Frage: In Lukas 23,48 heißt es, dass das Volk sich nach der Kreuzigung an die Brust schlug und wegging. Manche meinen, dass es sich um Genugtuung handelt. In katholisch geprägten Regionen kennt man diese Geste allerdings als Schuldeingeständnis. Zeigten die Volksmengen unmittelbar nach der Kreuzigung bereits ein (erstes) Zeichen von Reue? Der Zöllner in Lukas 18 schlug sich schließlich auch an die Brust und sagte: „O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!” (Lk 18,13).
„Und alle Volksmengen, die zu diesem Schauspiel zusammengekommen waren, schlugen sich, als sie sahen, was geschehen war, an die Brust und kehrten zurück“ (Lk 23,48).
In der katholischen Liturgie war es bis zum zweiten Vatikanischen Konzil üblich, sich während des Schuldbekenntnisses („Confiteor”) bei den Worten „mea culpa, mea culpa, mea maximal culpa“ dreimal an die Brust zu schlagen. Diese Geste unterstrich das persönliche Schuldeingeständnis und die Bitte um Vergebung. In einigen Regionen ist diese Geste noch immer verbreitet.
Es stellt sich die Frage, ob die Geste in Lukas 23 auch diese Bedeutung hat. Hätte sie diese Bedeutung, wäre es sehr positiv: Diejenigen, die zu einem Schauspiel zusammengekommen waren, um sich zu belustigen, hätten am Ende eingesehen, dass sie falsch gehandelt hatten. Erklären könnte man dies damit, dass sie die Art des Herrn gesehen hatten, wie Er die Leiden erduldete; dass sie die Worte – insbesondere das Gebet um Vergebung – gehört hatten und auch die Zeugnisse von dem Verbrecher und dem Hauptmann. Außerdem schlug sich auch der Zöllner in Lukas 18 bei seiner Bitte um Gnade an die Brust (Lk 18,13).
Es ist schwierig, Gesten zu interpretieren, die 2000 Jahre und mehr zurückliegen. Doch es gibt mindestens zwei weitere Stellen in Gottes Wort, an denen wir diese Geste finden:
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Jesaja 32,12: In Jesaja 32,9 bis 11 warnt der Prophet die Sorglosen, die meinen, dass sie tun könnten, was immer sie wollen, ohne eine Konsequenz zu erfahren. Anschließend stellt Jesaja deutlich die Konsequenzen vor: Der ganze Segen und Wohlstand des Landes würde vernichtet werden. Erst zu einem späteren Zeitpunkt – wenn das Volk Buße tun würde –, würde Gott seinen Geist über sie ausgießen und das Volk und das Land wieder segnen. Das Schlagen an die Brust in Vers 12 kann also keine Geste der Reue sein (die wird es erst bei der Erscheinung des Herrn geben; vgl. Jes 44,3), sondern eher der Verzweiflung.
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Nahum 2,8: Dieser Vers beschreibt die Zustände, die zur Zeit der Belagerung der Stadt Ninive herrschten (Nah 2,6). Die Stadt würde der Belagerung nicht standhalten (Nah 2,7.8a). Deswegen stöhnen die Mägde in der Stadt und schlagen sich an die Brust. Auch hier kann man keinesfalls an Reue denken, sondern an Angst und Verzweiflung davor, dass die Stadt fallen wird.
Das Schlagen an die Brust ist in der Bibel also eine Geste der Verzweiflung und Angst. Die gleiche Bedeutung hat sie auch in dem Gleichnis in Lukas 18. Der Zöllner ist sich seiner Sünde bewusst – und dass er dafür Gericht verdient hat. Er schlägt sich an die Brust, weil er Angst vor diesem Gericht hat und verzweifelt ist. Doch mit dieser Angst wendet er sich an Gott und bittet um Gnade.
So müssen wir auch das An-die-Brust-Schlagen der Volksmenge in Lukas 23 verstehen. Sie hatten tatsächlich gesehen, wie jener einzigartige Mensch „gescholten, nicht widerschallt, leidend nicht drohte“ (1. Pet 2,23). Sie hatten die Worte der Gnade gehört, die Er in den furchtbaren Leiden aussprach (Lk 23,34.43), und auch die Worte, mit denen Er seinen Geist übergab (Lk 23,46). Und außerdem waren da noch die Zeugnisse des anderen Übeltäters (Lk 23,41) und des Hauptmanns (Lk 23,47). Dies alles muss bei ihnen Angst vor einem verdienten Gericht hervorgerufen haben.[1] Und als äußere Geste schlugen sie sich an die Brust. Dass sie anschließend zurückkehrten – in ihre Häuser –, zeigt auch, dass keine Reue und Buße vorhanden war. Andernfalls hätten sie ihre Kleider zerreißen oder zum Tempel eilen können, um Sündopfer zu bringen. Nichts dergleichen taten sie. Die Reue und Buße (wenigstens einiger von ihnen) finden wir erst später. Nach der ersten großen Rede von Petrus in Jerusalem „drang es ihnen durchs Herz” und Petrus forderte sie auf, Buße zu tun (Apg 2,37.38).
Entgegen der katholischen Liturgie ist das An-die-Brust-Schlagen in der Bibel keine Geste, die Reue oder Buße ausdrückt. Diese Geste spricht von Angst und Verzweiflung.
Fußnoten:
- So sehen es auch bewährte Ausleger: „Aber die Masse war von dem Gefühl erfüllt, Dinge zu erleben, die sie nicht kannte“ (W. Kelly). „Die Volksmengen schlugen sich an die Brust und kehrten zurück. Sie ahnten nichts Gutes“ (J.N. Darby). „Selbst die Volksmengen, die aus krankhafter Sensationslust zusammengeströmt waren, wurden von banger Furcht und schlimmen Vorahnungen ergriffen“ (F.B. Hole).
