Die Beziehung von Gläubigen zum Herrn Jesus hat viele wunderbare Facetten. Das kommt auch in den unterschiedlichen Titeln zum Ausdruck, mit denen Er damals seine Jünger ansprach. Er nannte sie „die Meinen (w. Eigenen)“ (Joh 10,14) – ein Ausdruck der engen Zugehörigkeit der Seinen zu Ihm (vgl. Joh 13,1). Auch als „Kinder (o. Kindlein)“ redete Er sie an (Joh 13,33) – ein Ausdruck besonderer Zuneigung zu ihnen. Wenn Er sie „meine Jünger“ nannte (Joh 13,35), ging es besonders darum, dass sie von Ihm lernten, Ihm folgten und Ihn nachahmten.
In Johannes 15 spricht Er sie in diesem Evangelium erstmals als seine „Freunde“ an. Über diesen Titel und besonders die Belehrungen, die der Herr Jesus damit verbindet, wollen wir etwas nachdenken.
Er liebt seine Freunde
„Größere Liebe hat niemand als diese, dass jemand sein Leben lässt für seine Freunde“ (Joh 15,13).
Der Herr Jesus hatte seine Jünger darüber belehrt, dass sie einander lieben sollen. Ihre Liebe untereinander soll genauso sein wie seine Liebe zu ihnen: „wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15,12). Und dann spricht Er nicht über die Heilandsliebe zu Sündern, sondern über Liebe zu Freunden. Er würde sein Leben für seine Freunde lassen und ihnen damit den höchsten Beweis wahrer Freundesliebe geben, den es überhaupt gibt. Liebe von dieser Art sollten Freunde untereinander haben.
In ihrem unendlichen Wert, in dem stellvertretenden Charakter seines Opfers und in den gesegneten Folgen seiner Hingabe steht seine Liebe in Ewigkeit einzigartig da. Und doch ist es gerade die Bereitschaft zu bedingungsloser Hingabe, die sich auch in unserer Liebe zueinander wiederfinden soll (siehe auch 1. Joh 3,16).
Schnell denkt man bei diesen Worten des Herrn daran, dass es doch sicher mehr sei, für Feinde zu sterben als für Freunde. Dabei darf man jedoch nicht den Charakter der Liebe übersehen, wie er hier vorgestellt wird. Hier geht es nicht um die Liebe Gottes zur Welt, die keinen Anlass braucht (und auch keinen findet), um zu lieben (vgl. Röm 5,8). Hier geht es um den Beweis der Liebe in einer bestehenden Beziehung. Christus sah seine Jünger, „seine Freunde“ vor sich, als Er am Kreuz sein Leben ließ. Wie gesagt, deutlicher kann man Freundesliebe nicht unter Beweis stellen. Was musste in den Herzen der Jünger vor sich gegangen sein, als ihnen bewusst wurde, dass Er sie meinte, als Er von „seinen Freunden“ sprach.
Der Herr Jesus wird seine Freunde nach vollbrachtem Werk in der Welt zurücklassen und zum Vater hingehen. Aber diese Liebe, die sich hingibt, „hat“ Er zu ihnen. Sie findet ihren höchsten Ausdruck am Kreuz, aber sie endet dort nicht. Er hat diese Liebe zu seinen Freunden und wird sie immer haben.
Seine Freunde gehorchen ihm
„Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete“ (Joh 15,14).
„Meine Freunde“! Unvorstellbare Gnade! Der Sohn Gottes, der Gegenstand der ewigen Liebe des Vaters, die höchste Person des Universums, nennt sie, die fehlerbehafteten und oft gleichgültigen Jünger „seine Freunde“. Wenn ein Geringerer von einem Mächtigen als Freund bezeichnet wird, dann hebt der Mächtige ihn auf seine Stufe. Es ist jedoch eher respektlos, wenn der Geringe den Mächtigen als Freund bezeichnet. Denn dann zieht er ihn auf sein Niveau herab. Und so nannten die Jünger ihren Meister „Lehrer und Herr“ (Joh 13,13).
„Wenn ihr tut, was ich euch gebiete.“ Sicher will der Herr damit nicht sagen, dass eine ungehorsame Tat das Freundschaftsverhältnis sofort beendet. Die Jünger hatten neues Leben, das grundsätzlich durch Gehorsam geprägt ist (vgl. 1. Joh 2,3). Und so blieben sie in dieser Hinsicht immer seine Freunde. Aber den wahren Wert dieser Beziehung weiß nur derjenige zu schätzen, der dem Herrn gehorsam ist.
Ein König ist souverän, einen Untertan als Freund zu bezeichnen. Dieser Untertan wird sich freuen, als Freund des Königs zu gelten, würde es aber nicht wagen, seine Position als Untertan zu verlassen. So erkennt der Jünger, auch wenn der Herr ihn „Freund“ nennt, seine Autorität weiter gern an und zeigt seine Liebe durch Gehorsam (vgl. Joh 14,15.21.23). Diese Liebe ist nicht sentimental, sondern einsichtsvoll. Sie sucht Übereinstimmung mit seinen Gedanken, und das nicht allein in Worten, sondern in Tat und Wahrheit.
Glaubensgehorsam war ein herausragendes Kennzeichen Abrahams, der „Freund Gottes“ genannt wurde (Heb 11,8; Jak 2,20–23). Und so kam Abraham in den Genuss eines weiteren Vorrechts, das der Herr Jesus auch den gehorsamen Freunden heute zuspricht: vertrauter Umgang mit Ihm und Einblick in sein Herz.
Er vertraut sich seinen Freunden an
„Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört habe, euch kundgetan habe“ (Joh 15,15).
Solche, bei denen Gehorsam nicht sklavisch ausgeübt wird, sondern der Ausdruck der Liebe ist, behandelt der Herr Jesus nicht mehr nur als Knechte, sondern als Freunde. Und ein Beweis echter Freundschaft ist es, die Freunde ins Vertrauen zu ziehen, sie an den verborgenen Gedanken des Herzens teilhaben zu lassen. Für ein solches Verhältnis der Nähe und Vertrautheit ist „Knecht“ nicht mehr der passende Titel. Der Knecht empfängt Anweisungen und ist verpflichtet, sie auszuführen (vgl. Lk 17,10). Knecht eines solchen Meisters zu sein, ist zwar ein großes Vorrecht, aber Freund zu sein, ist ein größeres. Der Knecht kennt die Absichten seines Herrn nicht. Der Freund dagegen ist eingeweiht in die vertrautesten Gedanken.
Die vertrauten Mitteilungen an seine Jünger beschreibt der Herr Jesus mit den Worten: „alles, was ich von meinem Vater gehört habe“. Letztlich bedeutet das: Er offenbarte ihnen den Vater. Alle Worte, die Er sprach, waren Ihm vom Vater gegeben worden. Das, was der Vater über sich kundtun wollte, redete der Sohn auf der Erde zu seinen Freunden (vgl. Joh 12,49.50; 14,24). Und wie liebevoll und vertraut waren die Mitteilungen des Sohnes über den Vater. Einige Beispiele dazu aus dem Johannesevangelium:
- Der Vater sucht Anbeter (Joh 4,23).
- Es ist der Wille des Vaters, dass jeder, der an den Sohn glaubt, ewiges Leben empfängt (Joh 6,40).
- Niemand kann zum Sohn kommen, wenn der Vater ihn nicht zieht (Joh 6,44).
- Der Vater ist eins mit dem Sohn und hat dasselbe Interesse für die Seinen (Joh 10,28–30).
- Der Vater wird alle ehren, die seinem Sohn dienen (Joh 12,26).
- Der Vater wird bei denen „Wohnung machen“, die den Sohn lieben und sein Wort halten (Joh 14,23).
- Der Vater wird ihnen den Heiligen Geist als Sachwalter senden (Joh 14,26).
- Der Vater hat in seinem Haus viele Wohnungen für die Gläubigen (Joh 14,2).
Das ist der Inhalt einiger Mitteilungen des Herrn Jesus an seine Freunde. Er erwartet von seinen Freunden nichts weiter, als dass sie Ihm zuhören und sich für das interessieren, was Ihm viel bedeutet. Ein Knecht empfängt Befehle, um sie auszuführen. Propheten empfingen Worte Gottes, um diese weiterzugeben, wobei sie deren Bedeutung oft nicht verstanden (vgl. auch Amos 3,7). Aber ein Freund lernt Geheimnisse kennen, einfach weil er zu den Vertrauten zählt.
Ist uns bewusst, wie wertvoll dieses Vorrecht ist? Hier geht es nicht darum, vor Ihm zu knien, um etwas zu erbitten. Auch nicht darum, vor Ihm zu stehen, um zu dienen und Befehle zu empfangen. Hier geht es nicht vorrangig um Verantwortung und Verpflichtungen. Hier geht es einfach darum, wie Maria ruhig zu den Füßen Jesu zu sitzen und allem mit Interesse zuzuhören, was Er uns anvertrauen möchte. Er hält seinen Freunden gegenüber nichts zurück. Alles, was im Herzen des Vaters ist, teilt Er uns mit. Nicht alles davon betrifft uns direkt. Aber weil es Dinge sind, die sein Herz bewegen, müssen sie auch uns interessieren.
Seine Freunde vertrauen sich Ihm an
„… damit, um was irgend ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, er euch gebe“ (Joh 15,16).
Der vertraute Umgang kennt aber nicht nur eine Richtung. Abraham, der Freund Gottes, erhielt von Gott die vertraute Mitteilung des anstehenden Gerichts über Sodom (1. Mo 18,17). Aber diese vertraute Nähe gab Abraham auch die Kühnheit, Gott für Lot und dessen Familie zu bitten, während die Engel sich zurückzogen. Genauso war es bei Mose, mit dem Gott redete, „wie ein Mann mit seinem Freund redet“ (2. Mo 33,11). Er scheute sich nicht, mit kühnen Worten vor Gott für das Volk einzutreten – und wurde erhört. Ebenso David, der als „Mann nach dem Herzen Gottes“ gewiss auch die vertraute Nähe zu seinem Gott kannte. Er setzte sich vor dem Herrn nieder, nachdem dieser ihm Mitteilungen über die Zukunft des Königtums gemacht hatte. Und dann „fasste er sich ein Herz“, Gottes Segen für sein Haus zu erbitten (2. Sam 7,18.27). Der Jünger, den Jesus liebte, lag im Schoß Jesu, in allernächster Nähe zu seinem Meister. So konnte er durch seine schlichte Frage dem Herrn das Geheimnis entlocken, wer der Verräter sein würde (Joh 13,25). Auch Paulus genoss das Vertrauen eines Freundes, und der Herr vertraute ihm die Verwaltung seines größten Geheimnisses an: Christus und seine Versammlung. Diese Nähe zum Herrn gab ihm Mut zu einem besonderen Gebet um Kraft für die Empfänger seines Dienstes, damit sie diese großen Gedanken des Herzens Gottes auch erfassen könnten (Eph 3,8.14–16).
Und wenn wir diesen vertrauten Umgang mit unserem Herrn kennen und mit Interesse seinen Mitteilungen zuhören, werden wir mehr und mehr seinen Gedanken und seinem Willen entsprechen. Dann werden wir kühn unsere Bitten vortragen und es werden Bitten „in seinem Namen“, das heißt in Übereinstimmung mit seinem Willen sein – mit der Verheißung, dass sie erhört werden.
Was für ein Vorrecht liegt in den Worten unseres Herrn: „Ihr seid meine Freunde“!
[Aus: Im Glauben Leben]
