Vor Gott demütig oder vor Gott gedemütigt zu sein, sind zwei verschiedene Dinge. Ich werde gedemütigt vor Gott, weil ich nicht demütig war. Ich bin gedemütigt wegen meiner Sünde. Wenn ich demütig gewesen wäre, hätte ich durch die Gnade Kraft gehabt, die Ausbrüche der Sünde zu verhindern. Denn „Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade“ (1. Pet 5,5).
Demut findet sich nur in der Gegenwart Gottes. Sobald ich die Gemeinschaft mit Ihm verlasse, stehe ich in Gefahr, mich zu überheben. Manchmal hört man, es sei gefährlich, zu oft auf der Höhe der glücklichen Gemeinschaft mit Gott zu sein. Doch nicht die „Höhe“ der Gemeinschaft ist das Problem, sondern der Abstieg. Denn wenn wir die Höhe verlassen, dann denken wir gern daran, dass wir die Gemeinschaft genossen haben. Das ist gefährlich. Und schon dort zeigt sich der Hochmut, wie er langsam zu wachsen beginnt. Paulus brauchte den Dorn für das Fleisch nicht, solange er im dritten Himmel war. Erst als er von dort kam, begann für ihn die Gefahr, sich zu erheben. Schließlich hatte außer ihm noch niemand diesen heiligen Ort gesehen. So gab Gott ihm eine ständige Erinnerung daran, demütig zu bleiben, sich auf Ihn zu stützen und sich seiner eigenen Schwachheit bewusst zu sein.
Demut bedeutet nicht, schlecht von sich zu denken. Wahre Demut bedeutet, gar nicht an sich zu denken. Ja, das ist keine einfache Sache. Im Gegenteil: Wie oft heißt es bei uns: „Ich, ich, ich.“ Es braucht deshalb sehr viel Gnade, um das „Ich“ aus unserem Wortschatz herauszustreichen.
Oft kennen wir uns nicht gut genug. Darum spricht der Herr: „Ich, der HERR, erforsche das Herz“ (Jer 17,10). Wer außer Gott könnte in die Tiefen unseres Herzens sehen? Jeder, der behauptet, sich selbst zu prüfen, und gleichzeitig einen falschen Weg geht, der kennt sich selbst nicht. So jemand ist auch nicht wirklich demütig. Häufig reden solche Gläubige viel zu viel von sich selbst. Ihr Hochmut zeigt sich gerade darin, dass sie ständig davon reden, wie schlecht sie sind. Nur der Herr kann uns zeigen, wer wir wirklich sind. Und nur Er kann uns davor bewahren, dass unsere „Demut“ in Wahrheit nicht mehr als Hochmut ist.
[Stark bearbeiteter Artikel aus Botschafter des Heils, 1870. Autor vermutlich JND.]
