Eine Aufgabe vom Herrn ausführen und jemandem die Hände auflegen sind zwei völlig verschiedene Dinge. Sie beziehen sich ja auch auf unterschiedliche Personen. Wenn der Herr jemandem eine Aufgabe und natürlich auch die entsprechende Fähigkeit dazu gibt (beides gehört ja zusammen), dann hat der Betreffende diese Aufgabe in Abhängigkeit vom Herrn auszuführen. Die anderen werden zusehen, werden beten, werden vielleicht auch mal korrigieren müssen. Und ein Jüngerer wird das annehmen. Dem Timotheus wird gesagt, dass er das Hände-Auflegen nie eilig tun soll. „Die Hände lege niemand schnell auf“ (1. Tim 5,22). Wenn man das zu schnell tut, besteht die Gefahr, dass man Gemeinschaft mit den Sünden des Betreffenden hat. Davor wird gewarnt. Aber dieses Wort ist an andere gerichtet, nicht an den vom Herrn berufenen Diener selbst, als ob dieser noch besonders um das Hände-Auflegen bitten müsste. Das darf man nicht durcheinanderwerfen.

Ich wiederhole es: Wenn du vom Herrn eine Aufgabe empfangen hast – eine Aufgabe und die Fähigkeit zu ihrer Ausführung –, dann tu das ruhig in Abhängigkeit vom Herrn. Die Älteren haben die Verantwortung, zuzuschauen, zu beten, behilflich zu sein, zu unterstützen.

Ich habe auch jung angefangen, und ich habe Fehler gemacht – und ich bin dankbar, dass nie ein Bruder gekommen ist, der mir gesagt hat: „Du solltest doch noch wenigstens zehn Jahre warten! Das ist ja alles zu dumm und zu krumm, und da taugt ja nichts von!“ Ich glaube, ich hätte es angenommen und mich gebeugt. Aber keiner hat so etwas gesagt, und dafür bin ich den Brüdern dankbar. Nachher war ich mir klar bewusst, dass manche Schwachheiten und Dummheiten bei mir vorhanden waren. Aber wer hat je einen Dienst des Herrn an gleichaltrigen Brüdern gesehen, der schon zu Anfang vollkommen war! Wir haben alle, wie alt wir auch sind, lernen müssen, auch aus Fehlern und auch aus Zurechtweisungen von Brüdern, die wir zu Herzen nehmen mussten. So ist das nun einmal.

Die Verantwortlichkeit „Die Hände lege niemand schnell auf“ ist da. Das ist die Verantwortung der Versammlung oder – wie hier – der „Älteren“ oder eben eine persönliche Verantwortung wie bei Timotheus. Aber das ist nicht dasselbe wie jemand daran hindern, einen Dienst auszuüben. Wenn ein Bruder sich weigert, einem anderen die Hände aufzulegen, dann bedeutet das einfach: „Ich kann mich damit noch nicht einsmachen. Ich warte ab, bis der Herr mir Gewissheit gibt.“ So kann eine Versammlung eine zurückhaltende Stellung einnehmen, wenn es um die Aktivität jüngerer Brüder geht. Und das ist angebracht. Das ist ihre Verantwortung. Es sollte eine Gebetsangelegenheit sein, bis der Herr es klar macht: „Jetzt können wir die Hände auflegen.“ Man kann nie für alles feste Regeln aufstellen. Das ist unmöglich. Deshalb muss immer eine persönliche und auch gemeinsame Übung vor dem Herrn vorhanden sein. Wo das der Fall ist, wird der Herr auch alle Dinge klar und deutlich machen, und das Auflegen der Hände wird stattfinden. Man darf das nicht voreilig tun.

Die Abhängigkeit vom Herrn muss da sein. Aber noch einmal: das Nicht-Auflegen der Hände bedeutet nicht, dass man die Arbeit anderer behindern dürfte. Das ist etwas ganz anderes. Auch dazu muss ich die Sicherheit haben, dass der Herr mich veranlasst, einzugreifen. „Wer bist du, der du den Hausknecht eines anderen richtest?“, sagt Paulus (Röm 14,4). Damit muss man aufpassen und lieber warten, bis sich die Sache weiterentwickelt.

Für junge Brüder ist dann die Stelle aus 1. Timotheus 4 so wichtig: Vers 12 beginnt mit den Worten: „Niemand verachte deine Jugend.“ Man könnte sagen: Das ist ja falsch adressiert, das hätte Paulus doch der Versammlung schreiben sollen und nicht dem jungen Bruder! Und doch ist diese Ermahnung angebracht. Man muss diesen Vers so lesen, als ob Paulus seinem jungen Freund sagen wollte: „Benimm dich so, dass die Älteren dich nicht wegen deiner Jugend verachten.“ Man soll sich bewusst sein, dass man jung ist, und auch bedenken, welche Gefahren das mit sich bringt. Ein junger Bruder soll sich bewusst sein: „Auf meinen Dienst wird geschaut.“ Und er sollte sich vor den Herrn stellen, um vor allen Gefahren der Jugend, auch im Dienst, bewahrt zu bleiben. Dann wird der Herr Gnade geben, dass es nicht so weit kommt, dass andere ihn verachten müssen.

Dann folgt die andere Seite: „Sondern sei ein Vorbild der Gläubigen“ – worin? „In Wort, in Wandel, in Liebe, in Glauben, in Keuschheit.“ Das sind fünf Dinge, worin gerade jüngere Brüder Vorbilder sein können. Aber nie wird ein junger Bruder imstande sein, Vorbild zu sein, wenn er nicht damit angefangen hat, Nachfolger zu sein. Ohne Übung, in der richtigen Weise dem Herrn nachzufolgen, wird man nie geistlich so weit kommen, dass man ein Vorbild für andere sein kann.

Diese beiden Dinge findet man immer wieder und überall: jüngere Brüder, die sich vom Herrn berufen fühlen und auch Gnade haben, etwas zu tun; und ältere Brüder, die ihnen zuschauen. Man kann in einer verkehrten Gesinnung anfangen, man kann in einer verkehrten Gesinnung zuschauen. In beiden Hinsichten kann man Fehler machen. Aber wo es um solche wichtigen Dinge geht, sollten wir, ob wir alt oder jung sind, je nach unserer Verantwortlichkeit diese Hinweise zu Herzen nehmen.

Oft redet man heutzutage von einer Generationenkluft. Das kommt in so manchen Versammlungen leider vor, auch unter Brüdern. „Generationenkluft“ ist eigentlich ein schreckliches Wort. So etwas sollte es überhaupt nicht geben, obwohl das Problem sehr alt ist. Schon im letzten Buch des Alten Testaments, im Propheten Maleachi, wird es genannt. Wenn auch das Wort selbst dort nicht gebraucht wird, muss Gott doch sagen, dass Er „das Herz der Väter zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern wenden” wird (Mal 3,24). Diese Dinge kamen damals vor und kommen heute vor. Aber jetzt, da ich etwas älter geworden bin, ist es mir doch immer sehr wichtig, dass der Herr mit den Vätern anfängt und dann erst von den Jüngeren redet; denn wenn wir älter werden, tragen wir umso mehr Verantwortung. Und etwas kaputtmachen kann man sehr leicht. Einen Dienst zunichtezumachen, ist so leicht möglich; aber wiederherzustellen, das ist schwer. Darum brauchen wir viel, viel Gebet. Die Nöte sind da, und da ist so vieles, das gebremst werden muss; und wir sollten uns, wenn wir älter sind, gerade lernen, für die Jüngeren da zu sein und sie behutsam und in Liebe zu fördern und zu begleiten.

Aber womit fängt man an? Ein junger Bruder sagte mal, er habe Schwierigkeiten, beim Verteilen von Traktaten mitzumachen; denn da müsse man doch eine deutliche Berufung vom Herrn haben. „Ja“, fragte ich ihn, „liebst du den Herrn?“ „Ja.“ „Liebst du die Seelen?“ „Ja.“ „Hast du gute Beine?“ „Ja.“ „Hast du auch Hände?“ „Ja.“ „Mehr brauchst du nicht, um Traktate zu verteilen. Bete und fange an.“ Man macht aus so etwas große Prinzipien und stellt sich alle möglichen Fragen und versäumt darüber, das zu tun, was sofort getan werden kann. Wer damit nicht anfängt, sondern träumt: „Ich will später auch hinterm Pult stehen, und ich will auch umherreisen, reden und Evangelist werden“ – und so weiter –, der wird nie zu einem Dienst für den Herrn kommen.

Nehmen wir das Beispiel des Timotheus. Er hatte ein gutes Zeugnis von den Brüdern in Lystra und Ikonium. Aber die Brüder gestatteten ihm doch, sich in dieser Weise zu entwickeln. Sie nahmen ihn nicht sofort, nachdem er mal in der Versammlung ein Gebet ausgesprochen hatte, bei den Ohren und sagten nicht: „Hör mal, dafür bist du ja noch viel zu jung! Damit solltest du lieber noch zehn oder zwanzig Jahre warten, das gehört sich überhaupt nicht für dich!“ So war das nicht. Die Brüder sahen es ihm, dass er etwas für den Herrn tun wollte; sie beteten, sie ermunterten ihn – und dann erst kam das Zeugnis. Damit fing der wunderbare Dienst dieses Timotheus, von dem wir so viel lernen können, an.

Und was tat er weiter? Was seine Hand zu tun fand! Bekam er durch Auflegung der Hände die Gabe eines Evangelisten? Das wissen wir nicht. Aber Paulus sagt ihm: „Tue das Werk eines Evangelisten!“ Und wozu wird er in 1. Timotheus 4 nicht alles ermuntert! Da heißt es: „Bis ich komme, halte an mit dem Vorlesen, mit der Ermahnung, mit dem Lehren.“ Gibt es denn auch eine Gabe des Ermahnens? Wohl kaum, und doch wird das Ermahnen hier in dieser Reihe genannt. Die Liebe ist tätig, sieht die Bedürfnisse und lässt sich vom Geist führen. Weiter: „Vernachlässige nicht die Gnadengabe in dir.“ „Bedenke dieses sorgfältig; lebe darin.“ Brüder – „lebe darin“! Nicht: „Studiere das” – natürlich auch das –, sondern: „Lebe darin, damit deine Fortschritte allen offenbar seien. Habe acht auf dich selbst und auf die Lehre; beharre in diesen Dingen; denn wenn du dieses tust, so wirst du sowohl dich selbst erretten als auch die, welche dich hören.“

Wir sind eine gemischte Gesellschaft, und ich denke, es wird manchen jungen Bruder geben, der vor dem Herrn geübt ist, irgendetwas in seinem Dienst zu tun. Das braucht nicht Fleisch zu sein. Das kann es sein, es kann aber auch die Wirksamkeit des Geistes sein. Deshalb: Sei geübt für dich selbst, damit du erkennst, welche Stimme da wirkt, und stelle dich in Abhängigkeit vor den Herrn. Wenn der Herr noch nicht wiederkommt, werden die Nöte immer größer werden. Ältere Brüder gehen. Vor kurzem sprachen zwei Brüder auf einer Konferenz: „Voriges Jahr war Bruder X da, war Bruder Y noch da, war Bruder Z noch da. Alle vom Herrn weggenommen!“ Und wenn der Herr noch nicht sofort wiederkommt – wer wird beim nächsten Mal nicht mehr hier sein? Wir wissen es nicht. Aber immer wieder müssen doch jüngere Brüder an die Stelle der Alten treten, die der Herr weggenommen hat. Das geht nicht ohne solch eine Übung, wie wir sie bei Timotheus finden. Er ist uns als Beispiel gegeben. Und dann sage ich noch einmal: Wir, die wir etwas älter geworden sind, lasst uns mit Interesse und Gebet zuschauen.