Sacharja 12 ist ein spannungsgeladenes Kapitel. Der Prophet beschreibt die endgültige Befreiung des jüdischen Überrests von der assyrischen Übermacht. Diese Übermacht wird in Jesaja 28 zweimal „überflutende Geißel“ genannt (Jes 28,15.18). Gott wird die Assyrer benutzen, um sein abtrünniges Volk Israel zu züchtigen. Sie werden zunächst von Norden her in das Land einfallen und Jerusalem einnehmen. Das wird in Daniel 11 und Jesaja 28 beschrieben. Sie ziehen durch nach Ägypten, um es zu erobern. Dann hören sie Gerüchte von jüdischen Rückkehrern aus dem Osten und von der Vernichtung der westlichen Heere, die Israel zu Hilfe geeilt waren. Deshalb eilen sie nach Israel zurück, um Jerusalem zu belagern und endgültig einzunehmen (Dan 11,44.45).
Das schwache Volk ist den assyrischen Angriffen hilflos ausgesetzt. Die Lage scheint aussichtslos. Doch wenn die Not am allergrößten ist, kommt plötzlich Rettung. Die Feinde werden mit Blindheit geschlagen, und das Volk bekommt die erstaunliche Kraft, die gewaltige Übermacht zu besiegen. Dieser Sieg wird nur möglich sein, weil der Herr wie ein rettender Held in ihrer Mitte ist (Sach 12,1–9).
Und dann steht ihr Befreier plötzlich vor ihnen – der, dem sie diese Rettung in größter Not zu verdanken haben –, und sie fangen an, zu weinen und bitterlich Leid zu tragen. Es ist der, „den sie durchbohrt haben“ (Sach 12,10). Was muss es für dieses Volk sein, erst diese unerklärliche Liebe ihres Gottes in ihrer Befreiung zu erkennen und dass es Gott, der HERR (Jahweh) selbst, ist, „der den Himmel ausspannt und die Erde gründet“ (Sach 12,1), den sie durchbohrt haben. Er steht vor ihnen mit den Malen seiner Kreuzesleiden an den Händen und an seiner Seite und sagt von dieser Szene: „Sie werden auf mich blicken.“ Wenn sie sehen, werden sie glauben wie Thomas in Johannes 20,28 und ausrufen: „Mein Herr und mein Gott.“ Sie haben Ihn „durch die Hand von Gesetzlosen an das Kreuz geschlagen und umgebracht“ (Apg 2,23). Sie haben Ihn, was ihre Verantwortung betrifft, „durchstochen“ (Joh 19,34–37).
Es ist der Augenblick, wenn Christus in Macht vom Himmel her erscheint (vgl. Off 1,7). Zwar hatte der gläubige Überrest schon während der Drangsalszeit geglaubt, und von ihnen aus war das Evangelium des Reiches schon auf der ganzen Erde verkündet worden. Aber jetzt, wenn Er vor ihnen steht, fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen, dass es der HERR ist, den sie durchbohrt haben.
Ähnlich muss es Paulus ergangen sein, als ihm aufging, dass Jesus, gegen dessen Namen er viel Feindseliges glaubte tun zu müssen, niemand anderes als Gott, der Herr, ist, der Ihn mit seinem göttlichen Licht vor Damaskus zu Boden geworfen hatte (Apg 9,3–5). Diese Erscheinung vor Damaskus nennt Paulus daher eine „unzeitige Geburt“, weil es die Erfahrungen sind, die der gläubige Überrest erst in der Zukunft bei der Erscheinung des Herrn in Macht und großer Herrlichkeit machen werden (1. Kor 15,8).
Wie groß muss ihre Wehklage sein, ausgelöst durch die Liebe Gottes und den Anblick ihres durchbohrten Erretters! Sie erkennen den „einzigen Sohn“, den Eingeborenen und tragen Leid über den „Erstgeborenen“. Sie trauern aus Liebe um den, der sie so unendlich geliebt hat. Es ist eine aufrichtige Buße. Die Worte aus Jesaja 53 zeigen, wie tief ihre Sündenerkenntnis geht. Wie sehr haben sie ihren Messias verkannt! Sie werden zu dem Herrn umkehren und Worte mitnehmen und sprechen: „Vergib alle Ungerechtigkeit“, und Er wird antworten: „Ich will ihre Abtrünnigkeit heilen, will sie willig lieben“ (Hos 14,2–5). Israel als Nation ist wiederhergestellt, Lo-Ammi (Nicht-mein-Volk) ist wieder sein Volk. Wunderbare Wege Gottes!
