Die erste Anfeindung, die Paulus nach seiner Bekehrung nach dem Bericht von Lukas erlebte, war der geplante Mordanschlag der Juden in Damaskus (Apg 9,23–25). Wir lesen, dass die Jünger Paulus bei Nacht in einem Korb die Stadtmauer hinabließen, um ihm zur Flucht zu verhelfen. Wahrlich eine demütigende Art, diese Stadt zu verlassen, der er sich einst voll religiösem Stolz und Mordeifer genähert hatte. Warum wurde er nicht durch ein Wunder befreit wie Petrus aus dem Gefängnis in Apostelgeschichte 12? Warum musste er die Stadt auf diese wenig ruhmreiche Weise verlassen?

Eine Antwort finden wir in den vorhergehenden Versen. Dort sagt der Herr zu Ananias: „Ich werde ihm zeigen, wie viel er für meinen Namen leiden muss“ (Apg 9,16). In 2. Korinther 11 kommt Paulus noch einmal auf diese Begebenheit zu sprechen. Die Korinther standen in Gefahr, Paulus zu verachten, weil er in seinem Äußeren, in seinem Auftreten und in seinem Dienst aus ihrer Sicht die Kennzeichen eines Apostels vermissen ließ. Sie schauten zu solchen auf, die „die Gestalt von Aposteln Christi“ annahmen, indem sie sich selbst empfahlen, sich ins Maßlose selbst rühmten und mit Redegabe und gewaltigen Worten auftraten. Sie zwangen Paulus dadurch dazu, ein Tor zu werden, weil er das tun musste, was eigentlich nur Toren tun: Er musste über sich selbst reden (2. Kor 11,16; 12,11).

Um zu zeigen, dass er „in nichts den ausgezeichnetsten [d.h. den von ihnen so hochgejubelten, selbst ernannten] Aposteln nachgestanden“ hatte, fängt Paulus an, sich selbst zu rühmen. Sein Ruhm bestand, wie er sagt, „in Mühen …, in Gefängnissen …, in Schlägen …, in Todesgefahren“ (2. Kor 11,5.23). Der Apostel zählt eine lange Leidensliste auf. Und er beendet diese Liste mit der Begebenheit aus Damaskus, als er in einem Korb die Stadtmauer hinabgelassen wurde, obwohl dies ganz am Anfang seines Dienstes stattfand. Der Herr hatte seinem Knecht von Beginn an gezeigt, dass Leiden das Teil eines treuen Dieners und Apostels sind (vgl. auch 2. Kor 6,4–10; 12,12). So lernte Paulus, dass das Leben für ihn nach seiner Bekehrung anders weiterging als davor. Nicht von Erfolg zu Erfolg wie früher (vgl. Phil 3,4–6). Sein Lebensweg war von Anfang an ein Weg des „Hinabgelassenwerdens“ und „Entkommens“ – es ging für ihn ständig hinab, hinab, hinab.

Doch warum musste Paulus das so früh lernen? Der Herr wollte ihn lehren, dass seine Kraft nicht im Vertrauen auf sich selbst und seine hervorragenden Eigenschaften und Fähigkeiten liegen würde, sondern im Bewusstsein seiner Schwachheit. So konnten Paulus die höchsten Offenbarungen anvertraut werden und er wurde sogar bis in den dritten Himmel entrückt – und er blieb doch in seinen eigenen Augen immer Paulus, „der Kleine“ und dachte nicht hoch von sich wie die „ausgezeichnetsten (falschen) Apostel“. Er lernte zu sagen: „Daher will ich mich am allerliebsten viel mehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft des Christus über mir wohne. Deshalb habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Schmähungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten für Christus; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2. Kor 12,9.10).

Und wir? Wollen wir, wie die Jünger, auf Thronen zur Rechten und zur Linken des Herrn sitzen in seinem Reich? Dann müssen wir uns auch die Frage des Herrn gefallen lassen: „Könnt ihr den Kelch [d.h. den Leidenskelch] trinken, den ich trinken werde?“ (Mt 20,21.22). Oder wollen wir, wie die Korinther, in der Versammlung herrschen, indem wir uns zu unserer eigenen Verherrlichung betätigen? Dann sollten wir uns erinnern, dass das Los eines Dieners ein anderes ist (1. Kor 4,8–13). Lasst uns, statt uns selbst zu rühmen, auf eigene Kraft zu vertrauen und Hohes für uns zu begehren, die eigene Schwachheit akzeptieren und uns ganz auf die Gnade Gottes stützen. Es ist nicht die Zeit des Herrschens für die Diener des Herrn, sondern des Hinabgelassenwerdens und Entkommens. Unsere Schwachheit ist die Gelegenheit für Gottes Kraft. „Denn“, sagt der Herr Jesus, „außer mir könnt ihr NICHTS tun“ (Joh 15,5).