Die Vorschriften über den hebräischen Knecht in 2. Mose 21,2–6 und 5. Mose 15,12–18 weisen bedeutende Unterschiede auf. C.H. Mackintosh bemerkt dazu: „In 2. Mose 21 ist der vorbildliche Charakter vorherrschend, in 5. Mose 15 der sittliche.“[1] Der Herr Jesus diente seinem Gott in seinem Leben auf der Erde unentwegt. Freiwillig kam Er, nicht um bedient zu werden, sondern um zu dienen (Mk 10,45). Er machte sich selbst zu nichts, nahm freiwillig Knechtsgestalt an und diente seinem Gott gehorsam und ergeben (Phil 2,7.8). Seine Liebe zu seinem Gott, zu seiner Versammlung und zu den einzelnen Gläubigen ging so weit, dass Er am Ende seines Dienstes nicht frei ausgehen wollte. Die Möglichkeit, zum Vater hinzugehen, ohne vorher das schwere Werk am Kreuz zu vollbringen, kam nicht in Betracht – seine Liebe ging „bis ans Ende“ (Joh 13,1). So wurde Er am Kreuz „durchbohrt“, litt unsägliche körperliche Qualen durch die Misshandlung der Menschen und noch größere Schmerzen in seiner Seele durch die Schläge des Gerichtes Gottes für unsere Sünden und bleibt Diener auf ewig. Alles das wird in den Anweisungen über den hebräischen Knecht in 2. Mose 21 angedeutet.

In 5. Mose 15 steht weniger der Knecht, sondern mehr der Herr des Knechtes im Vordergrund. Hier fehlt der Hinweis auf Frau und Kinder des Knechtes. Außerdem wird zweimal erwähnt, dass es ein Knecht oder eine Magd sein konnte (5. Mo 15,12.17). Der Knecht soll zudem nicht leer entlassen werden, sondern reichlich beladen mit den Gütern seines Herrn. Hier haben wir in dem Knecht bzw. der Magd nicht ein Vorausbild auf Christus, sondern ein Bild von den Gläubigen. Der Knecht wird hier sozusagen in einem Atemzug mit dem Schuldner (5. Mo 15,2) und dem Verarmten (5. Mo 15,7) genannt. Das Erlassjahr sollte Schuld, Armut und Knechtschaft beenden. Was für ein treffendes Bild von der Gnade Golgathas, wodurch wir von unserer Schuld, von unserer geistlichen Armut und von der Knechtschaft der Sünde und des Todes befreit worden sind.

Doch der Herr in 5. Mose 15 wird nicht nur angewiesen, den Knecht oder die Magd zu entlassen. Er soll ihm „reichlich aufladen“. Gott hat nicht nur entsprechend unserer Bedürfnisse mit uns gehandelt, hat uns nicht nur die Schuld erlassen. Er hat uns nicht nur die Erlösung geschenkt, „die Vergebung der Vergehungen nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Eph 1,7). Nein, Er hat uns mit jeder geistlichen Segnung gesegnet, damit wir nicht nur den Reichtum seiner Gnade erkennen, sondern die Herrlichkeit seiner Gnade preisen (Eph 1,3–6).

Es sind die Güter, mit denen Gott den Herrn der Knechte und Mägde gesegnet hat (5. Mo 15,14), die der Herr ihnen aufladen soll. Ist das nicht ein Bild davon, dass wir „in Christus“ gesegnet sind? Gott hat jeden Segen auf Christus gelegt. „Alles, was der Vater hat, ist mein“ (Joh 16,15). Nur durch unsere Verbindung zu Christus kommen wir in den Genuss des Segens Gottes, des Vaters. Unser Herr hat durch sein vollkommenes Werk das ganze Herz Gottes geöffnet.

Ein treffliches Bild dieses „reichlichen Aufladens“ finden wir in der Königin von Scheba. Nicht nur den Bedürfnissen der Königin entsprach der König Salomo. Er gab ihr nicht nur, „was sie wünschte, was sie verlangte“. Er lud ihr darüber hinaus reichlich auf „nach der Freigebigkeit des Königs Salomo“ (1. Kön 10,13). So gehen auch unsere Segnungen weit über das hinaus, was wir bedurften. Sie haben ihren Ursprung in der Freigebigkeit Gottes, in der Herrlichkeit seiner Gnade.

Kann bei einer so gnädigen Behandlung der Knechte und Mägde durch ihren Herrn nicht die einzige Antwort sein: „Ich will nicht von dir weggehen“? Muss eine solche Befreiung, verbunden mit solchem Überfluss an Segen, nicht auch bei uns die ganze Liebe und Hingabe unseres Herzens hervorbringen? Wir wollen unserem Herrn in freiwilliger Hingabe dienen, wollen Ihm sagen: „Ich will nicht von dir weggehen“, weil uns wohl bei Ihm ist.

Als David nach dem Tod Absaloms nach Jerusalem zurückkehrte, da kam ihm Mephiboseth entgegen (vgl. 2. Sam 19,25–31). Seine ungepflegte äußere Erscheinung zeigte, wie wenig er sich dem bösen Treiben seiner Umgebung angepasst und wie sehr er die Rückkehr Davids herbeigesehnt hatte. Mochte Ziba verleumderisch gesagt haben, was er wollte, Mephiboseth ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er mit ganzer Hingabe an David hing. Und der Grund für diese Hingabe war, dass David ihm, dem „Mann des Todes“ nicht nur das Leben geschenkt, sondern ihm reichlich aufgeladen hatte, indem er ihm wie einem der Königssöhne einen beständigen Platz der Gemeinschaft an seinem Tisch, in seiner unmittelbaren Nähe, zugesichert hatte.

Hingabe aus Liebe – das verbindet 2. Mose 21 und 5. Mose 15. Es war Liebe, die unseren Meister bewog, nicht frei auszugehen, sondern bis zum Tod gehorsam zu sein. Und es ist Liebe, angefacht und genährt von seiner Gnade und Liebe, die uns motivieren wird, für immer bei unserem Herrn zu bleiben und Ihm auf ewig zu dienen.

Und während das Durchbohrtwerden in 2. Mose 21 auf seine bitteren Kreuzesleiden hinweist, spricht das Durchbohrtwerden in 5. Mose 15 davon, dass wir fortan nur noch auf Ihn hören und Ihm allein und für immer dienen wollen.


Fußnoten:

  1. C.H. Mackintosh, Notes on the Pentateuch.