Es ist wunderbar, darüber nachzudenken, wie vertraut der Herr mit den Menschen dieser Welt umgegangen ist – wie Er sich ihnen gegenüber verhalten hat – und wer Er ist. Das verändert tatsächlich unsere gesamte Vorstellung von Gott.
Er hat die Menschen besucht, bevor der Tag des Gerichts hereinbricht. Und Er kam nicht, um zu richten, sondern um zu retten. Derselbe, der einmal der Richter sein wird, musste zuerst als Retter kommen. Er hat sich mit meinen Sünden befasst, aber total anders als ein Richter es hätte tun müssen. Die Art und Weise, wie Er sich mit meinen Sünden befasst hat, bestätigt aufs deutlichste die Notwendigkeit des Gerichts. Aber anstatt die Schuld einzufordern, kam Er, um die Schuld zu bezahlen. Das ist das Gegenteil von dem, was ein Richter tun müsste, und trotzdem beweist es genauso, dass die Schuld vorhanden ist.
„Wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt“ (1. Joh 4,14). Es ist ein Retter, von dem wir zu erzählen haben, und ich könnte nicht hier stehen, wenn dieser Retter nicht auch eine vollständige Errettung bewirkt hätte.
Wie hat Er mit dieser Frau gehandelt? In Gnade! „Das Heil ist aus den Juden“ (Joh 4,22). Sie hatten das Gesetz, den Tempel; alle Dinge, die zu Gott gehörten, wie der ältere Bruder in Lukas 15. Doch die Juden warfen Ihn hinaus, und Er muss durch Samaria gehen. Dies war der Beginn seines Dienstes. Die Pharisäer waren eifersüchtig auf Ihn; also geht Er hinaus und verlässt diesen Ort, dem das Heil verheißen war. Das ist der schreckliche Zustand der Welt, dass der Sohn Gottes in ihr war und sie Ihn verstoßen haben. Dennoch geht die Gnade weiter. Das macht das Kreuz so herrlich: der vollkommene Ausdruck der Feindschaft des Menschen ist gleichzeitig der vollkommene Ausdruck der Liebe Gottes. Hier trafen der Hass des Menschen gegen Gott und die souveräne Liebe Gottes zum Menschen aufeinander.
Samarias Mischreligion war ein Gräuel für Gott. Doch Gott kann seine Liebe genau an dem Ort betätigen, den Er am meisten verabscheut. „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist“ (Röm 5,8).
Doch wie kam der Herr Jesus! „Er machte sich selbst zu nichts und nahm Knechtsgestalt an, indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist“ (Phil 2,7). Wenn doch einige Herzen dies begreifen könnten! Ich spreche jetzt von der Art und Weise, wie Er kam, dass Er, obwohl Er reich war, um unseretwillen arm wurde. Das wird in den Umständen dieser Geschichte deutlich. In der Hitze des Tages, müde von Seiner Reise, kommt Er zum Brunnen und setzt sich, wo Er einen Platz finden kann. Glaubst du wirklich, dass das der Herr war? Warum war Er ermüdet? Warum dort? Es war vollkommene Liebe. Er kommt herab, um diesen Platz einzunehmen. Er geht durch die Welt – der Heilige, der nicht verunreinigt werden konnte, und nutzt dies, um durch eine Welt von Sündern zu gehen und ihnen die Liebe zu bringen, die sie benötigten.
„Jesus nun, ermüdet von der Reise, setzte sich so an der Quelle nieder“, und die Jünger gingen weg, um etwas zu essen zu finden. Oh! Wenn man darüber nachdenkt, dass der Herr selbst, den keiner der Fürsten dieser Welt kannte, und der doch der Herr der Herrlichkeit war, müde am Brunnen saß, durstig und auf diese Welt angewiesen, um etwas zu trinken zu bekommen – die Welt, die von Ihm geschaffen wurde und Ihn nicht kannte! „Da kommt eine Frau aus Samaria, um Wasser zu schöpfen: Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken“. Er war auf diese Frau angewiesen, um etwas zu trinken zu bekommen. Genau daran erkennt sie, dass dieser Mann etwas Bemerkenswertes an sich hatte. Es war außergewöhnlich, dass ein Jude mit ihr, einer Frau aus Samaria, sprach, und davon ist sie angezogen.
Lasst mich ein Wort zu dieser Frau sagen, die für uns so interessant ist, weil sie das Herz des Herrn zum Handeln bewegte. Sie war ein armes, erbärmliches Geschöpf – ganz allein dort. Ihr Herz war einsam; sie hatte sich durch ihre Sünde isoliert und hatte nichts; eine energische Frau, die mit der Kraft ihrer Natur nach Glück gesucht hatte und Elend und Ruin gefunden hatte. Sie war allein, mit einem Herzen voller Sorgen und findet einen, der noch einsamer ist als sie selbst, und dieser Eine war der Herr! Sie konnte zu den Menschen der Stadt gehen, aber Er war ganz allein, hatte niemanden, zu dem Er gehen konnte, obwohl Er selbst der umgänglichste und zugänglichste aller Menschen war.
Er hat nie jemand abgewiesen, immer war Er bereit, seine Macht, Liebe, Güte und Wahrheit einzusetzen. Es gab für Ihn keine Müdigkeit, wenn ein armer, verzweifelter Sünder kam. Als die Jünger zurückkehrten, sagten sie: „Hat ihm wohl jemand zu essen gebracht?“ Ganz gleich, in welcher Gesellschaft Er sich befand, Er war immer für ihre Herzen zugänglich; aber für Ihn gab es kein wirkliches Mitgefühl. Sein Herz war völlig einsam; dennoch empfand Er Mitgefühl für alle anderen. Mochte Er sich vor den Hohenpriestern verantworten müssen, die Ihn umbringen wollten; sobald der Hahn krähte, fiel sein Blick auf Petrus – ohne jemals müde zu werden. Hier war der Richter der Lebenden und der Toten – natürlich nicht als Richter, sondern als der, der einmal Richter sein wird. Er begegnet der armen Sünderin, die es verdient hätte, gerichtet zu werden, in Gnade. Genau das geschieht im Evangelium.
Nun sitzt Er am Brunnen und bittet um Wasser. Sie sagt: „Wie bittest du, der du ein Jude bist, von mir zu trinken, die ich eine samaritische Frau bin?“ Beachte die Antwort des Herrn. Sie enthält zwei unterschiedliche Punkte. „Wenn du die Gabe Gottes kenntest“, das heißt, was Gott für dich tut. Das ist die Grundlage, auf die er sich mit dir begibt: „Die Gnadengabe Gottes ist ewiges Leben in Christus Jesus“ (Röm 6,23). Der nächste Punkt ist: „Und wer es ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken.“ Das heißt, wenn du wüsstest – nicht, wer Ich bin, sondern – wer es ist, der sich so tief herabgelassen hat, um Wasser zu trinken; wenn deine Augen geöffnet wären, um zu sehen, dass Gott ewiges Leben schenkt – ohne etwas dafür zu verlangen (und niemand würde es bekommen, wenn Er es täte) – dann wärst du in vollkommenem Vertrauen vor Ihm. So haben wir diese beiden Grundsätze, dass Gott gibt und dass der Herr in solche Armut herabgestiegen ist, dass Er auf ein Geschöpf angewiesen ist, um einen Schluck Wasser zu trinken. Er ist gekommen, um sich unter die Bedürfnisse derer zu begeben, die nichts als Bedürfnisse hatten, um ihnen zu begegnen. Sie ist angezogen; in seinem Wort liegt Kraft; und Er beginnt, zu ihr über geistliche Dinge zu sprechen.
Wir sehen dann, wie sehr die Frau von ihren Sorgen eingenommen ist. Vers 15 ist ein bemerkenswerter Ausdruck des Vertrauens in sein Wort: „Die Frau spricht zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit mich nicht dürste und ich nicht mehr hierherkomme, um zu schöpfen.“ Aber achte auf den Zustand ihres Herzens – ganz eingenommen von ihrem Wasserkrug und ihren Bedürfnissen. Kennen wir nicht alle solche Menschen? Menschen, die das Wort Gottes als das Wort Gottes anerkennen, die seine Autorität anerkennen, aber in ihrem Herzen völlig mit den Dingen dieses Lebens beschäftigt sind. Als natürlicher Mensch nahm sie die Dinge des Geistes Gottes nicht an. Sie bekam Respekt vor seinen Worten, so dass sie glaubte, was Er sagte, aber sie konnte geistliche Dinge nicht begreifen; sie fanden nicht den geringsten Eingang in ihr Herz, so voll war es von zeitlichen Dingen.
Was war zu tun? Er hatte Worte der Gnade ausgegossen; alle waren über ihren Kopf hinweggegangen – über ein Herz hinweg, das von den Dingen der Welt eingenommen war. Er nimmt die andere Seite, nicht die Gabe Gottes, sondern den Zustand des Menschen – „Geh hin, rufe deinen Mann und komm hierher! Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann.“ Ganz richtig. Sie sagt die Wahrheit, um die Wahrheit zu verbergen – wie so oft in dieser armen Welt. Jetzt ist das Gewissen erreicht: Und dort dringt das Wort immer ein. Es ist richtig, dass es das Herz anziehen soll, aber das Gewissen muss erreicht werden. „Jesus spricht zu ihr: Du hast recht gesagt: Ich habe keinen Mann; denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; hierin hast du die Wahrheit gesagt.“ Jetzt ist alles offenbart; ihr Gewissen ist vor Gott gebracht worden. Alles muss ans Licht. Es ist wunderbar, wie schnell sogar das Gedächtnis unter dieser Wirkung des Lichts wird. Sünden werden in Erinnerung gerufen, die längst vergessen waren. Das Licht ist hereingekommen; sie hat jetzt Verständnis; zuvor hatte sie kein Wort verstanden; sie war völlig in ihren Sorgen versunken. „Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist.“ Das Wort Gottes hatte ihr Gewissen erreicht, und wo immer es das tut, hat es Autorität, und das ist der einzige Weg. Wenn ich ein Buch finde, das mir alles erzählt, was ich jemals getan habe, weiß ich, was es ist. Kein Mensch muss es mir noch beweisen. Kein Buch der Welt hat Autorität, bis es das Gewissen erreicht. Dann ist es sein eigener Zeuge für die Torheit der Angriffe, die gegen es gerichtet werden, und beweist die Torheit des Unglaubens. Das Wort Gottes ist sein eigener Zeuge. Ich nehme keine Kerze, um zu sehen, ob die Sonne scheint! Siehst du etwa nicht, dass sie scheint? Dann bist du blind. Das Einzige, was Autorität mit sich bringt, ist das Wort Gottes, das ins Gewissen kommt – „Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe! Dieser ist doch nicht etwa der Christus?“
Gott ist Liebe; sein geliebter Sohn ist hier als ein armer Mann, der zu der Frau spricht; aber Er ist auch das Licht, das hereinkommt. Diese beiden Dinge gehören immer zusammen. Wenn das Evangelium angenommen wird, kommt es immer auch als Licht ins Gewissen. Ohne dieses Licht gibt es keine Frucht. Wo es hereinkommt, wird es alles, was dort ist, ans Licht bringen; und wenn nicht, hat es keine Wurzel. Diese arme Frau erlangte Verständnis genau in dem Moment, als ihr Gewissen erreicht wird. Weiß Er nicht alles Böse, das ich getan habe? Es hätte mich ins Gericht bringen müssen; aber mein Trost ist, dass alles vor Ihm lag, als Er sich in Gnade mit mir befasste. Jetzt kann ich es ertragen, dass das Auge Gottes durch Sein Wort alles durchforscht. Die Liebe brachte das Licht in meine Seele. Die Liebe zog Petrus an (Lukas 5). Warum läuft er nicht weg? Warum geht er zu Ihm hin und sagt: „Geh von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr”? Er wurde von der Liebe und Gnade angezogen und durch das Licht, das die Liebe gebracht hatte, überführt. Es muss Wahrheit im Inneren geben, aber hat das den Herrn daran gehindert zu sagen: „Wenn du die Gabe Gottes kennen würdest“? Anstatt zu versuchen, die Dinge mit Gott in Ordnung zu bringen, habe ich Ihn gefunden, der alles weiß, was ich getan habe, in vollkommener Gnade. Es gibt also kein Verbergen von Sünde. Alles wird von Gott ans Licht gebracht.
Beachte noch etwas anderes. Gott bringt etwas Neues. Würde er dem Herzen dieser armen Frau vertrauen? Nein. Er würde sie dazu bringen, seinem Herzen zu vertrauen. Er bringt uns zur Umkehr – zur Erkenntnis dessen, was wir sind, wie hier. Aber er kommt und sagt: „Wenn du die Gabe Gottes kenntest.“ Gott hat etwas zu geben – ewiges Leben durch Jesus Christus. Aber ich scheue mich, zu Gott zu kommen. In gewissem Sinn zu Recht. Aber wer stellt mich ins Licht? Der gleiche Mann, der um einen Schluck Wasser gebeten hat. „Wenn du wüsstest, wer es ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken“ – ein armer Mann, der nichts als Worte der Gnade hat – hättest du ihm nicht vertraut? „Du hättest ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“ Wenn du dich fragst, ob man Gott am Tag des Gerichts vertrauen kann, dann frage ich dich: Kann man dem armen Mann vertrauen, der am Brunnen sitzt? Wenn meine Augen für die Person und das Werk des Herrn geöffnet sind, stelle ich fest, dass der Herr kein Wort gegen mich gesagt hat, obwohl Er alles wusste, was ich jemals getan habe. Mein Herz hat das glückliche Bewusstsein, dass es Gott begegnet ist.
Es gibt arme ungläubige Menschen, die sich den Kopf zerbrechen, um etwas über Gott herauszufinden, aber ich bin Ihm begegnet. Er hatte nichts als freundliche und gnädige Worte, obwohl Er alle meine Sünden kannte. Seine ganzen Wege und Worte und Werke sind für mich vollkommene Liebe, die Liebe eines Retters, der gekommen ist, um mich als Sünder zu suchen. Der Vater sucht Anbeter. Du musst nicht zu diesem oder jenem Berg gehen. Er hat den Erretter gesandt, um zu suchen. Wie viele findet Er? Gibt es hier Herzen, die am Herrn Jesus vorbeigehen – die Hunderte von Passagen gelesen haben, in denen seine Gnade offenbar wurde, und unberührt und achtlos weitergegangen sind, obwohl Gott ihnen sein Herz geöffnet hat?
Wie sehr hat sich das Herz des Herrn über diese eine arme Sünderin gefreut (V. 32): „Ich habe eine Speise zu essen, die ihr nicht kennt.“ Glaubst du das von Christus? Er war gekommen, um ihr die Augen zu öffnen, und das war die Speise des Herrn. „Meine Speise ist, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe.“ Es ist schön, das Herz des Herrn auf diese Weise zu sehen. Schaut nur, wie es sich jetzt den übrigen zuwendet. „Sagt ihr nicht: Es sind noch vier Monate, und die Ernte kommt? Siehe, ich sage euch: Erhebt eure Augen und schaut die Felder an, denn sie sind schon weiß zur Ernte.“ Er ist zwar aus Judäa vertrieben worden, aber der Fall dieser Frau hat ihn jetzt so getröstet, dass es sein Herz öffnet, zu sagen: „Die Felder sind weiß zur Ernte.“
Wir sahen, wie die arme Frau völlig mit ihrem Wasserkrug beschäftigt war; aber in dem Moment, als ihr Gewissen vollständig erreicht war, ging sie hin, um den anderen Zeugnis zu geben: Wenn ihr nur Christus habt, wird Er euch alles verkündigen. Sie lässt ihren Wasserkrug zurück. Der Heilige Geist hat dies nicht umsonst aufgezeichnet. Das, was sie beschäftigt hatte, ist verschwunden. Das Wort und die Kraft Jesu, die sie von der Sünde überführten, setzten auch Christus an die Stelle der Dinge, die ihr Herz beherrschten: Christus als meine Gerechtigkeit anstelle meiner Sünden; Christus als Gegenstand meines Herzens anstelle meiner Sorgen.
Wie steht es bei dir? Hat dein Herz für Christus seinen Wasserkrug aufgegeben? Ich meine damit nicht, dass es keinen Kampf geben wird. Aber hat dein Herz sein Wort so gehört, dass es in dein Gewissen eingedrungen ist? Glaubst du, dass du mit deinen Sünden in den Himmel kommst? Wie viele Sünden hatte Eva begangen, als Gott sie aus dem Garten Eden vertrieb? Eine? Du hast mehr begangen. Wirst du mit deinen Sünden oder ohne sie in den Himmel kommen? Sind sie alle weggenommen worden? Wie kannst du einen Moment ruhen, bevor du das weißt?
Derjenige, der sich mit unserem Gewissen befasst, ist derjenige, der zu uns gekommen ist und uns nun bittet, mit Gott versöhnt zu werden. Es wird schrecklich sein, am Tag des Gerichts ein Herz zu haben, das sich der Stimme der Gnade verschlossen hat. Gab es jemals Worte wie die Seinen – Worte der Gnade, unaussprechlicher Gnade, mit denen Er versucht hat, uns für sich zu gewinnen? Es ist eine herrliche Tatsache, dass es der Richter selbst war, der gekommen ist, um uns zu erlösen, bevor der Tag des Gerichts kommt. Wenn du allerdings die Erlösung jetzt nicht annimmst, wirst du dann gerichtet werden müssen.
[Aus dem Englischen, nach einem Vortrag, gekürzt, aus: Collected Writings, Band 34]
