Paulus hat den zweiten Brief an Timotheus bekanntlich in der Gefangenschaft geschrieben. Er wusste damals bereits, dass das Ende nahe war. Im vierten Kapitel hat er klar darüber geschrieben. Es handelt sich also um einen Abschiedsbrief, den er an einen jungen Mitgläubigen, Mitarbeiter und Mitdiener des Herrn sendet. Aus der Liebe seines Herzens schreibt der treue Apostel dem jungen Timotheus Worte der Ermunterung für den Dienst, den er zu tun hatte.
Aber diese Worte gelten nicht nur Timotheus. Der Brief schließt ja mit den Worten: „Die Gnade sei mit euch!”, nicht nur „mit dir”. Dadurch haben wir volle Freimütigkeit, diesen Brief wie an uns gerichtet zu lesen – zumal wir doch auch solche sind, die, wie ich hoffe, gerne dem Herrn dienen möchten. Unter diesem Gesichtspunkt ist besonders das zweite Kapitel sehr bemerkenswert. Paulus gibt hier nicht bloß abstrakte Belehrungen, sondern stellt Timotheus und uns klare und deutliche Bilder vor Augen.
Wir finden hier sieben verschiedene Bilder eines Dieners Christi, die Paulus zur Unterweisung des jungen Timotheus gebraucht, und aus denen auch wir sehr wertvolle Belehrungen ziehen können. Das erste Wort, mit dem Paulus seinen Mitknecht kennzeichnet, ist: „Mein Kind”. Dann redet er ihn als Kriegsmann, Wettkämpfer, Ackerbauer, Arbeiter, Gefäß und schließlich als Knecht an. Jedes Bild ist voller Belehrung, nur darf man die einzelnen Darstellungen selbstverständlich nicht durcheinandermischen. Man muss vielmehr jedes Bild für sich reden lassen und die richtige Belehrung aus ihm ziehen.
- „Mein Kind”
Wie herrlich fängt es an! Paulus konnte Timotheus als seinem Kind schreiben. Das Bild des Kindes weist auf Unerfahrenheit, Schwachheit und Bedürftigkeit hin. Timotheus stand vor einer riesengroßen Aufgabe. Bald würde der Apostel Paulus, mit dem er viele Jahre zusammengearbeitet, von dem er so viel gelernt und dem er so viel zu verdanken hatte, nicht mehr da sein. Bisher hatte er bei ihm immer Rat und Hilfe bekommen können. Nun aber würde bald eine Zeit kommen, in der Timotheus auf sich allein gestellt sein würde. Was muss es für diesen jungen Mann gewesen sein, solch einen Berater zu verlieren! Aber Paulus ruft ihm dieses ermunternde Wort zu: „Du nun, mein Kind, sei stark in der Gnade, die in Christus Jesus ist“ (2. Tim 2,1). Diese Gnade bleibt immer.
Wie manchmal werden auch wir schmerzlich getroffen, wenn der Herr liebe Brüder, die Er in seinem Dienst gebraucht hat, zu sich ruft! Wie viele von uns haben es schmerzlich erfahren, Brüder gehen sehen zu müssen, von denen sie so viel gelernt und so großen Nutzen gehabt haben! Welche Lücken gibt das! Aber was bleibt, ist der Herr Jesus Christus und die Gnade, die in Ihm ist. „Mein Kind, sei stark in der Gnade“ – nicht „die in Christus Jesus war“, sondern „die in Christus Jesus ist“. Auch heutzutage ist diese Gnade noch für jeden da, der eine Aufgabe vor sich sieht, der er sich nicht gewachsen fühlt. Und wie oft ist das der Fall!
Timotheus war ein geistliches Kind des Paulus. Nun wird er zu einer großen Aufgabe berufen. Paulus sagt zu ihm: „Was du von mir in Gegenwart vieler Zeugen gehört hast, das vertraue treuen Leuten an, die tüchtig sein werden, auch andere zu lehren“ (2. Tim 2,2). „Was du von mir gehört hast“ – was ist das gewesen? Man kann sagen: die volle Wahrheit Gottes. Paulus hat nichts von all dem, was der Herr ihm geschenkt hat, zurückgehalten, sondern seinem Kind alles weitergegeben. Die ganzen Ratschlüsse Gottes, die ihm offenbart worden waren, hatte er dem Timotheus mitgeteilt – und nicht nur ihm, sondern auch anderen: „in Gegenwart vieler Zeugen“. Nun würde Paulus bald beiseitegestellt werden. Dann würde es notwendig sein, dass Timotheus die Arbeit fortsetzte. Aber auch Timotheus würde nicht für immer bleiben. Nach ihm würden wieder andere kommen. Deshalb musste er die von Paulus klar und deutlich bezeugte Lehre anderen weitergeben, die dann ihrerseits, wenn sie als nächstes heimgehen würden, dieselbe Aufgabe auszuführen hatten – und so geht es ja immer. Immer wieder, bis der Herr kommt, müssen jüngere Brüder nachrücken, sozusagen die Fackel übernehmen und weitertragen. Aber das ist nicht möglich, wenn diese Brüder nicht geübt sind und nicht zuvor gelernt haben, sich das ihnen anvertraute Zeugnis nicht zu eigen gemacht haben.
Vor einigen Jahren sagte einmal ein junger Bruder zu mir: „Bruder Wilts, wie wird man ein Arbeiter des Herrn?” Ich antwortete: „Dazu kann ich dir ein schönes Beispiel geben.“ Und dann haben wir von diesem Timotheus gelesen. In Apostelgeschichte 16,1–3 heißt es: „Er (Paulus) gelangte aber auch nach Derbe und Lystra. Und siehe, dort war ein gewisser Jünger, mit Namen Timotheus – der Sohn einer gläubigen jüdischen Frau, aber eines griechischen Vaters –, der ein gutes Zeugnis hatte von den Brüdern in Lystra und Ikonium. Paulus wollte, dass dieser mit ihm ausgehe.“ Das war der Anfang. Timotheus muss auf der ersten Reise des Paulus zur Bekehrung gekommen sein. Er hatte schon eine Erziehung mit der Bibel gehabt, eine gottesfürchtige Mutter und Großmutter. Die Schriften des Alten Testaments waren ihm also gut bekannt. Aber nun kam Paulus an diesen Ort und verkündigte das Evangelium, und der Heilige Geist erreichte das Herz dieses jungen Mannes, so dass er zum Glauben kam.
Nun sind einige Jahre vergangen, und Paulus kommt wieder in dieselbe Gegend. Ich stelle es mir gerne vor, wie Paulus mit den älteren Brüdern zusammensitzt und dann fragt: „Liebe Brüder, wie steht es mit dem jungen Mann, der damals zur Bekehrung gekommen ist, mit Timotheus?“ „Oh“, mögen die Brüder geantwortet haben, „der hat uns Freude bereitet. Er ist treu, zuverlässig und fleißig in den Dingen des Herrn. Er hat gute geistliche Fortschritte gemacht, und wir kennen ihn alle in der Versammlung. Er hat ein gutes Zeugnis von allen.“ Ja, dann wollte Paulus ihn mitnehmen. So schlicht und einfach hat es angefangen. Und dann hat Timotheus nicht groß von sich gedacht. Als ein „Kind“ hat er mit seinem geistlichen Vater dem Herrn gedient, ist dem Beispiel von Paulus gefolgt und so geistlich gewachsen. Es ist an sich schon ein herrliches Thema, zu sehen, wie dieser junge Mann von seiner Bekehrung an immer weitere Fortschritte gemacht hat und so nützlich für den Dienst des Herrn geworden ist.
Stellen wir uns dagegen vor, die Brüder der örtlichen Versammlung hätten gesagt: „Sicher, Timotheus ist schon gläubig, daran zweifeln wir nicht. Er kommt auch regelmäßig in die Zusammenkünfte, das können wir bezeugen. Aber hinter seine Gesinnung und seine Tätigkeit müssen wir doch ein Fragezeichen setzen. Hier und da gibt er uns doch Anlass zu Besorgnis.“ Was würde Paulus auf ein solches Zeugnis hin getan haben? Er hätte Timotheus sicher nicht mitgenommen. Das Zeugnis der örtlichen Versammlung ist überaus wichtig für den Dienst des Herrn. Der Herr ruft und befähigt; aber ein gutes Zeugnis muss auch da sein. So hat Timotheus angefangen. In den Briefen sehen wir dann, wie er sich weiterentwickelt hat, wie er zum Segen gewesen ist, wie sehr der Herr ihn gebraucht hat. Von Schritt zu Schritt vertraute ihm der Herr immer mehr an.
Aber nun wurde Timotheus berufen, seinerseits wieder andere zu unterrichten. Es handelt sich hierbei nicht um allgemeine Belehrungen – Timotheus redete ja überall und zu allen das Wort. Hier jedoch soll er die Wahrheit ganz speziell treuen Leuten anvertrauen, die nachher die Arbeit fortsetzen konnten. In diesem Zusammenhang treten uns Bedingungen vor Augen, denen ein Arbeiter des Herrn entsprechen muss – Bedingungen für solche, die gerne in die Mission gehen möchten, aber auch für solche, die in ihrem eigenen Land dem Herrn dienen möchten. Drei Dinge sollten alle diejenigen charakterisieren, die der Herr gebrauchen will.
An erster Stelle ist es notwendig, dass solche Brüder Kenntnis des Wortes haben, und zwar nicht nur des Evangeliums. Paulus schreibt: „Was du von mir gehört hast, das vertraue ihnen an.“ Also: Das ganze Glaubensgut, das Paulus anvertraut worden war und das er Timotheus mitgeteilt hatte, das sollte Timotheus auch diesen jüngeren Brüdern weitergeben. Die erste Bedingung, die ein Arbeiter des Herrn erfüllen muss, ist also: Kenntnis der Wahrheit im vollen Sinn dieses Wortes.
Das zweite Kennzeichen lautet: „Das vertraue treuen Leuten an.“ Treue Männer, treue Gläubige – das kann leider nicht von allen gesagt werden. Durch Gnade hat Paulus diese Treue bei Timotheus feststellen können. Aber nun musste Timotheus selbst solche suchen, die sich als treu erwiesen hatten. Treue kann man sich nicht einfach anlesen; Treue wird in der Praxis erwiesen, muss sich zeigen.
Schließlich heißt es: „... die tüchtig sein werden, auch andere zu lehren.“ Das dritte Merkmal ist also die Fähigkeit.
Diese drei: Kenntnis des Wortes, Treue auf dem Glaubensweg und die Fähigkeit, andere zu unterrichten – das sind sozusagen die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, um wirklich dem Herrn dienen zu können. Wer sich zum Dienst berufen fühlt, sollte hierin geübt sein. Und wer dazu berufen ist, anderen geistlich gesprochen die Hände aufzulegen, sollte auf diese Dinge achten. Wo dies übersehen wird, werden bald Schwierigkeiten entstehen. Zwar wird niemand behaupten: „Ich verstehe alles, ich bin hundertprozentig treu und zu jedem Dienst befähigt.“ In gewissem Maße wird all dies immer mangelhaft bleiben. Aber im Grundsatz müssen diese drei Dinge doch vorhanden sein. Bei einigem Nachdenken stellt man sogar fest, dass man nicht auf eines von ihnen verzichten kann. Wenn man alle Wahrheiten kennt und auch zum Lehren befähigt ist, aber nicht wirklich treu ist – was kann der Herr dann tun? Wenn man treu ist und die Fähigkeit zum Dienst hat, aber keine Kenntnis des Wortes – womit will man anderen dienen? Wenn jemand wohl die erforderliche Bibelkenntnis hat und auch treu ist, aber nicht andere zu unterrichten befähigt ist – wie kann er ihnen zum Nutzen sein? Es ist wie eine dreifache Schnur: Kenntnis des Wortes, Treue und Befähigung gehören zusammen.
- Ein guter Kriegsmann Jesu Christi
In den Versen 3–6 gebraucht Paulus nun nacheinander die drei Bilder eines Kriegsmanns, Wettkämpfers und Ackerbauern. Timotheus und alle, die für den Dienst des Herrn berufen sind, sind sowohl Kriegsleute als auch Wettkämpfer und Ackerbauern.
Der Beruf des Kriegsmanns, des Soldaten, ist gefährlich, bringt gewisse Risiken mit sich. Ein „Kind“ ist geneigt, sich dem Schlachtfeld und der damit verbundenen Verantwortung zu entziehen oder zumindest Maßnahmen zu ergreifen, um dem Risiko zu entgehen. Aber nein, sagt Paulus: „Nimm teil an den Trübsalen als ein guter Streiter Christi Jesu“ (2. Tim 2,3). Das heißt: Entfliehe den Trübsalen nicht, versuche nicht, ihnen zu entkommen! Wenn man für den Kriegsdienst angeworben ist, dann bringt das eben Risiken mit sich. Solchen Gefahren soll man sich nicht entziehen, sondern im Gegenteil an den Trübsalen teilnehmen.
Ein Kriegsmann hat ferner zu bedenken, dass er sich nicht in die Beschäftigungen des Lebens verwickeln darf, „damit er dem gefalle, der ihn angeworben hat“ (2. Tim 2,4). Wie schön ist es doch zu wissen: Der Herr Jesus hat uns in Seiner großen Liebe und Gnade nicht nur als Sünder angenommen, damit wir für alle Ewigkeit gerettet würden – nein, Er hat uns auch in Seinen Dienst angeworben. Wir können sicher sein, dass Er nicht einen der Seinen ohne Dienst lässt. Das lesen wir an mehreren Stellen in der Schrift. Aber wer dem Herrn als ein guter Kriegsmann dienen möchte, sollte sich immer bewusst sein, dass er dann auch manches von den Dingen des Lebens ganz dem Herrn überlassen muss. Er darf sich nicht mit allen möglichen Dingen beschäftigen, sondern muss lernen, vieles völlig dem Herrn zu überlassen, der für seine Kriegsleute sorgt.
Und was ist schließlich das Wichtigste für einen Kriegsmann Jesu Christi? Dass er sich ständig bewusst ist: „Der Herr hat mich angeworben, für den Dienst bin ich Ihm verantwortlich. Er sorgt für mich, was die Dinge dieses Lebens betrifft; ich stehe für Seine Rechte ein und habe die Aufgabe, Ihm zu gehorchen!“ Ein Kriegsmann kann nun einmal nicht sagen: „Ich möchte dieses oder jenes tun.“ Das gehört sich in der Armee nicht – für keinen Offizier und für keinen Soldaten. Wer sich als Kriegsmann von Jesus Christus angeworben weiß, darf die Bibel nicht als ein Buch betrachten, über das man unverbindlich diskutieren kann, wie das heute so geläufig ist. Er hat ihre Worte vielmehr als Befehle vom Hauptquartier zu betrachten, die ausgeführt werden müssen. Selbstverständlich ist es gestattet, über die Bibel zu reden und zu untersuchen, was gemeint ist. Aber das darf nicht in der Weise einer unverbindlichen Diskussion geschehen, sondern nur mit gebeugtem und gebrochenem Willen mit den Worten: „Herr, was hast du uns in Deinem Wort zu sagen?“ und mit der inneren Überzeugung: „Ich bin gerufen, dies auch auszuführen.“ Wer im Dienst des Herrn eigene Gedanken ausführen will, also seinen Eigenwillen wirken lässt, kann nicht die Billigung des obersten Generals, der uns angeworben hat, finden. Das musste Timotheus, das müssen auch wir als Kriegsleute Jesu Christi beachten.
- Ein Wettkämpfer
Timotheus wird nun mit einem Kämpfer verglichen, der einen Wettlauf bestreitet. Das Bild des Wettkämpfers wird in der Bibel ja häufig gebraucht. Wir finden es z.B. in Hebräer 12 und 1. Korinther 9, und zwar jedes Mal in einem anderen Zusammenhang, mit anderen Belehrungen. Ich möchte mich auf das beschränken, was wir hier in 2. Timotheus 2,5 finden – und das ist nur eines: Der Wettkämpfer soll gesetzmäßig kämpfen. „Gesetzmäßig“ heißt: auf die vorgeschriebenen Regeln achten und sie befolgen. Im Wettkampf legt nicht jeder selbst fest, wie das Ziel zu erreichen ist. Für alle Wettkämpfe gibt es Regeln. Wenn man im Ziel bei einem Sportler feststellt, dass er die Regeln nicht beachtet hat, wird er disqualifiziert, auch wenn er der Erste sein mag.
Dieses Bild verwendet Paulus hier. Er sagt sozusagen: „Timotheus, du befindest dich in einem Wettkampf. Dann musst du dich anstrengen, auch auf manches verzichten. Aber vor allem – Du wirst nicht gekrönt, wenn du die Regeln nicht beachtet hast.“ So gibt es auch Regeln für den Dienst im Werke des Herrn, die man nicht aus Bequemlichkeit, Eigenwillen oder aus welchen Gründen auch immer außer Acht lassen darf. Es handelt sich um die Krone!
- Ein Ackerbauer
Das vierte Bild finden wir in Vers 6: „Der Ackerbauer muss, um die Früchte zu genießen, zuerst arbeiten.“ Wofür strengt sich ein Bauer vom Morgen bis zum Abend an? Er denkt an die Erntezeit, dafür arbeitet er. Er hofft, einmal die Ernte einzubringen. Es ist nicht seltsam für einen Ackerbauer, die Früchte genießen zu wollen. Ich möchte erst einmal einen Bauern sehen, der sagt: „Ich kümmere mich überhaupt nicht darum, ob Früchte hervorkommen oder nicht, solange ich nur arbeiten und mich abplagen kann.“ Es klingt, zumal im Dienst des Herrn, sehr fromm, wenn man sagt: „Um das Ergebnis unserer Arbeit brauchen wir uns nicht zu kümmern.“ Natürlich müssen wir das! Es geht doch um die Früchte für den Herrn!
Aber die Ernte kommt nicht ohne Anstrengungen. Warum arbeitet man im Werk des Herrn? Warum haben Paulus, Timotheus und viele andere sich mit solcher Hingabe eingesetzt? Sie hatten ein klares Ziel vor Augen. Der Kriegsmann hofft, den Sieg zu erringen; der Wettkämpfer will die Krone erlangen; dem Ackerbauern geht es darum, die Ernte einzubringen. Was der Kriegsmann und der Wettkämpfer tun müssen, haben wir gesehen. Und der Ackerbauer, was hat er zu tun? Er muss, wenn er die Früchte genießen will, zuerst arbeiten. Wie ermunternd und belehrend ist doch all dies!
- Ein bewährter Arbeiter
Als fünftes Bild eines Dieners Christi gebraucht Paulus das eines Arbeiters. „Befleißige dich, dich selbst Gott bewährt darzustellen als einen Arbeiter, der sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt“ (2. Tim 2,15). An was für eine Art Arbeiter Paulus denkt, ist nicht völlig klar. Aber was auch gemeint sein mag – die praktische Belehrung ist klar und deutlich. Das Werk eines Arbeiters wird beurteilt. Wer schlecht gearbeitet hat, wird sich zu schämen haben. Nehmen wir z.B. das Bild des Ackerbauern: Beim Pflügen muss er aufpassen und darf nicht links und rechts oder zurückschauen. Schon nach kurzer Zeit würde man das Ergebnis sehen: Das ist aber ein seltsamer Pflüger gewesen; sieh mal, welch schiefe Furchen er gezogen hat!
Auch die Arbeit der Knechte des Herrn wird gesehen werden und nicht verborgen bleiben. Deshalb sollen wir uns befleißigen, so zu arbeiten, dass wir uns nicht zu schämen brauchen. Jede Arbeit wird einmal ans Licht gestellt und fällt dann unter die Beurteilung anderer.
Die Bewährung eines Arbeiters des Herrn zeigt sich vor allem darin, dass er das Wort der Wahrheit recht teilen kann, d.h. richtig auslegen und zum Nutzen der Zuhörer anwenden. Das steht im Gegensatz zu den „ungöttlichen, leeren Geschwätzen” von Vers 16 und dem unnützlichen „Wortstreit” von Vers 14, der nur zum Verderben der Zuhörer ist. Wie leicht kommt man dazu, Wortstreit zu führen, und zwar über unsichere, unklare und unwichtige Dinge! Solcher Wortstreit führt nur dazu, dass man heiße Köpfe und kalte Herzen bekommt. Das bringt niemandem etwas. Wir haben das Wort und sollen es studieren, uns damit beschäftigen, damit wir Einsicht bekommen. Alle unnützlichen, ja schädlichen Streitfragen weisen wir dagegen besser ab.
Das Wort der Wahrheit recht teilen und sich so als ein Arbeiter des Herrn bewährt darstellen – die Größe und der Ernst dieser Verantwortung möchten uns mutlos machen. Doch wenn wir dann auf den siebten Vers zurückblicken, finden wir dort eine herrliche Zusage: „Bedenke, was ich sage; denn der Herr wird dir Verständnis geben in allen Dingen.“ Wie oft wird Timotheus in Not und Kummer gewesen sein, wie oft wird er in sein Kämmerlein gegangen sein und gefragt haben: „Herr, was muss ich jetzt tun, wie soll ich diese Sache erledigen?“ Jeder weiß ja, dass es solche Momente im Leben gibt, in denen man fragt: „Was soll jetzt werden?“ Dann haben wir dieses Versprechen: „Der Herr wird dir Verständnis geben in allen Dingen.“
Aber steht das nicht im Widerspruch zu den Worten: „Bedenke, was ich sage“? Nein, beides gehört zusammen. Man bekommt nicht Weisheit und Einsicht in alle Dinge, wenn man das Wort Gottes außer Acht lässt. Man muss das Wort schätzen und bedenken, was darin geschrieben ist. Nur in dieser Gesinnung kann man um Weisheit beten und sie bekommen. Der Herr kann keine Weisheit, keine Einsicht geben, wenn man nicht dem Wort gehorchen will. Beides ist wichtig. „Bedenke, was ich sage“ – das ist das Wort Gottes, das zu uns redet. Wenn wir dieses Wort „bedenken“ wollen, dann können wir beten, und dann wird der Herr Einsicht geben. Aber diese Einsicht wird nie im Widerspruch zum Wort Gottes stehen. Kein Kind Gottes wird „Verständnis in allen Dingen“ erlangen, wenn er oder sie sich nicht dem Worte Gottes unterwirft und bereit ist, seinen Willen zu tun. Nur in dieser Gesinnung erhält man Weisheit, um das Wort recht zu teilen, auf jede Situation passend anzuwenden und sich so als ein Arbeiter des Herrn zu bewähren.
- Ein dem Hausherrn nützliches Gefäß
In den Versen 20–22 haben wir das nächste Bild eines Dieners des Herrn, der hier mit einem Gefäß verglichen wird. Über diese Stelle des großen Hauses mit den verschiedenen Arten von Gefäßen ist schon viel geredet und geschrieben worden. Ich möchte dazu nur dies sagen: Es handelt sich für Timotheus darum, ein Gefäß zu sein, das der Herr gebrauchen kann. Das möchten wir doch auch, nicht wahr? Nun sind in einem großen Haus viele Gefäße von verschiedener Art. Für uns geht es darum, dass wir wissen sollen, wie man sich im Hause Gottes zu verhalten hat, auch dann, wenn es ein großes Haus geworden ist. Wir wollen in diesem Haus ein Gefäß sein, das der Herr gebrauchen kann. Und was ist die Bedingung für Timotheus, für dich und mich, unter der wir im großen Haus ein dem Herrn nützliches Gefäß sein können? Der Hausherr kann nur ein gereinigtes Gefäß gebrauchen. Wenn man ein silbernes Gefäß ist, aber verschmutzt und verunreinigt, dann kann der Herr nichts mit uns anfangen. Deshalb müssen wir uns von allem Schmutz, von aller Unreinigkeit wegreinigen.
Doch diese Hinweg-Reinigung ist nicht nur eine individuelle Sache. Man kann nicht sagen: „Ich trenne mich von allem Bösen und gehe alleine meinen Weg.“ Nein, wir sollen nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe und Friede streben „mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“ (2. Tim 2,22). Das bedeutet also einerseits Absonderung, andererseits Vereinigung. Das ist ein sehr wichtiger Grundsatz. Wenn Diener Christi das Wiederkommen des Herrn aus dem Auge verlieren, dann werden sie bald mit den Gottlosen essen und trinken und ihre Mitknechte schlagen. Davor hat der Herr bereits in Matthäus 24,48–49 gewarnt. Es gibt eine verkehrte Vereinigung und auch eine verkehrte Trennung. Leider ist es dahin gekommen. Man hat sich mit solchen vereint, von denen man sich trennen soll, und leider auch von solchen getrennt, mit denen man vereint bleiben soll. Die traurigen Folgen hiervon sind heutzutage sichtbar.
Absonderung ist notwendig, eine Absonderung vom Bösen, eine Absonderung vom Unreinen. Aber dann muss man auch dem Herrn mit allen nachfolgen, die seinen Namen aus reinem Herzen anrufen, also mit diesen zusammenzugehen suchen. Wie schade ist es, wenn man sieht, dass solche Diener Gottes, die alle den Herrn aus reinem Herzen anrufen möchten, voneinander getrennt stehen – und zwar durch Eigenwillen und was für Ursachen es sonst noch unter uns gegeben hat, über die man nur traurig sein kann. Wie beschämend ist es andererseits, dass es Vereinigungen gibt, auf die der Herr sein Siegel nicht setzen kann, wo Er vielmehr klar gesagt hat: Hier gilt es, sich vom Bösen abzusondern.
- Ein Knecht des Herrn
Zuletzt finden wir dann noch das Bild eines Knechtes. „Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streiten, sondern gegen alle milde sein, lehrfähig, duldsam, der in Sanftmut die Widersacher zurechtweißt, ob ihnen Gott nicht etwa Buße gebe zur Erkenntnis der Wahrheit, und sie wieder nüchtern werden aus dem Fallstrick des Teufels, die von ihm gefangen sind, für seinen Willen.“ (2. Tim 2,24–26). – Man darf bei allen Dingen den Zweck nie aus den Augen verlieren. Es genügt nicht, liebe Brüder, wenn wir jemanden besuchen, der sich auf einem falschen Weg befindet, und dann sagen: „Ich hab ihm gehörig die Leviten gelesen oder den Kopf gewaschen, jetzt weiß er Bescheid“ – und es kümmert einen dabei gar nicht, dass der Betreffende nun Bescheid weiß und weitergeht. Es muss uns darum gehen, jemanden aus dem Fallstrick des Teufels, in dem er gefangen ist, herauszuholen. Der Herr lobt nicht den Diener, der einem anderen gehörig die Wahrheit gesagt hat, sondern den, der ihn von einem Irrweg zurückgeführt und eine Menge von Sünden bedeckt hat.
Wie überaus wichtig ist das! Wie schade – und ich habe es oft sehen müssen! – wenn man sich damit zufriedengibt, einem einmal gehörig die Wahrheit zu sagen. Dann kann man zwar sagen: „Jetzt habe ich meine Pflicht getan, jetzt weiß der Bescheid.“ Aber darum geht es nicht. Es geht darum, den Irrenden zurückzuführen. Das ist die Aufgabe, die Timotheus in seinem Dienst zu erfüllen hatte, und der auch wir nachkommen sollen. Oh, wie viel Weisheit und Demut braucht man dazu, und wie viel Gebet!
Ich möchte nun das Gesagte kurz zusammenfassen. Diese sieben Bilder, die Paulus gebraucht, um Timotheus zu unterrichten, sind auch für uns so wichtig. Wir wollen uns doch auch, wenn wir uns als ein Kind fühlen und geistlich ein Kind sind, in der Gnade stärken, die in unserem Herrn Jesus ist, in dieser Quelle der Gnade, die immer zur Verfügung steht. Wir wollen doch auch als Kriegsmänner Ihm gehorchen, unsere Interessen Ihm übergeben und mithelfen zu seinem Sieg. Wir wollen auch als Wettkämpfer arbeiten, unter Beachtung der Regeln, den Wettkampf bestreiten – wir möchten doch den Preis empfangen! Wir wollen auch als Ackerbauern arbeiten, die der Herr sendet und die er in seiner Ernte und zu seinem Dienst der Frucht gebraucht – das geht nicht ohne Arbeit. Wir wollen doch auch Arbeiter sein, so arbeiten, dass wir uns keiner Kritik zu schämen brauchen, nicht umsonst arbeiten, sondern mit Resultaten, die man ans Licht kommen sieht. Wir wollen in dem großen Haus, das der Herr uns gegeben hat, ein gereinigtes Gefäß sein, geheiligt und nützlich, dem Hausherrn brauchbar zu werden. Und schließlich wollen wir uns auch als Knechte des Herrn Ihm zur Verfügung stellen und die Aufgaben, die Er uns gibt, ausführen, damit sein Name darin verherrlicht wird und wir auch anderen wirklich zum Segen sind.
Der Herr möchte uns Gnade geben, dass wir diese sieben Dinge, die wir nun betrachtet haben, beherzigen und in der Praxis verwirklichen, zur Verherrlichung seines Namens.
