfinden am Ende des 1000-jährigen Reiches, die Auferweckung der Gläubigen aber vor dem 1000-jährigen Reich. Der letzte Tag ist ein sehr umfassender Ausdruck; die Juden erwarteten einen letzten Tag der damaligen Haushaltung, durch den sie in die Segnungen des 1000-jährigen Reiches eingeführt werden würden. Die in den Heilswegen Gottes eingeschaltete Zeit der Versammlung und die Entrückung der Gläubigen finden dabei keine Berücksichtigung. Dieser letzte Tag beginnt mit der ersten Auferstehung und endet mit dem Gericht am großen weißen Thron.

In diesen beiden Versen werden zwei verschiedene griechische Ausdrücke für „Wort“ verwendet. In den ersten beiden Fällen bezeichnet der Ausdruck die einzelnen Aussprüche oder Mitteilungen. Am Ende von Vers 48 ist es dann die volle Offenbarung, das Wort in seiner Gesamtheit. Der Herr Jesus weist also zunächst auf Seine Aussprüche hin, und dann auf die volle Offenbarung, die Er gegeben hat. Jeder einzelne Ausspruch des Herrn Jesus war absolut das, was der Vater in diesem speziellen Augenblick geredet haben wollte. Obwohl die Menschen diese einzelnen Aussprüche des Herrn Jesus in ihrer menschlichen Sprache hörten, hörten sie doch die Sprache des Himmels, hörten Gott reden.

Warum sagt der Herr hier, dass ein solcher, der Ihn verwirft und Seine Worte nicht annimmt, durch das Wort gerichtet wird? Ist Er es denn nicht, der das Gericht ausführen wird? Wenn heute jemand das Gesetz übertritt und deshalb vor Gericht erscheinen muss, wer richtet ihn dann? Da ist ein Richter, der das Gericht ausspricht im Namen des Gesetzes. So richtet der Herr Jesus auf der Basis dessen, was Er offenbart hat, auf der Basis des Wortes. Es ist kein willkürliches Gericht, sondern das Gericht basiert auf der vollen Offenbarung, die Er gegeben hat.

„Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, er hat mir ein Gebot gegeben, was ich sagen und was ich reden soll; und ich weiß, dass sein Gebot ewiges Leben ist. Was ich nun rede, rede ich so, wie mir der Vater gesagt hat“
(V. 49.50).

Es ist ergreifend, wie der Herr Jesus, der in diesem Evangelium ja in seiner größten Herrlichkeit als der ewige Sohn Gottes vor uns steht, hier als abhängiger Mensch sagt, dass Er nicht aus sich selbst geredet hat. Hätte Er nicht alles Recht gehabt, zu sagen, dass Er als Gott, der Sohn, gesprochen hat? Dieser erste Teil des Evangeliums endet mit einem Zeugnis über Ihn selbst, dass Ihn als den abhängigen Menschen in Seiner Niedrigkeit darstellt. Das ist zutiefst bewegend! Er bleibt bis zum Schluss Seines öffentlichen Dienstes dieser abhängige Mensch, der nur das tut, was der Vater Ihm gesagt hat, und der dieses Gebot befolgt, das der Vater Ihm gegeben hat. „Ich ehre meinen Vater“ (Joh 8,49).

Das Nicht-Annehmen der Worte des Herrn ist genauso ernst wie das Verwerfen des vom Vater Gesandten. Denn auch Seine Worte werden hier auf den Vater zurückgeführt. Und nicht nur das: Sie waren sogar ein Gebot des Vaters. Der Herr Jesus hatte also das geredet, was der Vater Ihm geboten hatte. Wer daher Seine Worte nicht annahm, der lehnte nicht einfach Worte ab, sondern Worte der höchsten Instanz. Was für eine Botschaft bleibt noch übrig für Menschen, die dieses Gebot des Vaters, das ewiges Leben ist, ablehnen? Es gibt dann kein anderes Wort mehr für solche Menschen, als nur noch Gericht am letzten Tag. Was für eine Zusammenfassung und trauriger Abschluss des öffentlichen Dienstes des Herrn in diesem Evangelium!

Der Herr Jesus hatte auch in Joh 10,17.18 von einem Gebot gesprochen, das Er von dem Vater empfangen hatte. Und es scheint, dass diese beiden Stellen einen engen Zusammenhang haben. Es war eine Sache, dass der Herr durch Sein Hiersein auf der Erde das ewige Leben in seiner ganzen Fülle dargestellt hat. Aber damit wir Menschen Nutznießer davon werden konnten, damit wir in Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, und dem Sohn kommen konnten, musste Er Sein Leben geben und es jenseits des Todes wiedernehmen.

Vier Mal in diesem letzten Abschnitt ist in den Worten des Herrn Jesus das „ich“ stark betont: „Ich bin als Licht in die Welt gekommen“ (Vers 46); „Ich richte ihn nicht“ (Vers 47); „Ich habe nicht aus mir selbst geredet“ (Vers 49); „was ich nun rede, rede ich so, wie mir der Vater gesagt hat“ (Vers 50). Das macht die Bedeutung Seiner Person im Zusammenhang mit den jeweiligen Aussagen deutlicher und legt noch einmal ein besonderes Licht darauf. Bemerkenswert ist auch in Vers 49 und 50, dass der Herr betont, dass Er das was und das wie Seiner Worte in völliger Abhängigkeit von dem Vater gesprochen hat. Wunderbare Vollkommenheit in Seinen Worten!


Fußnoten:

  1. Anmerkung des Verfassers: insgesamt acht Zeichen erwähnt Johannes in seinem Evangelium, sieben vor dem Kreuz, und eins nach dem Kreuz:

    • bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1–11) – nur der Sohn Gottes ist der, der bleibende Freude geben kann
    • die Heilung des Sohnes des königlichen Beamten (Joh 4,46–54) nur der Sohn Gottes hat lebensspendende Kraft, die aus der Ferne wirkt
    • die Heilung des Gelähmten am Teich Bethesda (Joh 5,1–18;6,2) – nur der Sohn Gottes kann Leben geben losgelöst vom Gesetz
    • die Speisung der 5000 (Joh 6,1–14) – nur der Sohn Gottes ist das Brot des Lebens, das aus dem Himmel herabgekommen ist
    • das Wandeln auf dem See (Joh 6,16–26) – nur der Sohn Gottes steht als der Schöpfer über den Naturgesetzen
    • die Heilung des Blindgeborenen (Joh 9,1–16) – nur der Sohn Gottes ist das Licht der Welt
    • die Auferweckung des Lazarus (Joh 11,1–44;12,17.18) – nur der Sohn Gottes kann Leben aus dem Tod geben, Er ist die Auferstehung und das Leben
    • der große Fischfang (Joh 21,1–14) – nur durch den Sohn Gottes gelangen Menschen aus den Nationen in die Segnungen des 1000-j. Reiches
    • Die übrigen Stellen sind: Joh 4,39; 7,31; 8,30; 10,42; 11,45 und hier in 12,42
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